Die Toleranz des Wegschauens

Auszug aus einem Interview mit Martin Rhonheimer: Der Islam ist die Antithese zum Christentum

http://www.freiewelt.net/interview/der-islam-ist-antithese-zum-christentum-10047235/

http://www.die-tagespost.de/abo-leserbriefe/leserbrief/Interview-mit-Martin-Rhonheimer-zum-Islam-Durcharbeiten-und-verinnerlichen;art632,155425

http://www.nzz.ch/feuilleton/toeten-im-namen-allahs-1.18378020

Kann sich der Islam nicht wie das Christentum erneuern?

Das Christentum konnte sich auf seine Ursprünge zurückbesinnen. Die Kirche hat es stets geschafft, historischen Ballast abzuwerfen, sich auf das genuin Christliche neu auszurichten. Wenn Christen auf ihre Ursprünge zurückgehen, stoßen sie auf Jesus, der davon spricht, man solle dem Kaiser geben, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört. Und der dem Apostel Petrus sagt, er solle sein Schwert in die Scheide stecken. Solche Rückbesinnung hat zu immer wieder neuen Reinigungsprozessen und Reformschüben geführt. Wenn hingegen Muslime zu den Ursprüngen ihrer Religion zurückgehen, kommen sie zum politisch-religiösen Führer Mohammed und da sieht es kriegerisch aus. Der Islam kann nicht einfach historischen Ballast abwerfen, er muss seine religiösen Ursprünge und Grundlagen in Frage stellen, wenn er sich reformieren will.

Martin Rhonheimer lehrt Ethik und politische Philosophie an der Päpstlichen Universität Santa Croce in Rom. Er trat 1974 dem Opus Dei bei und empfing 1983 die Priesterweihe. Als Jude geboren, konvertierte im Alter von sieben Jahren zum Katholizismus.

Unabhängig ihres Wahrheitsgehaltes sind die Sätze des katholischen Priesters und Römischen Professors politisch unangepasst. In seinen Funktionen wird er seine Worte nicht widerrufen müssen. Im Schatten seiner Thesen wage ich, nach der Zukunft Deutschlands und Europas zu fragen.

Das, was wir derzeit aus Syrien und dem Irak erfahren, erscheint dem Europäer wie ein geschichtlicher Rückschritt ins dunkle Mittelalter. Da die Geschehnisse, die später als Geschichte interpretiert werden, nicht gerichtet sind, gibt es keinen Rückschritt in der erlebten Geschichte. Kein Land der Welt hat einen Alleinvertretungsanspruch auf das „dunkle Mittelalter“. Gestern in Deutschland, heute in Assyrien, morgen auf einen anderen Kontinent. Die Geschehnisse werden erst in der Zukunft zur Historie, indem sie bewertet werden, zu jeder Zeit verschieden. Es ist folglich äußerst schwierig, wenn nicht unmöglich, schon heute die richtigen Konsequenzen aus unserem jetzigen Tun zu ziehen.

Ich will die Meinung von Martin Rhonheimer zunächst akzeptieren, dass der reformwillige Islam seine religiösen Ursprünge und Grundlagen in Frage stellen muss. Die Kenner der Materie werden unabhängig ihrer Glaubensrichtung zu dem betrübten Ergebnis gelangen, dass eine Reform des Islams in nächster Zeit somit ausgeschlossen ist. Unter „Nächster Zeit“ versteht man die Zeit, die der Leser bewusst erleben wird.

Islam und Christentum mögen Antithesen sein. Der gewalttätige Widerspruch entsteht jedoch nicht durch die Religionen, sondern durch die Träger der Religionen. Gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Muslimen verschiedener Richtungen und zwischen Muslimen und Angehörige anderer Religionen sind nicht erst seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges bekannt. Doch die Kämpfe haben weit weg von Europa in Arabien, in Indien und in Afrika stattgefunden und somit die westliche Zivilisation nicht tangiert. Dann haben die Träger des Islam langsam, aber stetig begonnen, den alten Kontinent zu besiedeln, nicht gegen den Willen der Europäer, sondern mit deren Zustimmung, da Europa nach billigen Arbeitskräften gelechzt hat und immer noch lechzt.

Es ist also die Konsequenz europäischen Handelns, also die Schuld der Europäer, dass religiöse Probleme der Dritten Welt in Europa gelangen und sich dort ausbreiten.

Ist es den Europäern zu Gute zu halten, dass sie davon ausgehen, dass sich ihre Friedenskultur auf alle Migranten übertragen lässt? Die Realität widerspricht den Wünschen. Es sind weit mehr eingeborene Deutsche zum Islam konvertiert als eingewanderte Muslime zum Christentum. Viele deutsche Islam-Konvertiten haben im radikalen Islam oder im Islamismus eine neue Heimat gefunden. Die christliche Umgebung hat bei diesen jungen Menschen die erforderlichen Werte nicht vermittelt. Falls ein Muslim zum gemäßigten Christentum konvertieren will, was selten genug passiert, so mischen sich Behörden ein, die den Zweifel säen, dass der christliche Konvertit, der Flüchtling und Asylant ist, die Konversion lediglich dazu benutzt, um in Deutschland ein Aufenthaltsrecht zu ergaunern.

Nicht die christliche Friedenskultur hat sich auf die muslimischen Migranten übertragen, sondern die islamische Kultur auf junge Europäer, die sich von Gesellschaft und Kirche verlassen fühlen.

Nun neigen die wenigsten Muslime in Deutschland wie anderswo zum radikalen und gewalttätigen Islam. Doch selbst bei wenigen %0 geht ihre Zahl in Deutschland in die Tausende!

Da Historie erst im Nachhinein bewertet wird, darf ich hier enden, ohne Konsequenzen des bisherigen Tuns der Europäer aufzeigen zu müssen oder zu können. Zum Zweiten besteht die Möglichkeit, dass Martin Rhonheimers Thesen nicht zutreffen, was unwahrscheinlich ist. Es gibt jedoch eine weitere Möglichkeit, um nicht anzuecken: die Toleranz des Wegschauens.

