Phobophobie

Phobophobie ist die Angst vor der Angst. Sie ist behandlungsbedürftig, oft erfolglos. Die Phobophobie kommt gehäuft als gesellschaftliches Phänomen vor, wo politisch korrektes Verhalten erwartet und derart verinnerlicht wird, dass die Angst, vor der man Angst hat, verdrängt wird und das Angstthema aus dem Blickfeld verschwindet. So geschehen im Krankenhaus der Kleinstadt Ried in Österreich und auf der bekannten österreichischen Blogger-, Autoren- und Journalistenseite:

https://www.fischundfleisch.com/brigittenauer/nachrichten-aus-der-parallelgesellschaft-13902

Auf ihrem Profilbild präsentiert die westeuropäisch aussehende Bloggerin ein politisches Abzeichen. Nein, sie trägt kein österreichisches Hakenkreuz, sondern ein islamisches Kopftuch.

Die Vorfälle im Rieder Krankenhaus. Ein 16-jähriger Dachdeckerlehrling mit angeborenem Herzfehler, wahrscheinlich einem Foramen ovale, unter dem 25% der Bevölkerung ohne es zu merken leiden, begibt sich samstags Nacht kurz vor Mitternacht ins Krankenhaus Ried. Aus der Sicht des jungen Patienten handelt es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um einen Notfall und nicht um eine Kontrolluntersuchung. Er wird im Krankenhaus ambulant untersucht, erhält eine Therapieempfehlung und wird sodann nach Hause entlassen. Aus der Sicht der/der/des behandelnden Krankenhausärzte/-ärztin/-arztes ist eine stationäre Aufnahme nicht erforderlich, was sich einige Tage später nach einem kurzen Bericht des Patienten als richtig erweist. Ob bei der mitternächtlichen wochenendlichen medizinischen Untersuchung ein Facharzt zugegen ist, ist nicht bekannt, wahrscheinlich nicht.

Kurz darauf erscheint auf der Facebook-Seite einer FPÖ-Anhängerin (FPÖ ist ein österreichisches unappetitliches Melange aus FDP, CSU und AfD) die Nachricht, dass der junge Patient vom Krankenhaus abgewiesen worden ist, weil zur gleichen Zeit sehr viele Flüchtlinge behandelt werden müssen. Dieser Facebook-Eintrag ist nicht mehr aufrufbar. Stattdessen erscheint nach wenigen Tagen eine Medieninformation des Krankenhauses Ried. Die Information ist in Pluralis Majestatis fehlerfrei und wenig holprig abgefasst, was in Österreich (und anderswo) bei einer Frau Magister Usus ist.

Medieninformation, 14. Dezember 2015, Ried

Richtigstellung von Anschuldigungen

Es kursieren im Netz Gerüchte, die massive Vorwürfe gegen das Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Ried beinhalten. Deshalb stellen wir fest:

  1. Der Patient ist nicht am Montag von der Arbeitsstelle gekommen, sondern ist am Samstagabend kurz vor Mitternacht ins Krankenhaus gekommen.
  2. Der Patient wurde in unserer Zentralen Aufnahme- und Erstversorgungseinheit unter- sucht und die nötigen diagnostischen und therapeutischen Schritte wurden eingeleitet. Eine stationäre Aufnahme war nicht erforderlich.
  3. Zur Zeit der Behandlung des Patienten befanden sich nur wenige Patienten in der Zentralen Aufnahme- und Erstversorgungseinheit.
  4. Wir sind für alle Menschen da!
    Uns ist es in diesem Zusammenhang wichtig festzustellen, dass wir alle Menschen, die bei uns Hilfe suchen, nach den aktuellen Standards der Medizin unabhängig von Alter, Religion, Herkunft oder Hautfarbe behandeln. Das entspricht auch unserem christlichen Werteverständnis.

Ansprechpartnerin für Rückfragen:

Mag. Ulrike Tschernuth

Leitung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Ried Tel.: 07752 / 602 – 3040
Mobil: 0664 / 3157908
E-Mail: ulrike.tschernuth@bhs.at

Da die Stadt Ried etwas weniger als 11.500 Einwohner aufweist, dürfte vielen Bewohnern der junge Dachdecker mit seinem angeborenem Herzfehler bekannt sein. Somit stellt die Krankenhausinformation einen Bruch der ärztlichen Schweigepflicht dar, der in einigen europäischen Staaten juristisch geahndet wird. Folgende Informationen fallen unter der ärztlichen Verschwiegenheit, die auch für Krankenhäuser gilt:

  • Zeitpunkt des Aufenthaltes des Patienten
  • Ort des Aufenthaltes des Patienten
  • Durchgeführte ärztliche Maßnahmen
  • Ergebnis der ärztlichen Maßnahmen

Selbst wenn der Patient das Krankenhaus von der Schweigepflicht entbunden hätte – er hat es nicht getan, da dies nicht protokolliert ist, und nicht protokolliert in der Medizin nicht getan bedeutet – so dürfen seine medizinischen Befunde trotz Zustimmung des Patienten nur weiteren behandelnden Ärzten, der Justiz, der Polizei, benannten Familienangehörigen und Freunden weitergegeben werden. Eine Verteilung solcher privaten medizinischer Befunde im Internet fällt nicht darunter.

Nun kann man einwenden, dass sich das Krankenhaus gegenüber rufschädigende Unterstellungen in der Öffentlichkeit wehren darf. Das ist richtig! Das Arztgeheimnis darf dennoch nicht gebrochen werden, weil es höherwertig ist. (Niemand darf einem fliehenden Dieb in den Rücken schießen, wenn er mit einer wertvollen Chinesischen Vase das Haus verlässt. Das Leben des Diebes ist höher zu bewerten als die Chinesischen Vase.)

