Da war doch was… Teil 2.

Von der niederbayerischen Provinz ins platte Ostwestfalen, von Geiselhöring nahe Straubing nach Herford bei Bielefeld (Sie wissen schon: die Stadt die´s gar nicht gibt). Ich will den geneigten Leser nicht über Gebühr mit Provinzpossen der Marke ´muss nicht´ oder ´hat sich schon´ nerven. Wenn mein Freund Nathan über Düren herzieht bleibt ohnehin kein Auge trocken. Tatsächlich bietet, entgegen anderslautenden Allgemeinplätzen, das Hinterwäldle oft mehr als nur den üblichen Klatsch und Tratsch, und manchmal kracht´s dort auch so richtig; wie gestern in der Kreisstadt Herford, gleich bei mir um die Ecke.

Was war geschehen und was hat das Ganze mit Geiselhöring zu tun? Manches. Und mehr. Das öde Provinznest verwandelte sich am Mittwochabend kurzzeitig in eine Frontstadt. Herford geriet unversehens in den Focus von Auseinandersetzungen, deren Verbissenheit und Härte nur jene überraschte, denen gewisse Vorgänge im Orient als unverbindliches Katastrophenkino im heimischen Wohnzimmer die Langeweile vertreiben. Tritt der Furor aber aus der öden Muffelbude vor die eigene Haustüre, dann stört er plötzlich; aber gewaltig. Findet der ´Krieg´ nicht mehr in der Glotze sondern um die Ecke statt, dann findet das Otto Normal Michel gar nicht mehr gut.

Auslöser der ´Ereignisse´ war eine spontane Demonstration der Jesidischen Gemeinde gewesen. Die fand in der Innenstadt Herfords statt. Ob der ´Aufmarsch´ wirklich so spontan war wie behauptet, sei mal dahingestellt. Jedenfalls versammelten sich, laut Polizeibericht, rund 300 Jesiden, unter anderem auch aus Bielefeld, Lippe, dem Kreis Kleve und Hannover, um gegen ISIS und die Salafisten zu demonstrieren. Erinnert: Die ISIS, deren Kämpfer weite Teile des Irak kontrollieren, befindet sich auf einem als heilig empfundenen Ausrottungsfeldzug, dem vor allem die sogenannten Ungläubigen scharenweise zum Opfer fallen. Mittlerweile liefert sich das Exekutionskommando der Rechtgläubigen heftige Kämpfe mit den im Norden des Landes ansässigen Peschmerga-Milizen, die nicht einfach tatenlos zusehen wollen, wie ihre kurdischen Brüder und Schwestern massakriert werden. Die ´Spontandemonstranten´ in Herford ließen ihrerseits nicht mit sich spaßen. Zeitweise blockierten sie den Verkehr auf einer der wichtigsten Durchgangsstraßen (die passenderweise den Namen ´Auf der Freiheit´ trägt). Es kam nach Angaben der Ermittler schon vorher zu Sachbeschädigungen und Körperverletzungen im Innenstadtbereich.

Das war aber bloß der Anfang. Die ´Proteste´ eskalierten nach einem Zwischenfall, der so bezeichnend wie ärgerlich, in jedem Fall extrem aufschlussreich ist. Zitieren wir diesbezüglich das heimische Käseblatt, die Neue Westfälische Herford:

„Nach Informationen von Polizeisprecher Michael Albrecht war es gegen 16 Uhr vor einem Imbiss in der Nähe des Bahnhofs zwischen fünf Jesidischen und sechs Salafisten zu einer Schlägerei gekommen. Dabei seien ein 30-jähriger und ein 16-jähriger Jeside verletzt worden. Die Beteiligten sollen mit Flaschen und einem Messer bewaffnet gewesen sein. Anlass der Schlägerei soll ein Racheakt für einen Streit am Nachmittag gewesen sein. Zu der Zeit hatte der 30-jährige – ein Herforder Imbiss-Wirt – Plakate in der Innenstadt aufgehängt, die zu einer Jesiden-Demonstration am Freitag gegen die Terrorgruppe „Islamischer Staat in Irak und Syrien“ (ISIS) aufrufen. ISIS wird von Jesiden für den Völkermord in Syrien und im Irak verantwortlich gemacht. Beim Aufhängen der Plakate geriet der Wirt mit mehreren Salafisten aneinander, wobei es auch zu einem Handgemenge gekommen sein soll.“