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Der Antisemitismus gehört zu Deutschland

Militärisch ist die EU ein Zwerg, wirtschaftlich und politisch hat Deutschland in der EU das Sagen. Wenn der Antisemitismus zu Deutschland gehört, dann gehört der Antisemitismus zur ganzen EU.

Wirtschaftlich und ideologisch hat die EU den Zenit überschritten. Trotzdem streben weitere Staaten die Mitgliedschaft an, weil es am östlichen Rand der EU erbärmlich zugeht. Die Kaste der Mächtigen und Reichen in den EU-„Südländern“ lässt es sich gut gehen und hängt am Tropf Europas, also Deutschlands. Not leiden muss die arbeitende und die nicht-arbeitende Bevölkerung. Wer es kann, verlässt sein von der Sonne beschienenes Land, um sich in der „Nord“-EU zu verdingen. So spart sich Deutschland teure Ausbildungskosten für Mediziner und andere Akademiker, die im mächtigsten Staat der EU händeringend gesucht werden. Auch Ärzte aus Rumänien mit geringen Deutschkenntnissen werden gerne genommen, was die medizinische Betreuung der daheimgebliebenen Rumänen auf das medizinische Niveau der Dschungel Schwarzafrikas drückt. Doch selbst von dort laufen die Ausgebildeten weg, um in Deutschland zu dienen.

Die EU als ganzes wird von den USA, der VR China, Südkorea und selbst von Brasilien sowohl wirtschaftlich, als auch militärisch abgehängt. Die Chancen stehen schlecht, dass die EU noch in diesem Jahrhundert erneut die Weltspitze erklimmt. Politisch und ethisch driften diverse EU-Staaten über einen gesteigerten Nationalismus in die Barbarei. Ungarn ist lediglich ein auffälliges Beispiel. Das bestialische Benehmen Flüchtlingen gegenüber, welches die europäische Rechtsprechung mit Mühe glättet, lässt den wahren Antlitz Europas erkennen – so man ihn erkennen will.

In dieser Melange erwarten die Mächtigen der EU ein Machtwort Deutschlands. Es muss scharf klingen, darf den Gegner verletzten, soll die eignen Interessen nicht berühren. Unter Deutschlands Führung soll Russland vernichtet werden, selbst wenn die EU die Unterstützung Russlands außenpolitisch und wirtschaftlich dringend benötigt. Vorgeschoben werden die Ukraine und Moldawien, die vom Zugriff Russlands gerettet werden sollen, zwei Länder, deren Eigenständigkeit, Zivilisation und Kultur durch den Beitritt in die EU auf immer zerstört sein wird. Zumindest die Mächtigen der Ukraine und Moldawiens profitieren auf Kosten ihrer Völker.

Offiziell hegt Deutschland freundschaftliche Beziehungen zum Staat der Juden, aus Staatsraison und anderen historischen Gründen. Doch die Lippen bekennende Liebe deutscher Politiker zum Judenstaat wird vom deutschen Volk nicht geteilt. Drei Generationen sind seit dem Ende des Holocausts vergangen. Der alte Antisemitismus drängt ans Licht zurück. Zu dem rechten, dem linken, dem groß- und kleinbürgerlichen Antisemitismus hat sich der islamische Judenhass dazu gesellt und die anderen bestens komplementiert.

Wie in Demokratien üblich, darf das Volk alle paar Jahre seine Regierung wählen. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Parteien verwischen endgültig, sobald sie koalieren. Um an der Macht zu bleiben, müssen die politisch, finanziell und wirtschaftlich Herrschenden in Deutschland dem Volk in Ressentiments nachgeben, auch wenn es der Staatsraison widerspricht.

Und so nimmt die EU die Errichtung einiger Wohnungen für Juden und Araber in Jerusalem zum Anlass, Israel wirtschaftlich zu schaden, um aus den eigenen Straßen den Druck zu mindern. Aus lieber Gewohnheit schiebt Deutschland Österreich vor, dieses moralisch-ekelige Vorhaben einzuleiten.

Der Leser wird zweifeln, ob der JudenStaatHass bereits die Medien und die Hirne des Mainstreams erfasst hat. Ich bringe deshalb willkürlich zwei Sätze aus einem Bericht über die Lage in Libyen:

Libyen, Syrien und der Iran sind die letzten verbliebenen Länder, die an der Seite Palästinas stehen. Des Weiteren gehörte Libyen nicht dem westlichen Bankensystem (Rothschild) an.

https://www.freitag.de/autoren/gela/libyen-und-die-westlichen-medien

Es ist der bürgerlich und politisch akzeptierte Freitag, der diesen subtilen Antisemitismus alleine für hochschulgebildete Antisemiten verbreitet, der weismachen will, dass die Palästinenser von niemanden außer dem Iran unterstützt werden – die beiden anderen Staaten existieren nicht mehr – und dass das westliche Bankensystem oder der Kapitalismus fest in jüdischer Hand ist. Dabei ist allgemein bekannt, dass die Palästinenser in allen Ländern der Welt, selbst in Israel, bewundert werden, auch wenn sie eine kleine Weile keine Morde an schuldige Juden begehen. Und nicht nur der Kapitalismus, sondern auch der Kommunismus wird von Juden dominiert. Wahrscheinlich auch der Freitag.

Nicht nur Beobachtern der antisemitischen Szene fällt es leicht, das Gras wachsen zu hören. Ein Paradigmenwechsel bahnt sich an. Sind bisher jüdische Selbsthasser und JudenStaatKritiker den gemäßigten Antisemiten höchst willkommen gewesen, so erkennt nun der gewöhnliche Antisemit, dass auch jüdische Antisemiten Juden sind, die angegangen werden müssen. Ich veröffentliche jetzt noch keine Namen, um keine selbsthassenden Juden zu warnen.

