Der monotheistische Gojim-Naches in Kevelaer

Der monotheistische Gojim-Naches in Kevelaer
oder
Friede statt Freiheit

Den Papisten Ruppert Neudeck und den Lutheraner Sigmar Gabriel eint die harsche Kritik an den Judenstaat Israel, weshalb beide sich nun an Juden und ihren Freunden heranschmeissen, um dem Vorwurf des Antisemitismus zuvorzukommen. Während der eine sich bei der Deutsch-Israelischen Gesellschaft einschmeichelt, veranstaltet der andere eine interreligiöse Friedenswallfahrt innerhalb der Kleinstadt Kevelaer, an der wie im Mittelalter Juden teilnehmen müssen. Doch die schönste interreligiöse Veranstaltung erfüllt nicht ihren Zweck, wenn Christen unter sich bleiben.

Die Vorgeschichte kann zum Verständnis oder aus Interesse unter

https://numeri249.wordpress.com/2015/07/26/friedenswallfahrt-nach-kevelaer/

nachgelesen werden. Zur Wallfahrt werden Juden, Muslime, Christen, Jesiden und Hindus angekündigt; Atheisten jeglicher Couleur, Hautfarbe, Religion und Rasse bleiben außen vor. Das verschlafene Kevelaer ist bestens vorbereitet. Vor der zentralen Basilika, die Jesus’ Mutter, der Jüdin Miriam, gewidmet ist, entsteht eine Bühne, die mittels einer Rolle aus opaken Plastik von der Basilika physisch getrennt wird, ähnlich dem Stacheldraht zwischen Serbien und Ungarn oder zwischen Calais und Dover. Es ist nicht klar, wer geschützt werden soll: Die interreligiösen Wallfahrer vor der Katholischen Kirche oder die Basilika vor den lärmenden Ungläubigen.

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Es wird schriftlich angeordnet, dass Juden, Muslime, Christen und Hindus aus verschiedenen Stadtteilen der norddeutschen Kleinstadt sternförmig auf dem Kapellenplatz vor der Basilika zusammenströmen. Da die Hindus den kürzesten Weg vor sich haben, dürfen sie eine Stunde später losmarschieren. Wo sich die Jesiden konzentrieren, wird nicht verraten, was letztendlich irrelevant ist. Denn in realiter kommt es ganz anders. Nur die Christen, Katholiken und Protestanten gemeinsam (sic!), machen sich vom nahen Schloss Wissen auf, um singend und lärmend in weniger als zwei Stunden den Sammelplatz zu erreichen. Hindus und Jesiden bleiben der Wallfahr des Friedens von Anfang bis zum Ende fern. Ein Duzend Muslime tauchen unvermutet aus dem Nichts auf dem Kapellenplatz auf. Als vernunftbegabte Monotheisten verzichten sie, stundenlang unter der heißen norddeutschen Sonne zu wandern. Selbst der einzige Jude unterlässt das Wallwandern und gesellt sich zu den anderen Monotheisten, die sich Kinder Abrahams nennen.

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In den Zeitungen werden zwischen 1.000 und 2.000 mono- bis polytheistische Pilger erwartet. Nachdem sich die 300, andere berichten über 200 Christen, ausgesungen und sich vor der Basilika im Halbkreis aufgestellt hatten, hält Rupert Neudeck, der Initiator der Veranstaltung zur Stärkung des Weltfriedens auf Kosten der menschlichen Freiheit eine längere Ansprache, die einige interessante Punkte aufweist. Er wiederholt seine in kaum gelesenen, religiösen Zeitschriften fragwürdige These, dass es keine Frage der Theologie sei, dass Juden, Muslime, Christen, Jesiden und Hindus gemeinsam beten dürfen, auch wenn de facto Jesiden und Hindus gar nicht zugegen sind. Erst nach längerem Nachdenken offenbart sich die tiefe Wahrheit seiner These: Es ist keine Frage der Theologie, wenn Juden, Muslime und Christen vor einer Basilika in Kevelaer zusammen beten, sondern eine Frage des Geldes. Wie viel muss man Juden, Muslime und katholischen und evangelischen Christen zahlen, damit sie sich nicht an die Gurgel packen und stattdessen gemeinsam beten? Liebe Leser, sie werden sich um zwei Potenzen verschätzen!

Da Rupert Neudecks Aachener Freund Aiman Mazyek und Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland trotz gegebener Zusage unabkömmlich bleibt, wird stattdessen der Imam Ahmad Aweimer aus Bochum, der aus bürgerlicher Sicht zu den antifeministischen Muslimen gehört, auf die Erhöhung vor der Basilika gezerrt. Dort erzählt er aus dem Koran die Geschehnisse um Abel und Kain, so wie sie Allah und Mohammed nebbich verstanden und überliefert haben. Die christlichen Zuhörer klatschen artig. Imam Ahmad Aweimer ist Träger des in Dortmund bedeutenden Dortmunder Integrationspreises, den er erhalten hat, weil er es unerträglich findet, wenn Muslima im gebärfähigem biologischem Alter ohne Kopftuch auf deutsche Straßen flanieren. Da er muslimische Männer aus eigener Anschauung gut kennt, sollen wir ihm vertrauen.

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Anschließend singen und spielen zwei jugendliche Muslime in verschiedenen Sprachen sehr melodische islamische Lieder, die zum Mitsingen anregen. Der Sänger behauptet, Palästinenser zu sein, was wohl der Wahrheit entspricht, da er sich standhaft weigert, dem einzigen offiziellen Friedensjuden in Kevelaer die koschere rechte Hand zu reichen.

Nun treten zwei nette kopfbetuchte Frauen aus Marxloh auf, die zufällig (?) anwesend sind. Sie beten etwas Islamisches auf Deutsch, was den Zuhörern gefällt. Die christlichen Zuhörer applaudieren so wie sie es in der Kirche gewohnt sind.

Der Israelkritiker Rupert Neudeck betritt erneut die Bühne und erzählt etwas Aktuelles über das Mittelmeer. Dann darf der offizielle Jude seine mit Spannung erwarteten Worte an die Versammelten richten. David Caspi heißt der Israeli, der in Duisburg wohnt und ausgezeichnet Holländisch spricht. Ob er Mitglied der Jüdischen Gemeinde Duisburg ist oder gar offiziell die Jüdische Gemeinde repräsentiert, wird nicht verraten. Doch da wir annehmen, dass es keine Frage der Theologie, sondern eine Frage des Geldes ist, wenn Juden, Muslime und Christen vor einer Basilika in Kevelaer zusammen beten, wollen wir dem national und international kaum bekannten Duisburger israelisch-holländischen Künstler, der auch von etwas leben muss, den Auftritt gönnen. Warum soll ein israelischer Jude nicht an einer Veranstaltung eines Israelkritikers teilnehmen, wenn er davon profitiert? Wie anfangs erwähnt, ist die Deutsch-Israelische Gesellschaft stolz darauf, den Israel kritischen Vizekanzler der BRD hofieren zu dürfen. Selbst wenn sie ihm eine €-Summe hinblättern müssen, über die sie nicht verfügt.

David Caspi spricht über den Frieden. Er erklärt den Schabbath, was die zuhörenden Christen beider Konfessionen sehr interessiert. Dann spricht er ein hebräisches Schabbath-Eingangsgebet, was ihm im Gegensatz zu seinen deutschen Texten vollkommen fehler- und akzentfrei gelingt.

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Zunehmend lichten sich die Reihen der unter Mühen und Schmerzen stöhnend stehenden Zuhörer, denen bei einem Alter zwischen 80 und 90 Jahren trotz zahlreicher Rollatoren das anwesend Sein überaus zu schaffen macht. Der Rest ist schnell erzählt. Ein christlicher Jugendchor singt etwas aus der Bergpredigt und wegen politischer Korrektheit auch aus den Psalmen und von Franz aus Assisi. Außerprogrammmäßig zelebriert ein Schwarzafrikaner aus Sierra Leone, der seit 16 Jahren in Kevelaer lebt, in leidlichem Deutsch eine Lobeshymne auf Kevelaer und seine Bürger, die von einer wohlfeilen Rede des Kevelaerer Bürgermeisters abgerundet wird, da Bürgermeisterwahlen vor der Tür stehen und jede Stimme zählt. Die junge hübsche interkulturelle Graziella Schazad spielt verschiedenen Saiteninstrumente, verlässt jedoch pünktlich um 18:00 Uhr die Bühne, da sie zum nächsten Event eilt. Da auch ich rückenschmerzgeplagt das Weite suche, verpasse ich das Entzünden des Friedenslichtes. Freiheitslichter gibt es nicht, obwohl die bürgerliche Show an Martin Luther Kings “I have a dream” erinnern soll. Die multikulturelle und interreligiöse Wallfahrt soll irgendwann wiederholt werden.

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Ich will weder für Wallfahrten begeistern, noch rüstige Rollator- und Rollstuhlfahrer vom Wallfahren abhalten. Juden haben mit dem Wallfahren aufgehört, als vor 2.000 Jahren Jerusalem von den Römern vernichtet worden ist. Muslime wallfahren nicht mit Ungläubigen, unter denen alle Nicht-Muslime und zuweilen Muslime der andren Konfession fallen. Nur Christen glauben an den Zusammenhalt der Religionen durch Wallfahrten. Wir wollen den frommen Glauben, der sich auszahlt, nicht in Frage stellen. Deshalb lade ich alle Dackelfreunde und Dackelfreundinnen zu einer Dackelwallfahrt nach Kevelaer ein, die einige Male im Jahr stattfindet. Die nächste Dackelwallfahrt in Kevelaer soll sich am 5. September 2015 um 14:00 Uhr ereignen. Der Kreuzweg dauert 90 Minuten und ist für Hund, Rollstuhl und Rollator nicht beschwerlich. Danach ziehen die Teilnehmer über die Hauptstraße zur Gnadenkapelle. Dort treffen sie auf die Wallfahrer, die den Fußweg nicht mitgehen können. Dackel und andere Kleintiere werden gegen eine geringe Gebühr, die freiwillig entrichtet wird, im Freien gesegnet und besprengt, da Hunden und anderen Säugetieren der Eintritt in die Basilika aus religiösen Gründen verwehrt ist. Neben Katholiken dürfen auch Protestanten und Muslime die Basilika betreten. Juden und Hindus sind aufgefordert, ihre Kopfbedeckung abzulegen. Über Jesiden gibt es keine Informationen.

Bleiben zum Schluss zwei Punkte zu erörtern.

Gemessen an ihrem Anspruch ist die interreligiöse Wallfahrt von Rupert Neudeck ein Schlag ins Wasser. Doch im Gegensatz zu den Anhängern der beiden monotheistischen Religionen glauben Christen an die Wirkung der Wasserschläge. Hat nicht der Jude Moses das Schilfmeer erfolgreich geteilt, indem er mit einem Stöckchen das Wasser geschlagen hat? Ist Moses nach Gott nicht der allergrößte Israelkritiker, auch wenn er im Gegensatz zu den heutigen Judenhassern seine Juden geliebt hat und sich zeitlebens geweigert hat, mit nichtjüdischen Israelkritikern am Altar gemeinsam zu opfern? Es ist richtig, dass Moses kein Pazifist gewesen ist. Doch dafür ist Moses Jude gewesen und Gott ist an seiner Seite gestanden.

Der zweite Punkt ist Martin Luther Kings berühmte Rede “I have a dream”, die er in Washington am 28. August 1963 gehalten hat, auf die die interreligiöse Friedenswallfahrt in Kevelaer Bezug nimmt. Martin Luther King spricht über „freedom“, was auf Deutsch „Freiheit“ und keineswegs „Frieden“ heißt, auch wenn die Worte sich vom Klang her ähneln. Martin Luther King weiß, dass Freiheit üblicherweise auf Gewalt und Krieg aufgebaut ist, sogar wenn er seine Anhänger zur Gewaltlosigkeit aufruft. „Frieden in Freiheit“ ist eine deutsche Sehnsucht, die sich erst nach zwei verlorenen Weltkriegen und der Ermordung von sechs Millionen Juden erfüllt hat. Doch auch wenn selbst im kleinsten Ort Deutschlands an diesen Ereignissen mit Denkmälern aller Art – die billigsten kosten 120 € – erinnert wird, verblasst mit der Zeit die Basis für den Frieden in Freiheit oder für die Freiheit in Frieden. Das heutige wirtschaftlich mächtigste Land der EU bewahrt den „Frieden in Freiheit“ seiner Bewohner durch wirtschaftliche Ausbeutung. In Afrika wird der Markt mit billigen und subventionierten Hühnerfleisch überschwemmt, damit die einheimischen Bauern verarmen und die Entwicklungsländer von Deutschland abhängig werden. Diktatoren erhalten Millionensummen, damit Europäer die Meere leerfischen dürfen und die einheimischen Fischer ihre Einkünfte verlieren. Muslimische Potentaten werden wegen ihres Erdöls hofiert, um Korruption und Diktatur zu verewigen. Selbst wirtschaftlich schwache Staaten der südlichen EU werden ausgebeutet, um deren Bevölkerung zum Hungern zu zwingen.

Und da verwundern sich unsere Politiker, dass Millionen von Flüchtlingen aus diesen verarmten Ländern vor unserer Tür stehen und Brot und Arbeit fordern?

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Neues aus der Aachener Zeitung

Am Freitag, 7. August 2015 schreibt die Aachener Zeitung AZ unter der Überschrift

Das ist eine Schande für Europa

Aachen/Rom. Nach dem Kentern eines überfüllten Flüchtlingsbootes vor der Küste Libyens befürchten Hilfsorganisationen Hunderte Tote. Für Heiko Kauffmann, Mitbegründer von Pro Asyl und TRÄGER DES AACHENER FRIEDENSPREISES, ist das erneute Unglück der Beweis für das klägliche Scheitern der europäischen Flüchtlingspolitik. Im Interview mit unserer Zeitung wirbt er deshalb für den Aufbau eines zivilen Rettungsprogramms und fordert, dass die UNO das Thema endlich zur Chefsache erklärt.

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Keine Angst, der Artikel geht in Ordnung. Als Mitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in Aachen, die jährlich einen Ehrenpreis vergibt, frage ich mich, ob die AZ den Deutsch-Israelischen Ehrenpreis erwähnt hätte, wenn Heiko Hoffmann ihn angenommen hätte. Mit Neid muss ich erkennen, dass bisher niemand in der AZ lobend erwähnt worden ist, weil er den Ehrenpreis erhalten hat.