Das Krankenhaus darf die Polizei informieren und Anzeige erstatten. Zumindest Letzteres scheint sich nicht ereignet zu haben. Außerdem darf das Krankenhaus öffentlich eine allgemein gefasste Erklärung abgeben, dass die ausländerfeindliche Hetze auf die Arbeit und das Verhalten des Krankenhauses Ried nicht zutrifft. Details aus der Patientenakte dürfen nicht der Allgemeinheit weitergegeben werden, insbesondere, da das Kleinstadt-Krankenhaus davon ausgehen muss, dass aus der Medieninformation leicht die Identität des Patienten rekonstruiert werden kann.

Die Frage bleibt, wie die FPÖ-Anhängerin an die teilweise richtigen Patienteninformationen gekommen ist. Ist sie im Warteraum gesessen und hat sich mit dem jungen Dachdeckerlehrling unterhalten? Hat sie das Arztgespräch belauscht, weil die Tür zum Behandlungsraum weit offen gestanden ist? Der Patient hat ebenfalls das Recht auf Klage gegen Krankenhaus und FPÖ-Anhängerin. Gegenüber dem Krankenhaus sollte er die Klage unterlassen, da er dessen Dienste noch des Öfteren brauchen wird.

In der Öffentlichkeit und im obigen Artikel der Bloggerseite fisch+fleisch, welche erfreulicherweise nun ihren Bekanntheitsgrad steigern wird, geht das Problem der ärztlichen Schweigepflicht unter. Es überwiegt die Ausländerfeindlichkeit, die die FPÖ-Anhängerin auslöst. Die im Profilbild Kopftuch tragende Islamophile setzt voraus, dass die Leser Angst vor der Islamophobie, zumindest ein ungutes Gefühl bei der Islamophobie haben. Die Not des Jugendlichen Dachdeckers und das Unrecht, was ihm angetan worden ist gehen dabei unter und werden Mittel zum Zweck.

islamophobie

Ein Hoch auf die Informationsfreiheit!

Erschienen unter

https://www.fischundfleisch.com/anti3anti/phobophobie-13976

Dieser Beitrag wurde unter Ethik abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Phobophobie

  1. Bachatero schreibt:

    Die Titelzeile des Blogs sagt doch klar: fisch + fleisch Wir machen Meinungen. Das hamse doch ganz toll gemacht. Das Kopftuch ist übrigens nur nötig, damit die Gedanken nicht so schnell verfliegen, oder die Meinungen, vielleicht auch wegen fliegender Fische.

    Gefällt 3 Personen

  2. schum74 schreibt:

    Als Idee nicht schlecht: Man setze über potentielle oder erklärte Feinde leicht zu widerlegende Falschmeldungen in die Welt, gerne Meldungen über sog. Greultaten. Aus der Richtigstellung werden die Besonnenen schließen, dass die Genannten nie nirgendwo Greultaten begehen.

    Muster: Im Bataclan haben die Geiselnehmer etliche Zuschauer geköpft.
    – Falsch: Hier die Belege.
    Also hat es im Bataclan keine Geiselnahme gegeben.

    Die Nazis haben in Buchenwald Gaskammern errichtet.
    – Falsch: Hier die Belege.
    Also haben die Nazis nirgendwo Gaskammern errichtet.

    Die FPÖ-Anhängerin hat ihre Falschmeldung nicht lanciert, um der Massenmigration über Band das Wort zu reden. Das ist klar. Weil die Dame so ist, wie sie ist, erfindet sie schnell was in diesen milden Dezembertagen. Aber was Käßmänninnen daraus machen können – oho!

    Weil FPÖ-Sympis von Massenvergewaltigungen schwatzen, sind Nachrichten über Gruppenvergewaltigungen (tournantes) in den französischen cités antimuslimische Propaganda sogenannter Opfer. Was sonst? (Libération, 09.03.2001: Viols : la spirale infernale de la « tournante »)

    Vermutlich ist auch die Geschichte um die „Scharia-Polizei“ in Wuppertal ein Pegida-Märchen, dem Shanto Trdic aufgesessen ist.

    Gefällt 2 Personen

  3. Dante schreibt:

    Mir fällt zu dem Wort „Phobophobie“ spontan eher ein Ausspruch Roosevelts ein: „Das einzige, was sie zu fürchten haben, ist die Furcht selbst.“

    Gefällt mir

  4. aurorula a. schreibt:

    Wer Lust auf ein wenig Doppeldenk zum Weihnachsmorgen hat, kann sich einmal ansehen wie es in der Yelow-Presse klingt wenn eine Messerattacke aus nichtigem Anlass (Fahrkartenkontrolle) auf zwei Polizisten (ein Toter, ein Schwerverletzter; außerdem der Messerstecher angeschossen) nicht in Hebron passiert, sondern in Herborn:

    http://www.gmx.net/magazine/panorama/heiligabend-polizist-herborn-messerattacke-getoetet-31231680
    http://www.gmx.net/magazine/panorama/herborn-schockiert-polizisten-tod-sowas-passieren-31232110

    Überschrift: An Heiligabend: Polizist in Herborn bei Messerattacke getötet Wäre das in Hebron gewesen, hätte ja der Polizist das Messer… Mensch, gmx, da kommt man doch ganz durcheinander! Das heißt, bitteschön, 27-jähriger bei Fahrkartenkontrolle schwer angeschossen, in Haftkrankenhaus eingewiesen, genau wie wenn es in Hebron passiert auch.

    In diesem Sinne:

    .

    Gefällt 1 Person

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s