Tyrannenmord

Die menschliche Geschichte kennt kein Ziel. Wir Menschen wissen nicht, was uns in Zukunft erwartet. Erst im Nachhinein können wir die Zukunft betrachten, wenn diese bereits Vergangenheit ist. Die Bewertung geschichtlicher Ereignisse ändert sich im Laufe der Zeit in Abhängigkeit der gerade (vor)herrschenden Ideologie.

Der durchschnittliche homo vulgaris geht davon aus, dass die Gegenwart, die er bewusst erlebt, die einzig gültige Basis für die Zukunft ist. So werden nach dem Zweiten Weltkrieg immer mehr diktatorisch regierte Staaten Europas demokratisch, zuletzt sogar – als die Sowjetunion zusammenbricht – einige sowjetische Republiken. Doch ist es gewagt zu schließen, dass eines Tages alle Staaten dieses Planeten Demokratien sein werden. Wir kennen nicht die Wahrscheinlichkeit, wie heutige Demokratien sich zu Diktaturen „rückentwickeln“.

Demokratie und Diktatur widersprechen sich in der Theorie, nicht in der Praxis. Es gibt unendlich viele Übergangsformen und Formen der Demokratie und der Diktatur, die sich außerdem im Laufe der Zeit verändern. So kann die Franco-Diktatur Spaniens nicht mit der Nordkoreas verglichen werden. Selbst Mussolini und Putin erscheinen neben den nordkoreanischen Kims wie lupenreine Demokraten.

Das Wesen der Demokratie besteht aus Schlagworten. Freiheit und Gleichheit stammen aus Frankreich. Die Brüderlichkeit – heute: Sozialsysteme – gehört nicht unbedingt zur Demokratie. Deutschland steuert das Recht bei, was mit der französischen Gleichheit liiert ist. Gemeint ist, dass es in der Demokratie ein (geschriebenes) Recht gibt, welches für alle Bürger gilt, auch für die Herrschenden. Somit schließt die Existenz eines Diktators die Demokratie aus, weil für ihn praktisch und theoretisch ein besseres Recht gilt als für den Normalbürger. In der Praxis werden die demokratischen Herrschenden vom Recht bevorzugt, keinesfalls in der Theorie.

Das deutsche Schlagwort „Einigkeit“ gehört nicht zur Demokratie. Die „Einigkeit“ Deutschlands ist geschichtlich bedingt, weil das Land meist zersplittert und bis vor kurzem geteilt gewesen ist. Wahlen gehören ebenfalls nicht zur Demokratie. Großbritannien ist eine Demokratie, dessen oberster Vertreter nicht gewählt wird. Im Übrigen haben sich Wahlen sowohl in Demokratien, wie in Diktaturen durchgesetzt. Wahlfälschungen gibt es in beiden Systemen, häufiger in der Diktatur, aber auch im demokratischen Österreich.

Stellen wir uns vor, dass der deutsche Bundespräsident Gauck, der der oberste Repräsentant der Bundesrepublik Deutschland ist und über so gut wie keine politische Macht verfügen darf, mit Hilfe einiger Freunde die Bundeskanzlerin Merkel entmachtet und sich auf ihre Stelle als Kopf der Regierung katapultiert. Als überzeugte Demokraten fällt es uns schwer, so etwas vorzustellen, ja ein solcher Vorgang erscheint uns absurd, gar pervers. Nehmen wir weiterhin an, dass die Regierungsminister und alle Parteien des Bundestages dieses absurde Spiel aus Eigennutz mitmachen. Nur die Polizei erklärt öffentlich, dass das Vorgehen Gaucks ein Bruch der Verfassung ist. Gauck wird auf Veranlassung eines unbekannten Polizeipräsidenten entmachtet und ins Gefängnis gesteckt. Da Regierung und Parlament sich dem widersetzen, sperrt die Polizei das Regierungsviertel in Berlin ab und blockiert die Zugangswege.

Die Polizei hat jedoch nicht bedacht, dass Gauck beim Wahlvolk viel beliebter als Merkel ist. Viele ansonsten ruhige Bürger und Mitglieder der AfD beginnen in der Öffentlichkeit zu randalieren und Polizisten zu bedrohen, die sie für die Verhaftung Gaucks verantwortlich machen. Nach wenigen Stunden wird Gauck unter dem Jubel der Massen, der Rechten und der Politiker aus dem Gefängnis befreit. Der unbekannte Polizeipräsident wird verhaftet. Sofort gratulieren alle Staatschefs der Welt dem Präsidenten Gauck, dass er einen Putsch ohne Blutvergießen überstanden hat und die Demokratie in Deutschland gerettet ist.