Das war der Startschuss, sozusagen das Trompetensignal zum Angriff – die Artilleriesalve, mittels derer in den konventionellen Kriegen der Vergangenheit das glorreiche Schlachten grollend eröffnet wurde. Hier, in Herford, ging´s umso zügiger zur Sache. Da schlug unter anderem „eine größere vermummte und mit Schlagwerkzeugen bewaffnete Menge auf Passanten ein“, wie es von Seiten der Polizei hieß. Nur durch einen massiven Einsatz von Pfefferspray haben die Ordnungshüter die Lage halbwegs unter Kontrolle bringen können. Insgesamt mussten mehrere Personen im Krankenhaus behandelt werden. Aus dreihundert Jesiden wurden im Nu deren Hunderte. Das soziale Netzwerk half. Über Facebook konnten binnen kurzem Legionen von Mitkämpfern mobilisiert werden. Von einer bedrohlichen Szenerie sprach ein Anwohner, der den ´Auflauf´ vom Fenster aus beobachtete und der natürlich nicht namentlich erwähnt werden möchte. Die nunmehr zur Streitmacht angeschwollene Gemeinde der Jesiden wussten sich darob umso besser Aufmerksamkeit und Gehör zu verschaffen:

„Die Jesiden skandierten durch ein Megafon den Namen ihrer kurdischen Partei, beschimpften Salafisten und forderten zum Zusammenhalt auf:

„Wir sind eure Freunde, die Salafisten eure Feinde. Jesiden! Jesiden! Jesiden!“
Starke Polizeikräfte aus allen Behörden Ostwestfalens und Beamte der Einsatzhundertschaften aus Bochum, Dortmund und Münster sorgten für eine Trennung der Gruppen und begleiteten die Tumulte, die gegen 21.30 Uhr zu Ende gingen. Die Kriminalpolizei hat die Ermittlungen aufgenommen. Sechs Männer aus Herford, Hiddenhausen und Hamburg wurden festgenommen.“

Der Blick in die Zukunft fällt verhalten aus. Die Tatsachen lassen kaum Gutes ahnen:

„Als eine 86-köpfige Gruppe von Personen kontrolliert wurde, fanden die Beamten Schlagwerkezuge und eine Schusswaffe. „Auch am heutigen Tag erhält die Polizei Herford Unterstützung von Beamten einer Einsatzhundertschaft und wird starke Präsenz insbesondere in der Innenstadt zeigen. Wir werden dem Versammlungsrecht unterliegende Veranstaltungen schützen, jedoch keine gewalttätigen Aktionen dulden“, heißt es von der Polizei.“

Insgesamt offener, auch ehrlicher ging die NW Bad Oeynhausen mit dem ´Vorfall´ um. Ihr Bericht lag einige Stunden später vor. Die Wortwahl fiel ungleich schärfer aus. Aus den Vorfällen wurden nun ´schwere Tumulte´. Das klingt angesichts der Tatsachen fast noch untertrieben. Die Schlagzeile selbst traf den Sachverhalt besser:“ Jesiden und Salafisten bekämpfen sich in Herford“ Auch scheinen die Rechercheure der Kurstadt besser hingehört zu haben als ihre Kollegen aus der Herforder Ortstube. Ein Salafist wird mit den Worten zitiert:“ Wir schlachten euch alle ab, ihr seid Ungläubige.“ Das lässt kein wackerer Jeside lange auf sich sitzen:“ Vom Grillhaus an der Steinstraße (…) liefen die Jesiden dann durch die Stadt auf der Suche nach Salafisten, die sich ebenfalls versammelt hatten. (…)

Die Hatz war eröffnet. Der Mob tobte. Auf den entsprechenden Photos waren natürlich fast nur Kerle zu sehen, das ist im klassischen Krieg ja auch so üblich, und irgendwie erinnern diese Typen spontan an die sattsam bekannte, im Vollzug ihrer beruflichen Extrempositionen nicht gerade zimperliche Türsteher-Fraktion. Mal kräftig rauf auf die Fresse.

