Die verunsicherte Nation

Deutschland am Scheideweg

„Denk ich an Deutschland in der Nacht,
dann bin ich um den Schlaf gebracht.“
Heinrich Heine

Der Bürgermeister einer beschaulichen, etwas langweiligen deutschen Kurstadt – ich ging da früher mal zur Schule – ließ neulich über seinen Pressereferenten sämtliche Gemeinde-Haushalte mittels schriftlicher Erklärung ´anquatschen´. Dieser ´Wisch´, bloß eine Seite lang, passt ins Bild. Es lohnt, in Auszügen daraus zu zitieren. Das übliche Maß an Verkommenheit kulminiert hier in wenigen, nur auf den ersten Blick unverfänglich anmutenden Floskeln. Man muss sie freilich richtig lesen, also: Einmal mehr zwischen den Zeilen lesen – dann wird einem manches klar.

Der Briefkopf wendet sich ausdrücklich „an Immobilieneigentümer unserer Gemeinde“. Auf die ´zielt´ dieser Anwerbetext, tatsächlich ´meint´ er aber den minderbemittelten Rest, also: die weniger begüterten, brav ihre Steuern zahlenden Deppen der Kommune. Die Mehrheit, die Blöden. Freilich: Das wird in dem Papier nicht ein einziges Mal erwähnt.

„Die Unterbringung der in (Name der Stadt) nahezu täglich neu ankommenden Flüchtlinge,“ so fängt das Schreiben an,“ stellt uns alle vor großen Herausforderungen. Aktuell kommen jede Woche etwa 40 Personen zu uns in die Stadt.“

Dass man das auch mal erfährt! Eine Kleinstadt, deren Einwohnerschaft offiziell gerade einmal achtundvierzigtausend Menschen zählt, wächst neuerdings täglich, sicher in stündlichen Schüben, mit rekordverdächtigem Tempo also – wahrlich: wie noch nie. Gewiss: Sah man sich in letzter Zeit im Straßenbild nur etwas genauer um, bemerkte man den Wandel schon. Wer aber hatte den Herrn Bürgermeister daran gehindert, seinen Schäflein hinsichtlich dieser dramatischen Entwicklung rechtzeitig reinen Wein einzuschenken? Befürchtete er, damit ein falsches Signal zu setzen? Nur keine Pferde scheu machen. Sind eh alles Esel. Flüchtlingsschwemme flutet Kurort? Pfui. Das vergrault auch die Stammkundschaft. Und spielt den Rechten in die Arme. Aber am Ende kommt eben doch alles raus, die Leute haben es sowieso geahnt. Sie wissen ferner: Wendet sich der Regent persönlich an sein Volk, dann gibt´s nichts mehr zu verschenken – dann will der was von denen.

Wir alle, so behauptet der Text, stellen uns großen Herausforderungen. Da ist es wieder, dieses WIR. Und schon im nächsten Absatz taucht – sie wussten es! – das nächste Zauberwort auf:

„Um bereits sehr früh mit der Integration der Flüchtlinge zu beginnen, verfolgt die Stadt seit Langem das Ziel, die Menschen dezentral im gesamten Stadtgebiet in Wohnungen unterzubringen.“

Die Integration soll also sehr früh beginnen. Seltsam. Wieso hat sie nicht längst begonnen? So langsam wird es wirklich Zeit. Es kamen und kommen doch nahezu täglich Menschen. Sagt der Text. Ist denn die Stadtverwaltung davon täglich neu überrascht, überrumpelt – überwältigt worden? Den ganzen Spätsommer/Herbst über haben wir nichts anderes gesehen und gehört, tagtäglich wurde davon berichtet: Flüchtlingsmassen ohne Ende. Dass die sich nicht in Luft auflösen würden, war klar. Warum erst jetzt dieser Brief? Was hinderte den Stadtvater, sich und seinen Hofstaat zu wappnen? Mögen brave Bürger hoffen, dass mancher Kelch an ihnen vorüber gehe, mag der Bund das wahre Ausmaß der Misere bis zuletzt verschwiegen haben: Mit Verspätung hat dann auch der Bürgermeister einer Kleinstadt davon erfahren – und es möglichst lange für sich behalten. Darob ließ er diesen Brief aufsetzen. Es bleibt ein Irrtum zu glauben, erst erwische es immer die andern, am Ende dann so richtig einen selbst. Gestern noch Berlin oder Hamburg, jetzt Kleinkleckersdorf oder Hinterheckersheim – was für ein Quatsch. Wenn Briefe wie dieser suggerieren: Sorry Herrschaften, die Krise hat jetzt leider auch ´uns´ erreicht, ´wir´ haben da ein Problem – nun kann ich es auch nicht mehr ändern, dann zeugt das jenseits der kumpelhaften Anmache, die solche Belästigungen kennzeichnet, nur von der ´Bürgerferne´ derer, die einen auf Nähe und Verständnis machen, um so einmal mehr das blöde Publikum zu täuschen.