Den auffälligsten Paradigmenwechsel, der sich dem verstärkten deutschen und europäischen Antisemitismus anpasst, liefern die jüdischen Gemeinschaft und die wenigen verbliebenen Israelfreunde. So weiß bereits die „judenverstehende“ SZ, dass der bald geheim und demokratisch gewählte neue Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland mit Israel solidarisch sein muss und dass seine Ansichten über den Judenstaat sich kaum erahnbar vom deutschen Mainstream unterscheiden.

http://www.sueddeutsche.de/politik/kuenftiger-praesident-des-zentralrats-der-juden-nachdenklicher-typ-mit-blick-fuer-das-gute-1.2200836

Deutsche Israelfreunde hingegen sind bereits glücklich, wenn sie eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens ehren dürfen, die mutig und offen das Selbstverständliche ausspricht, dass Israel, wie jeder andere Staat auf Erden, das Recht auf Selbstverteidigung hat. Ob Juden auch über das anderen Menschen – mit Ausnahme in muslimisch dominierten Staaten – zugebilligte Menschenrecht ausüben dürfen, wo es ihnen gefällt zu wohnen und zu beten, sollte besser nicht abgefragt werden, um die letzten Freunde nicht zu verprellen.

Aus Erfahrung kann bereits jetzt „prognostiziert“ werden, dass mit dem europäischen Angriff auf die Sicherheit und Wirtschaft Israels der Antisemitismus in Deutschland und Europa zunehmen wird. Ermordungen von Juden in Israel durch „verzweifelte“ Palästinenser nehmen unter Vorwegnahme Brüsseler Beschlüsse zu, die, weil sie sich gegen Juden richten, einstimmig gefällt werden.

In den jüdischen Gemeinden und Synagogen Deutschlands und Europas, die zu uneinnehmbaren Trutzburgen umgebaut werden, sind Juden sicher. Verlassen sie den sicheren Hort, so legen sie alle äußerlichen Zeichen des Judentums ab, was manchmal dennoch nicht ausreicht, unerkannt zu bleiben. Viele Juden, die wenig Wert auf ihre jüdische Identität legen, werden wie in früheren Jahrhunderten die jüdische Gemeinschaft verlassen. Israelische Auswanderer in Berlin hingegen werden ihre Koffer packen und trotz überteuerten koscheren Pudding nach Israel zurückkehren oder in die USA weiterziehen.

Der Antisemitismus gehört zu Deutschland. Selbst wenn der letzte Jude Deutschland verlassen haben wird, wird der Antisemitismus in Deutschland verbleiben. Dafür werden schon die von Juden beherrschten Medien sorgen.

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Nützliches Gedenken

Dort, wo der I. Weltkrieg am heftigsten getobt hat, steht heute Notre-Dame de Lorett, der größte Soldatenfriedhof Frankreichs, der 1925, sieben Jahre nach Ende des Krieges, eingeweiht worden ist.

2014, genau 100 Jahre nach Beginn dieses Weltkrieges, wird dort ein weiteres Mahnmal errichtet, welches die Namen der Kriegstoten in alphabetischer Reihenfolge aufzählt, unabhängig von Nationalität, Religion und Muttersprache. Die Namen von französischen, britischen und deutschen toten Soldaten sind in Stahltafeln in einer endlosen Reihe geritzt und symbolisieren Versöhnung. Weder die gefallenen Soldaten, noch etwaige lebende Nachkommen oder Verwandte werden um ihr Einverständnis zu diesem neuen Mahnmal gebeten. Die Regierung des Vereinigten Königreiches ziert sich zunächst, da die Soldaten Ihrer Majestät Landesverteidiger, die des deutschen Kaisers Aggressoren gewesen sind und es prima vista unschicklich erscheint, das Andenken von Soldaten mit unterschiedlichem ethischen Hintergründen zu vereinen.

Nach beinahe 100 Jahren verlieren sich die feinen Unterschiede.

Nach einem weiteren Weltkrieg sind heute die französischen, britischen und deutschen Soldaten verbündet. Sie kämpfen nicht mehr gegeneinander, sondern manchmal gegen gemeinsame Feinde, die gelegentlich zur Hand sind. Somit stellt sich die Frage, ob nicht nach französischem Vorbild auch mit den Gefallenen und Getöteten der verschiedenen Nationalitäten des II. Weltkrieges verfahren werden sollte. Da russische Soldaten noch heute unsichere Kantonisten sind und um den Schwierigkeiten mit dem kyrillischen Alphabet aus dem Weg zu gehen, könnte man sich auf westeuropäische Friedhöfe beschränken.

Doch auch wenn die beteiligten Staaten weiterhin über die Köpfe oder im Namen der gefallenen Soldaten und deren Nachkommen entscheiden dürfen, ist dieser Vorschlag voreilig. Es leben noch zu viele Zeitzeugen des II. Weltkrieges, die sich gegen eines allzu intimen Gedenkens der ehemaligen Feinde zur Wehr setzen würden und deren Wahlstimmen noch gebraucht werden.

Dennoch werden wir EU-Europäer nicht weitere 35 Jahre harren, um uns auch bezüglich des II. Weltkrieges auszusöhnen. Es gibt eine Möglichkeit der Aussöhnung, die regierungsunabhängig ist.

Es sind die Stolpersteine von Gunter Demnig, die als Gesamtkunstwerk bald die Zahl von 50.000 überschreiten. Hier werden vor allem die Namen von vertriebenen und ermordeten Juden auf Messing eingeritzt, die auf einem Pflasterstein in dem Gehweg vor dem Haus der vertriebenen und ermordeten Juden eingelassen, in dem zuweilen Nachkommen von „Kriegsgewinnler“ wohnen. Anfänglich sind offizielle Ortsjuden nach ihrer Meinung und Erlaubnis zum Stolpersteinversenken befragt worden, bis erkannt worden ist, dass die Meinung und Erlaubnis sowohl lebender, als auch toter Juden irrelevant ist. In seltenen Fällen nehmen Verwandte der Stolpersteingedachten an einer hastigen, den Ortseinwohnern würdig erscheinenden Zeremonie teil. Zuweilen kommen die Verwandten aus Übersee, nur um zu erfahren, dass der einst gedemütigte Vorfahre nicht als Stolperstein verlegt werden darf, da der heutige Hausbesitzer der Zeremonie auf dem Bürgersteig vor seinem Haus widersprochen hat.

