Neueste Weisheiten aus der Dürener/Aachener Zeitung

Wer die Dürener/Aachener Zeitung DZ/AZ liest, ist bestens informiert. Für den Leser, der nicht zu diesem Genuss kommen kann, fasse ich kurz zwei Artikel zusammen, die Donnerstag, 18. September 2014, auf der ersten Seite erschienen sind:

Die Zahl der Raubüberfälle in Aachens Innenstadt geht wieder zurück, liegt aber höher als vor einem Jahr. Zivilfahnder sind in der Innenstadt unterwegs. Die meisten Opfer sind nachts alleine auf dem Heimweg und oftmals alkoholisiert.

Drei Tatverdächtige sind Marokkaner, einer Libyer. Sie alle gehören zu den unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen, die in großer Zahl in Aachen gestrandet sind – 417 sind es aktuell, Tendenz weiter steigend.

Sorge bereitet der Polizei die Methode der Überfälle. Die Opfer werden oft von hinten angefallen und auf die Knie gezwungen, bevor ihnen ein zweiter Täter das Handy – die bevorzugte Beute – entreißt. Die Opfer können bei dieser Vorgehensweise fast nie brauchbare Personenbeschreibungen abgeben.

Passend zu dieser traurigen Nachricht wird in dem zweiten Artikel auf derselben Seite der Aachener Bischof Heinrich Mussinghoff zitiert:

MICH ÄRGERT DIESE SCHRECKLICHE EINSTELLUNG, DASS DIE, DIE ZU UNS FLIEHEN, NUR UNSER GELD WOLLEN, UND SIE NICHT ALS BEREICHERUNG GESEHEN WERDEN.

Ich will dem geschätzten Leser einen weiteren Artikel der AZ/DZ vom selben Tag auf Seite zwei nicht vorenthalten. Die Überschrift entsetzt!

Experten wollen CO2-Emissionen auf null senken

Um den Klimawandel (sic!) einzudämmen, fordern Wissenschaftler, die globalen CO2-Emissionen bis spätestens 2070 auf null zu senken. Jedes Land, jede Kommune, jedes Unternehmen und jeder Bürger müssten dafür sorgen, dass die CO2-Emissionen auf null sinken, sagt der Co-Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen.

Lieber Leser, 2070 ist zwar noch weit entfernt, doch 2070 wird kommen und einige Wenige von Ihnen werden es erleben, ich glücklicherweise nicht.

Denn im Jahre 2070 werden Sie das Atmen einstellen müssen!

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Wenn aus Tätern Opfer werden…

Zu den Aussagen, die auf Anhieb aufhorchen lassen und den Leser sofort emotional konditionieren, die uns alle sozusagen in die passende Gemütsverfassung versetzen, gehört etwa diese:

„Justizminister Maas will IS Aussteigern helfen.“

Es lohnt, den ganzen ersten Abschnitt einer Eilmeldung (kam eben über Freenet rein) zu zitieren, die mit einer solchen ´Schlagzeile´ aufmacht und damit automatisch Aufmerksamkeit erzwingt.

Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) will geläuterten Dschihadisten aus dem Irak und aus Syrien helfen. Für zurückkehrende deutsche IS-Kämpfer solle der Staat ein Bündel an Aussteigerhilfen schnüren, um ihnen die Wiedereingliederung in die Gesellschaft zu ebnen, sagte Maas der “Leipziger Volkszeitung”. “Wir haben es mit einem ganz neuen Phänomen zu tun. Fertige Antworten gibt es nicht”, zitierte ihn die Zeitung. Angebote müssten denjenigen gemacht werden, “die dem Terror abschwören wollen.“

Man muss sich schon der Widrigkeit unterziehen, jeden dieser unsäglichen Sätze einzeln zu ´würdigen´, um das ganze Ausmaß an Heuchelei und Ignoranz offen zu legen, welches jenseits der Rechtsbeugenden bis Rechtsverachtenden Allgemeinplätze, um die es sich dabei tatsächlich handelt, wie Gift gärt. Wer eine solche Einschätzung für übertrieben hält, darf die Lektüre hiermit beenden.