Seit Langem wird also – zwecks Integration – ein große Ziel verfolgt: die dezentrale Verteilung von Flüchtlingen. Begründet wird das von der Propaganda-Abteilung des Bürgermeisters wie folgt: “An diesem Ziel möchten wir fest halten, denn es ist ein wichtiger Baustein für ein gelebtes Miteinander in unserer Stadt.“ Soll heißen: denen, die da zu uns kommen oder noch auf uns zu kommen, je nachdem – denen ist eben unter gar keinen Umständen mehr zu trauen. Bringt man die, wie in den letzten Monaten dauernd geschehen, zentral unter, dann könnte das am Ende geschäftsschädigende Folgen nach sich ziehen. Natürlich darf ein politisch korrekter Erfüllungsgehilfe, Mitglied einer großen deutschen Regierungspartei, hier nie zu konkret werden. Wenn, um nur dieses Beispiel zu nennen, in öffentlichen Bädern Frauen angemacht werden, begnügen sich die Medien damit, einen einzigen dieser Fälle publik zu machen, der wird dann so richtig ausgeweidet – den Rest muss man sich denken. Doch sickert längst durch lauter fiese, kleine Ritzen, was nicht länger verheimlicht werden kann. Ich führte da vor kurzem mit dem Hausmeister einer Schule, deren Leitung uns freundlicherweise ihre Sporthalle an zwei Tagen pro Woche zur Verfügung stellt, ein aufschlussreiches Gespräch. In einer dieser Hallen, die nun zwecks Flüchtlingsunterbringung kurzerhand beschlagnahmt wurden, wäre es schon nach drei Tagen zu üblen Krawallen gekommen. Auf meine Frage, warum man davon nirgends etwas gehört oder gelesen habe, begann der Mann zu flüstern:“ Will doch keiner von denen (Finger zeigt nach oben), dass sowas raus kommt.“ Anbei: was bringt die dezentrale Unterbringung kleinerer, nicht allzu gemischter Gruppen wirklich? Dient die Bildung homogener ethnischer Einheiten langfristig der Konfliktminderung? In Zeiten medialer Ubiquität werden räumliche und zeitliche Grenzen mühelos überwunden. Beispiel Köln. Der multikulturelle Haufen, den die Polizei schon seit Tagen recht erfolglos verhört, fand nicht im Heim, wohl aber am Handy zueinander. Darauf werde ich gleich noch einmal kurz eingehen.

Ob ein gelebtes Miteinander zwischen Flüchtlingen und Autochthonen, von dem man bundesweit so gar nichts spürt, wirklich durch Maßnahmen ´von Oben´ gefördert wird, bleibt mehr als fraglich. Dieser allzu tüchtige Vorsatz will mir sehr vermessen vorkommen. Die Deutschen sind durch eine einzige Silvesternacht bereits so aufgeschreckt worden, dass sie dem Miteinander par ordre du mufti zunehmend ängstlicher ausweichen. Der Wege zueinander gibt es sicher viele. Doch Wunsch und Wille fühlen sich getäuscht. Natürlich braucht es Zeit, Gräben zu überwinden und gegenseitiges Vertrauen aufzubauen, man muss es auch stets von neuem versuchen, aber diese Zeit, das spürt jeder, läuft uns so langsam davon. Nahezu täglich gerät man mit jeder Geste guten Willens unter Druck, weil die konterkarierenden Ereignisse sich sofort verselbständigen. Gut einen halben Monat liegt der Jahreswechsel jetzt zurück, doch die Hype findet kein Ende, denn nichts ist wirklich gelöst, geklärt – auch nur geglättet worden. Die Menschen in diesem Land rechnen mit weiteren ´Kollateralschäden´, während sie den vermeintlichen Chancen, die gestern noch wie selbstverständlich beschworen, nun immer verzweifelter beteuert werden, misstrauisch bis ablehnend gegenüber stehen. Auch an dieser ´Haltung´ sind die Medien nicht ganz unschuldig. Monatelang wurde so getan, als sei Zuwanderung per se Bereicherung. Entsprechend artig und einseitig geriet die Berichterstattung. Jetzt, wo erste Schwierigkeiten auftreten, vergeht kein Tag mehr ohne Hiobsbotschaften. Der ´ganz normale´ Willkommensbürger, immer bestens ausgebildet, durchweg dankbar gestimmt und voll Integrationswillig, wird nun konterkariert durch das entsprechende Zerrbild, und wenn auch von Anfang an Beides (und mehr) ins Bild gehörte, so sah sich der Durchschnittsbürger immer durch eines von beidem geblendet. In der Sozialisationstheorie wird diesbezüglich der Begriff der einseitigen Prägung verwendet. Im Ergebnis führt ein ´negativer Wachsabdruck´ solcher Art zur Ausblendung möglicher sozialer Gestaltungsprozesse, von denen im besagten Problemzusammenhang so oft die Rede ist.

Um noch einmal das Beispiel ´Hallen-Unterbringung´ zu bemühen: Auch die mit einem sechsstelligen Betrag soeben grundsanierte Dreifach-Turnhalle unserer Schule wurde vor kurzem im Handstreich requiriert. Etliche weitere folgten. Und werden noch folgen. Die Stadt bat irgendwann um einen ´Aufnahmestopp´. Das ist natürlich nur eine Nebelkerze. Solche, denen an einem raschen Aufstieg in der Hierarchie gelegen ist, werden nicht über Gebühr gegen jene anmuffeln, von denen die nächste Beförderung abhängt. Wie auch immer: zentral untergebracht, alle auf einen Haufen, flippen diese Menschen schnell aus, Gründe dafür gibt es genug, also verteilt man sie besser, und wenn der Gedanke, der hinter dieser allzu späten Entscheidung steht, auch prinzipiell vernünftig bleibt, so vernachlässigt er doch eine Tatsache, die seit dem Silvester-Desaster jedermann deutlich geworden sein sollte: Mittels moderner Kommunikationsmittel finden die ´Richtigen´ schneller zueinander als die Polizei erlaubt. Sie sind, so traurig das klingt, besser vernetzt, überhaupt in punkto Absprache und Vollzug um einiges professioneller drauf als unsere ´FreundInnen und HelferInnen´. Sie finden eben in Echtzeit zueinander, egal wohin man sie ´parkt´, und ebenso schnell geben sie Fersengeld, kommt es zum Eklat. Wir haben es erlebt. Die Täter von Köln haben ihre Zeit – die vergangenen Monate – viel besser genutzt als jene, die sie durchweg verschliefen, jetzt aber den Buhmann bequem weiter reichen, um eigene Pfründe zu retten. Dass nicht einzig Fachkräfte und Akademiker kamen darf man übrigens wieder sagen, ohne sofort zum Rassisten gestempelt zu werden. Dass es ´die Anderen´, von denen ehedem beinahe täglich die Rede war, auch gibt, wird weiterhin kein vernünftiger Mensch in Abrede stellen, aber selbst da bleibt man neuerdings vage, recht allgemein: Auf über alle Zweifel erhabene WillkommensbürgerInnen mag sich fortan niemand mehr so selbstverständlich festlegen. Das ist in wenigen Tagen einfach zu viel zu Bruch gegangen.