Die meisten Stolpersteine werden verlegt, ohne die Nachkommen der in Messing eingeritzten Toten zu informieren, da keine gefunden werden, es keine gibt oder kein Interesse seitens der Nachkommen besteht. Zur Verlegung eines (1) Stolpersteines, die meist in Dreier- und Vierergruppen dem Bürgersteig übergeben werden, ist eine Patenschaft in Form einer Geldübergabe an den Künstler Demnig erforderlich, welche in Deutschland 120 €, außerhalb des Täterlandes 300 € kostet.

Zurück zum Gedenken der Toten des II. Weltkrieges, die wie die Toten des I. Weltkrieges nach Meinung vieler guter Menschen bald nicht mehr in Opfer und Täter unterteilt werden sollen. Der Patenschaftspreis verdoppelt sich, dafür werden zwei (2) Steine nebeneinander in den Boden verlegt. Der eine Stolperstein trägt wie bisher den Namen des vertriebenen und ermordeten Juden, der zweite den seines mutmaßlichen Mörders, gleich ob SS-, SA-Mann, Polizist, Soldat, Mitläufer oder eingefleischter Volksgenosse. Dabei wird strengstens darauf geachtet, keine Familiennamen lebender Ortsbewohner zu verwenden. Die möglichen anfänglich zu erwartenden Proteste (über)lebender Juden können wie bisher übergangen werden, ernste Proteste seitens linker Berufspazifisten und -antifaschisten sind bei dem Verhalten des Judenstaates Israel, wie ihn linke Berufspazifisten und –antifaschisten propagieren, nicht zu befürchten.

Sobald sich diese revolutionäre und gewinnbringende Art des Gedenkens durchsetzen wird, kann die Arbeit für vereinigte Gedenktafeln toter Soldaten der Mittel- und Siegermächte aus Stein, Stahl oder Messing angegangen werden, um die Versöhnung unter den einstigen Feinden für die Ewigkeit oder bis zum nächsten Krieg zu zementieren. Somit haben tote Juden wie gewohnt einen guten Zweck erfüllt und wesentlich zur Einigung Europas beigetragen.

Demnig-1

Erschienen unter

https://www.freitag.de/autoren/anti3anti/nuetzliches-gedenken

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Jüdische Gedanken über nicht-jüdisches Gedenken

Dem 9. November entkommt kein Deutscher dem Gedenken. Vieles historisch Entscheidendes hat sich an diesem Tag ereignet. Am 9. November des Jahres1938 brennen Synagogen, am 9. November des Jahres1989 fällt die Mauer, die Berlin teilt. Unter der Last der beiden Großereignisse treten weniger bedeutende Ereignisse der 9. November anderer Jahre zurück.

Woran wird konkret gedacht? „1989“ an die Wiedervereinigung als Folge des Mauerfalls. Reste der einstigen Mauer sind noch vorhanden, spielen jedoch im Leben der heutigen Menschen keine Rolle. So wurde zum 25. Jahrestag eine Mauer aus weißen Luftballons aufgestellt, damit die heutigen Menschen sich ein Bild über den Verlauf der verschwundenen, für viele unüberwindbaren Grenze machen.

„1938“ wird nicht der ebenfalls nicht mehr vorhandenen Synagogen gedacht, sondern der jüdischen und zuweilen auch anderen Opfern des NS-Regimes. Täter bleiben eine Randerscheinung. „1989“ bilden die Opfer eine Randerscheinung, über Täter wird meist geschwiegen, was letztendlich gut ist. Denn so können sich einstige Täter und Opfer unter der Freude der Wiedervereinigung aussöhnen, wozu sie im Gegensatz zu Südafrika und Ruanda nicht einmal Friedenstribunale benötigen. Nur manchmal wagt ein Dissident mit jüdischen Wurzeln das Tabu in der Öffentlichkeit zu brechen und die Täter beim Namen zu nehmen, was schlimme gesellschaftliche Strafen von Linksverstehern nach sich zieht.

Die Ereignisse des 9. November der Jahre 1938 und 1989 hängen historisch zusammen, bedingen sich. Für jeden Zeitgenossen ersichtlich symbolisiert die brennende Synagoge den bald brennenden Juden. Da die meisten Juden 1938 außerhalb und östlich des Deutschen Reiches siedeln, ist zur Elimination der Juden ein Krieg Richtung Osten unausweichlich, zunächst mit, dann gegen die Sowjetunion. Der verlorene Krieg führt zur unnatürlichen Teilung Deutschlands durch die Siegermächte, mit der Absicht, einen erneuten Weltenbrand von Deutschland aus zu verhindern. Im Laufe der Zeit verlieren die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges an Kraft, die unnatürliche Teilung Deutschlands wird unter Druck der benachteiligten DDR-Bürger aufgehoben. Mauer und DDR verschwinden schnell, Ostdenken bedeutend langsamer.

Ein gemeinsames Gedenken der 9. November beider Jahre setzt sich nicht durch. Der historische Zusammenhang beider Geschehnisse wird und will nicht verstanden (werden). Am 9. November gedenkt man höchstens eines Ereignisses.

Somit bleibt „1938“ dem Gedenken der ermordeten jüdischen Opfer vorbehalten, also den toten und nicht der überlebenden Juden und deren jüdischen Nachkommen. Denn die Überlebenden und ihre Nachkommen haben den Opfer-Bonus verspielt, indem sie die arabischen Nachbarn des Judenstaates Israel mehrfach besiegt haben. Die den NS-Terror überlebenden Juden und ihre Nachkommen behandeln nach Meinung der meisten Einwohner Deutschlands die Araber schlimmer als die NS-Deutschen jemals die Juden malträtiert haben.