Da hat also jemand keinen Bock mehr, anderen Leuten von hinten in den Kopf zu schießen. Es ödet ihn nunmehr an, ´Ungläubigen´ Nasen und Ohren oder gleich ganze Köpfe abzuschneiden, und was es sonst noch an bewiesenen, eifrig mit gefilmten Gräueltaten aus der ´Szene´ gibt: diese Party soll ab sofort vorbei sein. Es war am Ende halt alles ein bisschen zu viel. Dafür muss man – müssen wir – umgehend Verständnis aufbringen. Jede Sause, auch die blutigste, zieht irgendwann dem härtesten Burschen den Teppich unter den Füssen weg. Wie bei einem echten Saufgelage tut der ´Kater´ richtig weh, das hält unser rechtgläubiges ´Sensibelchen´ fortan nicht mehr aus, es hat sich einfach zu gründlich ausgetobt am ´Ballermann´ und will jetzt nur noch zurück nach Hause – zurück nach Deutschland. Dort wartet schon der Herr Maas auf unsere ´Spaßtouristen´. Jetzt wird alles gut. Knarre und Krummdolch kommen in die Asservatenkammer und der Koran ist fortan wieder die einzige Waffe dessen, der auf dem Wege Allahs streitet. Nun ist es an uns, Maas voran, diesen reumütigen Helden den passenden Gebetsteppich aus zu rollen. Merke: eine Willkommenskultur muss es auch für Rückkehrer aus der Levante geben; ganz gleich, welches Pauschalangebot die Reisenden vor Ort nutzten. Ihre Opfer zahlten, als unfreiwillige Gastgeber, mit eigenem Blut, während sie nun wieder von den Krediten derjenigen Gastgeber leben dürfen, deren schützendes Heim sie einst in einer Nacht und Nebel Aktion verließen. Von einer ´Nachzahlung´ ist dabei überhaupt nicht die Rede. Auf die rechtstaatliche Verfolgung der im Ausland begangenen Straftaten geht der oberste Justizbeamte in seiner Verlautbarung mit keinem einzigen Wort ein. Das ist merkwürdig genug. Was für ein seltsames, selektives Verständnis von Recht kommt hinter dieser Fratze grenzenloser Resozialisierungs-Gläubigkeit zum Vorschein? Die so unter Beweis gestellte Gleichgültigkeit geschehenem Unrecht gegenüber macht betroffen. Und warum, so mag mancher ferner fragen, ist man den vermeintlich Umkehrwilligen Mordbrennern und Totschlägern gegenüber so mildtätig gestimmt, während ein ´Normalo´ bei vergleichsweise nichtigem Vergehen meist ohne jeden ´Bonus´ abgestraft wird? Noch einmal: die in das Zweistromland ausgewanderten Tötungs-Touristen aus Europa haben sich allerhand zuschulden kommen lassen. Irrtum ausgeschlossen. Vertreibung und Folter, Mord und Totschlag und so weiter. Sie haben eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Auf die eine oder andere Art und Weise ist jeder einzelne von ihnen zum Straftäter geworden. Irrtum nochmals ausgeschlossen. In jeder erdenklichen Beziehung sind sie also ´schuldig´ geworden. Wenn die Bundesregierung am Freitag ein Betätigungsverbot gegen IS verhängt hat (erfasst sind von dem Verbot die vor allem im Internet stattfindende Anwerbung von Kämpfern oder sonstige Propaganda, die Beteiligung an Demonstrationen sowie die Verwendung von IS-Symbolen), dann kann auch jene Amnestie, die Maas ihren angeblichen Ex-Angehörigen schon im Voraus ausstellt, nicht mehr stimmen – sie kann, deutlicher gesprochen, nie und nimmer rechtens sein. Auch jedes vorsätzlich ausgestiegene Mitglied einer kriminellen Vereinigung war es eben vorher noch: Mitglied. Das ist und bleibt strafbar. Dieser Befund der Strafbarkeit gilt auch und erst recht, wenn die jeweilige Person bei den Massenerschießungen ´nur´ als Aufseher dabei war oder die Horde der demnächst Hingerichteten ´bloß´ in Richtung Wand geknüppelt hat. Ob als Kapo oder Sekretär, als Totschläger oder Folterknecht: er, der so tat, hat auf seine Weise dazu beigetragen, Unrecht zu ermöglichen, Unrecht zu begehen – Unrecht fort zu setzen. Davon kann man ihn nicht auf besagte Weise frei sprechen.

