Die Einsamkeit Israels

Auf Einladung nicht-antisemitischer Linken stellt der Politikwissenschaftler, Historiker, Philosoph und Journalist Stephan Grigat am 28.11.14 in Erkelenz sein neuestes Buch vor. Daneben ist der Antisemitismusforscher Mitbegründer und wissenschaftlicher Direktor der Kampagne „Stop the Bomb“, die den Bau und den Abwurf von iranisch-schiitischen Atombomben zur Vernichtung des Judenstaates Israel verhindern will.

Der folgende Artikel basiert auf dem Vortrag und dem Buch und ist zusätzlich mit weiteren zum Verständnis notwendigen Details ergänzt.

Mehr als zwei Jahrtausende haben Juden unter dem Antisemitismus, der früher andere Namen führt, gelitten. Sie werden als Minderheit benachteiligt, verfolgt, vertrieben und umgebracht, weil sie Juden sind. Nachdem die Juden ihren Staat vor 2.000 Jahren verloren hatten, hörten sie auf, sich militärisch zu wehren. Den Wunsch, in die Heimat zurückzukehren, haben Juden nie aufgegeben. Tägliche Gebete geben bis zum heutigen Tag ein beeindruckendes Zeugnis ab.

Dank dem Fortschritt auf dem Gebiet der Kommunikation schließen sich die europäischen Juden im 19. Jahrhundert zusammen, um ihren Wusch zu präzisieren, seine Erfüllung selbst in die Hände zu nehmen und nicht mehr auf ein göttliches Wunder zu warten. Sie nennen sich Zionisten nach einem kleinen Hügel in Jerusalem. Die meisten Zionisten kommen aus Osteuropa, wo sie schweren Pogromen im Zarenreich unterliegen. Sie wollen ihre Sachen packen und so schnell wie möglich ins gelobte Land ziehen. Die westeuropäischen Zionisten, die weit weniger unter Antisemitismus leiden, sind Idealisten. Sie befürchten durch Assimilation das Ende des Judentums, welche durch einen Judenstaat verhindert werden soll.

Nur ein Bruchteil der Juden des 19. Jahrhunderts sind Zionisten. Das ändert sich schlagartig unter dem Nationalsozialismus, welches weite Teile Europas bedeckt. Nach dem Zweiten Weltkrieg sinkt die Zahl der Juden weltweit um ein Drittel von 18 auf 12 Millionen. Die allermeisten Juden sind nun vom Zionismus überzeugt, mit Ausnahme von kommunistischen Juden, selbst in Israel, die auf Geheiß Stalins zum Antizionismus verpflichtet werden.

Der Zionismus etabliert sich als Folge des Antisemitismus.

Frisch eingedenk des nationalsozialistischen Völkermordes an die Juden stimmen die Mehrheit der Staaten 1947 einem jüdischen Staat in Palästina zu. Insbesondere Staaten, die den Juden während des Genozids jegliche Hilfe verweigert haben, und ehemalige Hitler-Verbündete unterstützen die Resolution der Vereinten Nationen.

Der Wunsch nach jüdischer nationaler Selbstbestimmung ist bedeutend älter als der Holocaust. Sechs Millionen von den deutschen Nazis und ihren Verbündeten ermordeten Juden ist der Preis, die Hoffnungen zu verwirklichen.

In Westeuropa und insbesondere im demokratischen Deutschland sitzt der Schock der Judenvernichtung sehr tief. Der Antisemitismus wird verschwiegen und verdrängt, Juden in Europa werden wie rohe Eier behandelt, Israel wird zum Vorzeigeobjekt. Der Antisemitismus ist jedoch weiterhin präsent. Es gibt wenige verlässliche Zahlen, jedoch darf davon ausgegangen werden, dass die Anteile der Antisemiten im Kaiserreich, in der Weimarer Republik, in Nazi-Deutschland, in der BRD und der DDR nicht signifikant voneinander abweichen.

Die Teilung Palästinas in einem jüdischen und einem arabischen Staat wird von allen arabischen Staaten abgelehnt. Hierzu werden nationale Interessen vorgeschoben, der wahre Grund liegt jedoch eindeutig im arabischen und islamischen Antisemitismus, der seit Jahrhunderten besteht, auch wenn er meist toleranter als der Antisemitismus in Europa gewesen ist. So gedenken bis heute palästinensischen Araber ihres Unglückes (Naqba) nicht an solchen Tagen, an denen viele Araber durch Verfolgung, Vertreibung und Krieg umgekommen sind, sondern am Unabhängigkeitstag Israels, dem Tag, als der ihnen verhasste Judenstaat erneut das Licht der Welt erblickt. Am Tag der Proklamation Israels greifen sechs arabische Staaten Israel an, ohne die Juden besiegen zu können. Es sollen noch viele weitere Kriege folgen.