Doch nun taucht ein Gedenk-Dilemma auf. Sollte man betrauern, dass zu viele Juden den Holocaust überlebt haben oder eher, dass die „Reichskristallnacht“ überhaupt stattgefunden hat. Im zweiten Fall wäre ein unabhängiger Judenstaat erst gar nicht entstanden, was sicher falsch und unhistorisch gedacht ist, im ersten Fall würde sich das Gedenken allzu sehr mit der Naziideologie decken, weshalb viele der ersten Möglichkeit anhängen, ohne sie bisher auszusprechen.

Dieses Dilemma wird in der kleinen Gemeinde Vettweiß in der Voreifel nahe Köln auf revolutionärer Art aufgehoben. Als Beispiel dienen die in ganz Deutschland beliebten Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit GCJZ, denen vor allem in kleinen Städten die jüdischen Mitglieder seit 1938 fehlen, womit der eigentliche Vereinszweck unerreicht bleibt und somit die Steuerbefreiung gefährdet ist. Doch die Mitglieder solcher GCJZ beharren auf ihre Mitgliedschaft, weil sie sich dadurch gut fühlen. Solche GCJZ halten deshalb einmal jährlich ihre Sitzung in einem nahen jüdischen Friedhof ab, der seit Jahrzehnten nicht mehr in Gebrauch ist. Der Ablauf der Sitzung ist zwar recht einseitig, trotzdem steuerlich anerkannt.

Nachdem einige wenige Stolpersteine des bekannten Künstlers Gunter Demnig gegen den Wiederstand der meisten Bewohner des Städtchens Vettweiß in den Boden eingelassen worden waren,

https://numeri249.wordpress.com/2014/10/31/stolpersteine/

beschließt der katholische Stadtpfarrer, am 9. November 2014 einen ökumenischen Gottesdienst mit Katholiken, Protestanten und Juden durchzuziehen. Diese Idee ist deshalb revolutionär, da für Juden ein gemeinsamer Gottesdienst mit Christen, insbesondere in einer Kirche, einen derartigen religiösen Tabubruch bedeutet, dass selbst jüdische Atheisten eine Ökumene ablehnen, ganz zu schweigen von jüdischen Agnostikern. Doch in der Voreifel-Provinz sind religiöse Vorstellungen anderer Religionen nicht bekannt. Eine evangelische Pfarrerin aus Düren ist leicht gefunden. Die Suche nach einem (jüdischen) Rabbiner gestaltet sich schwierig, da die nächstliegenden großen jüdischen Gemeinden in Köln und in Aachen Terminschwierigkeiten an solch einem bedeutenden Gedenktag vorgeben, um den Vettweißer Pfarrer nicht zu beschämen. Dieser sucht deshalb intensiv weiter. Schließlich erklärt sich eine geborene nicht-praktizierende Jüdin aus Düren, die keine Bindung an eine jüdische Gemeinde hegt, für die Stadt Düren arbeitet und einige Jahre in Israel verbracht hat, bereit, den ihr zugedachten Part zu übernehmen. Düren selbst ist mit 100.000 Einwohnern die größte Stadt in Deutschland, die keine jüdische Gemeinde aufweist.

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Der ökumenische Gottesdienst beginnt pünktlich um 15:00 Uhr in der katholischen Kirche in Vettweiß. 60 heimische Beter sind zu zählen. Zuerst werden Lieder gesungen, darunter auch auf Hebräisch. Anschließend berichten Schulkinder über ihre Arbeit mit Stolpersteinen und anderen Gedenkutensilien. Dann folgen Berichte zweier Zeitzeugen über die brennende Synagoge in Vettweiß, wobei der erste Zeitzeuge damals 5 Jahre alt, die zweite Zeitzeugin noch nicht geboren war. Schließlich halten Pfarrer und Pfarrerinnen ihre Predigten, die dezent mit jüdischen Sprüchen und Witzen garniert sind. Dann betritt die geborene Jüdin den Altarraum und berichtet über ihre Kinderjahre in Ungarn unter dem Nationalsozialismus. Schließlich holt sie ein jüdisches Gebetbuch hervor und liest unter dem christlichen Kreuz ein jüdisches Totengebet auf Hebräisch vor.

Das ist der Zeitpunkt, an dem der Schreiber dieser Zeilen die Kirche verlässt.

Nachtrag wegen Korrektur:

Nicht der Pfarrer ist der Initiator der judengottlosen Gedenkfeier. Angeleiert hat sie die „Kulturinitiative in der Gemeinde Vettweiß“. Es sind die selben Köpfe, die sich ohne Rücksicht auf jüdische Gefühle für die Verlegung von Stolpersteinen einsetzen.

Hätte der Pfarrer sich geweigert, an dem seltsamen Gedenken teilzunehmen, oder hätte er lediglich die Kirche zur Verfügung gestellt, dann hätte er sich auf unangenehme Auseinandersetzungen in Vettweiß einstellen müssen, die der Pfarrer des Friedens Willen vermieden hat.

Erschienen unter

https://www.freitag.de/autoren/anti3anti/gedanken-ueber-gedenken

http://www.huffingtonpost.de/../../nathan-warszawski-/juedische-gedanken-ueber-nicht-juedisches-gedenken_b_6134412.html

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Jubiläum Selectivum

Heute vor fünfundsiebzig Jahren unternahm der Kunstschreiner Georg Elser den kühnen, wiewohl vergeblich gebliebenen Versuch, Adolf Hitler mit einer auf Zeitzünder gestellten Bombe zu ermorden. Statt seiner erwischte es acht von insgesamt fast zweitausend VolksgenossInnen, die seinerzeit im Münchner Bürgerbräukeller zusammen gekommen waren, um ihrem Idol zu huldigen.

Der ´Vorfall´ wird in meiner Tageszeitung nicht einmal flüchtig erwähnt. Fehlanzeige. Nichts. Auch die unaufgefordert frei Haus gelieferte BILD-Zeitung (kostenloses Werbe-Exemplar) verschweigt das Attentat. In großen Lettern und mit entsprechend grell geblähten Bildfassaden wird hingegen der fünfundzwanzigste Jahrestag des Mauerfalls vorweg genommen. Das wird er schon seit Tagen. So, als wolle man den Hundertsten eines Honoratioren höchster Würde feiern, bevor der eventuell doch noch den Löffel reicht. Erinnert mich ein wenig an Ernst Jünger.