Kapiert von den politischen Schnellrednern der Marke Maas denn keiner, was er mit solchen Aussteiger-Angeboten anstellt bzw. anrichtet, wie sehr er mittels dieser Offerten eines unserer höchsten Güter, den Rechtstaat eben, der Verachtung, Hohn und Spott preis gibt? Derlei Vorstöße sind eben nicht einzig im formal-juristischen Sinne höchst fragwürdig. Sie taugen auch nicht als ´Beispiel´. Wenn man mutmaßliche Massenmörder auf eigene Faust (also ohne absichernde Klauseln oder gar Gesetze) unter Quarantäne stellt, dann werden auf der anderen Seite womöglich etliche derer zur blutigen Hatz ermuntert, die im Zuge ihrer momentanen ´Sinnkrisen´ gerade damit beschäftigt sind heraus zu finden, was cool ist und was nicht, genauer: ob ein Entgegenkommen dieser Art nicht eher von Schwäche zeugt und weitere Gewalt rechtfertigt. So verschafft man sich eben nicht bei allen den nötigen Respekt. Im Gegenteil. Typisch ´Kufr´ – der Maas als Memme. Ein echter ´Dhimmi´ halt, eine verächtliche Person. Gesetzt, der Minister bekommt mit seiner ´Geste des guten Willens´ den einen oder anderen Aussteiger dennoch auf seine Seite gezogen: diejenigen, die gerade den eigenen Seitenwechsel planen, auch den schon passenden Ortswechsel, Richtung Syrien oder Irak, kann er damit schwerlich beeindrucken. Die sind zudem ganz unbefleckt von irgendwelchen traumatischen Erlebnissen und den begleitenden Gewissenskonflikten und sicher schon so richtig geil aufs eigene ´Aussteiger-Programm´. Anbei: ob sich so ein Aussteiger von einem Aussteiger im Maas´schen Sinne beeindrucken lässt?

Was ist überhaupt, so möchte ich weiter fragen, ein ´geläuterter Dschihadist´? Woran erkenne ich den überhaupt? An seinem ´guten Willen´ bzw. den Beteuerungen, mittels derer er für sich, wie jeder forsche U-Bahn-Schläger, das Strafmaß schon vorab mindern möchte? Ups – pardon. Von einer Strafe war bei dem Justizminister ja gar nicht mehr die Rede. Ich vergaß. So ma(a)slos mildtätig gibt der sich. So einen wünscht sich jeder Macho-Muslim als Schwiegervater. Der Olle wird´s schon richten.

Die in diesem Zusammenhang von den ´Experten´ bereits ermittelten Befunde sprechen wiederum, wiewohl auf derzeit noch recht schmaler Basis fußend, für sich. Sie bestätigen unabhängig voneinander, das die sogenannten ´Aussteiger´ womöglich öffentlich dem Terror abschwören, nicht aber ihrem ´Ismus´ – nicht dem eigenen, strenggläubigen Diktat. Die meisten bleiben auch weiterhin der über allem stehenden, rechtgläubig richtenden, in ihrem Sinne einzigartigen Scharia verpflichtet: strikt und ohne Schnörkel. Und kämen sie, wiese man ihnen doch noch die eine oder andere Schweinerei nach, für ein paar Monate in den Bau, sie pochten zuerst und zuoberst auf einen separaten Gebetsraum und die im deutschen Strafvollzug ohnehin obligatorische schweinefleischfrei Zone. So viel Toleranz muss immer sein.