Genug. Jetzt wissen wir also, wie so was läuft, Irrtum ausgeschlossen: Es reicht vollkommen, ein Plakat aufzuhängen und darauf mit blöden Sprüchen zu reagieren; Sekunden später fliegen schon die Fäuste, dann zieht irgendwer das Messer und eine friedliche Kleinstadt versinkt in Chaos und Anarchie. Kleine Kinder zanken sich ähnlich; die Eltern werden´s schon richten. Ohne das gewaltige, eilig herbei georderte Polizeiaufgebot (Hundertschaften aus ganz NRW) hielten die ´Kämpfe´ wohl noch immer an. Vielleicht branden sie auch wieder auf. Das erinnert nicht von ungefähr an Bandenkämpfe im fernen Mexiko oder das Stammesgemeuchel am Horn von Afrika. Die Vorgänge in Herford haben deutlich gezeigt, was diese ´Glaubensgemeinschaften´ vom europäischen Rechtsstaat halten. Anstatt den auslösenden Vorfall umgehend der Polizei zu melden und den Strafverfolgungsbehörden das Feld zu überlassen, rüsteten sich die Clanmitglieder lieber zur Endschlacht. Verbalattacken und Handgreiflichkeiten ziehen Großaufmärsche nach sich, die dann zu bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen führen. Gestern in Herford. Morgen auch in Ihrer Kleinstadt.

Überhaupt haben sich hier zwei gefunden, könnte man sagen. Dort die Sekte der Jesiden, deren Angehörige einem rigiden Kastensystem unterworfen sind, das man ehrlicherweise als praktizierten Ethno-Rassismus bezeichnen muss, dort die Über-Eiferer von der Salafiya, deren Wortführer davon überzeugt sind, dass Milliarden von Ungläubigen in der Hölle landen werden, was aber insgesamt zu lange dauert, weshalb sie es als ihre Pflicht ansehen, schon zu Lebzeiten ein wenig nachzuhelfen. Jesidistan gegen Salafisistan; ausgetragen in Deutsche-Land. Eine starke Auseinandersetzung, das. Ein Zu-Null Spiel, taktisch eher plump, aber mit zäher Abwehr und forschem Angriffsfußball. Die Deutschen haben den zweiten Weltkrieg verloren und gucken, ängstlich hinter Vorhängen und Gardinen versteckt, dem Treiben zu. Rudelglotzen war gestern. Die Polizei setzt derweil auf Deeskalation. Und unsere Bundesregierung versorgt das saudische Königreich mit Panzern der Marke Leo. Absurdistan live und in Farbe.

Aber das ich es nicht vergesse: Eine komische Note hatte der gestrige Vorfall auch. Sogenannte Mahnwachen verschiedener politischer Gruppen gegen den Krieg im Gaza-Streifen, deren ´Aktivisten´ dummerweise auch in der Innenstadt präsent waren, mussten auf der Stelle abgebrochen werden. Nicht durch die Polizei. So schnell konnte die gar nicht vor Ort erscheinen, da waren die mutigen Menschenrechtler auch schon verschwunden. “Als fünf Salafisten an uns vorbei gerannt sind,“ erklärt Andreas Höltke von der LINKEN,“ haben wir gedacht, wir räumen jetzt lieber den Platz.“ Ja, da kennen sie nichts, die wagemutigen Vorkämpfer für den Weltfrieden: mögen in Gaza schon die Waffen ruhen, sie strecken rasch die eigenen, tost der Krieg einmal an ihnen selbst vorbei, da hat sich´s dann mit der ´Zivilcourage´, da zählt nur noch das Fersengeld.

