Von Narrativen, vom Wahrheitsministerium und von anderen Lügen

Bis 1948 schreibt George Orwell an seinem Roman „1984“, der ein Welterfolg werden wird. Unter dem Eindruck der unsäglichen Verbrechen des Stalinismus, die damals viele Intellektuelle (bis heute) verteidigen, beschreibt Orwell den totalitären Staat. Im Zentrum der Macht herrscht das „Wahrheitsministerium“, welches nach der Devise verfährt:

Die Zukunft kennen wir nicht, die Gegenwart ist schon vorbei, das Einzige, was wir ändern können, ist die Vergangenheit.

Außer in Nordkorea, im Iran und mit tatkräftiger Unterstützung der EU und Deutschlands bald auch in der Türkei gibt es keine Wahrheitsministerien mehr. Heute sind die Lügen demokratisiert und werden von Politkern, Wirtschaftsmanagern, Intellektuellen und Journalen gestreut. Neu hinzugekommen im Internet-Zeitalter sind die Blogs. Sie alle verbreiten Geschichtsfälschungen, die man besser klingend „Narrative“ nennt. Das Verbreiten der leicht beweisbaren Unwahrheit ist in demokratischen und autokratischen Ländern positiv mit dem Ausdruck „Meinungsfreiheit“ besetzt.

Mit Hilfe der Narrative beabsichtigt der Märchenerzähler, die Meinung der Leser zu manipulieren. Dies gelingt ihm zumindest im Herunterschrauben des Niveaus. Statt zu recherchieren, bedient sich die Mehrheit bequemerweise bei Wikipedia oder Russia Today oder bei beiden, um ihre roh vorgefertigte Meinung zu festigen.

Orwells Satz des Wahrheitsministerium

… was wir ändern können, ist die Vergangenheit.

klingt beinahe 70 Jahren nach seiner Veröffentlichung holprig und veraltet. Lauschen wir stattdessen den Worten des amtierenden Papstes, wie er sie in Schweden zum 500. Jubiläumsjahr der Luther-Reformation verkündet:

Während die Vergangenheit nicht verändert werden kann, kann das, woran man sich erinnert und wie man sich erinnert, verwandelt werden.

Vergleicht man beide Sätze, so erkennt man sofort die jämmerliche Ausdruckweise des großen Schriftstellers George Orwell!

Dabei verfügt der amtierende Papst keine tiefen Kenntnisse der Demagogie. Er sagt, dass die Vergangenheit nicht verändert werden kann und erläutert gleich anschließend noch im selben Satz, wie man die Erinnerung an die Vergangenheit, also die Vergangenheit, verwandeln darf.

Ein zentrales Wahrheitsministerium ist in einem demokratisch regierten Staat nicht notwendig. Das Wahlvolk folgt gehorsam demjenigen Politiker, der beim Verdrehen der Fakten, die nur einer Minderheit des Wahlvolkes nützen, nicht ins Stottern gerät. Ein häufiger Trick, der beste Wirkung zeigt, ist das Diskutieren über Begriffe statt über Tatsachen. Ein aktuelles Beispiel ist das klägliche Kontrollversagen der deutschen Grenzen, die Deutschland definieren. Die Diskussion verengt sich pseudo-philosophisch auf abstrakte Obergrenzen und ob solche überhaupt existieren.

Höchst bemerkenswert ist das Auftauchen neuer Narrativen, wenn die alten Narrative verbraucht sind. Der Übergang vollzieht sich nahtlos wie beim anderen berühmten Werk George Orwells „Farm der Tiere“. Aus „4-Beiner sind gut, 2-Beiner sind schlecht“ wird „4-Beiner sind gut, 2-Beiner sind besser“. Entsprechend diesem Motto und ohne die literarische Vorlage zu kennen, hat sich im Denken der Deutschen ein unvölkisches Narrativ festgebissen. Während die Wiedervereinigung aller Deutschen vor 25 Jahren herzlich begrüßt wird, setzt sich im Laufe einer einzigen Generation nach erfolgter Wiedervereinigung die Überzeugung bei den Gesamt-Deutschen durch, dass der Nationalstaat ein Auslaufmodell ist. Kleine Völker und Nationen – wie die Kurden (30 – 50.000.000 / Luxemburg = 567.000) – mögen nun bitteschön auf die Eigenstaatlichkeit verzichten!