Nicht er, der Täter, ist laut Maas in der Pflicht; nein – die gestern noch seiner wütenden Rechtgläubigkeit ausgesetzten oder ausgelieferten ´Ungläubigen´ sind´s, als Steuerzahler nämlich: denn der Minister fordert ´Aussteigerprogramme zwecks Wiedereingliederung´. Das kostet. Worauf der Ober-Recht-Sprecher natürlich mit keinem Sterbenswörtchen eingeht. Mit diesem ´Populismus´ liefe man ja auch sofort Gefahr, den Vertretern des ´rechten Randes´ die sogenannte ´Mitte´ zur Verfügung zu stellen. Da will man – Maas und seine Wähler – ganz gern unter sich bleiben.

Einmal mehr wird deutlich: es gibt keine Täter, nur Opfer – auch und gerade er, der heilige Krieger, ist eines. Falls er es selbst noch nicht gemerkt haben sollte: Maas und Konsorten werden es ihm schon einbläuen. Und weil die durchgeknallten Dschihadisten von der Islamistenfront eben zu den Opfern eines ´ganz neuen Phänomens´ gehören, verbieten sich auch ´fertige Antworten´, was übrigens, ganz nebenbei, eine verteufelt clevere Aussage des Justizministers ist: wenn wir nur halbe, viertel oder fünftel Antworten kennen, ´Antwörtchen´ sozusagen, Häppchenweise gedruckst oder geheuchelt, dann können wir uns auch auf dieselbe ´anteilige´ Art und Weise bequem aus jeder Verantwortung schummeln, unter diesen Auspizien funktioniert ja die ganze bundesdeutsche Betreuungsindustrie, so strecken ihre Mitarbeiter die entsprechenden Therapieprogramme, so geht also auch diese Party endlos weiter.

Der letzte Satz vom Maas haut noch mal so richtig rein. Ich zitiere ihn wortwörtlich, aber zwecks Verdeutlichung meines Anliegens mit entsprechendem Fettdruck an den passenden Stellen:

Angebote müssten denjenigen gemacht werden, die dem Terror abschwören wollen.“

Großartig. Es reicht also vollkommen, wenn der rechtsbrüchige Rechtgläubige erst einmal abschwören will, damit wir ihm ab sofort Angebote machen müssen. Hier stimmt auch die Reihenfolge. Schließlich, so könnte man diese Forderung folgerichtig nachjustieren, ist er das Opfer und wir, die Gesellschaft, sind und bleiben Täter, wir sind also in der Bringpflicht, denn wir haben nicht vermocht, aus ihm ein anständiges Vollmitglied der Gesellschaft zu machen, die er wohl auch weiterhin verachtet; jeder ´Läuterung´ zum Trotz.

Mich erinnert das, man möge mir verzeihen, an einen ´ausgestiegenen´ Kindersoldaten aus Schwarzafrika. Den stellte man uns neulich in der Aktuellen Stunde (Lokalzeit NRW) im Dritten vor. Er war bereits zwanzig und zu dem Zeitpunkt, als man ihn ´rekrutierte´, immerhin schon sechzehn. Ein Umstand, der jede weitere Nachfrage bannte. Es konnte also nicht mehr darum gehen, wie viele Erwachsene er und seine Kameraden bei der Erstürmung eines Dorfes, deren Bewohner einem gegnerischen Clan angehörten, massakrierten. Das ´Kriegstrauma´ wurde zu Beginn des Berichts mehrfach angedeutet, diente den Machern aber im Grunde nur als ´Aufhänger´. Dazu wurden, jenseits eigener Befindlichkeiten, auch keine weiteren Betrachtungen mehr angestellt. Es ging, wie anders, einmal mehr um uns – um das vom Betreuungs-Discounter bereit zu stellende Angebot. Verstärkt von gleich drei Mitarbeitern einer dem Stadtteil assoziierten Sozialbehörde, die ihn wie Leibwächter schirmten, forderte der ausgewachsene Aussteiger mit Nachdruck Programme zur Wiedereingliederung, eine Jobgarantie und vor allem ein Auto, denn in den Straßenbahnen, so der Simultanübersetzer, sei es immer so entsetzlich voll und das Geld fürs Ticket wolle ihr Klient lieber für neue Turnschuhe und bessere Klamotten ausgeben. Er, der längst in einer eigenen, vom Staat bezahlten Wohnung lebte, habe als Flüchtling schließlich ein Recht auf Gleichbehandlung. Wer wollte diesem Allgemeinplatz ernsthaft widersprechen? Es wird ja schon als geschmacklos empfunden, wenn man feststellt, dass diejenigen, die unter schrecklichen Bildern leiden selbst unzählige verursacht haben. Die Altersgrenze grenzt dann auch die überhaupt in Frage kommenden Sachverhalte strikt ein. So werden Tabuzonen gepflegt und die wirklich schwierigen Fragen komplett eingehegt.