Der Schlachtenlärm von Herford tönte nicht bis Geiselhöring. Und die friedliche Demonstration der dort ansässigen Exil-Christen wurde weder in Herford noch sonst wo in unserer Republik zur Kenntnis genommen. In multikulturellen Gesellschaften verschaffen sich die rabiaten Monokulturen eine Aufmerksamkeit, die nur jene kratzt, denen der begleitende Aufruhr nicht am langen Arsch vorbei geht, weil sie direkt betroffen sind. Der Rest schweigt sich aus. Ob in Herford oder Geiselhöring: tut nichts zur Sache. –

Shanto Trdic, 07.08.14

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20 Antworten zu Da war doch was… Teil 2.

  1. Dante schreibt:

    In multikulturellen Gesellschaften verschaffen sich die rabiaten Monokulturen eine Aufmerksamkeit,…

    Multikulturelle Gesellschaften sind nur in Imperien klassischen Zuschnitts möglich, bisher jedenfalls war es immer so. Mit einem starken Staat, der mit jedem, der Rabbatz machte, rücksichtslos umging. Die Ereignisse beweisen das eigentlich nur noch. Ich wusste selbst bis vor ein paar Tagen noch nicht, dass ich eigentlich überzeugter Imperialist bin und dass wohlverstandener Imperialismus nichts Schlechtes und schon gar nichts Inhumanes sein muss. Die Ereignisse des gegenwärtigen 3. Weltkrieges – so empfinde ich das mittlerweile, wenn das nicht nach dem Kalten Krieg schon der 4. Weltkrieg ist – überzuegen mich restlos davon.

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  2. Gudrun Eussner schreibt:

    Wer wissen will, wie’s in der Gegend so war, bevor sie neu bevölkert wurde, der höre bitte dies:

    Das ist so ca. 10 Km von Herford entfernt, in Lippe. Meine Omma meinte immer, vor denen müßte ich mich vorsehen. Sie kannte aber keine Muslime.

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  3. Aristobulus schreibt:

    Hi Shanto. Ihr Schreibstil in allen Ehren, aber er wirkt bei diesem Thema nicht angemessen: Im Ex-Irak werden Jesiden derzeit massengemordet, und hierzulande werden sie von jenen lebensbedroht, die im Ex-Irak zu Hause sind.

    Jesiden tun keinem etwas, sie fielen bislang nicht auf. Freilich wissen Jesiden seit vielen hundert Jahren genau, wer ihr Feind ist – den sie sich nicht ausgesucht haben.
    Hiesige Jesiden sind Religions- und Kulturflüchtlinge, weil sie von Mehrheitsmoslems in Kurdistan seit je her wie Vieh behandelt werden. In diesem Herforder Imbiss haben sich angegriffene Jesiden gegen Moslems verteidigt, zwei Jesiden wurden verletzt.
    Keinerlei „das glorreiche Schlachten grollend eröffnet“ also!, und erst Recht kein „Mob“ im Zusammenhang mit Jesiden, es besteht kein Grund dafür. Es geht um deren Selbstverteidigung gegen IS-Moslems.

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    • anti3anti schreibt:

      Unsere Sympathien sollen den Jesiden gelten, nicht dem IS. Genozid ist das schlimmste Verbrechen auf Erden!
      Momentan „profitiert“ Israel vom Terror des IS, der auch die Hamas bedroht. Der deutsche Mainstream verwickelt sich in Widersprüche: Israelhasser verteidigen den Völkermord an die Jesiden! Die amerikanische Hilfe, um den Genozid zu verhindern, ist „unangemessen“, da ungezielt IS-Zivilisten getötet werden.
      Lang lebe Dresden! Lang lebe Käsmann!

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      • Dante schreibt:

        Jemand, dessen Sympathieen dem IS gelten, ist für mich schlimmer als ein Nazi. Andererseits kann, logisch gedacht, der beispiellose Terror des IS eventuell sogar die Hisbollah dazu bringen, Israel nicht mehr als Hauptfeind zu betrachten. Die sunnitische HaSSmas mag sich ggf. mit IS arrangieren können, die schiitische Hisbollah auf gar keinen Fall.