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Das Jüdische Kulturfestival 2015 in Kazimierz

Wer noch niemals Polen bereist hat und die Reste des untergegangenen jüdischen Lebens Osteuropas und Europas kennenlernen will, soll Krakau im Sommer besuchen, wenn die Stadt sich zum Jüdischen Kulturfestival herausputzt. Seit 1988 wird jedes Jahr in Kazimierz, dem Jüdischen Stadtteil Krakaus, das Jüdische Kulturfestival gefeiert. Einmal im Jahr erwacht das Schtetl für eine ganze Woche aus seinem traumlosen Schlaf. Tausende, vor allem jüdische Touristen, flößen dem jüdischen Stadtviertel Kazimierz totgeglaubtes Leben ein. In jeder Gasse erklingt jüdische Musik, auf allen Plätzen entsteht jüdische Kunst und Kultur. Alle Sprachen der Welt versammeln sich in Kazimierz, selbst Jiddisch wird vereinzelt vernommen. Jüdisches Essen, welches nicht koscher sein muss, wird an jeder Ecke angeboten. Schnell eilende Juden, jedoch ohne Kaftan und ohne Schtreimel, bevölkern das Schtetl wie einst vor der großen Katastrophe.

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Mittelalterliche Straße

Kazimierz wird 1335 von polnischen König Kasimir dem Großen gegründet und ist lange Zeit die Hauptstadt Polens. Die Legende erzählt, dass der judenfreundliche König eine jüdische Geliebte namens Esther hat. Aus dieser Verbindung entstammen die meisten Kinder, darunter zwei Söhne. Aus drei offiziellen Ehen erhält Kazimir nur Töchter. Allein wegen Esther soll Kasimir die Stadt Kazimierz, die seinen Namen trägt, gegründet haben, um sie dann den Juden zu schenken. Die Historie sieht anders aus: Juden werden aus dem nahen Krakau vertrieben und siedeln in Kazimierz. Kazimir bleibt der einzige König Polens, der den Beinahmen „der Große“ trägt. Über das Schicksal seiner jüdischen Kinder ist nichts bekannt. Wahrscheinlich sind deren jüdische Nachkommen in einem KZ umgekommen.

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“Zerbrochener Finger”. Jiddische Kunst am Bau.

Obwohl die Juden Kazimierz Siedler sind und somit über keine Rechte verfügen, dürfen sie in Krakau über Jahrhunderte meist ungestört neben und mit den echten polnischen Einwohnern der Stadt leben. Irgendwann gesellen sich weitere Juden aus Ungarn und Böhmen hinzu. Im 19. Jahrhundert wird Kazimierz in Krakau eingemeindet. Krakau wird die jüdischste Großstadt Polens. Bei den Polnischen Teilungen fällt Krakau einige Male Österreich zu. Noch heute versprüht die Stadt einen Wiener Flair, ohne in einem Wiener Schmäh zu verfallen. In ihrer Blütezeit ist beinahe jeder zweite Bewohner ein Jude.

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Alte Synagoge (Museum)

Den Zweiten Weltkrieg überleben nur wenige Juden aus Krakau. Nach dem Krieg möchten die judenunfreundlichen polnischen Regierungen die jüdische Geschichte Kazimierz’ und Polens vergessen lassen. Nicht nur jüdische Polen lehnen sich kurz vor Ende des Sozialismus dagegen auf. Es entsteht das Jüdische Kulturfestival, welches von Jahr zu Jahr mehr Besucher anzieht. 2015 sind es 30.000 Menschen.

Das Jüdische Kulturfestival bietet mehr Veranstaltungen an als man aufsuchen kann. Kinder sind bestens versorgt. Ihnen werden Workshops angeboten, die sie nicht freiwillig verlassen. Zurück in ihrer Heimat werden die Kinder zu Hause dann jeden Freitag ihre erlernten Fähigkeiten zeigen und Challes backen. Auch lernen die Kinder hebräische Lieder und jüdische Tänze aus der ganzen Welt. Eltern und andere Erwachsene dürfen ebenfalls daran teilnehmen und profitieren. Die sprachliche Verständigung in den Workshops ist problemlos.

Neben den offiziellen Veranstaltungen, gibt es viele beinahe offizielle und private. Wem orientalische Musik gefällt, wird auch Klezmer lieben. In den engen Gassen verkeilen sich aus einem Duzend Menschen geführte Gruppen ineinander, um sich auf wunderbarer Weise wieder zu entwirren oder auch nicht. Niemand muss eine Führung buchen, um an ihr teilzunehmen. Die geringen Eintrittsgelder werden gerne bezahlt. Man lernt Synagogen kennen, erfährt alles über den kleinen, alten, mitten in Kazimierz liegenden Friedhof mit diversen Wunderrebbes, deren Gräber selbst die Nationalsozialisten nicht zu schänden wagten, und schaut sich anschließend Fotos über Kazimierz zu Zeiten der analogen schwarz-weißen Fotografie an. Zwischendurch bleibt genügend Zeit, in Erinnerungen aus Kindertagen zu schwelgen, sobald man Machules in einem jüdisches Restaurant verspeist, welches wie zufällig auf dem Weg liegt.

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Grab eines Wunderrebben im alten Friedhof. Die Nazis haben sich nicht getraut, das Grab zu zerstören, weil ein Fluch darauf liegt.

Abends besucht man ein Konzert, das keine Kleiderordnung kennt. Als Kontrastprogramm dienen Diskotheken, Tanzveranstaltungen und Filmvorführungen. Auch Diskussionen über alles, was irgendwie Jüdisch ist, werden angeboten. Selbst G-ttesdienstbesuche stehen auf dem Programm. Ob sie von Juden gebucht werden?

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Die riesige Leichenhalle des Neuen Friedhofs, der im 19. Jhd. in Betreib genommen worden ist. Die Halle ist deshalb so groß, weil die verschiedenen Gemeinden sich untereinander bekriegt und nicht gewollt haben, dass die Toten gemeinsam aufgebahrt werden.

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Bild einer Jeschiwe, die noch heute existiert, das Gebäude, nicht die Jeschiwe.

Neben dem winzigen überlaufenen Remuh-Friedhof mit seinen Wunderrebbes lohnt sich ein Ausflug in den nahen „Neuen“ Friedhof, dem traurigsten Platz in der ganze Stadt: Kein Lebender besucht dort seine Angehörigen, denn sie sind nicht vorhanden. Der Friedhof erklärt sich selbst, eine Führung erübrigt sich. Auch ein kurzer Besuch in das Kunstmuseum lohnt sich. Hier findet man große und kleine, gut und weniger gut gemalte Bilder, die das jüdische Leben Kazimierz’ im 19. Jahrhunderts festgehalten haben.

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Mahnmal der leeren Stühle an der Stelle des ehemaligen Ghettoeingangs im Süden Krakaus unweit des KZ

Gleich südlich der Weichsel erinnert ein offener Platz mit überdimensionierten leeren Stühlen an das Krakauer Ghetto. Wenige Kilometer entfernt ist das KZ gelegen. Das KZ in Oświęcim ist mit dem Auto in etwas mehr als einer Stunde erreichbar.

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Überfüllter Abschlusskonzert

Am letzten Abend findet wie immer in der Szeroka Straße ein Open-Air-Konzert statt, zu dem neben allen Festivalbesuchern auch die Einwohner Krakaus strömen. Es wird gesungen und getanzt, so der Raum vorhanden ist. Neben jiddischen Liedern sind auch orientalische Musik, Jazz und Rock zu hören.

Nach einer Woche voller Leben versinkt urplötzlich das Jüdische Kazimierz für den Rest des Jahres erneut in seinem traumlosen Schlaf. Das Schtetl wirkt nun leer ohne Juden. Von dem Duzend Synagogen dient als Treffpunkt einmal im Monat die Hohe Synagoge den verbliebenen 1.000 Juden, die in der großen Stadt Krakau nicht auffallen. Früher sind fast die Hälfte aller Bewohner Krakaus Juden gewesen.

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Hohe Synagoge (in Gebrauch).

Wer Zeit findet, soll die Burg Wawel aufsuchen. Der verunglückte Staatspräsident Polens Lech Kaczyński und seine Ehefrau Maria liegen unweit Jozef Pilsudski in der Königsgruft. Chopins Körper liegt in Paris, sein in französischem Cognac gebettetes Herz ist in Warschau begraben. In der Krakauer Königsgruft erinnert nur eine Plakette an den begnadeten Komponisten.

Der polnische Wodka ist weltbekannt, die polnischen Biere sind ein Genuss.

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An solchen Denkmälern kommt niemand in Krakau vorbei

Wer durch das bezaubernde Krakau schlendert wird auf vielen Johannes-Paul-II.-Denkmäler und Plaketten stoßen, der dort als Erzbischof gewirkt und Kraft seiner Überzeugung den real existierenden Sozialismus und die Sklaverei aus Europa verbannt hat. Die wenigen antijüdische Graffitis sind zierlicher. Sie erinnern nicht an Deutschland, sondern an Israel. Man findet keine Hakenkreuze. In Krakau werden Davidsterne durchgestrichen.

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Oldtimerausstellung in Krakau. Die Dodge-Brothers benutzten anfangs den Davidstern, obwohl sie keine Juden waren.

Krakau und Polen werden niemals mehr Orte des genuinen jüdischen Lebens sein. Genauso wenig wie Deutschland, auch wenn wir uns das Gegenteil einreden.

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Sieg der Bürokratie

Vor einigen Tagen erhalte ich eine auf einem zweiseitig beschriebenen Blatt Papier eine nicht unterschriebene Meldung vom Zollamt, das in der Kreishauptstadt residiert. Hierin werde ich aufgefordert, ein Paket aus Israel abzuholen und Zollgebühren zu entrichten. Die Gründe hierfür sind, dass der Absender des Pakets den Wert des Paketinhaltes, nicht wie in Deutschland vorgeschrieben, außen sichtbar am Paket angebracht hat. Um künftige derartige Unannehmlichkeiten zu vermeiden, werde ich aufgefordert, dem Absender mitzuteilen, wie ein ordentliches deutsches Paket auszusehen hat, nämlich eine außen sichtbare am Paket angebrachte deutliche und eindeutige Angabe des Wertinhaltes in einer konvertiblen Währung. Anderenfalls werde ich im Wiederholungsfalle erneut den Weg zum Zoll in der Kreishauptstadt auf mich nehmen müssen mit allen dadurch entstehenden Unannehmlichkeiten inklusive fehlende Parkplätze. Nach 10 Tagen sind Lagergebühren in Höhe von 50 ¢ vom ersten Tag an pro Tag zu zahlen. Außerdem wird das Packet nach zwei Wochen dem Absender zurückgesandt, wofür ich finanziell aufkommen muss. Dafür entfallen die Zollgebühren.

Wenn die Wertangabe außen am Paket deutlich lesbar angebracht gewesen wäre, könnte der Briefträger mir das Paket nach Hause bringen und sofort die Zollgebühren einstreichen.

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Schon nach drei Tagen mache mich auf dem Weg zum Zoll in der Kreishauptstadt. Ich finde vor dem Gebäude einen freien Parkplatz, der wie für mich geschaffen ist, auch wenn deutlich lesbar an der angrenzenden Außenwandteil des Zollgebäudes „Nur für berechtigte Personen“ geschrieben steht. Die Hitze überzeugt mich, den Wagen an seinem gebührenfreien Platz stehen zu lassen.

Trotz der Hitze ist es im Zollamtgebäude angenehm kühl, da viele Bürotüren mit den dazugehörigen Bürofenstern weit offen stehen.

An der Wand am Eingang wird dem Eintretenden mit einfachen Worten erklärt, in welches Zimmer er-sie-es sich begeben muss, um eine bestimmte bürokratische Leistung einzufordern. Trotzdem fragt mich ein netter, nicht überarbeitet wirkende Zollbeamte, der in seinem offenen Büro sitzt, freundlich, ob er mir helfen könne. Ich bejahe freundlich, um den Beamten, der sich freut, einen Bittsteller anzutreffen, nicht zu verärgern und schildere kurz mein Begehr. Er ruft mir eine Zimmernummer zu, die ich bereits kenne, da ich am Eingang die eindringliche Worte verinnerlicht habe. Die zur Zimmernummer dazugehörige geschlossene (sic!) Tür steht dem Zimmer des freundlichen Beamten am nächsten.

Mutig klopfe ich an, öffne die geschlossene Tür und betrete den Raum. Eine freundliche Dame mit Schlappen – die Schuhe stehen unter dem kleinen Schrank rechts der Tür – begrüßt mich artig und blickt mich vom leicht ächzenden Bürostuhl aus fragend an. Ich gebe gehorsam das mir zugesandte, nicht unterschriebene Schreiben und die Rechnung der Bestellung ab und werde aufgefordert, mich an einem Tischchen zu setzen, auf welchem ein Messerchen liegt, welches für das Aufschneiden von Paketen geeignet erscheint. Die freundliche Dame liest konzentriert über mehrere Minuten beide Seiten der nicht unterschriebenen Meldung und die mitgebrachte Rechnung wie einen Krimi und zaubert ein Paket herbei, welches sie auf das Tischchen legt. Sie will wissen, was im Paket drinnen ist, bevor ich es öffne. Ich beantworte die Frage mit „religiöse Artikel“, da ich Pessach-Seder-Utensilien bestellt habe, die ich eigentlich aus den USA erwarte, was ich aber der freundlichen Dame verschweige, um das Gespräch nicht unnötig in die Länge zu ziehen. Dann will sie wissen, ob der Inhalt des Pakets zum privaten Gebrauch sei, was ich bejahe. Da sie den wahren Preis des Paketinhaltes kennt, fragt sie mich, ob ich bereit bin, einen bestimmten Betrag (17,56 €) zu zahlen, der sich aus dem Wert des Paketinhaltes multipliziert mit einem Zollprozentsatz ergibt. Nachdem ich die Frage bejahe, fordert sie mich auf, das Paket mit dem auf dem Tischchen liegenden Paketmesserchen zu öffnen. Die Eröffnung gestaltet sich mühselig, da das Paketmesserchen ab bestimmten Drücken in seine Scheide zurückschnallt. Außerdem ist das Paket ausgezeichnet gut verklebt. In weniger als 10 Minuten, gelingt es mir, trotz gemeinsamen Widerstandes des Pakets und des Paketmesserchens die mir amtlich gestellte Aufgabe zu erledigen, wozu sich das Tischchen als höchst ungeeignet erweist, da es viel zu klein und instabil ist.