Ich erspare dem Leser, das Großereignis betreffend, weitere Einzelheiten. Der Jubelkanonade wird außer den drei Affen keiner entgehen können. Ausgeschlossen. Kein Bildschirm und kein Printmedium ist davor sicher bzw. davon ausgenommen.

Merkwürdiger Zufall korrespondierender Anlässe. Als Georg Elser, dessen Rehabilitation als Einzeltäter mittlerweile als gesichert gelten darf, nach Monaten einsamer Vorbereitungsarbeit wider eine geschlossene, ich möchte fast sagen: autistisch anmutende Volksgemeinschaft handelte, brach die Außenmauer einer geblähten Saufbude in Stücke und die in ihrem hermetisch verriegelten Innern ausharrende, dem Diktator eben noch gefügig lauschende Gemeinde stob schon durch die Wucht der Detonation förmlich auseinander. Um ein Haar (genauer: um wenige Minuten) hätte der Attentäter den versammelten Arbeiter – und Bauernstand (das galt für die meisten von ihnen) vom Übel der treuhündisch befolgten Diktatur befreit, aber der Anschlag ging in die Hose und die brave Bürgerbestie verzieh es dem Widerständler bis auf den heutigen Tag nicht. Elser wurde und wird totgeschwiegen, viele kennen seinen Namen gar nicht und etliche diffamieren ihn noch immer als Agenten im Dienste finsterer Mächte. Vor ein paar Jahren tauchte, endlich, ein erstes Denkmal auf, das an diesen seltsamen, wirklich erstaunlichen Menschen erinnert, der sich auch weiterhin jeder herkömmlichen psychologischen Deutung entzieht.

Elser sah früh kommen, was die meisten Jahre später, als alles längst vollzogen war, noch immer in das Reich der Fabeln verwiesen: davon, so beteuern die Helmut Schmidt oder Günter Wallraff bis heute, habe man nichts wissen können. Elser wusste es weniger: er fühlte, fasste nur umso deutlicher, zwingender, was noch alles käme. Verfügte dieser Mann über visionäre Kräfte? Man könnte auch fragen, ob die brave Volksgemeinschaft damals den drei Affen glich, die ich oben schon erwähnte.

Jetzt feiert sie sich wieder, die Masse Mensch auf rechter Seite. Wir sind das Volk. Als das vor fünfundzwanzig Jahren die ersten riefen, war es nicht mehr weit bis Hoyerswerda und Rostock, Solingen und so weiter. Da wurde dann schon etwas kräftiger gegrölt. Wie damals im Bürgerbräukeller.

Ironie der Geschichte. Elser, der seinerzeit ganz einsam aus der Masse williger VolksgenossInnen heraus stach und Ernst machte, wird von den heutigen – denen, wo feste feiern – nicht einmal wahrgenommen. Wie damals, als man ihn willentlich und wissentlich als Werkzeug Londons ausgab und dezent im KZ Sachsenhausen ´parkte´.

Man könnte derlei zeitgeschichtliche Korrespondenz als eine Form instinktiv vollzogener Kontinuität auffassen. Solches offenbart dann einmal mehr den Opportunismus der breiten Masse; deren Ignoranz und Feigheit. Sie deckt und wärmt sich dabei selbst. Sie ist eben Mehrheit. So gesehen passt, dass Elser immer zur Minderheit gehören muss. Auch über siebzig Jahre drauf. Die Mehrheit hält und hielt es mit dem wackeren Stauffenberg. Der zündete, Jahre später, auch eine Bombe. Stunden später ließ er, vor einer noch heute gewallfahrten Mauer, das heilige Deutschland hoch leben.

Dulce et decorum est pro patria mori.

 

Shanto Trdic, 08.11.14

 

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Von Stolpersteinen und Stolperfallen

Steineklopfer wurden verachtet, ob sie israelitische Sklaven in Ägypten oder Trümmerfrauen in Deutschland waren, obwohl die Ergebnisse ihrer Arbeit nicht nur von den Herrschern geschätzt worden sind. Der Anblick von hart arbeitenden Trümmerfrauen wusch überzeugten Nationalsozialisten die Sünden ab. Auch manche Trümmerfrau fühlte sich nach getaner Arbeit gereinigt.

Auszug aus einer katholischen Stolpersteinverlegungsrede in Hellenthal

48.000 Pflastersteine mit gestanzter Namen toter Juden hat der Stolpersteinvertreiber, aka Künstler Gunter Demnig in 20 Jahren verlegt, vor allem in Deutschland, obwohl nur ein kleiner Teil der ermordeten Juden aus Deutschland stammt. Von vielen Seiten hat Gunter Demnig Auszeichnungen erhalten, nicht nur von Juden, auch von deren Widersachern. Für den überschaubaren Betrag von 120 € kann jeder Stolpersteinpate ein gutes Gewissen erwerben. Selbst oder vor allem Israelhasser und Kritiker lebender Juden greifen zu. Der Anblick von in Gehwegen eingelassenen, frisch Messing glänzenden Stolpersteinen läutert bis der Glanz verbleicht. Der von den Nationalsozialisten getötete und von dessen Nachkommen verewigte Jude wird rückwirkend zum Freund, als er noch gelebt hat. Des Juden Nachkommen sind hochwillkommene Gäste, sogar wenn sie selber noch Juden sind und nicht unbedingt in Israel leben.

Juden, für die keine Stolpersteine verlegt werden, also Juden, die den nationalsozialistischen Terror überlebt haben, sind selten Freunde, da sie und ihre Nachkommen allzu oft in Israel leben, wo Araber von Juden schlimmer behandelt werden sollen als früher die Nazis mit Juden umgegangen sind. Viele Stolperstein-Liebhaber verbreiten, dass Gaza ein Freiluftgefängnis und Betlehem das wahre Warschauer Ghetto ist. Ohne Nazis wären die Juden nicht nach Palästina ausgewandert, hätten dort keine Siedlungen gebaut und es gäbe somit keinen Islamischen Staat, der eigentlich nur „sogenannter IS“ heißt, da Islamisten keine Muslime sind. Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus! Nie wieder Israel!