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      • anti3anti schreibt:

        Der IS wird die Hamas eliminieren, da er keine Konkurrenz verträgt. Es gibt ja schließlich nur einen Allah und einen Koran! Die Hamas könnte in den IS aufgehen – natürlich ohne die hohen Funktionäre, die liquidiert werden – was zur Folge hätte, dass es keine oder eine palästinensische Terrororganisation weniger gäbe. Der IS erkennt keine Nationalitäten an, er kennt nur sunnitische Muslime (Araber?).

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      • Dante schreibt:

        Jedenfalls wären die Hamas-Funktionäre am Ar*** und daher schön blöd, wenn sie jetzt, gesetzt den Fall, es sei überhaupt möglich, tatsächlich Israel vernichten würden.

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      • anti3anti schreibt:

        Hamas ist bösartig UND blöd, Nazi-like.

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      • Aristobulus schreibt:

        Genaugenau. Und was taten die Nazis miteinander: Haben einander augebootet, angeschwärzt, bekämpft. Wehrmacht hasste SS, die SS sah auf SA herab, Göring kleidete aich reichsjägermeistermäßiger als jeder sonst, und gegen Ende wollten sie alle untergehen, haben wie der Major Remer den Untergeher Hitler nicht stürzen lassen.

        Analog wird IS Hamas umbringen und Hamas wird Assassinen losschicken, und Hisbollah wird sich von Iran verraten vorkommen und Verrat begehen.
        Vielleicht passiert das alles schon jetzt

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      • Dante schreibt:

        Die Assassinen, wohl bemerkt, waren im Vergleich zu heutigen Selbstmordattentätern geradezu ritterlich, weil sie nicht möglichst viele in den Tod reißen, sondern einzelne Personen eliminieren wollten, die sie für Schurken hielten.

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      • anti3anti schreibt:

        Die Assassinen waren Auftragskiller. Sie waren keine religiösen Idealisten, die die Menschheit bekehren und morden wollte. Im Vergleich zum IS sind sie im reinsten Wortsinn eine ehrenwerte Gesellschaft.

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      • Aristobulus schreibt:

        Stimmt 🙂 .
        Bei Assassinen kommt mir leicht das fronzösischö les assassins durch

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    • Dante schreibt:

      Sie tun keinem Außenstehenden was, weil sie eine nichtmissionarische Religion sind. Es kommt jedoch leider auch da zu so genannten Ehrenmorden, etwa wenn eine junge Jesidin sich in einen Moslem oder Christ verliebt.

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  4. schum74 schreibt:

    Danke auch für diesen Artikel, Shanto Trdic.

    Sie berichten natürlich aus vierter oder fünfter Hand, so dass es unmöglich ist, sich ein eigenes Bild von den Ereignissen in Herfords Innenstadt zu machen.

    So viel ist klar: Darin verwickelt sind Jesiden und Salafisten und es geht um ISIS-Herrschaft im Irak.
    Ebenso klar ist Ihre Haltung zu besagten Ereignissen: „Überhaupt haben sich hier zwei gefunden, könnte man sagen“. Mit anderen Worten: Jacke wie Hose. Beide Gruppen sind in gleichem Maße gewalttätig, Beide haben Unrecht.

    Ich war in Herford nicht dabei, doch habe ich gelernt, bei Berichten über Gewalt auf offener Straße misstrauisch zu sein.
    So konnte man unlängst in der französischen Presse von Zusammenstößen am 13. Juli 2014 in Paris zwischen der jüdischen Selbstverteidigungsliga (LDJ) und pro-palästinensischen „Militanten“ lesen. Was war geschehen? Die „Militanten“ hatten nur versucht, die Synagoge in der Rue de la Roquette samt Juden drin in Brand zu stecken.
    Schuldstand beider Seiten: 1:1.

    Die Jesiden wollen wohl auf einen Notstand aufmerksam machen, den Die Zeit vom 07.08.2014 („40.000 Jesiden von IS eingekesselt“) folgendermaßen beschreibt:

    Jesiden bilden eine religiöse monotheistische Minderheit, die vor allem bei Kurden im Nordirak verbreitet ist. Die Islamisten hatten ihnen ein Ultimatum gestellt, entweder zum Islam überzutreten oder getötet zu werden, sagte ein Jesiden-Sprecher. Die kurdische Nachrichtenagentur Bas News berichtete am Wochenende, 88 junge Männer seien in Sindschar von den IS-Kämpfern hingerichtet worden.