Um dem Eifer der schon jetzt Geifernden zuvor zu kommen: Ich möchte mit solchen Beispielen nicht das tatsächliche, tagtäglich statt findende Flüchtlingselend herunterspielen, dessen Vorboten schon heute eine ungefähre Vorstellung davon geben, was in ein paar Jahren auf die ´Festung Europa´ zu kommen muss: Dann wird sich das Elend an der Peripherie noch unsäglich potenziert haben. Und die mit Drogen willfährig gemachten, schon im Alter von acht oder neun Jahren an die Waffe gezwungenen Kinder des dunklen Kontinents verkörpern auch weiterhin eine unvorstellbare Tragödie im Schatten endloser Scharmützel, die sich in diesem Teil der Welt verewigen. Aber man kann und darf vor diesem Hintergrund doch nicht immer und ewig alles über einen Kamm scheren und der Verallgemeinerung das Wort reden um auf diese Weise verlässlich fein raus sein zu können. Wer sich mit der Thematik befasst, der ist längst darüber unterrichtet, dass die Anteile Halbwüchsiger an Massakern und Gräueln in fast sämtlichen, ohnehin unaufhörlich der Selbstauflösung anheimfallenden Staaten Afrikas immer weiter zunehmen; dass etwa, um nur dieses Beispiel zu nennen, die Mehrzahl der Mitglieder von Boko Haram, deren Milizen auf unvorstellbar grausame Weise Kinder und Jugendliche umbringen, selbst noch halbe Kinder sind. Aus welchen Gründen auch immer. In Sierra Leone weiß man von Fällen, wo die just erst mit Gewehren ausgerüsteten Fünfzehn- und Sechzehnjährigen den ersten Waffengang dazu nutzen, um ihre einstigen Lehrer vor den Toren der Dorfschule nieder zu strecken. Deren Familienangehörige werden in ihren Häusern eingesperrt, die sie dann einfach anzünden. Kein Kommandeur hatte ihnen zuvor diesen Befehl erteilt. Denn sie wissen nicht was sie tun? So mag es sein. Im Zusammenhang betrachtet versteht man manches und vieles doch nicht. Jedenfalls ist von den Opfern selbst nie und nimmer die Rede, wenn wir damit beschäftigt sind, diese problematische Täterschicht öffentlich zu beleuchten. Solches zählt zur unerwünschten Grauzone, die das vorgezeichnete Bild nicht mehr schmälern darf. In anderen Zusammenhängen werden diese Opfer förmlich ausgeweidet; hier stören sie auf einmal. Es kann nicht zwei Opfer gleichzeitig geben? Dabei gehört doch, schon der Vollständigkeit halber, der ständig beschworenen Gleichbehandlung entsprechend, beides ins Bild. Heinsohns Youth Bulge deutet die Problematik immerhin in aller Schärfe an, aber wehe, der Professor nutzte die Täterprofile zwecks konkreter Tatsachenbeschreibung. Das darf er nur, wenn er sie vorher einseitig (und alleinig) zu Opfern erklärt. Man löst solche Probleme aber nicht, indem man dieses verschweigt und jenes dauernd wiederholt. Solches sagt mehr über uns selbst aus als über die Phänomene, deren vermeintliche Behandlung uns angeblich am Herzen liegt. Es weiß doch auch so jeder, dass es keine Kinder sind, die in Afrika Kriege anzetteln. Und in Gaza hängen Eltern ihren Kleinkindern Bombengürtel aus Plastik um die Bäuche – ´Tod den Juden´.