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Mit den vergehenden Jahrzehnten verlieren europäische Antisemiten ihre Scheu, Juden und Israel verbal anzugreifen. Da der Antisemitismus per Gesetz verboten wird, gewinnt der Antizionismus stark an Zulauf. Israel wird zum Juden unter den Völkern. Auch unter den Juden außerhalb Israels gerät der Holocaust in Vergessenheit. Der Zionismus verkommt zum Lippenbekenntnis, verbunden mit einer Geldspende gegen schlechtes Gewissen.

Nun stellt sich die Frage, was gegen Antisemitismus getan werden kann. Da Antisemitismus ein Ressentiment ist, lautet die ehrliche Antwort: Nichts! Diese Antwort wird in der lebhaften Diskussion mit den 30 Zuhörern nicht akzeptiert. Letztendlich werden Aufklärung und – da es sich um eine aufgeklärte linke Veranstaltung handelt – die weltweite Einführung des Kommunismus verlangt. Die Aufklärung soll in arabischen Ländern und unter den arabischen Palästinensern erfolgen, um der Israelfeindschaft die Grundlage zu entreißen und somit weitere Kriege im Nahen Osten zu verhindern. Unklar bleibt, warum der Antisemitismus im äußerst aufgeklärten Deutschland so prächtig gedeiht. Der Kommunismus wird anschließend auf „wahre“ Kommunisten, die diesen Titel verdienen, eingeschränkt. Leider wird die Frage, ob Stalin ein Kommunist gewesen ist, nicht beantwortet. Zumindest zu seinen Lebzeiten hat niemand gewagt, es anzuzweifeln.

Die Frage, was gegen Antisemitismus getan werden kann, ist nicht entscheidend. Die wichtige Frage lautet, ob etwas gegen Antisemitismus getan werden muss. Die Frage klingt zynisch, sie ist es nicht. Wegen der politischen und militärischen Lage in Israel werden zwar Juden in Europa und auch zunehmend in beiden Amerikas von lokalen Antisemiten bedroht. Mit kleinen Ausnahmen wird jedoch die große Mehrheit dieser Juden nicht physisch angegangen. Es sind nicht die europäischen und amerikanischen Juden, die Israel beschützen, sondern umgekehrt. Israel schützt die Juden weltweit, die jederzeit in Israel eine sichere Heimat haben. Wie viele Millionen Juden hätten gerettet werden können, wenn Israel nicht 1948, sondern 10 Jahre früher gegründet worden wäre? Welche europäischen Mächte haben dies verhindert?

Die Furcht der westeuropäischen Juden im 19. Jahrhundert vor Assimilation und Verschwinden des Judentums außerhalb Israels bewahrheitet sich mit zunehmender Geschwindigkeit. Von den 300.000 Juden, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nach Deutschland gekommen sind, sind weniger als ein Drittel dem Judentum treu geblieben. Lediglich in Israel nimmt die Zahl der jüdischen Bevölkerung zu.

Die Juden Israels haben sich erfolgreich entschieden, den Antisemitismus mit der Waffe zu bekämpfen. Sie werden zaudernd von einigen befreundeten Staaten mit Waffenlieferungen unterstützt, nicht unbedingt von jenen, die die Existenz Israels als Staatsraison verstehen. Die Hilfe fremder kämpfenden Soldaten lehnt Israel ab. Momentan plagt die Juden Israels der Gedanke, durch iranische Atombomben eliminiert zu werden. Es sieht nicht danach aus, dass die Mächtigen der Welt Israel beistehen wollen. Der erstmalige Beschuss des einzigen israelischen Atomreaktors Dimona durch die palästinensische, im Sold des Iran stehende Hamas im letzten Krieg, ist von der iranischen Führung freudig begrüßt worden.

Es gibt in Deutschland und anderen Staaten viele Israelfreunde, die sich für die Existenz und das Wohl Israels einsetzen. Gegenüber rechten, linken, liberalen und bürgerlichen moderaten und extremen Israelkritikern, unter denen ein unbekannter Anteil die Auflösung und Vernichtung Israels fordern, fallen die Israelfreunde kaum ins Gewicht. Im Nahostkrieg und in der Nahost-Politik gibt die übergroße Mehrheit der Deutschen Israel oder den Juden die alleinige Schuld. Arabische Palästinenser gelten meist als Opfer, selbst wenn sie wehrlose jüdische Kinder massakrieren. Vor allem linke/linksextreme und rechte/rechtsextreme Partien und Organisationen sind Islamisten freundlich und bewundern den islamischen Antisemitismus. Besonders markant tut sich die rechtsextreme ungarische Partei Jobbik hervor, die im Islam und im Iran die letzte Hoffnung sieht, zunächst den europäischen, anschließend den weltweiten Liberalismus zu bezwingen. Doch auch die NPD hegt fundierte Beziehungen mit den Grauen Wölfen, einer extremen nationalistischen türkischen Bewegung, deren Terror unter Kurden und Türken in der Türkei und in Deutschland gefürchtet ist.