Um Bedenken der Israelkritiker und der Atomkraftgegner unter den Anhängern des Auslaufmodells „Eigenstaatlichkeit“ zu zerstreuen: Der Verzicht auf die Eigenstaatlichkeit gilt selbstverständlich nicht für Palästinenser oder Wallonen. Hier gibt es übergeordnete Interessen, die mit dem Nationalsozialismus und der Weltrettung zusammenhängen, welche die liebsten Narrative der Deutschen sind.

Auch der Deutsche Islam übt sich im neuen märchenhaften Denken. Hier ein aktuelles Narrativ von Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland:

Ich bin Jude, wenn Synagogen angegriffen werden,
ich bin Christ, wenn Christen im Irak verfolgt werden,
ich bin Muslim, wenn Brandsätze auf Moscheen geworfen werden.

Was deuten diese drei Zeilen an? Sie lassen sich verständlicher in eine Zeile zusammenfassen:

Ich bin immer Opfer und übernehme niemals die Verantwortung.

Auch die Deutsche Bundesregierung übt sich fortwährend im Märchenerzählen. Anlässlich der Schließung der letzte großen oppositionellen türkischen Zeitung verkündet der Deutsche Staat:

Wir machen uns Sorgen um die Pressefreiheit.

Da es in der Türkei keine Pressefreiheit mehr gibt, braucht man sich keine Sorgen über die Pressefreiheit in der Türkei zu machen. Der ehrliche, nicht-narrative Satz der Deutschen Bundesregierung anlässlich der Schließung der letzte großen oppositionellen türkischen Zeitung müsste korrekt lauten:

Wir machen uns Sorgen um die fehlende Pressefreiheit.

Doch gerade darum sorgt sich die Deutsche Bundesregierung nicht. Das Lesen türkischer Zeitungen ist den Bürgern mit Migrationshintergrund und unzureichenden Deutschkenntnissen vorbehalten.

Kommen wir zum Schluss auf moderne Narrative, die sich wenig von älteren unterscheiden, was dem uninteressierten Gebildeten nicht auffallen will und soll. Federica Mogherini, die Hohe Vertreterin der EU für Außen- und Sicherheitspolitik, spricht gefährlich:

Meinungsfreiheit ist in der EU ein Grundrecht, wie es der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte betont. Darunter fallen auch Informationen, die einen Staat oder eine beliebige Volksgruppe beleidigen, entsetzen oder stören.

Diese Meinungsfreiheit schließt bekannte Zitate ein:

Deutsche! Wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden!

Jüdisches Geschäft! Wer hier kauft, wird photographiert! 

Die SS-Warnung wiederholt sich derzeit in Bremen. Zeitgerecht und im Sinne der begehrtesten deutschen Narrativen (Nationalsozialismus, Weltrettung) mutieren „Jüdische Geschäfte“ zu „Waren aus Israel“, „SS“ zu „BDS“ (Boykott, Desinvestition und Sanktionen ausschließlich gegen Juden). Die moderne Bremer Variante des Judenhasses oder der Israelkritik fällt unter der Meinungsfreiheit. Es besteht keine Gefahr, dass Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland, seinen leeren Worten Taten folgen lässt und er als Jude unüberlegt zur Tat schreitet.

Erschienen unter

https://www.fischundfleisch.com/anti3anti/george-orwell-und-das-wahrheitsministerium-27460

http://www.tabularasamagazin.de/artikel/artikel_7422/

 

 

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15 Antworten zu Von Narrativen, vom Wahrheitsministerium und von anderen Lügen

  1. Hessenhenker schreibt:

    „Ich bin Jude, wenn Synagogen angegriffen werden,“
    Gar nicht komischer Weise handhaben deutsche Politiker das immer so: „Ich bin Jude, weil im 3. Reich Juden ermordet wurden“.
    Oder: „Die Nazis haben den 2. Weltkrieg verloren.“
    Oder: „Die Deutschen haben den 2. Weltkrieg verloren.“ Gilt besonders für Täterkinder, die es allen anderen anklagend vorhalten, während sie selber offenbar der unbefleckten Empfängnis entstammen.

    „Die Deutschen haben den 2. Weltkrieg verloren“ ist schizophren.
    Als Deutscher würde ich doch sagen „Wir haben den 2. Weltkrieg verloren“.
    Und wenn „wir“ Weltmeister geworden sind,
    dann haben „wir“ auch derselben Logik nach Juden umgebracht.
    Unser „wir“ ist weder die reine Meerjungfrau noch die Heilige Maria, da sind doch auch Attila und Dschinghis Khan mit drin. Was ein Mongole nie leugnen würde.