    Die IS-Terroristen hätten Jesiden aus der Stadt Sindschar vertrieben, berichtete die jesidische Politikerin Vian Dakhil. Die Menschen seien vom Tod bedroht. Die Dschihadisten hätten Frauen als Sexsklaven gefangengenommen, Kinder würden sterben.

    Der irakische Vertreter des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen, Marzio Babille, sprach von einem Desaster: „Es gibt kein Wasser, keine Vegetation, die Menschen sind völlig abgeschnitten und von der IS umringt“, sagte er.

    http://www.zeit.de/politik/ausland/2014-08/is-irak-terror-christen

    Es ist schon in leichteren Fällen demonstriert worden.

    Anstatt den auslösenden Vorfall umgehend der Polizei zu melden und den Strafverfolgungsbehörden das Feld zu überlassen, rüsteten sich die Clanmitglieder lieber zur Endschlacht
    schreiben Sie.

    Was war der auslösende Vorfall? Ein Plakat „mit blöden Sprüchen“. War für Sprüche?
    Die von Ihnen zitierte Neue Westfälische Herford weiß nur von „Plakate[n], … die zu einer Jesiden-Demonstration am Freitag gegen die Terrorgruppe ‚Islamischer Staat in Irak und Syrien‘ (ISIS) aufrufen“.
    Was hätte wer der Polizei melden sollen? Demonstrationen sind nicht genehmigungspflichtig.

    Immer noch die Neue Westfälische Herford:

    Die Jesiden skandierten durch ein Megafon den Namen ihrer kurdischen Partei, beschimpften Salafisten und forderten zum Zusammenhalt auf:
    „Wir sind eure Freunde, die Salafisten eure Feinde. Jesiden! Jesiden! Jesiden!“

    Kein Zitat zu den Beschimpfungen. Der zitierte Satz klingt nicht nach: „Salafist, du feiges Schwein…“

    Bei einer Schlägerei in der Nähe des Bahnhofs „zwischen fünf Jesidischen und sechs Salafisten“ seien „ein 30-jähriger und ein 16-jähriger Jeside verletzt worden“ sagt Polizeisprecher Michael Albrecht (laut Neue Westfälische Herford).

    Hm. Ein bisschen einseitig, nicht? Solche Einseitigkeiten kennt man auch aus der französischen Presse. Laufen zwei Juden mit Kippa herausfordernd an einer muslimischen Gruppe vorbei. Beim darauf folgenden Gemenge liegen die Juden verletzt auf dem Bürgersteig. „Conflit inter-communautaire“.

    „Die Beteiligten sollen mit Flaschen und einem Messer bewaffnet gewesen sein.“
    Die Beteiligten auf beiden Seiten? Das erfahren wir nicht.

    Ich weiß es nicht besser, sehr geehrter Herr Trdic. Ich sagte schon: Ich bin misstrauisch.

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    • Dante schreibt:

      So was wie „gleichermaßen Unrecht“ haben auf gar keinen Fall beide Gruppen. Das anzunehmen wäre eine typisch deutsch-gutmenschliche Ausgeglichenheits-Ideologie, die Dinge „gleich“ macht, die einfach bekacktnochmal nicht gleich sind. Die Jesiden haben ein durchaus nachvollziehbares Anliegen: Überleben. Die Salafisten haben nur das Anliegen, alles in eine einzige salafistische Einheitssoße zu verwandeln und jeden umzubringen, der si dem widersetzt. Der Unterschied ist also in etwa so wie der zwischen beiden Koreas oder, besser noch, zwischen einem indigenen Stamm in Kambodscha und den Khmer Rouge.

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    • Dante schreibt:

      Nachtrag: Aber bekanntermaßen hatten auch die Khmer Rouge ihre nützlichen Idioten in der alten Bundesrepublik Deutschland. Ich hätte mir als Jugendlicher nie träumen lassen, dass ich einst FJS („ihr seid die besten Nazi, die es je gegeben hat“) mal 100% Recht geben würde.

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