Zurück zum Text – zum Wisch. Im dritten Absatz wird aus dem ´Anwerbeschreiben´ endlich ein Vertragsabkommen unter Bonzen:“ Sollten Sie als Immobilieneigentümer noch freien Wohnraum haben, können Sie uns ihn für die Vermietung an Flüchtlingen anbieten.“

Irgendwann ist halt jede Katze aus dem Sack. Soll also heißen: All jene in diesem Lande, die zu den Besitzenden, den Privilegierten – den Besserstehenden zählen, können jetzt mal so richtig Reibach machen. Die Stadt – der Steuerdepp – zahlt das schon, sicher auch den Restwert der Immobilie oder die anschließende Grundsanierung. Wenn ein Schulden-Student oder Hartz-4 Rentner, ein Ausländer ohne Bürgerkriegs-Hintergrund oder irgendein anderes x-beliebiges Kommune-Mitglied bislang auch noch so verzweifelt um eine bezahlbare Bleibe gekämpft hat, die ihnen allen – explodierenden Mietpreisen sei Dank – bislang verwehrt blieb: Jetzt werden Wohnräume im Dutzend frei, aber kaum für einen einzigen, der nicht den Willkommensbonus im Revers hat. Die Abgehängten einer verlorenen Generation – Jung und Alt – können sich gegen die staatlich alimentierte Ungleichbehandlung natürlich nicht wirklich wehren. Sie werden aber sicher beim nächsten Mal ihr Kreuzchen ein wenig unten weiter auf dem langen Zettel machen.

Wir erleben jetzt, was uns ohnehin immer klar gewesen ist. Politiker sind reine Opportunisten. Achten sie in ihrer eigenen Gemeinde darauf. Stadtväterchen oder Mütterchen mucken nur gerade so viel auf, wie’s wirklich keinem weh tut. Da wird mit viel vorauseilendem Gehorsam gebuckelt (auf Kosten der ´Schäflein´), während gleichzeitig – um den Anschein der Bürgernähe zu wahren – das Muffeln und Meckern einen Handbreit zunimmt, das wird dem Wähler dann als ´Protest´ verkauft. Ausnahmen bestätigen diese Regel. Wer wirklich einen Arsch in der Hose hat und richtig aufbegehrt, wie etwa der Tübinger Oberbürgermeister Palmer, wird umgehend geschasst. Solche erkennt man daran, dass sie frühzeitig auf Probleme hinweisen. Lauthals und energisch auch. Palmer brauchte keine Bettelbriefe verfassen. Aktionen, wie die des Landshuter Landrates Dreier wiederum, der seine ´Überschuss-Flüchtlinge´ wie angekündigt nach Berlin schickte und natürlich sofort wieder zurückbekam, werten wir als Aktionismus, der ´nur wieder den Rechten in die Arme spiele´. Im Ergebnis ist es, macht das nur einer, eitler Klamauk.

Wohin mag die Reise insgesamt gehen, kommen im Laufe dieses Jahres die nächsten zwei oder drei Millionen Menschen nach Deutschland? Was machen ´wir´, ein Beispiel, wenn demnächst gar kein bezahlbarer Wohnraum mehr zur Verfügung steht und die ´Verzweifelten´ in den Sammel-Zelten zu randalieren beginnen? Schon jetzt sind die Probleme gewaltig, und deren Bewältigung lässt sich nicht ewig mittels Burn-Out-gefährdeter Ehrenämtlern durchhecheln. Wenn unsere dubiosen Gemeinde-Oberhäupter die Sahneränder ihres Einzugsgebietes abgekleckert haben, um darob das Upper-Class Bürgertum um Wohnraum anzupumpen, dann zeigt das im Grunde schon einen unaufhaltsamen Niedergang an. Gestern verzockten sie die Penunse ihrer Wähler an der Börse, heute stopfen sie damit Aufnahme-Engpässe zu. Bis die nächsten entstehen. Erleben wir in Echtzeit. Wer wollte diese ´Mafia´ samt ihrer ´Auftraggeber´ stoppen?

Stellen sie sich einen Moment lang vor, sie säßen in einem Restaurant und sollen das Jägerschnitzel, dass man Ihnen gerade serviert, in einer Minute verschlingen: Ihr Platz, wiewohl von ihnen reserviert, wird nämlich genau dann für die nächsten Gäste fällig werden, die zudem so zahlreich (aber ohne Anmeldung) erscheinen, das gleich noch weitere – möglichst weit auseinander liegende – Tische rekrutiert werden müssen. Man wird ihnen und den anderen ´Stammkunden´ das Essen also in Alufolie wickeln und sie höflich darum bitten, die Biege zu machen. Wem das niedliche Beispiel missfällt, wer es gar für ´Stimmungsmache´ hält, der bedenke kurz, wie deutlich und irreversibel sich bestimmte Mainstream-Meinungen nahezu über Nacht bereits verflüchtigt haben. In meiner Tageszeitung tönte jüngst ein Leitartikler, dass Europa selbstverständlich überlegen müsse, wie man den Zustrom an Flüchtlingen sinnvoll begrenzen kann. Das übersteige auf Dauer die Kraft der Union. Hört, hört. Derselbe Mann meinte noch im Juli selben Jahres, Europa sei so wohlhabend, das es sich schämen müsse, Flüchtlinge an seinen Grenzen abzuwehren, denn:“ Europa ist ein reiches Land. Menschen, die ihre Heimat verloren haben, können und müssen wir helfen: schnell und unbürokratisch.“ Was kümmert den sein Geschwätz von gestern, wenn er nur weiter den Versteher spielen kann. Tauchte das Wort ´Begrenzung´ im Spätsommer erstmals und unter sofortigem Protest auf, wagte zuvor kein einziger den Gebrauch.