    Gefällt 3 Personen

  2. hans spuck in die luft schreibt:

    Ich bin Jude, wenn Synagogen angegriffen werden,
    ich bin Christ, wenn Christen im Irak verfolgt werden,
    ich bin Muslim, wenn Brandsätze auf Moscheen geworfen werden.

    (Der Esel nennt sich immer zuerst? Da haben wir aber Schwein gehabt!)

    Was deuten diese drei Zeilen an? Sie lassen sich verständlicher in eine Zeile zusammenfassen:
    Ich bin immer Opfer und übernehme niemals die Verantwortung.

    ___

    Ausgezeichnet, ein wunderbarer Artikel!

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  3. schum74 schreibt:

    Devise des Orwellschen Wahrheitsministeriums:
    „… das Einzige, was wir ändern können, ist die Vergangenheit“

    Papst am Reformationstag 2016:
    „Während die Vergangenheit nicht verändert werden kann, kann das, woran man sich erinnert und wie man sich erinnert, verwandelt werden.“

    Keine Frage, lieber anti3anti: Die päpstliche Losung ist dem wahrheitsministerialen Motto selig überlegen. Und zwar hat sie zwei Vorteile:

    a) Das Vergangenheitsnarrativ wird, wie Sie richtig anmerken, dezentralisiert bzw. demokratisiert. Anders als in Ozeanien ist die Vergangenheitsproduktion kein Hoheitsrecht mehr. Jedermann kann beschließen, wie er Fakten in der Erinnerung verwandeln kann. Zwar versuchen noch Machtinhaber, einzelne Kollektive auf ein einheitliches Vergangenheitsnarrativ festzulegen, aber auch diese Machthaber sind passé. So brachte eine Untersuchung des Markt- und Meinungsforschungsinstituts YouGov zutage, dass jeder zweite US-Bürger Zweifel an den Angaben der Regierung zu den Ereignissen von 9/11 habe (Deutsche Wirtschafts Nachrichten, 11.09.2013).

    b) Zusätzlich kann beim selben Individuum das Vergangenheitsnarrativ umstände- und launebedingt wechseln. Von dieser Changierbarkeit profitiert der Papst selbst, wenn er Anfang September 2015 die Europäer beschwört, afrikanische und asiatische Migranten grenzenlos aufzunehmen, aber schon zwei Wochen später „vor Import islamistischer Extremisten [warnt]“ (Epoch Times, 14.09.2015).

    Ja, welches Narrativ ist nun richtig? Das vom edlen, hilfsbedürftigen Flüchtling oder das vom schlauen Feind? Les deux, mon général. Hängt davon ab, was man gerade bezweckt. In seiner zweiten Rede musste der Papst erklären, warum der Vatikan seine Sicherheitsmaßnahmen verstärkt. „Ja, niemand hat gesagt, Rom sei immun gegen eine solche Bedrohung. Aber man kann sich schützen“ (Epoch Times, 14.09.2015).

    http://www.epochtimes.de/politik/welt/fluechtlingswelle-papst-warnt-vor-import-islamistischer-extremisten-a1268974.html

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    • schum74 schreibt:

      Aber auch hinsichtlich weiter liegender Ereignisse hält sich Franziskus an den Vorsatz, das Erinnerte zu verwandeln.
      Vor der UNESCO-Resolution, wonach das jüdische Volk nie und nimmer irgendwelche Beziehung zu Jerusalem gehabt habe, bekräftigte der Papst bei jeder Gelegenheit den Anspruch der Araber auf einen Teil des Heiligen Landes.
      Nach der Resolution – o Wunder! – ruft Franziskus das ältere Narrativ in Erinnerung:
      „Gott hat das Heilige Land dem Volk Israel versprochen“.

      Wenn es so ist, warum soll Israel den Mahmoud Abassen irgendwas davon abgeben?
      Warum? Naive Frage. Weil beide Versionen stimmen: sowohl dass Er das Heilige Land dem Volk Israel versprochen hat, wie auch dass Er das Heilige Land dem Volk Israel nicht versprochen hat. Kommt darauf an, woran und wie man sich erinnert.

      http://www.breitbart.com/jerusalem/2016/10/27/pope-god-promised-holy-land-people-israel/

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  4. schum74 schreibt:

    Es war einmal die Wirklichkeit…

    Video: Politologe Alexandre Del Valle und Richter Marc Trévidic in der Sendung « Salut les Terriens » vom 29.10.2016

    http://www.desinfos.com/spip.php?article55378

    Ob der Maschiach schon gekommen sei, fragte kürzlich Aristobulus. Die Antwort hängt davon ab, ob man freudig darüber staunt, dass solche Sachen im französischen Staatsfernsehen gesagt werden können, oder ob man sich an das Gesagte hält.