Trotz dieser Heldentat bleiben alle meine Hände und Finger heil. Die freundliche Dame steht halbschräg hinter mir während ich am Tischchen sitzen darf und beobachtet auf das Aufmerksamste jeden Schnitt, jedes Zurückschnallen des Paketmesserchen in seine Scheide und jede Bewegung meiner zwei Hände und meiner zehn Finger. Glücklicherweise sind die festen Teile des Paketinhaltes in Zellophan eingewickelt, sodass sie ohne Auswickeln erkennbar sind. Die freundliche Dame nickt zufrieden und widerholt meine Aussage, dass es sich um religiöse Artikel ad usum proprium (med.lat. zum privaten Gebrauch) handelt.

Die freundliche Dame kehrt zu ihrem Arbeitsplatz zurück, der aus dem leicht ächzenden Bürostuhl und aus einem riesigen Bürotisch besteht, auf dem ein großer, alter Computer steht, der mit einem modernen leisen Drucker verbunden ist. Sie liest erneut und intensiver als zuvor die von mir beigebrachten Unterlagen, was diesmal genau 9 Minuten und 30 Sekunden in Anspruch nimmt. Anschließend öffnet sie eine mir bis dahin unsichtbare Bürotischschublade, greift beherzt und blind herein und holt eine zerschlissene Kladde hervor, die wohl früher gelb gewesen ist und aus kaum hundert eng bedruckten Seiten besteht. Geschickt und schnell findet sie die gesuchte Seite und gibt aus der Kladde in Kombination mit der nicht unterschriebenen Meldung und der mitgebrachten Rechnung die notwendigen Zahlenwerte in den Computer ein, der glücklicherweise schon eingeschaltet gewesen ist.

Trotz eines entspannenden Windzugs steigt die Spannung im Büro ungeheuerlich an. Die freundliche Dame ist total in ihrer Arbeit versunken. Sie bemerkt nicht, wie ich das zerschlissene Paket wieder einräume und es zuzukleben versuche. Die Intensität und Konzentration der Arbeit lässt die Luft im Büro vibrieren. Weitere endlose Minuten vergehen. Vorsichtig krame ich mein kleines Portemonnaie aus der Tasche und entnehme dem Geldbeutel die mir mitgeteilte Summe. Mit Entsetzen stelle ich fest, dass ich nicht ausreichend Kupfermünzen besitze. Hoffentlich verfügt sie über Wechselgeld!

Die Eingabe in den Computer zieht sich hin. Irgendwann hat die freundliche Dame die Klimax erreicht. Nun kontrolliert sie gewissenhaft die eingegebenen Ziffern und Buchstaben. Dabei studiert sie erneut die nicht unterschriebene Meldung und die von mir beigebrachte Rechnung in Kombination mit der zerschlissenen entgilbten Kladde. Die Zeit bleibt stehen. Die Sekunden werden zu Stunden, die Minuten zu Wochen. Dann drückt die freundliche Dame auf einen Knopf, der Drucker summt leise und spuckt nach kurzer Zeit bis wenigen Minuten sechs einseitig eng bedruckte Seiten aus. Die freundliche Dame überfliegt alle Seiten und findet ihr Werk sehr gut.

Endlich blickt sie auf. Ich springe auf und stürze mich auf sie mit den feuchten Scheinen und Münzen in der Hand und dem festen Vorsatz, ihr das Wechselgeld zu schenken. Doch die freundliche Dame ist fixer. Sie holt von irgendwoher einen blauen Stift, der seinen Lebenshorizont überschritten hat. In gebückter Stellung und mit feuchten Händen unterschreibe ich an vier verschiedenen Stellen mit meinem allzu langen Namen. Ein Papier wird mir überreicht, welches als Rechnung dient und im nächsten Zimmer beglichen werden muss.

Ich biege mich gerade aufrecht, verlasse das Büro der freundlichen Dame, betrete den Flur und klopfe an die Tür des nächsten Zimmers an. Ich warte auf keine Antwort, sondern drücke die Türklinke herunter. Die Tür ist versperrt!! Bevor ich mir eine besonders tückische Selbstmordart ausdenken kann, ertönt aus einem weit hinterem Raum eine Stimme, die fröhlich „Ich komme schon“ ruft.

In nur wenigen Sekunden steht ein freundlicher Herr vor mir, der mit einem dicken Schlüsselbund klimpernd spielt. Geschickt wirft er den Schlüsselbund hoch und packt mit zwei Fingern den brauchbarsten Schlüssel, der die Tür öffnen wird. Der freundliche Herr schießt die Tür auf und lässt sie offen. Ein angenehmer Wind durchzieht das Zimmer von den geöffneten Fenstern zur Tür. Beschwingt setzt der freundlicher Herr sich hinter seinem Bürotisch, der etwas kleiner als der der freundlichen Dame ist, und bietet mir einen der beiden Stühle vor seinem Bürotisch an. Ich zögere nicht lange und entscheide mich für den mittleren. Dann überreiche ich dem freundlichen Beamten die im Nebenzimmer ausgedruckte Rechnung und lege das verschwitzte Geld auf dem Bürotisch.

„Dann beginnen wir eben anders“, spricht der Beamte und schließt mit einem kleinen Schlüssel seines dicken Schlüsselbund eine große, giftgrüne Geldkassette auf, deren Lack abblättert. Er reicht mir einige Kupfermünzen über den Tisch, die ich schnell im kleinen Portemonnaie verstecke. Er steckt das von mir angebotene Geld in diversen Fächern der grünen Kassette und verschließt diese sorgfältig mit dem kleinen Schlüssel, der immer noch am Schloss der überdimensionierten giftgrünen Geldkassette hängt. Dann öffnet er ein unverschlossenes Kästchen, welches ebenfalls auf seinem Schreibtisch Platz gefunden hat. Er holt aus dem nun geöffneten Kästchen ein Stempelchen hervor, taucht es in ein blaues Kisselchen, welches im Kästchen seinen festen Platz inne hat, und drückt das Stempelchen auf eine bestimmte Stelle meiner Rechnung. Der Beamte sieht sein Werk an und findet es gut. Flugs befördert er das Stempelchen ins Kästchen und kramt ein zweites Stempelchen hervor, welches ebenfalls mit der Farbe des Kisselchen intensiv in Berührung kommt. Auch dieses Stempelchen hinterlässt einen besonderen Abdruck auf eine andere bestimmte Stelle meiner Rechnung. Der Beamte sieht sein Werk an und findet es erneut gut. Das Geschehen wiederholt sich zum dritten Mal, nachdem das zweite Stempelchen sein angestammtes Plätzchen im Kästchen wiedergefunden hatte. Nach dem dritten Mal findet der Beamte sein Werk sehr gut.

Nachdem alle Teile erneut ins Kästchen gewandert sind, wird es verschlossen. Der freundliche Beamte zieht einen schönen Kugelschreiber, der wohl sein Privatbesitz und auf dem er stolz ist, aus seiner Hemdtasche und hinterlässt seinem gut und deutlich lesbaren Namen auf meine Rechnung. Als ich den schönen Kugelschreiber ergreifen will, wehrt der freundliche Beamte ab, indem er erklärt, dass meine Unterschrift von Amts wegen nicht verlangt wird.

Ich nehme die Rechnung in die Hände und achte darauf, dass sie nicht allzu sehr mit meinem Schweiß benetzt wird. Ich danke dem freundlichen Beamten mehrere Male, marschiere durch die offene Tür Richtung Büro der freundlichen Dame, dessen Tür dieses Mal sperrangelweit geöffnet ist. Die freundliche Dame erklärt zwei ausländischen Bittstellern, die kaum des Deutschen mächtig sind, einen Tick zu laut etwas, was selbst mir Polyglotten unverständlich bleibt. Ich dränge mich durch die kleine Menschenmenge und vor und wedle mit der bestempelten und unterschriebenen Rechnung. Der Redefluss stockt, die freundliche Dame überprüft kurz in wenigen Sekunden die Rechnung mit den notwendigen drei Stempeln und der Beamtenunterschrift, findet sie sehr gut und nickt mit dem Kopf. Ich stürze mich auf das Tischchen, ergreife das von mir unfachmännisch verschlossene Paket und stürze mich grußlos über den Flur hinaus in den heißen Sommer, wo des Schweiß meiner Hände und Finger blitzschnell verdunstet.

Das Auto steht noch da, wie ich es verlassen habe. Es ist nicht abgeschleppt und kein Strafzettel ziert die Windschutzscheibe. 52 Minuten ist der Wagen falsch und unbewacht gestanden. Doch auch die Ordnungshüter sind Beamte.

Als ich nach Hause fahre, höre ich im Radio, dass 200.000 Asylanträge unbearbeitet von den zuständigen Beamten vor sich her geschoben werden. Gut, dass ich beinahe alleine im Zollamt bedient worden bin.

Nachtrag: Ich habe drei Beamte des höheren Dienstes 50 Minuten beschäftigt und hierfür 17,56 € aufgewandt. Wäre es nicht für die Allgemeinheit billiger, auf Zollgebühren in der Kreishauptstadt zu verzichten?

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Die Juden von 1670 und das Massaker

Die Juden von 1670 und das Massaker

Ein Gastbeitrag von Robert Cohn

www.robertcohn.net

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Ein Antiquitätensammler ist merkwürdig, selbst wenn er nur wenige Antiquitäten sammelt. Er hat dann ein paar merkwürdige Antiquitäten, die ihn an seine eigene Merkwürdigkeit erinnern. Wenn er auf die jedoch keine Lust hat, weil er sie ja schon kennt, versucht er, aus den Merkwürdigkeiten seiner Antiquitäten Schlüsse auf die Merkwürdigkeit der Welt überhaupt zu ziehen. Weil er die noch nicht genug kennt. Selbst wenn es dabei um Judenhass geht, und selbst wenn er glaubt, den zu kennen. Judenhass herrscht seit zweitausend oder dreitausend Jahren, man kennt ihn zwar, und noch immer ist er nicht erklärt. Obwohl er seit zweitausend oder dreitausend Jahren erklärt wird, indem man den Menschen dem Menschen erklärt.

Ich bin ein Klein- und Kleinst-Antiquitätensammler. Fast immer, wenn ich mir eine weitere merkwürdige Kleinantiquität leisten kann, schlage ich merkwürdig gern zu. Besonders bei Gegenständen ohne Judenhass darin oder daran. Um mir oder Anderen deren Merkwürdigkeiten zu erklären, diese oder jene.

Auf meinem Wohnzimmertisch steht dieser Kerzenleuchter aus Bronze, gegossen etwa 1640 in Paris (er kostete bei einer merkwürdigen Auktion ganze 39 Euro und ein paar Zerquetschte, so merkwürdig zerquetscht sind selbst die Preise!, wenn sonst Keiner sowas haben will), aber ich wollte ihn haben.

Er erklärt viel.

Weil er, merkwürdig!, eine Menschengestalt ist.

Egon Friedell, der äußerst merkwürdige Wiener Jid mit dem Weltgeschichte-Schreibwahn, der tausendvierhundert Seiten Dünndruck voller exzessiver Détails über die Kulturgeschichte der menschlichen Merkwürdigkeiten vollgeschrieben hat, bis er sich dann 1938 beim fröhlichen Einzug der Großdeutschen kleinlaut aus seinem Wiener Fenster gestürzt hat, schrieb über den Menschentypus “der Barocke”, also des siebzehnten Jahrhunderts, da habe der monadische Menschentypus vorgeherrscht. Also der Einzelne (so singulär einzeln, wie es der Philosoph Stirner zweihundert Jahre später auf die Spitze trieb), ein Descartes-Typus gedankenschwer und präzis, ein Claude Lorrain mit Sehnsucht nach dem perfekten Moment im Sonnenuntergang in der Mitte der Welt, ein Leibniz randvoll mit Universalität und Mathematik und Vernunft und Gründer von Wissenschaftsakademien, ein Newton, der die Physik mit Licht erfüllt hat, ein Blaise Pascal renaissancevollendend, ein Spinoza mit mächtigen Illusionen über den ethischen Wert von Natur, ein Condé alles erobernd und nichts behaltend, ein Gryphius illusionslos, eine Marquise de Sévigné randvoller Eloquenz und Beobachtungsgabe, eine Madame de Lafayette mit marmorn kostbaren Spott, ein Salvator Rosa mit wuchernden Baumriesen, ein Rembrandt in der Nacht mit Fackeln, ein Caravaggio fern jeder Blässe, ein Lully mit empfindsamer Dramatik und Dauerfeuerwerk musikalischer Ideen, ein Molière menschlich unbestechlich: Einzeln, einsam, selbstherrlich, ehrenhaft, auf unabhängige und voraussetzungslose Weise den Kern der Dinge suchend und beschreibend und ihn berechnend und gleichzeitig über ihn spottend, nie sicher ohne Unsicherheit, stolz jede Herausforderung suchend, keinem Genuss abgeneigt. Ein reales Idealbild.

Diese Gebärde zeigt der Kerzenleuchter.

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Er steht auf einem breiten, runden, ausschwingenden Fuß, wie man mitten im siebzehnten Jahrhundert mitten auf der Welt breitbeinig lebte. Der Fuß ist kein Klotz, er verbraucht grad so viel Standfläche wie nötig, viel, aber nicht im Übermaß, ohne Eitelkeit, und er geht in die Lende über. Einer muss breit und sicher stehen, um oben die Wolken und Sterne zu sehen.

Kein Bauch im Weg. Oh, es gibt Kerzenleuchter mit Bauch!, manche (etwa die aus dem schlimmen neunzehnten Jahrhundert) bestehen aus nichts Anderem als Bauch, Rüschen und Speckfalten. Aber nicht im stolzen siebzehnten Jahrhundert. Da hatte man zwar real Bauch, ja nicht zu knapp, etwa so wie Balzac viel später, der als Typus oder als Idealbild so gut ins siebzehnte Jahrhundert passt: Mächtig nur für sich selbst, einsam, voraussetzungslos, akribisch, spöttisch gläubig bis zum Ende, ohne Kitsch und Redundanz und geistigen Schwabbel.

Der Kerzenleuchter von 1640 hat keinen Bauch. Er denkt wohl ‘Gedärm’, aber er zeigt keins. Er reckt sich kräftig bis zur Schulter hoch, da wird er kugelig. Warum: In den Schultern schlägt das Herz, es schlägt in einer Kugel, im siebzehnten Jahrhundert sind wir alle Monaden, Kugeln, die durchs All rasen, um es in sich selbst zu enthalten, und um in kühler Heißblütigkeit die Sterne anzusehen und sie zu bezweifeln.