Wie lange mag es dauern, bis die Gebildeteren unter den Halbwissenden in der überlieferten Geschichte herumstöbern, um jene ´Imperien´ wieder zu entdecken, die uns der Professor Münkler gern als das ´kleinere´ unter den größeren Übeln verkaufen möchte, weil ihm auch nichts besseres mehr einfällt. Wer wagt denn noch, die Gegenwart in größerem Zusammenhang zu sehen? Erinnert: Das alte China suchte – vergebens – den Ansturm vermeintlicher Barbaren durch eine große, noch heute aus dem Orbit sichtbare Mauer abzuwehren, und Roms Hadrian – der vielgerühmte Philosophenkaiser – ließ jenen mächtigen Wall fertigen, der die Zuwanderung der ´Hunnenflüchtlinge´ am Ende auch nicht mehr hat aufhalten können. Der Staat Israel, seit über siebzig Jahren in permanenter Bereitschaft, hat eine riesige Mauer zum Westjordanland errichten lassen. Was hat man Zion dafür gescholten! Unter uns: Dieser Kraftakt hat immerhin etwas, insgesamt aber nicht sehr viel gebracht.

Man muss nun wahrlich kein Prophet sein um abzuschätzen, was Entwicklungen wie diese für eine Gesellschaft bedeuten mögen, deren Mitglieder Jahrzehnte lang an Prosperität und trügerischer Ruhe gewöhnt waren. Hand aufs Herz: So ticken wir doch alle. Wir halten und hielten für normal, eben: für selbstverständlich, dass es uns gut geht und die Schießbude immer nur draußen oder drüben losgeht. Solche Flausen verfliegen dieser Tage mit Rekordgeschwindigkeit. Ehedem großzügig und empathisch gestimmt, verstimmen sich jetzt die Gemüter derer, denen in Umfragen noch Ende letzten Jahres große Hilfsbereitschaft und bewundernswerte Gelassenheit zugestanden wurde. Damals konnte man sich’s leisten. Die letzten Monate haben einen schwer messbaren, dennoch deutlichen Wandel in der Mentalität breiter Bevölkerungsschichten bewirkt. Man erkennt mittlerweile Land und Leute nicht mehr wieder. Was denkt und dumpft da neuerdings im Innern der bürgerlichen Mittelschicht, welche seltsamen Befindlichkeiten gedeihen unter vegetativer Erregung, welch üble gedankliche Metastasen machen sich breit?

Mein Hausarzt etwa, dessen Namen ich hier wohlweislich nicht nennen werde. Ein subtiler Schöngeist, der sich von einer alten jüdischen Meisterpianistin am Hauseigenen Flügel mit Erfolg in die Kunst ausdrucksstarker Interpretation einführen, genauer: einfühlen lässt. Auch er hat den berühmten Migrationshintergrund (Rumänien). Was soll ich ihnen sagen? Eigentlich ist das noch immer ein unglaublich sympathischer, tüchtiger Mediziner, über alle Maßen um das Wohl seiner Patienten bemüht, bis hin zur Selbstaufopferung, ihn kann man wirklich bei Tag und Nacht stören, der hilft dir sofort, und wenn er abends auf dem Flügel Chopin und Schumann ´paukt´, dann sickern wohltönende akustische Girlanden durch das geöffnete Fenster und verzaubern die öden Winkel und Gassen des schnöden Ortsteiles. Als ich ihm das letzte Mal begegnete, zitterte der Mann allerdings schon vor Erregung, geiferte in einer mir völlig unverständlichen, weil seiner ganzen Art so gar nicht mehr entsprechenden, immer wieder ins Vulgäre abgleitenden Weise über das ´Ungeheuer´ Merkel, die ´Massenmordzentrale´ USA samt ihrem ´Erfüllungs-Neger´ Obama und die gezielte genetische Ausrottung Europas durch Sexmonster aus dem Orient. Nie hatte ich den auch nur in Ansätzen so erlebt! Es war wie bei Jekyll und Hyde. Dieser sanftmütige Menschenfreund trug seine Philippika in einer Haltung vor, die an Schrecks Darstellung in Murnaus Nosferatu erinnerte. Auch die jüdische Geheimverschwörung durfte in dieser zeternden, immer wirrer sich gebärdenden Endlos-Tirade nicht fehlen – Ken Jebsen inklusive. Ich vergaß zwar, ihn an die vergötterte jüdische Klavierlehrerin zu erinnern, bei deren Erwähnung sonst immer seine schönen, dunklen Augen glänzten, doch am Ende der verbalen Exhibitions-Orgie erkannte ich ihn doch noch halbwegs wieder: Da beteuerte er mir, einfach nur ANGST zu haben. Weniger um sich, mehr um seine Frau und ihre junge Tochter. Was kann, was darf man dazu sagen? Wenn aus kreuzbraven Kultur-Bürgern endlich wieder rachitische Antisemiten werden – ja, was dann? Unter Bauchweh und im Stillen muffeln, um dann bei gegebenem Anlass solcherart die Sau raus lassen: Woran erinnert uns das doch?