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Am 27. Oktober 2014 trifft sich in Vettweiß eine kleine Gruppe Verschworener gegenüber dem Rathaus. Das Treffen ist geheim. Zeit und Ort sind nur wenigen Eingeweihten bekannt. Ein Teil der Anwesenden sind abgeordnete Schüler. Auch ein hochstehender Grüner Politiker steht unschlüssig herum. Drei Stolpersteine werden im Bürgersteig verlegt. Ein Duzend der vorgesehenen Stellen in Vettweiß und Lüxheim, heute ein Stadtteil von Vettweiß, bleiben unbepflastert. Der Steinlieferant will die bereits bezahlten Steine nicht einmal aus Kulanz zurücknehmen, wie bei Unternehmen mit ähnlichem Umsatz üblich. Die Steine erhalten ein säkulares Asyl, da kirchliches Asyl lebenden Flüchtlingen vorbehalten wird. Alle Vettweißer Anwohner haben sich der Stolpersteinverlegung widersetzt. Die Gründe sind mannigfaltig. Manche befürchten Unannehmlichkeiten durch die starke lokale rechtsextreme Szene, manche mögen keine Stolpersteine mit gestanzten jüdischen Namen, manche fürchten unangenehme Fragen, wie ihre Großeltern das von den Nazis enteignete Haus derart günstig erworben haben. Manche erinnern sich an den letzten Vettweißer Juden Günter Kratz, geboren im nahen Nideggen, der sich vehement gegen Stolpersteine eingesetzt hat, weil er in den Steinen eine fortgesetzte Erniedrigung von Juden erblickt hat. Das Haus gegenüber dem Rathaus gehört der Stadt. Die Besitzer des Hauses haben als einzige in Vettweiß der Steinverlegung zugestimmt.

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Der Bürgermeister bemüht sich um salbungsvolle Worte, die keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Der bekannte Grüne Politiker blickt verwundert. In weniger als 30 Minuten ist die Zeremonie samt Reden beendet.

Am Nachmittag setzt sich die Farce im nahen Hellenthal in der tiefen Nordeifel fort. Bereits vor einem Jahr hat das makabre Schauspiel dort begonnen.

http://www.huffingtonpost.de/nathan-warszawski-/hellenthal-erneutes-geden_b_5143560.html

Damals erhalten die Hälfte der Judensteine Kirchenasyl, da ein Hausbesitzer der Verlegung widerspricht. Es heißt, er befürchtet den Wertverlust seines Anwesens. Der Wertverlust entstehe jedoch nicht durch die unbedeutenden Steine, die nach kurzer Zeit ihren Glanz verlieren, sondern werde durch häufige nächtliche Besuche rechter Hooligans bedingt, die als Mahnung mehrere Male das Synagogendenkmal in Hellenthal-Blumenthal zerstört haben.

Das Kirchenasyl der Judensteine wird auf unbestimmte Zeit verlängert, da nach Aussage des Bürgermeisters heute zum letzten Mal an vier verschiedenen Stellen in Hellenthal Stolpersteine verlegt werden. Diesmal geht es nicht nur um Juden. Ein Paradigmenwechsel deutet sich an, um das lukrative Stolpersteingeschäft zu sichern, welches 300.000 € im Jahr umsetzt. Abzüglich der Sach- und Arbeitskosten, zuzüglich Zuwendungen und Preise, wäre es unverantwortlich, das Geschäftsmodell aufzugeben, nur weil es derzeit auf tote Juden begrenzt ist.

HT-ST-02

Statt am Haus im Kirschseiffen 29 werden die Judensteine erklärungslos vor dem Nachbarhaus verlegt. Hat der jetzige Besitzer des Hauses im Kirschseiffen 29 sein Veto eingelegt? Keiner der über 100 Zuschauer stört sich daran. Dann wird ein hebräisches Lied „Hevenu schalom aleichem“ (Wir bringen euch Frieden) mit starkem deutschen Akzent gesungen, welches passend vom Lärm naher unaufschieblicher städtischer Arbeiten übertönt wird. Jüdische Nachkommen der im heute sauberen Gehweg Verewigten sind zugegen. Wenige Meter weiter auf dem schmalen Bürgersteig vor der evangelischen Kirche wird der nächste Stein in das schmale Trottoir gesetzt. Er trägt den Namen eines evangelischen Pfarrers, der zunächst ein glühender Anhänger der Hitler verehrenden Deutschen Christen gewesen ist. Als er seinen Fehler einsieht, muss er Hellenthal verlassen und wird, von den Nazis ungestört, bekennender Christ in Wuppertal, wo er mehr als 20 Jahre nach Ende des tausendjährigen Reiches im gesegneten Alter stirbt. Er wird bepflastert, weil er Hellenthal verlassen musste. Kein Familienangehöriger des für Hellenthal herausragenden Widerstandskämpfers ist bei der Gedenkfeier zugegen.

HT-ST-01

Es folgt eine kleine Wanderung, die an den vor einem Jahr verlegten Stolpersteinen vorbeiführt. Die alten Steine haben ihren Glanz verloren, heben sich kaum vom schmutzigen Gehweg vor der Dönerbude ab. Kein Gedenkfeierteilnehmer bleibt vor den alten Judensteinen stehen oder blickt sie an. Es gibt frische Steine zu bestaunen.
[Politiker bevorzugen es, neue Autobahnen einzuweihen, statt alte zu sanieren.]