Darüber eine breite Kehlung, der Hals: Keine Einschnürung, kein Gewürge, ein großzügiges Schwungnehmen für die Haltung des Kopfes. Der ist mächtig, nahezu so breit wie die ganze Brust, mit Ringen graviert in unregelmäßigen Abständen, jeder Abstand ist verschieden, weil ja die Gedanken darin frei sind, und weil sich die Ideen unabhängig schichten in diesem Kopf. Er zeigt eine ideale Zylinderform, er wiederholt aufstrebend die Breite des Standfußes, er übersetzt die Breite von unten in die Krönung des Ganzen.

Dort hinein kommt die Kerze, der Geist leuchtet im siebzehnten Jahrhundert aus dem Kopf, um das All zu erleuchten. Der Kopf ist die Monade, und die Monade ist das ganze All. Ob das All da draußen es nun sieht oder nicht.

2.

So weit das Idealbild. Jetzt zum Zerrbild, zu dieser anderen Kleinantiquität: Ein Kupferstich aus einem Buch mit Juden darauf. Er hat mich bei einer obskuren Auktion 10 Euro und ein paar Zerquetschte gekostet. Der Kerzenleuchter widersteht der Zerquetschung, er ist aus einem Guss, zu massiv und zu monadig zum Zerquetschtwerden: Während die Leute auf dem Kupferstich Zerquetschte sind. Weil es im siebzehnten Jahrhundert ja ums Zerquetschtwerden ging. Pausenlos. Deshalb malte Claude Lorrain seine glühenden sehnsuchtsvollen Sonnenuntergänge aus der Mitte der Welt, weil man sich sonst überall gegenseitig zerquetschte. Er wollte da hinaus, aufs Meer, das er gemalt hat in glühend schwebenden Farben bis in die Unendlichkeit.

Deshalb schrieben Descartes und Pascal ihre glasklaren, détailversessenen, analytischen und endlosen Seiten, denn nichts zu schreiben bedeutete, zerquetscht zu werden: Von selbstherrlichen Fürsten, vom großen Condé und seinen alles niederwalzenden Heeren, ja von Wallenstein, dem geistvollen, polyglotten, genialen Strategen (“Feldherr” sagen die Gutfinder) und Warlord, der nur Warlord gewesen ist, trotz aller Bildung und trotz aller Gewandtheit ausschließlich Warlord (“der Krieg ernährt den Krieg!”), Wallenstein und Tilly, die Massaker befahlen und sie genossen, weil sie Massaker mitten im Genuss wollten, den vollen Genuss im vollen Massaker, unaufhörlich.

Deshalb ist Baruch de Spinoza von der Ethik seiner Väter abgefallen, aus gut gemeintem, aber überheblichen Widerspruch zum Faktischen: Weil er lieber eine illusionäre, weil rechtfertigende und relativierende Ethik der Natur wollte als den schwierigen, angefeindeten, talmudisch-fundamentalethischen Widerspruch zu den Gräueln der Urwaldnatur.

Deshalb spiegelt sich in der überwältigenden Galerie des Glaces im Schloss von Versailles nur dieser Saal selbst in endlosen Spiegeln, 73 Meter lang, überwölbt von der gedankenvollen Pracht der Fresken von Le Brun, die nur die Majestät zum Thema haben, fortwährend die Majestät immerfort in ihrer Gloire. Weil hundert Meter jenseits der 357 gloriösen Spiegel immerfort Massaker herrschten mitsamt la Gloire.

Dagegen steht der Kerzenleuchter von 1640, Lorrains Todesjahr, wenige Jahre nach der sinnlosen, völligen Vernichtung der Großstadt Magdeburg mitsamt dreißigtausend Einwohnern mitten im Dreißigjährigen Krieg durch die prächtigen Warlords Tilly und Pappenheim: Er steht wie eine Eins und sieht sich das alles an, schätzt es ab, schätzt es ein, ohne sich zu beugen.

Was ist die Eins: Die Eins ist einsam ohne ein Gegenüber, ragt für sich selbst, ist Herr ihrer selbst, weil sie Herr über nichts ist. Die Eins zeigt, wer sie ist, sie steht neben dem Massaker und sieht es sich an, und es ist ihr egal, ob einer hinsieht, und wenn, wer.

Der Kerzenleuchter als Idealbild des Menschen des siebzehnten Jahrhunderts steht da wie eine Eins, aus Widerspruch, aus Humanismus und aus Menschlichkeit, weil diese Massaker und wieder Massaker nicht der Wirklichkeit letzter Schluss sein konnten. Obwohl Heraklit, auch so ein Barockmensch, einst gemeint hatte, der Krieg sei der Vater aller Dinge. Er litt daran wie schon Homer.

Im siebzehnten Jahrhundert kannte man seinen Homer und seinen Heraklit, und Leibniz stellte sich hin wie eine Eins, schrieb über Wissenschaft, Mathematik, Vernunft und Philosophie tausende Seiten voll, weil er übergenug Massaker gesehen hatte.

3.

Um Massaker geht es auch auf diesem Kupferstich mit den Juden darauf.

Alle Wege führen da hin. Le Grand Siècle, das große französische Jahrhundert, war Größe und Fortschritt und Geprasse und Massaker in Einem, wobei die Massaker und das Zerquetschen überwogen: Vom Dreißigjährigen Krieg erholten sich manche Regionen erst zweihundert Jahre später.

“L’AGNEAU DE PASQUE, Exod.chap. XII – Dieu ordonna aux Iuifs de manger l’agneau de la Pasque” – Gott hat den Juden befohlen, das Osterlamm zu essen, so die Unterschrift unter dem Kupferstich.

Er stammt von Seite 81 aus dem Buch “L’histoire du vieux & du nouveau Testament représentée avec des figures & explications édifiantes, tirées des SS.PP. pour régler les mœurs dans toute sorte de conditions, dédiée à Monseigneur le Dauphin”, “Die Geschichte des Alten und des Neuen Testaments mit erbaulichen Abbildungen und Erklärungen, nebst Beispielen, um die Sittlichkeit in allen Lebensumständen zu ordnen, gewidmet dem Thronfolger”.

Das Buch erschien 1670 in Paris im Verlag von Pierre Le Petit. Der Autor ist Louis-Isaac Lemaistre de Sacy, Sieur de Royaumont, Prieur de Sombreval (1613 – 1684), ein bedeutender jansénistischer Theologe, Humanist, Bibelübersetzer (in 32 Bänden) und Gelehrter aus der Abtei von Port Royal in Paris, den man 1666 für zwei Jahre wegen religiöser Abweichung in die Bastille sperrte, sicher ein Bekannter oder Freund der Marquise de Sévigné.

Der Kupferstich im Querformat erstreckt sich über die Seitenbreite (18 cm), in der Mitte wurde die Seite quer abgeschnitten, wohl damit der Stich in einen Rahmen passte.

Wer hat das Buch wegen dieser Abbildungen zerschnitten?, wann? Und wer wollte sich just diesen Stich an die Wand hängen? Er muss merkwürdige Gründe gehabt haben.

Louis-Isaac Lemaistre de Sacys Bibelübersetzung wendete sich an Leser, die kein Latein konnten. Sein Französisch (die Rückseite der durchgeschnittenen Seite ist mit Text bedruckt) ist präzis, lebendig, klar. Was er sagt, steckt voller gezielter Fehler und Insinuationen, die so ihre finstere Wirkung entfalten:

“(page 82)… Pharaon se leva au milieu de la nuit saisi de la mort si surprenante de son fils; chaque maison se trouvant aussi frappée de la mesme playe, la frayeur remplit toute l’Egypte, & chacun craignit pour luy mesme ce qu’il voyoit estre arrivé au plus cher de ses enfans. On reconnut bien sensiblement en cette rencontre, que Dieu dispose comme il veut les hommes, & qu’il les contraint enfin de faire tout ce qu’il luy plaist. Pharaon qui avoit jusqu’alors resisté aux ordres de Dieu & à Moyse, fut le premier à prier le Israëlites de s’en aller. Il ne mit aucune borne au pouvoir qu’il leur donnoit, & il leur permit d’emmener avec eux tous leurs enfans & tous leurs troupeaux. Il ne leur demandoit qu’une grace, qui estoit de se haster, & tous les Egyptiens leur firent aussi la mesme priere. Mais avant que les Israëlites s’en allassent, ils firent ce que Dieu leur avoit commandé, qui estoit d’emprunter les Egyptiens des vases d’or & d’argent, ce que les Egyptiens par un secret effet de la providence de Dieu leur donnerent sans aucune peine. Ce fut ainsi qu’ils furent délivrez de cette longue captivité de l’Egypte. Ils la pillierent en quelque sorte en la quittant, pour estre ainsi recompensez de tout ce qu’ils avoient fait avec tant de travail pour les Egyptiens dans la construction de leur ville; & ils en emporterent ce qu’elle avoit de plus riche, pour marquer deslors…” (hier Abbruch des Texts an der Schneidekante)

“Pharao erhob sich zur Mitte der Nacht, getroffen vom so plötzlichen Tod seines Sohnes; und jedes Haus fand sich vom selben Schlag der Pest getroffen, sodass Entsetzen ganz Ägypten erfüllte, und ein Jeder fürchtete dasjenige für sich selbst, was den teuersten seiner Kinder widerfahren war. Man erkannte sehr verständig an diesen Ereignissen, dass Gott über die Menschen so verfügt, wie er will, und dass er sie schließlich zwingt zu tun, was ihm gefällt. Pharao, der sich bis da hin den Befehlen Gottes und Moses’ widersetzt hatte, bat als Erster die Israeliten zu gehen. Er gab der Macht keine Grenzen, die er ihnen verlieh, und er erlaubte ihnen, all ihre Kinder und all ihre Herden mitzunehmen. Er verlangte von ihnen nur die eine Gnade, sich zu sputen, und alle Ägypter baten sie um eben das Selbe. Aber bevor die Israeliten nun auszogen, taten sie, was Gott ihnen befohlen hatte: Die Ägypter ihrer Goldgefäße und ihres Silbers zu berauben, welche die Ägypter durch eine geheime Wirkung der Vorsehung Gottes ihnen ohne jeden Schmerz überließen. So begab es sich, dass die Israeliten aus ihrer langen ägyptischen Gefangenschaft entlassen wurden. Gewiss plünderten sie das Land beim Auszug als Entschädigung für alles, das sie mit viel Arbeit für die Ägypter beim Bau ihrer Stadt unternommen hatten; und sie nahmen die größten Reichtümer mit, um…”

Lemaistre de Sacy stellt den Pharao als überaus gnädig dar, so wie er wohl den König Louis XIV höchstpersönlich oder den Kaiser Konstantin dargestellt hätte; er schildert die ausziehenden Israeliten als reich und als unbeschädigt, und er behauptet, dass Gott alles befohlen habe. Diese individuellen Entscheidungen Pharaos und Moses, auf die es im Torahtext ankommt!, lässt er völlig unter den Tisch fallen. Er behauptet sogar, der gnädige Pharao habe die Israeliten mit grenzenloser Macht ausgestattet. Sein Hauptaugenmerk liegt auf den Ägyptern les Egyptiens und l’Egypte, sechsmal genannt), auf Gott (Dieu, viermal genannt), jedoch der Pharao (Pharaon) und die Israeliten (les Israëlites) nennt er jeweils nur zweimal, Moses (Moyse) bloß einmal, als Personalunion mit G”tt: “…Pharaon qui avoit jusqu’alors resisté aux ordres de Dieu & à Moyse” (Pharao, der sich bis da hin den Befehlen Gottes und Moses’ widersetzt hatte, …).

Er schreibt den Israeliten und Moses quasi göttliche Macht zu.

Lemaistre de Sacy besitzt weder einen Sinn für die Theaterdramatik des Buchs Exodus mitsamt Haupt- und Nebenrollen, noch überhaupt für die ethischen Aussagen der Torah, sein ‘Altes Testament’, in dem ja in aller Deutlichkeit ein anrührender Bericht über Sklaven steht, die Israeliten, die von den Ägyptern so unterdrückt und bedroht werden, dass sie überstürzt fliehen müssen und nicht einmal die Zeit haben, um sich Brot einzupacken. Er verklärt diese Dinge nicht nur maßlos herrschaftlich, sondern behauptet das Gegenteil: Er malt das Bild von reichen, machtvollen, plündernden Juden.

4.

Wer sind diese Israeliten anno 1670, als Lemaistre de Sacys Buch gedruckt wurde: Man sieht sie auf dem Kupferstich.

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Auf einer Terrasse, halb erhöhter Ort über einer Stadt, halb prachtvoller Innenraum, drängen sich zehn Juden mit langen, gefährlichen Stöcken um eine Tafel. Am rechten Bildrand, perspektivisch verkleinert, kommen noch zwei herbeigerannt, um die Zwölf voll zu machen, die Anzahl der biblischen Stämme, das finstere Gegenbild zu den zwölf Jüngern Jesu.

Die beiden Juden an den vorderen Ecken der Tafel sind im Lauf abgebildet – die jüdische Hast muss emblematisch gezeigt werden, obwohl diese Laufbewegung mit einer Tischkante am Bauch physisch unmöglich ist. In der Mitte sieht man Einen mit breitrandigem Hut, durch Gestik herausgehoben und dunkler als die Umstehenden, wohl der Rabbiner, der drohend den linken Zeigefinger und das Gesicht beschwörend erhebt, während sein Nebenmann gierig die Hand auf das Objekt auf einer Servierplatte legt. Ein elendes Tier, dieses Osterlamm. Die elendeste Abbildung eines Tieres, die ich je gesehen habe. Es liegt erbärmlich auf dem Rücken, eine Pfote emporgereckt, als ob es um Schonung bäte. Es wurde ohne Gnade hingeschlachtet, dazu wohl auf grausame Weise, seine Schnauze ist deformiert. Es hat alles von einem misshandelten Kadaver, aber gar nichts von einem realen Festtagsbraten zum Pessach.