Angst und Ratlosigkeit machen sich breit, und wenn die Verunsicherung bis hin zur Verzweiflung in der von mir beobachteten Form die angestammten, die verlässlichen Formen auflöst, dann wird im Ergebnis mehr zu Bruch gehen als die vermeintliche Identität braver Bildungsbürger. Unter der schwelenden Oberfläche stauen sich die Ressentiments. Wenn ihnen jemand zum Jahresende vorausgesagt hätte, dass infolge einer einzigen Silvesternacht die Selbstbewaffnung mittels Pfefferspray und Reizgas explodiert und sich auf Facebook Bürgerwehren zusammenrotten: den hätten sie noch immer nicht für voll genommen. Wie stehen sie jetzt eigentlich dazu?

Keiner derer, die unsere Interessen auf Ämtern und in Parlamenten vertreten, weiß wohin die Reise geht. Jetzt, nach den Anschlägen in Istanbul oder Jakarta, wirkten sie alle richtig müde, anämisch und ausgelaugt – erschöpft. Ob Mutti oder de Maiziere, Eule Steinmeier oder Keule Seehofer: Sie alle sind ganz ratlos. Ahnungslos wie nie. Was immer deutlicher wird: Das sind Schönwetterpolitiker, die in friedlichen Zeiten ein bemerkenswertes Mittelmaß an konventioneller Staatskunst zu kultiviert verstanden, während Krisen wie diese ihren Entwürfen und Schablonen schon nicht mehr entsprechen. Sie sprengen bereits deren Maß. Der große Saint-Just wusste: Man kann nicht in Unschuld regieren. Und jene, die der Prophezeiung nun erliegen, schieben denn auch jede Schuld immer wieder weit von sich. Wie wohltuend, wie selten aufrichtig nahmen sich da noch die Worte von alten Schmidt aus, der im Anschluss an die Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Schleyer vor dem Parlament erklärte, ganz mit Schuld beladen zu sein. Dem derzeitigen Polit-Establishment geht es weniger um Schuld und Sühne, mehr um den Schotter oder Alimente. Muttis Weigerung, irgendwelche Obergrenzen anzuerkennen, wird ja nur deswegen von der Mehrzahl ihrer ParteigängerInnen geduldet, weil die an ihren Pöstchen und Mandaten kleben wie die Schmeißfliegen am Kot. Pardon.

Das Netzwerk aus Medien, Politik und Amts-Lobby steht also noch immer. Und verdächtig stur. Ich habe mich über die Mechanismen der Meinungsmache dauernd, lang und breit auseinander gelassen. Die psychosozialen Folgen bleiben bedenklich. Unaufhörlich wandelt sich das Befinden derer, die immer deutlicher spüren, dass man sie verschaukeln möchte. Es ist beachtlich, wie jenseits reiner Propaganda, die immer durchschaubarer wird, mittels Ausblenden oder Vernachlässigen gewisser Tatbestände der Souverän in Zivil zum dummen August gestempelt wird. Als wenn der keine Augen im Kopf hätte! Wir alle kennen, nur dies Beispiel, die wackeligen Handyaufnahmen von der Silvesternacht in Köln (Stuttgart, Hamburg oder Bielefeld sind längst vergessen). Es ist doch bezeichnend, das im Schatten sexueller Übergriffe und anderer Delikte, die man natürlich auf keinem der Bilder sieht, ein weiterer Frevel, den man auf den Videos allerdings mehr als deutlich sehen kann, mit keinem einzigen Wort kommentiert wurde und wird. Die Rotten marodierender Banden feuerten ihre Raketen immer wieder auf das ehrwürdige Wahrzeichen der Stadt ab, unter Gejohle und Gekreische. Kein einziges Wort dazu von unseren Meinungsmachern. Ist dieser Beschuss (der oft auch in die Menge ging) nur ein randständiges, allenfalls täppisches Vergehen angesichts dessen, was sonst noch geschah? Man könnte auch fragen, was das gewaltige architektonische Wunder eigentlich symbolisiert, dass es solcherart unter grimmiges, dauerndes Feuer genommen wird. Haben sie von einer einzigen Anzeige in dieser Sache gehört? Darf man so etwas überhaupt fragen, wo es um versuchte Vergewaltigung und schweren Raub geht? Ist je bekannt geworden, dass an Silvester der Kölner Dom beschossen wurde? Was würde, letzte Frage, wohl geschehen, schösse umgekehrt ein Ungläubiger seine Raketen auf eine Moschee ab…

Macht man sich noch immer verdächtig mit der Frage, wer von den schätzungsweise dreihunderttausend nicht registrierten Flüchtlingen in diesem Land heute grapschen, morgen rauben und übermorgen morden wird? Es werden eher mehr als weniger werden. Das mutmaßen mittlerweile die meisten Menschen in diesem Land, wenn sie an Köln oder Paris denken oder neuerdings entsetzt nach Istanbul oder Jakarta schauen. Kann man es ihnen verdenken? Mag die Mehrheit derer, die kamen und noch kommen, unauffällig bleiben – die einfache Mehrheit jener, die es nicht sind, darf man deswegen doch nicht dauernd unter Quarantäne stellen, indem man sofort versichert, das sie Ausnahmen darstellen und im übrigen ihr kultureller Hintergrund – der sonst dauernd bemüht wird – keine Rolle spiele. Legionen von SozialpsychologInnen und PädagogInnen weisen in ihren Untersuchungen qua Profession andauernd und völlig zu Recht auf Hintergründe, auf Biografien und Vorläufe hin. Jetzt soll das, eines trügerischen ´Burgfriedens´ willen, komplett ausgeblendet, ganz feige aus dem Diskurs gescheucht werden? Im Ergebnis werden derlei ´Störfaktoren´ wohl wieder in selektiver Form bemüht werden, mit viel Verständnis für das Täter-Opfer: Erklärung und Entschuldigung miteinander verwechselnd.

