Sollen Armenier an einer Veranstaltung zum Völkermord an den Armeniern teilnehmen?

Im ersten Moment erscheint die Frage absurd. Schließlich handelt es sich bei einer solchen Veranstaltung um eine Gedenkveranstaltung an die Armenier, die unsägliches Leid erlitten haben. Deshalb wird die Frage präzisiert:

Sollen Armenier sich als Armenier zu erkennen geben, wenn sie an einer Veranstaltung zum Völkermord an den Armeniern teilnehmen, die nicht von Armeniern organisiert wird? So wenn das Gedenken von den Nachfahren der Täter, also von Türken, organisiert wird, sei es in Deutschland, sei es in der Türkei?

Nun wissen wir, dass Gedenkveranstaltungen zum Völkermord an den Armeniern in der Türkei nicht gerne gesehen werden. Wie in Deutschland drücken sich viele Nachfahren der Täter um ihre Verantwortung. Es ist zu befürchten, dass eine solche Veranstaltung binnen kürzester Zeit von der türkischen Polizei unter Anwendung grober Gewalt aufgelöst werden und mit vielen Verhaftungen der Teilnehmer enden wird. Auch ein öffentliches, ehrliches Gedenken zum Völkermord an den Armeniern von echten Türken in Deutschland ist momentan unwahrscheinlich. Die teilnehmenden Türken würden sich Probleme von ihren in Deutschland lebenden Landsleuten einhandeln, die sie binnen kürzester Zeit zur Einsicht zwingen werden, von einer solchen Gedenkveranstaltung Abstand zu nehmen.

Im Falle der Armenier lautet die Antwort heute, mehr als 100 Jahren nach dem letzten Genozid an den Armeniern, dass eine Teilnahme von Armeniern an einem Gedenken zum Völkermord am Armenischen Volk, das von den Nachfahren der Täter veranstaltet wird, nicht empfehlenswert, gar unerwünscht ist. Der Abstand zur schrecklichen Tat ist noch zu kurz, selbst wenn keiner der Täter oder keiner (kaum einer) der überlebenden Opfer zur Zeit des Genozids bereits gelebt hat. Da solche Gedenkveranstaltungen äußerst rar, wenn überhaupt existent sind, erübrigt sich die eingangs gestellte Frage. Sie könnte jedoch in ein bis zwei Generationen akut werden.

Der Genozid an den Juden, Holocaust genannt, ist hingegen jüngeren Datums. Es gibt noch genügend Täter und Opfer, die dabei gewesen sind. Die Siegermächte haben dafür gesorgt, dass die Täter und ihre Nachfahren im Sinne einer Umerziehung sich Holocaust-Gedenkveranstaltungen unterziehen, an der auch die Opfer und ihre Nachfahren daran teilnehmen dürfen. Nun wirkt die Umerziehung eines ganzen Volkes nicht für immer und ewig, vor allem, wenn sich die Volkszusammensetzung ändert und die Integration Hinzugekommener nur unzureichend gelingt. Die Umerziehung muss stets erneuert werden, was übermenschliche und unbezahlbare Anstrengungen verlangt.

Die Gefahr besteht nicht darin, dass der Holocaust an den Juden von den Nachfahren der Täter vergessen, sondern dass er instrumentalisiert wird. Der Judenhass ist ubiquitär und bedeutend älter als der Nationalsozialismus. Es wäre verwunderlich, wenn er sich aus Deutschland austilgen lassen würde, nur weil 6.000.000 Juden ermordet worden sind. Der Holocaust ist eine Zäsur eher für die Nachkommen der Opfer als für die Nachkommen der Täter.

Nicht alle Nichtjuden und einige Juden in Deutschland sind Judenhasser, sondern ein gewisser Teil der Bevölkerung Deutschlands, der zwischen 20 bis 30% anzunehmen ist. Unter diesen Judenhassern gibt es eine große Anzahl, die sich zur Erinnerung an den Holocaust verpflichtet fühlt. Als Judenhasser müssen sie die Erinnerung instrumentalisieren, um nicht verrückt zu werden. Der ehrliche Leser wird sofort zustimmen, der Judenhasser wird per definitionem widersprechen.

Die Instrumentalisierung bedient sich einfacher Narrative, die man eher in rechten als in linken Kreisen vermutet. Die heutigen Juden, ob in Israel lebend oder nicht, werden als die eigentlichen Nazis betrachtet, ja schlimmer als die echten Nazis angesehen, was den nationalsozialistischen Antisemitismus rechtfertigt, was den instrumentalisierenden Judenhassern ebenfalls per definitionem nicht einsichtig werden kann. An den von Judenhassern organisierten Holocaust-Gedenkveranstaltungen sind nur erkennbare Juden und Judenfreunde unerwünscht. Woran erkennt man Juden und ihre Freunde? Nein, nicht an ihrer Nase, sondern an jüdische Symbole, die sie zuweilen offen sichtbar tragen, vor allem an Holocaust-Gedenkveranstaltungen. Besonders verhasst als Symbol ist unter Judenhassern der Davidstern, unter Nazis unter dem Namen „Judenstern“ geläufig. Die judenhassenden Veranstalter erkennen im sechszackigen blauen Stern den Judenstaat Israel, die religiöse Bedeutung des Judensternes wird verdrängt.

Es wird also Juden und Judenfreunde dringend empfohlen, sich vor der Teilnahme an einer Holocaust-Gedenkveranstaltung zu erkundigen, ob sie willkommen sind. Da im Vornherein nicht mit einer ehrlichen Auskunft gerechnet werden kann, sollte von unsicheren Organisatoren, die Israel kritisch gegenüberstehen, Abstand genommen werden, da zum Holocaustgedenken gewöhnlich Gewalt gegen Juden und Judenfreunde ausgeübt wird. Zu diesen kritischen Veranstalter zählen religiöse und gewerkschaftliche Organisationen, wobei ich betone, dass es religiöse und gewerkschaftliche Organisationen gibt, die nicht judenfeindlich sind.

Als schlimmes Beispiel empfehle ich den erst kürzlich erschienenen aufschlussreichen Artikel von Benjamin Weinthal in der renommierten Jerusalem Post, der größten englischsprachigen Tageszeitung Israels, die oft in den USA gelesen und zitiert wird.

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Eine Antwort zu Sollen Armenier an einer Veranstaltung zum Völkermord an den Armeniern teilnehmen?

  1. Gutartiges Geschwulst schreibt:

    „Die Umerziehung muss stets erneuert werden, was übermenschliche und unbezahlbare Anstrengungen verlangt.“

    Ach, manchmal geht’s auch einfacher. 1979 genügte schon eine einzige amerikanische Fernsehserie, um aus dem monströsesten Völkermord für immer einen Holocaust zu machen. Klingt halt unverbindlicher.
    Ihr Artikel ist sehr lesenswert, Nathan Warszawski!

    Gefällt 1 Person

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