Sonnenklar, dass Kupferstecher und Buchautor nie eine jüdische Pessachversammlung von ferne gesehen haben, denn es liegt ja keine Pessach-Haggada auf dem Tisch, kein einziges Buch!, niemand sitzt, und einer der Juden trägt nicht einmal eine Kopfbedeckung. Die anderen tragen die offiziell verordneten, seit dem Mittelalter häufig abgebildeten Judenhüte. Dass jedoch ein Jude ohne Judenhut eine Kippa trug, hat der Kupferstecher nicht gewusst: Weil er keine Juden kannte. Nur deren Eigenschaften glaubte er zu kennen, er hat sie ausgiebig in den Gesichtern dargestellt: Zorn, Habgier, Hast, Undurchsichtigkeit, Lauern, Drohgebärden.

Übrigens war ganz Frankreich seit der Vertreibung aller Juden 1394 judenrein gemacht, nur im kleinen Comtat Venaissin in der Provence (päpstliches Territorium) und im von Frankreich beanspruchten und kurz darauf eroberten deutschsprachigen Elsass lebten Juden. Der Kupferstecher hat mehr die elsässischen als die provenzalischen Juden dargestellt, den Jud’ wie von einem Steckbrief, eilig schlurfende Verhökerer, einen drohenden, unheimlichen Rabbiner und einen Zipfelbärtigen, der wohl einen Geldsack umklammert hält. Propagandistische Zerrbilder.

Keiner der zwölf Juden sitzt, alle stehen oder laufen, sie haben merkwürdige Eile, sie lungern in Bewegung um den Tierkadaver auf der Tafel. Ein sehr junges Tier – definitiv kein erwachsenes Schaf!, es hat etwas Menschliches. Dem Betrachter drängt sich die Assoziation zu einem hingeschlachteten Christenkind auf, dessen Blut laut Blutlegende die Juden für ihre Matzes brauchen. Das Opferlamm, “l’Agneau de Pasque”, es liegt zum Erbarmen hingestreckt, das ist kein Tier!, der Zeitgenosse von 1670 hätte ja nie ein leidendes und um Schonung bittendes, hingemetzeltes Tier dargestellt!, dieser Gedanke war zu der Zeit fremd und hier in dieser Bildanalyse ist er irrelevant, denn es geht um die Chiffre der Kinderblutlegende, um den Ritualmordvorwurf, mithin um das Vorspiel zum Judenpogrom. Dafür sind solche Abbildungen da.

Auch wegen der jüdischen Bibel, überhaupt wegen des jüdischen Anteils an der christlichen Bibel. Dafür hat der Kupferstecher den Satz aus Exodus XII hergenommen: “Dieu ordonna aux Iuifs de manger l’agneau de la Pasque” – Gott hat den Juden befohlen, das Osterlamm zu essen, und er hat ihn in die rituelle Schlachtung eines Christenkindes übersetzt.

Dass er damit sogar seinem christlichen Gott eklige Dinge insinuiert, ist ihm vor lauter Eifer nicht aufgefallen. Der Judenhass überwog die Religiosität. Obwohl dieses Buch von nichts sonst als Religion handelt.

Schräg hinter dem prächtigen, zur Stadt hin offenen Raum steht eine Getreidemühle, man erkennt deutlich die Mühlsteine. Für‘s Volk von 1670 hatten die Müller mit dem Satan zu tun. Alle frühe Industrie (Mühlen, Kohlenmeiler, Rennöfen, Bergwerke usf.) galt Bauern, Bürgern, Mönchen, Damen usf. und in Ammenmärchen als vom Teufel gemacht. Diese Mühle ist deutlich mit den Juden assoziiert, Auftakt zum modernen Antisemitismus, der die Juden im Kaufen und Verkaufen, im Herstellungsprozess, im Industriebetrieb, überhaupt in der arbeitsteiligen städtischen Moderne verschworen, schädigend und alles vergiftend am Werk sieht.

Sogar eine Art Davidstern ist dargestellt, spinnwebartig als sechsteilige Glassprossen oben im mächtigen Fenster der Wand. Die in Dunkelheit versinkt, überhaupt wirft diese Wand einen mächtigen, langen, schwarzen Schatten über die Terrasse in Richtung der Stadt: Das Böse, das von den Satansjuden ausstrahlt.

Oder der Zorn G”ttes wegen der Juden, denn das Fensterkreuz wirkt wie ein gewaltiges, aufgerichtetes Christenkreuz.

So viel Bösartigkeit und Hetz’, die dieses Bild enthält, muss einer auch erstmal gelernt haben. Er hat es sichtlich genossen. Er war ein fähiger Kupferstecher, der seine Kunst beherrschte, und was hat er daraus gemacht: Jedes Détail seiner Arbeit strotzt von Judenhass.

5.

Somit geht es auch auf dieser Abbildung um Massaker. Weil Judenhass immer zu Massakern führt. Vorher die Vorfreude, währenddessen das Fest, danach die Befriedigung. Nirgendwo auf dem Kupferstich ist ein Mensch zu sehen, kein einziger Mensch!, keine Eins!, nur zwölf Zerrbilder vom fremden, ungezieferigen, lästerlichen, bestialischen, gefährlichen, zu vernichtenden Jud’.

So was hat der gebildete, eloquente, humanistische, belesene Gelehrte Louis-Isaac Lemaistre de Sacy für sein Buch zugelassen oder gefördert, leichtfertig oder freudig, oder nur wegen des Geldes?, hat er geglaubt, etwas Gutes damit zu tun? Seine Vornamen sind bezeichnend. Louis-Isaac, ein bourbonischer Königsname vor einem humanistisch-jüdischen Namen, der Bourbonenname steht freilich zuerst, so wie die Flagge des Siegers über der Flagge des Besiegten flattert: Der ganze, nicht enden wollende Triumph über den Jud’ und dessen fortwährende Demütigung bloß in zwei Vornamen.

Wie erwähnt: Es lebten in allen wichtigen und Europa bestimmenden Teilen des großen, mächtigen Frankreichs zu der Zeit real überhaupt keine Juden. Seit 1394 gab es dort keinen einzigen Juden. Fast dreihundert Jahre totale Abwesenheit der Juden, jedoch der Judenhass kochte 1670 und später merkwürdig vehement wie eh und je. Auftakt und Vorfreude für weitere Massaker.

Irgendwann zweihundert Jahre später hörten die Mehrheitschristen auf, Massaker aneinander zu verüben, denn sie glaubten, nun aufgeklärt und urban und vernünftig geworden zu sein. Nur auf Massaker an den Juden wollten sie nicht verzichten. Dabei hatte es nie jüdische Massaker an den Christen gegeben.

Wie hat das Idealbild des Menschen für diesen Kupferstecher und für den Autor Lemaistre de Sacy ausgesehen? Weshalb schwebte ihnen da kein Descartes vor, kein Spinoza, kein Jean-Baptiste Lully, und warum haben sie sich nicht mit denen beschäftigt, sondern sich in dieser zwanghaften Konstruktion aus selbstentwertendem, sich selbst unwürdig machendem und korrumpierendem, billigem Judenhass gewälzt? Aus Angst. Sie schlotterten vor Angst. Wegen der Juden. Sie waren besessen von den Juden, wegen ihrer tiefen Angst, dass etwas an ihrer eigenen Religion nicht stimmen könnte. Schließlich hatte der Pharao die Juden mit endloser Macht ausgestattet, nicht? Lemaistre de Sacy, der belesene und ehrbare Theologe, war von dieser Fantasie überzeugt, obwohl er die Originaltexte kannte, in denen nichts dergleichen steht. Trotzdem glaubte er an die Lüge. Er hat dem Pharao Milde und den Juden magisch übermenschliche Macht und Plünderei angedichtet, warum? Er wollte die Illusion von den übermächtigen, mit pharaonischen Halb- und Gegengöttern verbündeten Juden nähren. Mitte des siebzehnten Jahrhunderts galt die Idee Altägypten als Chiffre für größte Macht und enormes Geheimwissen, das jeden schaudern ließ, der sich damit beschäftigte. Athanasius Kircher, der Alchemist, hat darüber hunderte Seiten vollgeschrieben. Dessen mythischer Meister der Alchemie, der Hermes Trismegistos (der die Tabula Smaragdina gemeißelt haben soll) galt als eine Art Pharao, mächtiger als Caesar, Kaiser und Papst zusammen. Wenn so ein Pharao dann den Juden Macht mitgibt, bedeutet das für den ungläubigen, weil frömmelnden und abergläubischen und fantastelnden Christen, dass er vor der unheimlichen, übermenschlichen Hypermacht der Juden vor Angst und Hass schlottern muss.

Jedoch die zwölf Juden auf dem Kupferstich tragen keine Kronen, schweben nicht über dem Boden, und sie sehen nicht wie Adonis oder wie Justin Bieber aus. Ganz im Gegenteil. Sie sind die Anderen schlechthin, abstoßend, gefahrbringend, fremd, minderwertig und das Gegenteil des edlen Menschseins.

Eben DAS ist er, der Antisemitismus, der qua fiebernder, schwarzer Fantasterei den Juden jenseitige Macht, Omnipräsenz und enormen Reichtum zuschreibt, indem er sie jedoch als Untermenschen hinzeichnet. Der traditionelle, teufelbesessene, christliche Judenhass geht hier bruchlos in den modernen Antisemitismus über.

Ferner fällt pathetische Menetekeligkeit des Kupferstichs auf. Überall sind Vorzeichen, es braut sich was zusammen, schwarze Schatten fallen über die Welt, ein großes Christenkreuz erscheint gespenstisch in einer schwarzen Palastwand wie einst in Babylon die Hand an der Wand, und zwölf unheimliche Juden rennen herbei, schänden ein hilfloses Wesen, planen Entsetzliches und beschwören das Schicksal und vielleicht den Satan. Sie sind Zerquetschte, von Gott Gehasste und zu Zerquetschende, denn so lautet die sadistische, frömmelnde, reflexionslose, selbstvergötzende, verantwortungslose Legende: Das gnadenvolle Christentum habe das gesetzesstarre Judentum längst aufgehoben, jedoch es existiere aus Eigensinn und Trotz weiter, den Christen zum Daseinswiderspruch, Gott zum Zorn und der Welt zum Hohn. Obschon die Christen alle Juden aus dem Land geworfen hatten und keiner mehr einen Juden kannte, sollte es noch immer irgendwo Juden geben. Eine endlose Schmach, zumal diese wenigen Juden noch immer ihren G”tt lieben und verehren und auf ihrem Bund beharren, der zig Millionen Christen einfach ausschließt!, diese Schmach der 98%, die sich nur durch endlose Bekämpfung der jüdischen Religionslästerung (ach, diese Zweifel an sich selbst trotzdem!) und durch endlosen Judenhass bekämpfen lässt (wobei das doch Untaten sind!, aber die Juden zwingen die 98% zur Sünde!, womit man ein armes Opfer der Juden bleibt, grad wegen der Selbstzweifel, wofür man die Juden hasst, hasst, hasst).

6.

Diese urchristlich-urdefizitäre Selbstdefinition ist erst seit dem zwanzigsten Jahrhundert und seit der gelebten Moderne in den Hintergrund getreten: Und ist sofort vom nazistischen, kommunistischen und säkularisierten Antisemitismus abgelöst worden, der viel mehr Juden als je zuvor auffressen sollte. Bis auch dieser moderne Antisemitismus leiser wurde, weniger aus schlechtem Gewissen, mehr aus Überdruss und wegen verstreichender Zeit. Seitdem ist man aus Bessersein und aus Besserwissen international und menschenrechtsgläubig und für Spaß und Völkerverständigung, und man hasst Israel. Man ist ja kein Antisemit!, man hat ja nichts gegen Juden!, weil man ja kein Nazi ist, aber man hasst Israel. In Stellvertretung. Und weil ja immer was sein muss mit den Juden. Und weil die nie mit den 98% mitmachen, so wie jeder mitmacht!, sondern weil die mal wieder anders sein wollen.

Im siebzehnten Jahrhundert fühlte man sich hilflos zerquetscht wegen des unerledigten Heilsplans, denn trotz allen Flehens und Betens stellte sich die Welterlösung einfach nicht ein, obschon Jesus die Welt längst erlöst haben sollte. Unerträglich der jüdische Universalwiderspruch, da fühlte man sich so ad absurdum geführt, zu Boden gepresst und zermatscht, so ohnmächtig, dass man den schuldigen Juden ihre Fortexistenz nie verzieh. Lessings Großinquisitor: “Tut nichts!, der Jude wird verbrannt.”

Heute liegt es an Israel, dass der brüchige Weltfrieden noch nicht angebrochen ist, an Israel, dass nicht alle Menschen Brüder sind, an Israel, dass die Mohammedaner einander zu Hunderttausenden umbringen, und wenn Jerusalem anruft, beugt sich Berlin.

Das Unerträglichste ist, dass Juden sich einfach nicht zerquetschen lassen. Die Meisten sonst lassen sich zerquetschen oder lassen sich konvertieren, unterdrücken, missionieren, vertreiben, wonach sie dann einfach zu existieren aufhören. Aber nicht die Juden. Die sind zu starrsinnig und zu verstockt, vielleicht zu reich und zu mächtig?, gar mit dem Satan und mit den Nazis und den Außerirdischen im Bunde?, denn die Juden gibt es immer noch, nach zig Ausrottungsversuchen gibt es nach wie vor Juden mit einer blühenden jüdischen Kultur und einem prosperierenden jüdischen Land. Dabei müssten die Juden seit Kaiser Titus und Vespasian längst Zerquetschte sein. Seit Pharao und seit Amalek vor dreitausend Jahren. Dann seit Papst Sowieso und Kaiser Schießmichtot, seit Nationalismus und Sozialismus und Internationalismus und Gigantismus und Brutalismus, aber es gelang nie. Selbst das dauernd überfallene und gepresste und gezwungene Land Israel lässt sich nicht zerquetschen, es gedeiht. Sauerei, diese alte Halsstarrigkeit der Juden und diese neue Selbstherrlichkeit der Israelis, sich nicht zerquetschen lassen zu wollen!

Vielleicht ist mein Kerzenleuchter von 1640 ja ein jüdischer Kerzenleuchter, denn irgendwas Jüdisches hat er definitiv, er hat dazu was von Newton und Leibnitz und von Caravaggio und Madame de Sévigné, er widersteht der Zerquetschung. Er ist aus einem Guss, zu massiv, zu trotzig und zu monadig zum Zerquetschtwerden. Er sagt Nein zum Zerquetschtwerden, obgleich alle Welt ihn nötigt, zu Allem Ja zu sagen. Er hat aber darauf keine Lust.

7.

Wir hatten zunächst das Idealbild des Menschen, der wie eine Eins dasteht, unabhängig wie Leibniz und Descartes, die mit ihrem monadischen Kopf das Weltall erleuchten: Gut dokumentiert in Selbstzeugnissen.