Ich habe seit gut fünfzehn Jahren nahezu täglich mit SchülerInnen zu tun, die ganz überwiegend dem türkischen, mehr noch dem kurdisch-stämmigen Kulturkreis angehören. Die kenne ich mittlerweile ziemlich gut. Ich verstehe mich glänzend mit ihnen. Was mir auffällt: Mit denen kann ich, auch und gerade in gemischten Gruppen, viel offener, ehrlicher und vor allem unvoreingenommener über derlei Problematiken reden als mit biodeutschen Sprachregelungs-Experten. Seltsam. Ich komme mir gerade im Umgang mit solchen Taktierern selbst sofort wie ein Ausländer vor, ein im Grunde Fremder im eigenen Land. Um nicht ungerecht zu sein: Mich wundert dennoch, wie viele Deutsche angesichts täglich neuer Schlagzeilen weiterhin tapfer still halten und nicht in das übliche Gejammer, die bequeme Wehklage verfallen. Was mir wirklich Sorgen macht, ist ein in ruhigen Zeiten latenter, durch vielerlei falsche Kniffe nunmehr entfachter Nationalismus, der sich breit und behäbig, mitunter aber auch hysterisch, aufbrausend und überschäumend Bahn bricht.

Nahezu täglich schrecken nun Meldungen von Anschlägen in aller Welt die bundesdeutsche Öffentlichkeit auf, und stündlich rechnet jeder mit einem zweiten Paris im eigenen Land. Jene, die den selbstmörderischen Massenmord bis gestern noch für Wildwest aus Übersee hielt, Action-Kino für die heimische Wohnstube, begreifen endlich: Wir alle sind Statisten in einem Spiel, dessen Drehorte wahllos variieren, während das Drehbuch selbst dauernd dasselbe bleibt. Was unterscheidet übrigens, eingedenk dieses Sachverhaltes, das freundliche, multikulturelle Schweden derzeit von Deutschland? Genau – die Nordländer hatten noch nicht ihr Köln oder Paris. Weshalb eine Frau Wallström jüngst die Selbstverteidigung israelischer Sicherheitskräfte unter Generalverdacht stellte und sich öffentlich darüber wundern wollte, dass man sie sofort zur unerwünschten Person erklärte.

Der Brief des Herrn Bürgermeister, den ich diesem lockeren, gewohnt sprunghaften Exkurs voranstellte, endet übrigens mit den üblichen, den obligatorisch freundlichen Grüßen nebst Unterschrift als Kopie. Darunter dann, ganz am Ende des Bogens, BIC und IBAN-Nummer. Es geht also, wieder mal, um Kohle – um den schnöden Mammon. Am Ende geht es nur darum, und wir erkennen, dass man auch weiterhin für alles im Leben zu zahlen hat.

„Wir schaffen das.“ Wie ein unseliges Mantra verfolgt uns dieser eine einzige Satz, bis auf den heutigen Tag und wohl noch über etliche weitere hinaus. An der banalen Äußerung ist seither viel herum gerätselt worden. Welcher Teufel ritt die Dame? Was bewog sie nur, einen solchen Freifahrschein auszustellen? War es einzig Ahnungslosigkeit, die sich hinter dem verhängnisvollen Alleingang der ´Germania´ verbarg? Ist die ´mächtigste Frau Europas´, zu der sie ein grenzübergreifendes Medienkartell in einer an Hybris grenzenden Überhebung immer wieder krönte, am Ende an dem eigenen Nimbus irre geworden? Eine Art Cäsarenwahn mag angesichts einer ´Mutti´, um die sich das deutsche Volk noch im letzten Jahr scharte wie Betschwestern um die Frau Oberin, recht witzig wirken. Selten hat man einer Mächtigen so gehuldigt wie dieser, selten war sie so verhasst und gefürchtet. Hatte es die Wellness-Päpstin satt, außerhalb Deutschlands immerzu als eiserne Lady wahrgenommen zu werden, der man eilfertig falsche Hofknickse und Verbeugungen vorführte? Vor ihrer vermeintlichen Allmacht erzitterten Regierende und Regierte. Wollte sie also mit ihrem grenzenlosen Willkommensgruß ein Zeichen setzen, genauer: es mal so richtig all jenen zeigen, die ihren unerbittlichen Ägiden ohnmächtig, verzweifelt – eben: völlig wehrlos gegenüber standen? Seht her, auch ICH habe ein Herz, meine Deutschen wissen das längst, nun überzeugen und erlösen wir auch euch und gleich den Rest der Welt. Was sie damit im Ergebnis angerichtet hat, kann zur Stunde immer noch nicht umfassend abgeschätzt werden. Sie verfügt aber, bewies die Vergangenheit, über Boni ohne Verfallsdaten. Ihr hat man in Deutschland bisher nahezu alles nachgesehen: jede Pleite, jeden Umfaller. Solcherlei Kehrtwenden um hundertachtzig Grad, wie der Ausstieg vom Ausstieg aus dem Ausstieg eine war, hätte man jedem anderen umgehend um die Ohren gehauen. Wann kommt der sehnlichst erwartete, längst überfällige Schwenk? Worauf wartet diese Frau? Die völkisch alimentierte ´Narrenfreiheit´ macht sie wohl auch weiterhin glauben, sie könne sich wirklich alles leisten. In Umfragewerten stürzt die Mutter der Nation neuerdings ziemlich deutlich ab. Ob ihr das zu denken gibt?