Pro-israelische Veranstaltungen sind miserabel besucht und werden gewöhnlich von den regionalen Medien übergangen. Wenn man die bekannten Zahlen von Aachen zugrunde legt, so hätte jede antizionistische Veranstaltung in Erkelenz mindestens dreimal so viele Interessierte angelockt.

Der Anteil der zionistischen Juden in Deutschland geht besorgniserregend und stetig zurück. Selbst im Zentralrat der Juden in Deutschland schwindet ihr Einfluss, was die „Wahl“ des neuen Vorsitzenden dokumentiert. Sympathien zu Israel können die politische Karriere abrupt beenden. Die offen zur Schau gezeigte Freundschaft mit Israel, die nur unter Israel- und Judenfreunden stattfindet, verkommt mit wenigen notwendigen Ausnahmen (wie im Bild an der Kölner Domplatte) zur Folklore und Selbstdarstellung, die Israel weniger als den Israelfreunden nützt.

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Antisemitismus liegt anerkannt vor, wenn man gegenüber Juden und Israel mit anderen als den für andere Menschen und Staaten benutzten Standards arbeitet. Doch gegenüber Israel sind Doppelstandards notwendig, weil der Existenzgrund Israels einzigartig ist. Wie bei allen anderen Staaten ist die Entstehung Israels eine geschichtliche Notwendigkeit. Hinzu kommt die Ethik, dass ein Volk, das ständig und weltweit verfolgt wird, die moralische Pflicht hat, sich militärisch zu verteidigen, was die Eigenstaatlichkeit zwingend voraussetzt. Die meisten etablierten Staaten leugnen dies, um die „Weltfriedensordnung“ nicht zu gefährden. Doch das jüdische Vorbild findet Nachahmer im Nahen Osten. Auch gegen die Interessen von Groß- und Regionalmächten wird ein freies Kurdistan entstehen, welches mit Israel kooperiert. Die Zeit der arabischen und islamischen Diktaturen im Nahen und Mittleren Osten geht endgültig zu Ende.

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Stephan Grigat
Die Einsamkeit Israels: Zionismus, die israelische Linke und die iranische Bedrohung
ISBN-10: 3930786737
ISBN-13: 978-3930786732
19 €

Erschienen unter
http://tapferimnirgendwo.com/2014/12/01/die-einsamkeit-israels/
http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/die_einsamkeit_israels
https://www.freitag.de/autoren/anti3anti/die-einsamkeit-israels
http://www.huffingtonpost.de/../../nathan-warszawski-/ueber-die-einsamkeit-israels_b_6246864.html

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9 Antworten zu Die Einsamkeit Israels

  1. Peter schreibt:

    Dem ist wohl so ….

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  2. schum74 schreibt:

    Ein gelungener Artikel: wohlgeordnet, sachlich, schonungslos wie er sein soll.
    Nur am Ende scheint der Autor ein Bisschen gemogelt zu haben, vielleicht um den Leser nicht in Traurigkeit zu entlassen: Geht die Zeit der arabischen und islamischen Diktaturen im Nahen und Mittleren Osten wirklich zu Ende? Sehen wir nicht vielmehr, dass ein Islamischer Staat sich mit Hilfe der lokalen Mächte unwiderstehlich etabliert, während die Muslime in Europa ihre Aufnahmeländer destabilisieren? Das destabilisierte Europa schmiegt sich immer enger an die muslimischen Machhaber im Nahen und Mittleren Osten. Europäischer und islamischer Antisemitismus machen seit spätestens 1973, dem Jom-Kippur- und Ölschock-Jahr, gemeinsame Sache. Darüber hat Bat Ye’or das Nötige geschrieben.

    Eine interessante Frage, ob etwas gegen Antisemitismus getan werden muss. Sie meinen: Je mehr Diaspora-Juden unter Druck geraten, umso mehr Juden werden nach Israel einwandern. Damit würden sie erstens jüdisch bleiben und zweitens zur Landesverteidigung beitragen.
    Wissen Sie, warum der Lubawitscher Rebbe sich geweigert hat, mit der Chabad-Zentrale nach Israel zu ziehen? Damit nicht alle Eier in einem Korb liegen. Klartext: damit etwas übrigbleibt, eine Schearit ha-Pleta, falls – falls Iran, sagen wir, atomar angreift.
    Kein schöner Gedanke, nicht? Ich hoffe, diese Zeit nicht zu überleben.

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