Dann hatten wir das Zerrbild des Menschen, den Kupferstich mit zwölf Juden, Abschaum der Menschheit, Träger von Schuld und überhaupt von Verschuldung (Juden und Geld, Juden und Macht), das projizierte Realbild von Gier, Zorn, Lauern und allgemeinem Verhängnis: Gut dokumentiert in Fremdzeugnissen, von Pogrom zu Pogrom immer wiederholt.

Nun haben wir ein Drittes. Ein Schreibzeug, ein extravagantes Ausstattungsstück, ein wohl singuläres, das ich sonst noch nirgends so gesehen habe. Es besteht aus Bronze, so breit wie zwei Hände nebeneinander mit gespreizten Fingern, es soll der Bereitstellung von Tinte, als Ablage für Schreibfedern und zur Selbstvergewisserung im Schreibprozess dienen. Es war nicht billig, obwohl ich es schamlos heruntergehandelt habe. Als es einst neu war, kostete es wohl ein kleines Vermögen. Seine Herkunft ist unbekannt, es stammt wohl aus dem Gebiet an der Loire (Tours oder Orléans, unter einem der Tinten-Einsätze steht graviert “JWV Moulins”), denn etwa 1630, als es entstand, herrschte im verarmten Paris der schwache König Louis XIII, klein gehalten und terrorisiert von widerspenstigen Regional-Mächtigen, die traditionell (so wie auch die Bourbonen selbst) an der Loire saßen, seit dem Mittelalter bis zur Zeit von Louis XIV das Zentrum Frankreichs.

Wir hatten das Idealbild, und dann hatten wir das Zerrbild. Dieses Schreibzeug, das dritte und letzte Objekt meines Essays, gilt hier als Wunschbild des Menschen, als Eskapismus, als in Bronze gegossenes Mysterium!, als Drang zu entkommen und zu herrschen, als Drang nach den änigmatischen, gefährlichen, göttlichen und ins System gebrachten Dingen jenseits der Welt, die eigentlichen, gleichbleibenden, wahren Dinge, die man versuchen muss zu beherrschen, jenseits von uferlos wechselnden Massakern, Machtkämpfen, Hunger, Straßengestank, Räubern und Soldateska, Elend, Steuereintreibern und dem Kampf für den Alltag, Dinge, die man nicht beherrschen kann.

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Zwölf Gesichter: Jeweils drei gleiche auf den drei Decken der Tintenfässer (zwei für Tinte, eins für Löschsand), drei verschiedene auf dem Corpus. Zusammengefasst ist das Ganze als frühbarocke Kartusche mit Anklängen an den italienischen Manierismus. Die Ausführung ist sehr sorgfältig, die Proportionen gelungen, jedes Ornament sitzt.

Inmitten von wohl Pergamentbändern (Voluten) sitzen auf jedem Deckel drei Gesichter: Ein Faun oder Teufel mit Hörnern, langer Nase, spitzen Ohren, Ziegenbart und dicken Lippen, eine junge, anmutige Frau, und eine ältere Frau mit ägyptischem Stirnring und hagerem Gesicht. In der Mitte des Corpus prangt inmitten erblühender Blattranken ein Kindergesicht, sehr ausgeformt, individuell, ausdrucksvoll und unkindlich – also kein Putto. Links, um 90 Grad versetzt und auf die linke Seite blickend, sitzt ein waches, bärtiges Männergesicht, vielleicht ein Portrait, vielleicht das Idealbild des Gelehrten, Alchemisten oder homme de lettres. Rechts, wieder um 90 Grad versetzt und auf die rechte Seite blickend, sitzt eine wohl schlafende, altägyptische Maske mit ägyptischem Stirnring. Ägypten galt als Quelle der Alchemie: Der Hermes Trismegistos (der dreifach mächtige Götterbote) soll dort den Stein der Weisen gemacht und die Tabula Smaragdina geschrieben haben. Über die drei Stadien Nigredo, Albedo und Rubedo (Schwärzung, Weißung, Rötung) versuchte der Alchemist, ein unedles Metall in ein edles zu verwandeln und das Eigentliche hinter der Welt zu begreifen. Ist dieser Dreischritt der Grund für die Dreierordnung der Gesichter auf den Deckeln (dreimal die gleichen) und für die Dreierordnung auf dem Corpus? Vom Gleichen aufs Verschiedene mit dem auf Pflanzendolden (Lebensprozessen) wachsenden Homunculus als Ziel? Das prägend Männliche (das Dunkle in Gestalt des Dämons, das Helle in Gestalt des Ägypters), das Weibliche, Unterstützende und Fruchtbare, als junge und als ältere, weise (ägyptischer Stirnring als Attribut der Einweihung) Frau, das Kindliche in der Mitte des Corpus, der Homunculus, ein Bild für den sich aus allen Elementen selbst neu erschaffenden Alchemisten, der nach der Rubedo als Keim im Tiegel erscheint.

Die Nigredo, Schwärzung, wenn der Dämon auftritt. Die Albedo (Weißung) in Gestalt der älteren Frau, die Rubedo (Rötung) in Gestalt der jungen. In dieser Abfolge verläuft der alchemistische Prozess. Der Alchemist begegnet seinem Dämon, dann stirbt er ab und erlangt Weisheit, dann wird er vom Weiblichen aufgenommen, das uns nun mal hinan zieht.

Die Gruppierung dieser zwölf Gesichter ist sicher nicht beliebig oder rein ornamental: Dafür ist das Ganze zu sorgfältig ausgeführt. Der Auftraggeber wusste, was er wollte. Die Gesichter folgen jedoch keinem überlieferten, dokumentierten, ikonographischen Kanon. So wenig wie die Alchemie selbst das tut, nicht? Die Papiere des Alchemisten, Mathematikers und Mystagogen John Dee (gestorben 1609) illustrieren das freie Experimentieren. Der Alchemist stellt sich inmitten der Pole aus schwerer und leichter Materie, zwischen das Männliche und das Weibliche, zwischen Erde und Himmel, er tut dies und das, er jongliert mit Zahlen, Elementen, Symbolen, Metallen und Siegeln und Feuer, er will den Homunculus erschaffen – und den Stein der Weisen. Er tut das in Freiheit.

Diese Freiheit des Alchemisten führte eine oder zwei Generationen später zum Konzept der experimentalen und gedanklichen Freiheit der Naturwissenschaft. Isaac Newton (geboren 1642), der Begründer der modernen Physik, sah sich als Alchemist.

Was hat inmitten dieses Vorspiels von wissenschaftlicher Freiheit das Gesicht des Dämons zu suchen? Es sitzt auf jedem der drei Deckel. Man muss es anfassen, um den Deckel abzunehmen und an die Tinte zu kommen. Der Alchemist, der da seine Aufzeichnungen schreiben will, fasst zweimal das Weibliche und einmal den Dämon an, bevor er den ersten Buchstaben schreibt. Das Böse ist für die Freiheit notwendig: Ohne den selbstbeherrschten Trieb zum Bösen existiert keine Freiheit.

Oben auf den Deckeln als Knauf sitzen jeweils drei symmetrische Voluten, die von oben betrachtet eine Sechserform ergeben, sechs Halbkugeln mit einer siebten in der Mitte.

Die mystische Rose als Bild für Hingebung? Die sieben Planeten als Bild der Metalle und der Tugenden?

Die drei Knäufe wirken von oben wie ein Davidstern, ergänzt zur Zahl Sieben. Das “Seal of God” nach John Dee (heute im British Museum) hat sieben Teile: Ein kabbalistischer, vage jüdischer Bezug, passend zum Gesicht des Dämons auf dem Schreibzeug, der ohne Hörner glatt wie das Zerrbild eines Juden aussieht. Das Böse und die Juden, das Mystische und die Juden, die Freiheit und die Juden!, die Freiheit als dämonische Gefahr. Juden notwendig für die Freiheit?

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Vage Bezüge zum Judentum, die mit Symbolen arbeiten. Obwohl das Dämonengesicht die selbe Größe wie die weiblichen Gesichter hat, fällt es doch sofort ins Auge. Das Böse ist so abstoßend wie anziehend. Wenn im Grand Guignol, im Volkstheater der frühen Neuzeit oder in heilig-pathetischen Mysterienspielen der Satan auftaucht, geht’s rund, und das Publikum sagt aah und ooh und buuuh. Man zuckte halb lustvoll halb verächtlich vor dem Bösen und vor dem Jud’ zurück, weil beides ebenso übermächtig wie wertlos erschien. Kaum jemand war in der geistigen Verfassung, um hingegen einen Shylock oder einen Macbeth zu erfinden. “The prince of darkness is a gentleman” (Shakespeare).

Seit dem 15. Jahrhundert bis in die Gegenwart taucht auf Gemälden und Illustrationen jenes typische, vom ziegenböckigen, spitzohrigen, geilen, listigen, großen Pan der griechischen Antike abstammende Teufelsgesicht als projiziertes Bild für den Jud’ auf: Lange Nase, dicke Lippen, verborgene Macht, Seelenklau, Bosheit, Lust, lauernde Miene. Immer als Zerrbild des Jud’, als theologischer und menschlicher Triumph über den nie genug marginalisierten und gedemütigten Jud’, der als wimmelndes, bösartiges, aber noch immer viel zu mächtiges Gewürm dargestellt wird, der Jud’ als der Andere, Fremde, Widerlegte, Eindringende, Beunruhigende.

Auf dem Schreibzeug hingegen steht der Dämon mit seiner jüdischen Stürmer-Fratze nicht isoliert. Er teilt sich die Deckel mit den beiden Frauen. Die Deckel lassen sich drehen, man kann dreimal den Dämon vorn haben oder dreimal eine der Frauen, oder in anderer Kombination ad libitum. Der Dämon ist Teil des Dreiergespanns. Er beherrscht es nicht, er ist weder untergeordnet noch übermächtig. Er tut niemandem etwas und ist nötig für das Ganze – im Sinne des Alchemisten, der’s mit Ganzheit und dem Kosmos hatte.

Wenn das kein früher, starker, überzeugender Gegenentwurf zum allgegenwärtigen Judenhass ist, was dann?

Nicht von Ungefähr leitete die Alchemie direkt zur naturwissenschaftlichen Welt über, in deren Systemen der Judenhass keinen Platz hat.

  1. Ausblick

Die gegenwärtige Produktion von Büchern innerhalb der islamischen Welt mit ihren 1,3 Milliarden Menschen entspricht etwa der Bücherproduktion des kleinen Griechenland – jeweils im selben Zeitraum. Wenn schon dieser Kontrast grotesk ist, dann ist der um so größere Kontrast zwischen den wissenschaftlichen Leistungen der islamischen Welt und des Westens um so unglaublicher. Dort wird so gut wie nichts erdacht, nichts erfunden, nichts verbessert. Selbst die überaus politisch korrekte schwedische Akademie vergibt kaum Nobelpreise an Mohammedaner: Nicht weil sie es nicht wollen würde, sondern weil sie einfach keine Preisträger findet.

Die mohammedanischen Gesellschaften, die nicht via Aufklärung, Individualismus und Säkularismus in der Moderne angekommen sind, die aber alle fremden Errungenschaften der westlichen Moderne einkaufen und selbstverständlich benutzen, leben ihren Judenhass und ihren Hass auf Israel voll aus. Der Koran schreibt ihnen seit je her den Judenhass vor, indem laut Koran niemand unabhängig vom Islam existieren dürfe, am Wenigsten die Juden!, und der sich daraus ableitende Israelhass wird ihnen von ihren verdorbenen Imamen, korrupten Clanchefs, massakergeilen Politikern und von willfährigen Europäern um so vehementer eingeredet. Dazu kommt die mohammedanische Tradition des ewigen Krieges und der ewigen Verachtung der Anderen.

Schon das europäische Mittelalter bot Alternativen zum allgegenwärtigen Obskurantismus, zur Wissenschaftsfeindlichkeit und zum Judenhass, und seit der Neuzeit versucht man sich im Westen von tradierten Hassereien zu lösen. Manch ein Europäer ist schon so weit losgelöst, dass er glaubt, alle Menschen seien faktisch überall gleich, und man müsse nur mit Jedem verhandeln, damit ein Jeder den gleichen Teil vom Kuchen bekomme und dann glücklich nach Hause geht. Manch ein Europäer glaubt gar so abgelösterweise, dass ‘Kuchen bekommen’ überall gleich definiert werde. So bald er mit der Nase drauf stößt, dass es nicht so ist, irritiert es ihn so fundamental, dass er es ignoriert und weiter ins Blaue verhandeln und Zugeständnisse machen möchte. Weil er an die einige Menschheit glaubt. Dass es diese einige, gleichberechtigte Menschheit aus lauter Individuen gibt, die alle menschlich gleichviel Wert sind, hat die jüdische Torah in den Zehn Geboten (Asseress Diwress, die Zehnworte) für alle Zeiten festgelegt: Das ist das jüdische Erbe des Westens. Man versucht, sich daran zu halten.

Hingegen im Islam, der weder ein jüdisches Erbe hat noch haben will, existiert kein Konzept von Menschheit: Da existiert allein die Hackordnung. Der mohammedanische Mann ist oben (indem er andere mohammedanische Männer demütigt und bekriegt), darunter steht die mohammedanische Frau mit großem Abstand, und ganz unten stehen, nein, liegen die Ungläubigen. Die man immerhin manchmal leben lassen will, damit sie Tribut zahlen. Die Juden hingegen seien zu vernichten: So fordert es der Koran, wenngleich er in dieser Maximalforderung manchmal schwankt und nicht durchgehend entscheidet, ob man die Juden nur ausplündern und vertreiben, oder sie nur vertreiben und ausplündern, oder sie nur umbringen und danach berauben solle.

Der Koran wird von Jedem wörtlich genommen, der sich als Mohammedaner bezeichnet, und nur Wenige sehen es anders. Sie haben gegenwärtig nicht den Hauch einer Chance.

9.

Hier ging es bisher um Gegenstände. Zuletzt also ein islamischer Gegenstand. Den habe ich freilich nur auf einem Foto. Es ist ein Architekturbogen, eine Archivolte, Teil einer Moschee. Zwei eng stehende Säulen stützen einen schweren, dominierenden, die vertikale Linie vernichtenden Bogen aus einem Zweidrittelkreis.