Nach meiner festen Überzeugung trennen uns nur noch wenige Wochen und Monate vom berühmten Rubikon. Im Frühling, spätestens im Sommer dürfte eine wahre Sintflut an Menschen den Balkan überrennen. Schon jetzt müssten also entsprechende Vorkehrungen getroffen werden, dann kann es auch nicht mehr um die täppischen Obergrenzen gehen, aber weder jetzt noch demnächst scheint auch nur irgendetwas zu passieren. Wir – jetzt stimmt das Wort – stehen dieser Tage am Scheideweg. Die Bevölkerung ahnt das; noch ganz dumpf und unbestimmt. Die Mutti schweigt. Beklommenheit macht sich breit.

Genug. Wem der Januar schon jetzt zum Hals raushängt, weil er ahnt, das alles nur noch schlimmer kommen muss, der denke wenigstens über das folgende, abschließende Zitat von Sören Kierkegaard nach: ein Verzweifelter vor dem Herrn, der dennoch instinktiv begriff, dass auch dem Ungemach Grenzen gesetzt bleiben.

„Das neue Jahr steht mit seinen Forderungen vor uns. Gehen wir auch gebeugt hinein, so gehen wir doch nicht ganz mit leeren Händen unseren Weg.“

Der Hinweis auf die noch nicht ganz leeren Hände gefällt mir. Es ist im Grunde wie zu Beginn der menschlichen Evolution, als die klügsten unter den Halbaffen langsam erkannten, das man mit seiner eigenen Hände Fleiß, durch sturen, aber kreativen Gebrauch derselben fast alles vermag – wenn man denn wirklich will.

Es ist an der Zeit, das eigene Schicksal wieder in die eigenen Hände zu nehmen.

Shanto Trdic, 16.01.16

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57 Antworten zu Die verunsicherte Nation

  1. Gutartiges Geschwulst schreibt:

    Ihr Artikel ist von höchster Bärenstärke, Shanto Trdic!

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  2. aurorula a. schreibt:

    Guter Artikel!

    Es stellt sich mir inzwischen immer öfter die Frage, warum es keine Mißtrauensvoten als Bürgerbegehren gibt. Man könnte die Hürden ja entsprechend hoch machen daß es nicht zu mehr Regierungen führt als Jahre die es etwas zu regieren gibt (was, nebenbei, Italien auch nicht übermäßig geschadet hat) – wenn nach erfolgreichem Bürgerbegehren dem eigentlichen Mißtrauensvotum eine Volksabstimmung mit erforderlicher Zweidrittelmehrheit für das Votum im Bundestag vorgeschoben ist, auch sowas – nur irgendwas, bitte, sollte es geben um „runaway governments“ einzufangen.
    *suchtsicheinzivilisiertesland…*

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  3. mike hammer schreibt:

    das gibt sich.
    würde die AFD etwas agressiver auftreten,
    die scheinen im winterschlaf zu sein, wäre der richtige spuk
    schon längst loßgebrochen. deutschland ist ein 80 millionen volk,
    es hat die ganze welt gebraucht die vor 80 jahren zu
    beruhigen und jetzt, jetzt würde ganz
    europa mitmachen.

    den holocaust gabs ohne grund, wozu ist man mit grund fähig?

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  4. mike hammer schreibt:

    geweckt sind sie kaum zu kontrollieren.

    die gutmenschen wecken etwas und sie haben sich so bemüht es im schlaf zu ermorden.

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  5. schum74 schreibt:

    Ein guter Artikel. Allerdings vermisse ich Namen. Nicht den Ihres Hausarztes, wohl aber den des Bürgermeisters, der sich fürsorglich an die Immobilienmakler seiner Gemeinde gewandt hat. Und wie heißt der „beschauliche Kurort“, dessen Bürgermeister er ist?
    Wer ist der Leitartikler, der zuerst die moralische Pflicht anmahnte, alle Ankömmlinge „schnell und unbürokratisch“ aufzunehmen, und nun vor der Wirklichkeit zurückschreckt? Wie heißt seine Zeitung?
    Diese Nichtbenennungen geben dem Artikel stellenweise ein Air von Gerüchteverbreitung, das sich mit Heine oben und Kierkegaard unten nicht verträgt.

    Was hätte man im 5. Jahrhundert mit solchen getan, die Galliens Tore sperrangelweit den Hunnen aufgemacht hätten?
    – Womit ich die Hunnen nicht unter Generalverdacht stellen will. Sicher gab es unter ihnen friedliche Leute, die am liebsten nicht gekämpft hätten – oder höchstens um einen Platz an der Sonne. Aber das Leben ist hart.

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  6. schum74 schreibt:

    „Das neue Jahr steht mit seinen Forderungen vor uns. Gehen wir auch gebeugt hinein, so gehen wir doch nicht ganz mit leeren Händen unseren Weg.“

    Auch mir gehen Kierkegaards Sätze nach, dazu Trdic‘ schöne Deutung: Was hält so ein Gebeugter in seinen nicht ganz leeren Händen? Den Willen, von seinen Händen Gebrauch zu machen. Man könnte nach Trdic auch sagen: Die Hände sind leer, aber potentiell mit allem gefüllt, was sie noch anpacken werden.

    „…so gehen wir doch nicht ganz mit leeren Händen unseren Weg“: Stellt sich da nicht das Bild eines Juden ein, der in einer endlosen Kolonne auf Abtransport wartet? Hat er ein Leben lang wie ein Jid gelebt, gelernt und gedawnet, so hat er was von der Tojre gehabt, derentwegen er nun verschwinden soll. Nichts finde ich trauriger als der Anblick jener Jeckes, die wegen einer Zugehörigkeit verdammt wurden, von der sie niemals zuvor gekostet hatten. Die gingen wirklich mit leeren Händen dahin. Nie eine jüdische simche gekannt, nur das böse Ende.