Auf der anderen Straßenseite wird eines katholischen Geistlichen mittels glänzend neuem Pflasterstein gedacht. Der ehrbare Mann hat sich gegen die Nazis und wurde zunächst von seinen eigenen Gemeindemitgliedern kalt gestellt, dann von seinen kirchlichen Vorgesetzten gemobbt. Er wurde verhaftet und durfte seinen Beruf nicht ausüben. Kurz nach Ende der Nazizeit beging er in einer depressiven Phase Selbstmord, was die Katholische Kirche ihm bis heute nicht verziehen hat. Er wird als Opfer des Nationalsozialismus im Pflasterstein verewigt, wofür heute kein Hellenthaler Katholik die Schuld trägt, denn die Nationalsozialisten haben sich 1945 in Luft aufgelöst, die Juden hingegen in Rauch.

Die Zeremonie in Hellenthal dauert zwei Stunden. Anschließend folgt ein Umtrunk im Rathaus.

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Auch in Nideggen, zwischen Vettweiß und Hellenthal gelegen, besteht der dringende reinigende Wunsch, der Juden mittels Stolpersteinen zu gedenken. Der bereits oben erwähnte in Nideggen geborene Jude Günter Kratz hat nach dem Krieg versucht, das Haus seiner Eltern zurück zu erhalten. Auf juristische Schritte hat er verzichtet, als ihm klar geworden ist, dass er das Ende des Verfahrens trotz bestem Alters nicht erleben würde. Er verstarb in Vettweiß.

Sollten in Nideggen Pflastersteine verlegt werden, so empfiehlt es sich, den die Nazizeit überlebenden Nidegger Juden aus Vettweiß bei dem Stolperstein-Gedenken unerwähnt zu lassen.

Erschienen unter

https://www.freitag.de/autoren/anti3anti/von-stolpersteinen-und-stolperfallen

http://www.huffingtonpost.de/nathan-warszawski-/von-stolpersteinen-und-stolperfallen_b_6083838.html

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Breaking New

Um von der Nordeifel nach Wittlich zu gelangen, muss man durch die kleine Gemeinde Bongard fahren, welche 256 Einwohner beherbergt und sechs Kulturdenkmäler aufweist. Bongard liegt zwischen den beiden blinden Enden der Eifelautobahn, die noch einige weitere Jahrzehnte ihrer Vollendung entgegenschmachtet. Vom Norden kommend sieht der vorsichtige, der Eifelkurven kundige Fahrer am südlichen Ende des Kulturstädtchens zur linken Hand einen Schäferhund vor einem großen Haus sitzen, der bis zum Eintritt der Dunkelheit auf seinen Herrn wartet. Auf die Eifeler ist Verlass, auch auf ihre tierischen Gefährten.

Der neugierige Leser will nun wissen, wozu ein Nordeifeler sich den Strapazen unterzieht, Wittlich in kaum zwei Stunden aufzusuchen, da doch der Eifeler, wozu auch der Nordeifeler gehört, derart heimatverbunden ist, dass er jegliches unnötige Verlassen seines Dorfes vermeidet. Doch Wittlich ist eine Reise wert! Die Mehrzweckhalle Eventum in Wittlich bietet Platz für die größtmögliche Anzahl von Besuchern des Eifel-Literatur-Festivals, welches alle zwei Jahre stattfindet.

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Als letzter Schriftsteller des Eifel-Literatur-Festivals 2014 tritt Frank Schätzing am 24.10.2014 auf, um sein neuestes Buch „Breaking News“ vor der Verfilmung multimedial mit vielen und lauten, nicht immer angenehmen Geräuschen vorzutragen. An seiner Seite zelebriert die israelische Sängerin Ofrin ihre Lieder in Hebräisch und Englisch. Über 1100 Zuhörer halten den Atem an. Kaum sichtbar in der großen dunklen Halle liest der Schriftsteller Passagen seines Thrillers vor, hervorgehoben und unterbrochen von Klängen, die die Zulauscher in den Orient entführen. Die Geschichte zerrt an die Nerven – ich empfehle, das Buch zu lesen. Ofrins Lieder sind unverwechselbar. Schriftsteller und Sängerin ergänzen sich wunderbar.

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Schätzing berichtet über seine Erfahrungen, die ihm in Israel und in der Westbank entgegengeschleudert worden sind. Er ist lange genug dort gewesen, damit alle seine Vorurteile über Land, Leute und Politik zusammengebrochen sind, jedoch zu kurz, um alles zu verstehen und die hintersten Hintergründe kennen zu lernen. Der Autor glaubt fest an den friedlich Ausgleich zwischen Juden und Araber.

Schaetzing-02

Er gibt sympathische Witze wider, die die Bewohner des Heiligen Landes sich über ihre eigenen Landsleute erzählen, ob sie nun Juden oder Araber sind.

Wie viele Araber braucht man, um eine Glühbirne zu wechseln?

Keinen! Die Araber bleiben im Dunkeln, um die Juden zu beschuldigen.

Stromausfall in der Westbank!
Abbas bleibt im Fahrstuhle stecken, Arafat auf der Rolltreppe.

Die Jüdischen Witze sind deutsches Kulturgut und bedürfen keiner gesonderten Erwähnung.

In Wittlich gibt es eine große muslimische Gemeinde, Ahmadiyya Muslim Jamaat, die Teil der islamischen Reformbewegung aus Indien ist. Diese moderaten Muslime bemühen sich um gute Beziehungen zum Judenstaat Israel, weshalb sie von den übrigen, meist sunnitischen Muslimen in der Westbank und vor allem im Gazastreifen bedroht werden. In Deutschland und in Wittlich werden die indischen Muslime von den Mehrheitsmuslimen wohl aus theologischen Gründen gemieden, zusätzliche politische Gründe sollen nicht ausgeschlossen werden. Während in der Halle die meist zahlenden Zuhörer friedlich Schätzings und Ofrins Worten und Klängen lauschen, streiten sich im gebührenden Abstand vor der Halle Polizei mit mehreren Dutzend Jugendlicher der Ahmadiyya beinahe friedlich über einen Zugang zum Eventum.

Der Nahe Osten ist überall. Auch in Wittlich in der Eifel.

Veröffentlicht unter

https://www.freitag.de/autoren/anti3anti/breaking-news

http://www.huffingtonpost.de/../../nathan-warszawski-/naher-osten-eifel-wittlich_b_6057274.html

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