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Diese ehemalige Moschee steht in Toledo, ein Relikt aus der islamischen Besatzungszeit. Sie stammt aus dem Frühmittelalter (zehntes Jahrhundert), die Zeit, als der Formenkanon feststand – die Zeit, seit der sich im Moscheenbau der ganzen islamischen Welt für sechshundert Jahre nichts mehr bewegen sollte: Künstlerischer Stillstand.

Schwere, abgeschlossene Zweidrittelkreis-Arkaden ruhen auf zu dünnen, untergeordneten Säulen, der Raum ist wegen dieser Bogenform unproportioniert, er hat keine Richtung, er will nirgendwo hin!, die Gewichte de Raums sind ungleich verteilt, es findet kein Raum statt, man steht unter den Architektursegmenten wie in lauter Schächten. Sinnlos dicke, klobige Konsolen tragen die unarchitektonisch empfundenen, unproportionierten Dreiviertelkreis-Arkaden.

Aus. Mehr passiert nicht in diesem Raum – und mehr bietet Allah nicht?

Diese Bogenform ist kein Bild für einen Menschen, er ist ein statisches Bild für Allahu-Akbar und für die strikt hierarchische Welt-Hackordnung. Die Zone der Säulen zieht in keine Richtung, es geht überall und nirgends hin, man verirrt sich im Raum, um dann an eine Wand zu stoßen. Darüber, nicht verbunden mit der Säulenzone, reiht sich Schacht an Schacht, verbunden durch leere, abgeschlossene, unarchitektonische Zweidrittelkreis-Bögen. Kein halber Kreis, der nach unten paritätisch geöffnet und ein Bild für die Hälfte der Welt wäre, oben Himmelsgewölbe, unten die Erde. Der eingezogene Bogen ist völlig anders, er ist abgeschlossen, leer, starr, enthoben, er entwickelt sich nicht, er schließt seine eigene Sphäre ab. Er ist statisch, reiht sich in Innenräumen nur an weitere solcher Bögen, richtungslos sich in perspektivischer Leere verlierend, haltlos, und an Fassaden trägt er in starrer Reihung die schwere Wand.

Ist da sonst gar nichts?

Er ist in der Tat die einzige architektonische Form, die der Islam je erfunden hat. Alle anderen Formen, Grundrisse und Aufrisse hat der Islam von woanders übernommen. So wie die Form dieser Säulen. Die Kapitelle sind wohl römisch, sie wurden aus einer römischen Ruine ausgebaut oder aus einer demolierten Kirche entwendet, und die Säulenschäfte, wenn keine Spolien, sind mechanisch nach dem Vorbild römischer Säulen gemeißelt. Sie haben architektonisch mit dem Oberbau nichts zu tun.

Andere Bogenarkaden im islamischen Bereich bestehen oben aus einem klassischen Halbkreis: Kopien römischer und christlicher Baukunst, keine eigene Schöpfung. Oder sie sind angespitzt: Übernommen von den Sassaniden, später aus der Kreuzfahrergotik. Allein jener Dreiviertel- oder eingezogene Halbkreis, im unteren Segment offen und von zwei zu dünnen Säulen gestützt, ist eine islamische Architekturerfindung – die einzige. Weiter ist da nichts erfunden worden. Nichts!

Künstlerischer Stillstand, Un-Architektur. Bis ein paar osmanische Baumeister im 16. und 17. Jahrhundert den justinianischen Bau der Hagia Sophia von Konstantinopel übertreffen wollten. Mehmet Sinan versuchte mit seinen Schülern eine Art türkischer Renaissance einzuleiten. Es blieb ein kurzer Versuch, danach war Schluss. Obwohl Sinans und Agas Bauten vergleichsweise große Leistungen darstellen, haben sie kein Raumkonzept erschaffen, das über den frühen byzantinischen Kuppelbau (die Hagia Sophia) hinausginge. Sie gehen nach ganzen tausend Jahren sogar mehrere Schritte zurück: In ihren Bauten gibt es noch immer keine Richtung. Seit dem Anfang der islamischen Architektur stößt man nach etwas Raumgeschwebe nur auf Wand.

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Hier sind wir jetzt im 17. Jahrhundert (Agas Blaue Moschee in Istanbul). Die Reihungen der kleinen Kuppelfenster sind rein frühbyzantinisch, keine Entwicklung sollte stattfinden. Aufgegeben wurde die Raumrichtung der Hagia Sophia, deren mächtiger Zug der Kuppeln und Rhythmus aus Säulenreihen mit offenem Raum fehlen. Die bloß aufgesetzten, angeschnittenen Kuppelsegmente wirken unmotiviert, unnötig, architektonisch unglücklich, die Gruppierungen der Fenster finden keinen Rhythmus, der Blick irrt verloren durch den Raum und stößt an schwebende, dicke Wände. Dafür überzieht kalligraphischer Dekor die Flächen. Dekor!, Ornamente!, keine Gestaltung, keine Tektonik. Flächen!, keine Wände. Richtungslosigkeit!, kein Raum, der etwas wollte.

Der Bau besitzt außer Schichten von Kuppelsegmenten nicht einmal eine Fassade, die den Namen verdient. Der Innenraum ist riesengroß, er will außer Riesenhaftigkeit keinen Ort und keinen Inhalt. Ich habe ratlos darin gesessen, das Fehlen von Sichtachsen und architektonischen Bezügen erzeugt eine Illusion von immer Gleichbleibendem, eine lethargische Illusion von Präsenz ohne Realität.

Ich habe da nicht im 17. Jahrhundert gesessen!, ich habe nirgendwo gesessen.

Das soll Architektur sein?

Später baute man von Meknès über Kairo bis Baghdad wieder den abgeschlossenen Zweidrittel- oder Dreiviertelkreisbogen über zu dünnen Säulen. Mit angespitztem oder rundem Bogen. Aus. Mehr sollte nicht stattfinden. Man hat sich entschieden, dass nichts weiter stattfinden durfte.

Noch heute baut man in arabischen Ölmilliardär-Staaten gigantische Moscheen nach diesem Schema, ins Enorme gesteigert, strahlend weißer Beton mit lächerlich riesigen, unverbundenen, unmotivierten Kuppeln, innen aus lauter Gold und Marmor und Protz: Keine Architektur, keine Idee, keine Aussage!, sondern Renommieren en gros.

Das ist die Aussage. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.

Vom siebten Jahrhundert bis heute entwickelt sich da nichts. Die immer gleichen Formen werden in unterschiedlicher Anordnung aufgebaut, aus. Es gab keine Erforschung der Tektonik und eine möglichst weitgehende Öffnung der Wände durch sinnlich erfahrbare Rippenkonstruktionen wie in der europäischen Gotik, und es gab keine Renaissance mit Humanismus und unabhängigem, wissenschaftlichem Geist, keinen Barock mit erstarkendem Bürgertum, durch Forschung vermehrtem Wissen und Aufblühen der Kunst!, es gab kein siècle des lumières, keinen Klassizismus mit Judenbefreiung, weiblichem Selbstbewusstsein, Aufklärung und der Befreiung aus selbstverschuldeter Unmündigkeit. Kein Leonardo da Vinci, kein Baal-Schem-Tov, kein Michelangelo, kein Magellan, kein Descartes, kein Shakespeare, kein Lorrain, kein Newton, kein Leibniz, kein Händel, kein Tiepolo, kein Piranesi, kein Moses Mendelsohn, kein Rebbe Nachman, kein Voltaire, kein Mozart. Kein Benjamin Franklin und Abraham Lincoln weit und breit, keine Sklavenbefreiung. Es gibt da bloß die Scharia, die Hadithe und die Imame und die Clanchefs und den dauerempörten Krieg Aller gegen Alle und den unstillbaren Hass auf Israel, es gibt da bloß den postnazistisch-islamistischen Sayyid Qutb und die immer wiederholten, mal so und mal so kombinierten Reihungen aus Bögen mit leerem, eingezogenem Zweidrittelkreis, das unheimliche, bildlose Bild für jenes Allah-Wesen, das den Menschen nichts als die Forderung zur Unterwerfung unter das absolute Nichts hervorbringen lässt.

Da ist kein Bild für einen Menschen, kein individuelles Ding, das da steht und sich das All betrachtet. Da ist nur die architektonische Evokation eines unerreichbaren, starren, abgeschlossenen Einzelgottes in großer Höhe, der sich alles unterwerfen will und keine menschliche Ethik und keinen unabhängigen Geist zulässt. Der unterworfene, in der Umma aufgehende Einzelmensch muss sich unten an die Wand drücken, derweil ihn eine sinnlose Kuppel und der leere eingezogene Halbkreis ansehen. Damals aus gestohlenem Stein, heute aus vergoldetem Beton.

Wie soll eine Kultur, die den Menschen und das Weltgebäude so sieht, jemals zu einem naturwissenschaftlichen, rechtlichen, forschungsfrohen, innovativen, individuellen Selbstverständnis kommen – – frei von Massakern und frei von Judenhass?

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Die unerkannte Völkerwanderung

Es ist seltsam, wie die Geschichte sich wiederholt. Während und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges haben die Briten, Herrscher über das Mandatsgebiet Palästina, was dem heutigen Israel mit Judäa, Samaria und dem Gazastreifen entspricht, die vor Hitler und Stalin fliehenden Juden mit militärischer Gewalt davon abgehalten, ihre ureigene Heimat zu betreten. Die Briten fühlen sich genötigt, die Juden daran zu hindern, die Mehrheit in dem verdorrten Mandatsgebiet zu bilden. Und das, obwohl die Araber des Mandatsgebietes die weltweit höchste Geburtenrate haben.

Letztendlich verlassen die Briten das Mandatsgebiet und verraten somit die dort lebenden Araber. Denn nun wandert der ganze Rest von Juden, den Hitler nicht eliminiert hat, nach Palästina, dem zukünftigen Israel.

Und heute? Heute versuchen keine Juden, sondern Menschen aus Afrika, deren Geburtenrate weit höher ist als die der Araber, nach England zu gelangen. Und was machen die Briten, die ihre Lektion vor 70 Jahren vergessen haben? Sie halten die Afrikaner mit militärischer Gewalt davon ab, ihre neue Heimat, ihr gelobtes Land, England, zu betreten. Die Briten befürchten, dass die Afrikaner zusammen mit den anderen Muslimen aus Indien und Pakistan, die bereits in England leben, bald die Mehrheit in England stellen werden, wie es in mehreren Städten Englands der Fall ist.

Letztendlich werden die Briten den Kampf um Calais, das Einfallstor nach England, verlieren, genauso wie sie damals die Schlacht um Palästina verloren haben. Doch dieses Mal werden sie nicht bei Nacht und Nebel einen schlanken Fuß machen. Sie werden bleiben müssen und am lebenden Leib erleben, wie ihre Macht auf der Insel schwindet.

Wie ist es vorstellbar, dass das mächtige England, der Kopf und das Herz des Vereinigten Königreiches, eine von der UNO anerkannte Weltmacht, Sieger zweier Weltkriege und der Schlachten von Trafalgar und bei Hastings, den Kampf um Calais gegen unbewaffnete Afrikaner verliert?

Ganz einfach! Bisher hat noch niemand eine Schlacht gegen eine Völkerwanderung gewonnen. Und heute befinden wir uns mitten in einer erneuten Völkerwanderung, die von Nordafrika nach Europa zieht. Die Völkerwanderung ist so gewaltig, dass man sie vor lauter Flüchtlingen nicht sieht. Die Menschen kommen nicht alle auf einmal und sie verteilen sich. Die Staaten der EU teilen sie in Flüchtlinge, Asylanten, Einwanderer und Betrüger ein. Es ist vollkommen gleichgültig, wie man sie einordnet. Diese Menschen brauchen keine Papiere. Auch die Römer zählen die einzelnen Germanen nicht, als diese die Grenzen des Imperium Romanum überrennen.

Die größten geschichtlichen Phänome der Menschheit sind die Völkerwanderungen. Die erste nachweisbare Völkerwanderung findet vor vielen Jahrhunderttausenden statt, als Afrikaner sich entschließen, ihren Kontinent zu verlassen und ans östliche Mittelmeer gelangen bevor es nach Europa und Asien weitergeht. Wir können wissenschaftlich akkurat nachweisen, dass Völkerwanderungen immer auf Klimawandel basieren. Somit steht fest, dass es ohne Klimawandel keine menschliche Geschichte gegeben hätte, schon deshalb nicht, weil die Entstehung des Menschen den Klimawandel voraussetzt.

Das erste, was der Mensch tut, als er die Schrift entdeckt, ist, die große Völkerwanderung aus Afrika schriftlich zu fixieren. Da einige hunderttausend Jahre vergehen, wird Afrika in den Irak verlegt und die ganze Völkerwanderung als Vertreibung aus dem Paradies verherrlicht. Selbst der schlaue Luther übernimmt diese Phantastereien.

Klimabedingte Hungersnöte lösen noch viele weitere Völkerwanderungen aus. Den deutschen Schülern bekannteste Völkerwanderung lässt germanische Stämme vom heutige Baltikum in Richtung Süden ziehen. Nach wenigen Jahrhunderten haucht das Römische Reich, das mächtigste Imperium, welches nur vom British Empire übertrumpft wird, seinen Lebensatem aus. Tausend Jahre später erzwingt eine andere Klimaveränderung mit Hungersnot in Zentralasien eine Völkerwanderung, die letztendlich in den Untergang des verbliebenen griechischen Ostroms endet.

Die heutige Völkerwanderung hat ihren Ursprung im nördliche Zentralafrika und basiert eher auf die unnatürliche Vermehrung der dortigen Einwohner als auf einen Klimawandel, den abendländische Ideologen zur Klärung allen Übels herbeizerren. Die afrikanischen Menschen strömen nach Norden bis sie auf die Mittelmeer-Barriere stoßen. Dort vereinigen sie sich mit Arabern aus dem Nahen Osten, die vor grausamen Kriegen flüchten, welche sie sich selber zufügt haben. Die nahöstlichen Araber verfälschen das Bild, da ihre Völkerwanderung sich „zufällig“ ereignet und die Fliehenden lediglich einige wenige Millionen zählen. Zusätzlich gelangen wenige Hunderttausend meist christliche Roma aus dem westlichen Balkan vor allem nach Deutschland, weil sie in ihren „Gastländer“, die ihre Heimat ist, verfolgt und in allem benachteiligt werden. Bei den Schwarzafrikanern und den arabischen Jemeniten, die bisher kaum erwähnt werden, beruht die Völkerwanderung auf eine überaus starke Vermehrung der Bevölkerung, die in ihrer Heimat nicht genügend Nahrungsmittel und Arbeit findet um zu überleben. Diese Völker werden sich bis zum Ende unseres Jahrhunderts zahlenmäßig vervierfachen. Unsere Nachkommen werden sich Hunderten von Millionen Menschen aus Afrika gegenüberstehen, die nach Europa ziehen.