    Wobei Kierkegaard selbst, aus dessen „Religiösen Reden“, die beiden voneinander getrennten Sätze stammen, das ganz anders gemeint hat. Es ist ein Gebet an den „himmlischen Vater“, der das bisschen Gute, das Einer im Jahr zuvor getan hat, nicht vergessen möge. Zwar gab es (schlechte) „Augenlust“ und Rache und Zorn und kaltes Herz, aber dafür auch „die Erinnerungen an die bangen Zweifel, die beruhigt wurden; an den niederdrückenden Sinn, der erhoben wurde; an die frohe Hoffnung, die nicht beschämt wurde“.
    Eine andere Welt.

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      • Aristobulus schreibt:

        Von der Kierkegaardschen Religionsromantik zum Politromantizismus („die Erinnerungen an die bangen Zweifel, ob der Mensch GUT sei?!, die beruhigt wurden! weil der Mensch GUT ist; an den niederdrückenden Sinn wegen der vielen Realität überall, der erhoben wurde, indem es ja das Irreale gibt; an die frohe Hoffnung auf Weltrevolution, Volksgemeinschaft, Antirassismus, Abschaffung der Staatsgrenzen und Boykott Israels, die nicht beschämt wurde“) ist es nur ein ganz kleiner Trippelschritt, nicht?
        Ach, derlei verklärten Luxus hat man sich im Judentum nicht geleistet (a bissele Buber und a bissele Rosenzweig und a bissele Amira Hass wohl ausgenommen).

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      • Aristobulus schreibt:

        P.S.
        Pardon wegen der Nennung von Bubern und dem Rosenzweigischn; ganz so übel sind die ja nicht gewesen. Obgleich die schon sehr romantisch-expressionistisch gewesen sind. So wie Ben-Chorin. (Muss mal gesagt werden-?, ähmdoch.)
        Aber die hass’sche Amira steht wohl noch zwei oder drei Abgründe tiefer

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      • aurorula a. schreibt:

        Vielleicht sollten die Leute überhaupt den Unterschied zwischen GUT und BÖSE öfter mal der theoretischen Philosophie (und der klemmenden Feststelltaste) überlassen und handeln nach dem Unterschied zwischen richtig und falsch. Sprich etwas tun weil es in dem Moment richtig oder lassen weil es grundsätzlich falsch ist – und den ideologischen Überbau mit dem größeren GUTEN Ganzen an den Hut stecken.
        Wenn diesen Überbau Stalin, Mao, Pol Pot u,a, geliefert hat hätte das viele Leben retten können. Aber was rede ich, alle hier wissen daß das nicht passieren wird; weil die Leute eben GUT sein wollen.

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  7. aurorula a. schreibt:

    Die Reaktion darauf, wenn die Hauseigentümer das Schreiben einfach zum Altpapier tun, sieht dann vielleicht so aus:
    http://m.welt.de/politik/deutschland/article151185848/Palmer-stellt-Eigentuemern-leerer-Haeuser-Ultimatum.html

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    • schum74 schreibt:

      Nächster Schritt? Lasst raten: Wer über 5000 € auf seinem Privatkonto hat, dem wird der Restbetrag zinslos zwangsverpfändet. Ein Hunnophober, wer sich dagegen sperren wollte.

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      • Bachatero schreibt:

        Habe‘ noch ein paar Kubikmeter Platz in meinem Safe. Alles über 5000 €, weich oder hart, ist bei mir absolut sicher, isch schwör. Persönlicher Transport über die bewährten und einschlägigen Kanäle, auch unter Wasser, nach Vereinbarung möglich. Bei Einlagen über 1 Mio € erhalten Sie den Plagiat proof PhD einer renommierten US amerikanischen Universität als Werbegeschenk (Uni & Fachrichtung nach ihren Wünschen). Angebot gültig solange der Speicherplatz reicht. Gutti war schon hier, wegen dem PhD, es fehlten allerdings ein paare € und da ging es halt nicht.

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      • Aristobulus schreibt:

        Kann ich da auch Doktor-hun. werden?, aber der ist höchstens hundertfuffzich Wert, wenn überhaupt, und gibt’s bei hundertachtzich ’ne Urkunde aus der Universität in Palestine, Texas?, die ist zwar recht sehr mies, jedoch der Ort schtymmt.

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      • Bachatero schreibt:

        Aber sicher, only the sky is the limit und natürlich muss die Einlage stimmen, ich bin zwar gemein aber nicht nützig. Übrigens, bei Annahme eines Dr.pal. bekommst Du noch was raus.

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      • Aristobulus schreibt:

        Krieg ich bei Dr.fant. oder beim vielleicht zu modischen Dr.terr. mehr raus?
        (So wie einst Kohl sagte, dass nur das wichtig sei, was hinten rauskommt)

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      • Bachatero schreibt:

        Es gibt, unter uns gesagt, eine Möglichkeit, das Maximum zu erhalten, allerdings nicht in cash, sondern in Vitalien (Frischfleisch). Bei Promotion zum Dr.pal.bum. (ähnlich dem rer. nat. Chemie) gibt es 72, mehr geht nicht. Der Dr.pal..bum. ist Experte in einer besonderen Art von persönlicher wirkungsoptimierter Expansion, die auch die Umwelt in angemessener Weise mit einbezieht und daher einen hohen Grünwert und extreme Nachhaltigkeit aufweist. Leider irreversibel, daher bitte nur ernstgemeinte Anfragen.

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      • aurorula a. schreibt:

        Ich frage lieber nicht nach Umberto Ecos berüchtigter „Nomadischer Urbanistik“, am Ende hat die jemand den Fantastinensern angedichtet (bei der ganzen Geschichte von Orten die es nicht gab, wo ihre Bewohner nicht waren, sind bestimmt auch ein paar Städte dabei), und es gibt eine amerikanische Uni, wo das studiert werden kann…

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      • Clas Lehmann schreibt:

        San Diego? Creative Writing?

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