    Gefällt 1 Person

  5. schum74 schreibt:

    „Dabei verfügt der amtierende Papst über keine tiefen Kenntnisse der Demagogie.“

    Meinen Sie? Ob Franziskus gelernter Demagoge ist, weiß man nicht, aber mit Sicherheit ist er ein geborenes Talent.
    Was sagte er noch zu Journalisten auf dem Rückweg von seiner Polen-Reise (31.07.2016)?

    „Ich mag es nicht, von islamischer Gewalt zu sprechen, denn jeden Tag, wenn ich die Zeitungen durchblättere, sehe ich Gewalttaten, hier in Italien: da ist der, der seine Freundin oder seine Schwiegermutter tötet, und das sind gewalttätige katholische Getaufte. Würde ich von islamischer Gewalt sprechen, müsste ich dann auch von katholischer Gewalt sprechen?“

    http://www.kath.net/news/56196

    Im Klartext: Für den Papst genügt es schon, getauft zu sein, um als Christ zu töten bzw. zu morden. Wer getauft ist und tötet, töte zwangsläufig in Christi Namen. Dazu muss er nicht extra „Jesus ist der Größte“ brüllen. Demnach hätten die getauften Nationalsozialisten die Juden in Christi Namen ermordet. Schade, dass der Papst das nicht in Auschwitz gesagt hat. Das wäre die Sensation gewesen.

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    • hans spuck in die luft schreibt:

      In Italien gibt es verschwiegen Leute, die sich Beichte abnehmen lassen, nachdem sie mörderische Aufträge ablieferten. Als Glaubenskämpfer sehe ich die nicht. Als Geschäftsleute sind sie ehrlicher als die ehrlichen, aber man sollte sie nicht leicht nehmen. Interessanter Einwand dem Papa. Der hat wohl was gegen Verschwiegenheit und bevorzugt jihadi-Störenfriedefreude? Eierkuchen für den Pöbel?
      Shabat shalom.

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    • caruso schreibt:

      Ist der Papst so dumm, daß er zwischen dem fast ununterbrochenen Morden von Moslimen und gelegentlichen Morden von Christen nicht unterscheiden kann? Oder will er nicht unterscheiden aus welchen Gründen immer.
      lg
      caruso

      Gefällt 2 Personen

  6. caruso schreibt:

    Den Trick, wie man die Vergangenheit verwandeln kann, hat schon „Väterchen“ Stalin gewußt. Alle 2-3 Jahre schrieb er „Die Geschichte der Kommunistischen Partei der SU“ und jedesmal war sie zwar nicht ganz, aber in vielen Teilen ziemlich neu. Und alle Parteimitglieder mußten den jeweilig neuen Text kennen und ziemlich viel sogar auswendig können. Zumindest sinngemäß.
    War das langweilig!!!
    lg
    caruso

    Gefällt 1 Person

  7. Dante schreibt:

    Ich bin Jude, wenn Synagogen angegriffen werden,
    ich bin Christ, wenn Christen im Irak verfolgt werden,
    ich bin Muslim, wenn Brandsätze auf Moscheen geworfen werden.

    Was deuten diese drei Zeilen an? Sie lassen sich verständlicher in eine Zeile zusammenfassen:

    Ich bin immer Opfer und übernehme niemals die Verantwortung.

    So habe ich das freilich nicht verstanden, sondern eher im Sinne von Peter Stucks Ausspruch von 2001, wir seien jetzt alle Amerikaner.

    Gefällt mir

  8. Dante schreibt:

    Die moderne Bremer Variante des Judenhasses oder der Israelkritik fällt unter der Meinungsfreiheit.

    Die Kritik an dieser Form der Israelkritik jedoch auch, übrigens auch überzogene, etwa Gleichsetzungen mit der Politik der Nazis. Wobei diese freilich noch den Vorzug hat, wahrhaftiger zu sein. Auch die Nazis haben in den Juden nicht die harm- und wehrlose Minderheit gesehen, die sie war, sondern sie zur Bedrohung und zu heimlichen Herrschern stilisiert und so ihrer Judenverfolgung ein pseudohumanistisches Mäntelchen umgehängt.

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