Wenn wir uns dies vergegenwärtigen, erkennen wir sofort, wie lächerlich der bürokratische Versuch ist, die Massen mit Hilfe von staatlichen Verordnungen und Stacheldraht an der Küste des Ärmelkanals zu stoppen. Die damalige stärkste Armee der Welt, die Legionen des Imperium Romanum, sind ebenfalls gescheitert! Was kann da die NATO ausrichten, die seit Menschengedenken keinen Krieg gewonnen hat?

Das Römische Reich ist zentralistisch aufgebaut, ähnlich der Europäischen Union. Das damalige Italien entspricht dem heutigen wirtschaftlich mächtigen Deutschland, der Wasserkopf Rom wird zu Brüssel. Seitdem hat die Technik gewaltige Sprünge vollzogen: Lastwagen, Eisenbahnen und Schiffe. Die Völkerwanderung braucht 500 Jahre, um das Imperium Romanum zu vernichten. 50 Jahre sind mehr als ausreichend, um die EU auszulöschen.

Das Verschwinden der EU wird allen seiner Bewohner Chaos, Verlust der Sicherheit und den meisten Armut bescheren. Auch die Militärallianz wird verschwinden, da die Interessen der Einzelstaaten allzu sehr divergieren und die NATO nicht fähig ist, einen äußeren Feind abzuwehren. Schon heute ist kein EU-Europäer bereit, sein Leben mit der Freiheit der Ukrainer, der Polen oder der Balten einzutauschen. Selbst der Großteil der Ukrainer, der Polen oder der Balten weigert sich, für ihre eigene Freiheit zu kämpfen. EU und NATO werden durch die Völkerwanderung niedergerissen, die Einzelstaaten bleiben mit gewissen heute noch nicht bekannten Modifikationen bestehen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die griechische Drachme das Zahlungsmittel der Mittelmeeranrainer wird (bleibt?).

Die Zukunft ist somit gar nicht düster, wenn man sie gewähren lässt und ihren Eintritt nicht durch sinnlose Maßnahmen verzögert. Verhindern lässt sich die Zukunft nicht.

Was können wir schon heute tun?

Zunächst müssen wir erkennen, dass es sinnlos und kontraproduktiv ist, die Menschen, die zu uns kommen, in Einwanderer, Flüchtlinge, berechtigte Asylanten und unter weiteren Fantasienamen zu unterteilen. Die wenigen, die wir an die Einreise nach Europa hindern können, werden hunderttausendfach in kurzer Zeit erneut Mauern und Stacheldraht überwinden. Bei der Mittelmeer-Barriere zeigen sich die Europäer schon heute gelehrig. Bereits jetzt haben die Briten die Schlacht um Calais gegen die Massen der Waffenlosen verloren. Auch ist es gleichgültig, ob wir die Menschen in Afrika vorsortieren oder nicht. Diejenigen, die wir nicht sofort hereinlassen, werden erneut versuchen die Hindernisse zu überwinden und werden nicht dort anklopfen, wo europäische Beamte die Grenzlücken nach Europa hüten. Es ist auch gleichgültig und nutzlos, die Angekommenen nach einem imaginären Schlüssel auf Staaten, Bundesländern, Regionen, Städte und Gemeinden zu verteilen. Wir haben und werden keine Möglichkeiten haben, den Fluss der Völkerwanderung zu leiten oder gar zu stoppen.

Heute profitieren viele Europäer und Deutsche davon, die unleitbaren Flüchtlingsströme zu leiten. Je eher die Politiker gezwungen werden, diesen Missstand zu beseitigen, desto besser.

Es gibt keine individuellen Flüchtlinge, Einwanderer oder Asylberechtigte. Alle sind Teil einer Völkerwanderung, die nicht beherrschbar ist. Wer sich der Völkerwanderung entgegenstellt, wird zertrampelt. Waffen, Zäune, Mauern, Polizisten und Hunde entfalten nur gegen Einzelne eine Wirkung. Noch niemanden ist es gelungen, eine Völkerwanderung zur Umkehr zu bewegen.

Hoffen wir, dass die Wanderer aus Afrika und aus der Arabischen Halbinsel sich noch daran erinnern, wie freundlich wir sie aufgenommen haben, wenn sie in Europa das Sagen haben werden.

PS:

Es ist inhuman und unlogisch, so gut wie keine Roma als bleiberechtigte Flüchtlinge anzuerkennen, mit dem miesen Trick, ihre Herkunftsländer als „sicher“ zu bezeichnen. Die meist christlichen Roma werden in ihrer Heimat verfolgt und benachteiligt, weil sie Roma sind. Aus demselben Grund wurden sie von den Nazis in KZs gesperrt und ermordet. Sie sollen wie die Juden, die in Deutschland ein ähnliches Schicksal erlitten haben, als Kontingentflüchtlinge anerkannt und aufgenommen werden.

Problematisch ist zweierlei. Zigeuner sind nicht erst seit den Nazis in Deutschland unbeliebt, weshalb sie auch heute von vielen Deutschen gemieden werden. Zum anderen herrscht in Europa und insbesondere in Deutschland eine kulturelle Untergangsstimmung, weshalb muslimische Flüchtlinge den christlichen vorgezogen werden.

Umim

Erschienen unter

http://www.huffingtonpost.de/nathan-warszawski-/die-unerkannte-voelkerwanderung_b_7948026.html

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Das Alte Testament

Religionen erkennt man daran, dass ihre Lehren aus alten Büchern und zerfallenen Schriftrollen stammen. Spätestens wenn die Inhalte der Bücher wegen Widersprüchen, unglaubwürdigen Ereignissen oder Menschenverachtung nicht hinterfragt werden dürfen, werden die Bücher heilig und gehören dem Kanon (griechisch Richtschnur) der Religion an. Nicht alle religiösen Bücher sind kanonisiert. Viele der Bücher verdanken ihre Aufnahme in den Kanon dem Zufall, manche fallen nach einiger Zeit wieder aus dem Kanon heraus.

Für den Ungläubigen oder Anhänger eines anderen Glaubens sollte der fremde Kanon keinen Einfluss auf den gewohnten Alltag haben. Die Satzung eines jeden Vereins gehört zum Kanon. Eine Satzungsänderung des lokalen Kaninchenzüchtervereins geht ohne überragende mediale Anteilnahme am Katzen- und Hundefreund vorbei. Anders, wenn der Staat ein neues Gesetz hinzufügt, welches dem Bürger viele €€ aus der Tasche zieht. In einem solchen Fall ist die Aufnahme des Gesetzes in den staatlichen Kanon schmerzhaft und beeinflusst das Verhalten eines jeden Bürgers.

Gesellschaften und eingetragene Vereine (e.V.), die über einen Kanon verfügen, liegen gewöhnlich dem Staat auf der Tasche. Anfangs bekämpfen sich die verschiedenen Gesellschaften als Konkurrenten um Einfluss, Macht und Geld. Mit der Zeit sehen sie ein, dass es zum Vorteil aller gereicht, wenn sie sich aus dem Wege gehen oder gar zusammenarbeiten, um sich des Geldes des Steuerzahlers zu bemächtigen. So haben sich Gewerkschaften und Kirchen in Deutschland zum Vorteil beider geeinigt, die Claims des anderen zu respektieren. Die Kirche diktiert ihren Angestellten die Arbeitsbedingungen, die großen Gewerkschaften erhalten wie die Kirchen einen konkurrenzlosen Alleinvertretungsanspruch, den keine Spartengewerkschaft in Frage stellen darf.

Aus diesen zufälligen (?) Beispielen lernen wir, dass der Kanon einflussreicher Gesellschaften sich wohl in das Privatleben des Bürgers einmischt und ihn um Geld erleichtert. Dies betrifft insbesondere unbescholtene Bürger, die keine Mitglieder oder Anhänger einer einflussreichen Kanon-Gesellschaft sind. So verwundert es nicht, dass Mitglieder des Deutschen Koordinierungsrates, des Dachverbandes der Christlich-Jüdischen Gesellschaften, sich vehement dagegen wenden, das Alte Testament AT aus dem Kanon der evangelischen Kirchen zu entfernen. Sie sehen darin einen weiteren Schritt zur zunehmenden Antijudaisierung der evangelischen Kirchen.

Prof. Dr. Notger Slenczka aus Berlin, der das AT aus dem evangelischen Kanon entfernen will, sieht es naturgemäß ganz anders. Er erkennt im Forschen nach religiösen Wahrheiten, die nach allgemeiner wissenschaftlicher Übereinkunft keine Wahrheiten sind, keinen Antijudaismus, wie sich der christliche Antisemitismus selber nennt. Unumstritten ist, dass ein evangelisch-christlicher Antijudaist den Herauswurf des “jüdischen“ AT herzlich herbeisehnt. Die Meinungen innerhalb und außerhalb der evangelischen Kirche gehen jedoch weit auseinander, ob die Dekanonisierung des AT die antijudaistischen Tendenzen innerhalb der evangelischen Kirche verstärken werden oder unbeeinflusst lassen.

Viele Christen gehen noch heute davon aus, dass sie mit den Juden das AT teilen. Dies ist nur bedingt richtig. Das Judentum kennt kein „Altes Testament“, sondern die „Thora“, die wie das christliche AT aus den fünf Büchern Moses besteht. Gültig ist für gläubige Juden nur das Original in Hebräisch, auch wenn Übersetzungen bei Bedarf zu Hilfe genommen werden. Die Unterschiede zwischen dem AT und der Thora sind beachtlich. Am offensichtlichstem treten sie beim Dekalog, den Zehn Geboten hervor, die im Mittelpunkt der Thora stehen. Es geht bei dem Kernstück der Glaubenslehren nicht um irrelevante Unterschiede. Im Gegenteil! Es ist beschwerlich, zwischen dem christlichen und dem jüdischen Dekalog eine Übereinstimmung zu finden. Um die Unterschiede zwischen einem deutschsprachigen AT und einer deutschsprachigen Thora zu verstehen, empfiehlt es sich, die Martin-Buber-Übersetzung einer beliebigen Martin-Luther-Übersetzung entgegenzustellen. Die Martin-Buber-Ausgabe reflektiert die Thora.

Nun wird es Zeit, die Gründe zu überprüfen, weshalb das AT aus dem Kanon der evangelischen Kirche entfernt werden soll.

Prof. Dr. Notger Slenczka aus Berlin ist der Überzeugung, dass die gesamte Bibel die Ankunft des christlichen Gottes zu preisen hat, was beim Neuen Testament augenscheinlich der Fall ist. Er ist gleich den Juden der Meinung, dass die Thora zu Zeiten, als das Neue Testament noch nicht das Licht der Welt erblickt hat, keineswegs die Ankunft eines christlichen Messias herbeigesehnt hat. Die Juden erwarten einen jüdischen Messias, der sich von Jesus, auch wenn er als Jude geboren worden ist, in allen wesentlichen Punkten unterscheidet. Laut Prof. Dr. Notger Slenczka aus Berlin ist Jesus nach der Thora höchstens der Messias für Judenchristen, also Juden, die zum Christentum konvertiert sind oder Jesus als Messias anerkennen. Letztere betrachten sich weiterhin als Juden, auch wenn sie aus der jüdischen Gemeinschaft ausgeschlossen sind. Die Thora gehört zum Kanon der Jews for Jesus!

Heidenchristen, die heute die allermeisten Christen weltweit darstellen, finden in der Thora keine Erwähnung. Somit findet für die allermeisten Christen auch Jesus in der Thora keine Erwähnung. Somit gehört die christianisierte Thora, das AT, wie auch die ursprüngliche hebräische Thora dekanonisiert, die nie Teil der christlichen Glaubenslehre und somit des Kanons gewesen ist! Die frühen Judenchristen haben nicht auf das Neue Testament gedrängt, ihnen hat die Thora vollkommen gereicht. Paulus, der Religionsgründer, ist ein hellenisierter Jude. Ob die Verfasser des Neuen Testaments geborene Juden sind, lässt sich nicht belegen. Vieles spricht dafür, dass sie Heidenchristen sind, die nicht für die wenigen Juden die Thora mit einem Neuen Testament vervollständigen, sondern für die Heiden der gesamten Welt ein Neues Testament schreiben, das die Gültigkeit der Thora beendet.

Der Standpunkt von Prof. Dr. Notger Slenczka aus Berlin ist logisch nicht widerlegbar und somit unabhängig von dem religiösen, unwissenschaftlichen Inhalt wissenschaftlich richtig.

Beabsichtigt der Deutsche Koordinierungsrat nur den Antijudaismus in der evangelischen Kirche eindämmen oder hat der Koordinierungsrat weitere existentielle Absichten?

Der Deutsche Koordinierungsrat, der Dachverband der Christlich-Jüdischen Gesellschaften, darf die Auffassung von Prof. Dr. Notger Slenczka aus Berlin nicht teilen, weil diese Auffassung sich gegen das Selbstverständnis und die Existenz des Deutschen Koordinierungsrates richtet. Der Sinn der Gesellschaften für Christlich-Jüdischer Zusammenarbeit ist die Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, liegt also nur auf religiösem Gebiet. Die Christlich-Jüdischen Gesellschaften haben es geschafft, den Judenstaat Israel vom Judentum zu entkoppeln, da ein relevanter Teil ihrer christlichen wie jüdischen Mitglieder zum Antizionismus neigen. Christliche und jüdische Freunde Israels versammeln sich in den Deutsch-Israelischen Gesellschaften DIG. Das AT/die Thora ist das letzte gemeinsame Band, welches Christen und Juden in den Gesellschaften für Christlich-Jüdischer Zusammenarbeit eint. Löst sich das letzte gemeinsame Band auf, so brechen auch der Deutsche Koordinierungsrat und mit ihm die Christlich-Jüdischen Gesellschaften auseinander.

Nun darf man Prof. Dr. Notger Slenczka aus Berlin nicht vorwerfen, bei seinen wissenschaftlichen Arbeiten zur Dekanonisierung des AT dies im Sinn gehabt zu haben. Die Auflösung der Christlich-Jüdischen Zusammenarbeit ist ein Nebeneffekt der Dekanonisierung, dem die Juden Deutschlands nicht nachzutrauern brauchen.

Grab-02

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