Ist die Geschichte unverständlich? Betrachten wir die Ereignisse in der Türkei. „Gauck“ ersetzen wir durch „Erdoğan“ und den unbekannten Polizeipräsident durch einen wenig bekannten General. Wir erkennen sofort, dass die heutige Türkei keine Demokratie sein kann und alle Staatschefs der Welt mit Ausnahme des Ägypters as-Sisi die Demokratie verraten haben.

Nun möchte ich meine linke Hand ins Feuer legen, dass unser Gauck solche Schweinereien nicht begehen wird. Der Türkische Präsident, der schon früher und erst recht jetzt ein Diktator ist, hat jedoch genau diese Verbrechen begangen. Nehmen wir an, die putschenden Generäle hätten die Möglichkeit gehabt, den Diktator Erdoğan während des kurzen Putsches umzubringen. Wäre dies ethisch gerechtfertigt gewesen?

Ich bitte die Leser, sich diese Frage heimlich zu beantworten. Die Veröffentlichung der Antworten hat schlimme Konsequenzen zur Folge. Schon ein Schmähgedicht auf den türkischen Diktator kann eine Freiheitsstrafe im ach so demokratischen Deutschland nach sich ziehen.

Erschienen unter

https://www.fischundfleisch.com/anti3anti/tyrannenmord-nach-schiller-23244

Aktuelle Türkei Rundschau ATR

http://www.huffingtonpost.de/nathan-warszawski-/tyrannis_b_11070570.html

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13 Antworten zu Tyrannenmord

  1. Hessenhenker schreibt:

    Gerade heute ist es viel einfacher, eine Morddrohung zu bekommen,
    weil man nicht wie Künast erst mal die Polizei angeht, die den Axtattentäter ja auch hätte lebend mit der Kasperklatsche hätte niederstrecken können.

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  2. ceterum censeo schreibt:

    Irgendwie fehlt mir in dem Artikel „Tyrannenmord“ der Tyrannenmord. Ein Hoffnungsfunke täte nicht schaden. In der Türkei wie in der BRD.

    Gefällt 1 Person

  3. schum74 schreibt:

    Anders als Jakobs Spiegel hat Bild manchmal sehr gute Artikel – so jetzt von Ulrich Sahm: „BILD erklärt Erdogans Islamisten-Gruß“ (19.07.2016):

    (…) Und immer wieder zu sehen: Erdogans Gruß! Vier ausgestreckte Finger, den Daumen weggedreht.

    Als die Muslimbrüder in Ägypten gegen die Absetzung von Präsident Muhammad Mursi durch den Militärputsch des derzeitigen Präsidenten Al Sisi protestierten, sah man es tausendfach auf den Straßen: Statt der zwei Finger des säkularen „Victory“ wurden 4 Finger gezeigt, eine schwarze Hand mit eingeschlagenem Daumen auf gelbem Grund. Es war das Zeichen der Muslimbrüder.

    2013 wurde Erdogan gefilmt, als er weinend über den Tod von Asmaa el Beltagy trauerte. Die junge Demonstrantin war vor der Rabaa al-Adawiya Moschee in Kairo erschossen worden. „Rabaa“ bedeutet auf Arabisch „vier“ und deshalb die vier Finger als Zeichen der Solidarität für die Muslimbrüder und die Islamisten. Das Symbol verbreitete sich in der ganzen muslimischen Welt.

    Jetzt, nach dem erfolgreichen Niederschlagen des Militärputsches, trat Erdogan auf, im Maßanzug und mit einem karierten Arbeiterhemd ohne Krawatte. So demonstrierte er „Volksnähe“.

    Und wieder zeigte der türkische Präsident für alle sichtbar seine Solidarität mit den islamistischen Muslimbrüdern: Zu Beginn seiner Rede, als er sich an „meine lieben Brüder“ wandte, winkte er mit seiner Hand, mit vier ausgestreckten Fingern und einem weggedrehten Daumen.

    Erdogan hat das Symbol in seiner Rede mehrfach verwendet und gewiss nicht zufällig.

    In arabischen Medien wird Erdogans stilles Zeichen ausführlich diskutiert. Im Gazastreifen, wo die Hamas, Ableger der ägyptischen Muslimbrüder, herrscht, gab es Jubelfeiern nach dem gescheiterten Putsch in der Türkei. In Ägypten hingegen reagierte Präsident Al Sisi ungehalten.

    In der arabischen Welt gibt es viele Analphabeten, aber symbolische Handzeichen werden von jedem verstanden. Ob der Westen diese Zeichen der Zeit begreift?

    http://www.bild.de/politik/ausland/militaer-putsch-tuerkei/das-handzeichen-von-erdogan-46891468.bild.html?wtmc=fb.shr

    Daher also Merkels Devotheit zu ihrem Herrn am Bosporus!
    Sagen Sie mal: Hate speech ist verboten und wird verfolgt. Aber wie steht es mit Contempt speech? Darf man seine Verachtung öffentlich ausdrücken?

    Gefällt 2 Personen

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