Zurück zu den immerhin schon volljährigen, nicht minder kaltblütig agierenden IS-Söldnern, denen man hierzulande auf gewohnt umständliche, endlos lavierende, nervtötend lamentierende Art und Weise den Krieg ansagte, während man – Minister Maas – ihnen schon vorab ein passendes Streichelprogramm verspricht. Es mutet einigermaßen merkwürdig an, das einerseits Waffen in den Norden des Irak geliefert werden, um dem üblen Treiben ohne Einsatz eigener Truppen Einhalt zu gebieten, man damit also den verfassungsrechtlichen Rahmen wissentlich überschreitet, um ihn dann im selben Atemzuge ein weiteres Mal zu verlassen, indem die überlebenden Heimkehrer einmal mehr aus der rechtstaatlichen Behandlung ausgehegt werden. Ihnen wird somit eine Art ´Sonderbehandlung´ zuteil. Damit kennen sich die Deutschen allerdings aus. Anbei: Auch unter dem Kommando der Peschmerga oder ihrer Konkurrenten von der PKK kämpfen zahllose Söhne und sogar Töchter in Deutschland lebender Kurden. Die werden da unten auch so einiges erlebt haben. Ihnen hat Maas noch nichts Passendes in Aussicht gestellt. Und die zahllosen weiteren Opfer der Tragödie, die in Scharen flüchtende Jesiden und Christen, fanden im selben Atemzug gleichsam keinerlei Berücksichtigung. Ihre bloße Erwähnung minderte in diesem Zusammenhang sicher die Empathie, welche wir den Opfern schulden sollen, die ab sofort keine Täter mehr sein dürfen.

 

Shanto Trdic, 14.09.14

 

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Der antisemitische Krieg

Am 11. September 2014, genau 13 Jahre nach den islamistischen Terroranschlägen in New York, hält der Israelfreund, Politikwissenschaftler und Publizist Dr. Matthias Küntzel in Aachen einen Vortrag über den islamistischen Antisemitismus. Die schlecht besuchte Veranstaltung findet im Haus der Evangelischen Kirche statt, am Sitz der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit GCJZ Aachen in Kooperation mit der Jüdischen Gemeinde Aachen JGA. GCJZ Aachen, JGA und die Deutsch-Israelische Gesellschaft DIG Aachen e.V. haben eifrig bis halbherzig und getrennt für die Veranstaltung geworben und ihre mehr oder weniger zahlreichen Mitglieder aufgefordert, daran teilzunehmen.

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Seit mehreren Jahren sistiert die Zusammenarbeit zwischen der JGA/DIG und der GCJZ Aachens. Das Zerwürfnis beginnt mit einer einseitigen, Israel feindlichen Ausstellung in den Räumen des Hauses der Evangelischen Kirche. Dabei spielt die GJCZ eine unrühmliche Rolle. In der Folge veranstaltet die GCJZ Aachen weitere Events, die wegen ihrer Unerträglichkeit von Juden und Israelfreunden boykottiert werden.

Um die verfahrene Lage zu entspannen, lädt der kompromissbereite geschäftsführende Katholische Vorsitzende den Israelfreund Matthias Küntzel ein, seine Sicht im Konflikt im Nahen Osten zwischen Juden und Araber darzulegen. Nach Absprache mit der JGA findet das „Versöhnungsfest“ im Haus der GCJZ und nicht in der Jüdischen Gemeinde statt, um auch gemäßigten Israelkritikern der GCJZ die Teilnahme zu ermöglichen. Bekannten Judenhassern wird bereits aus Gründen der Sicherheit der Zutritt zur Jüdischen Gemeinde verwehrt.

Der kahle, große Vortragsraum wirkt mit drei Duzend Besuchern leer. Der Evangelische und der Jüdische Vorsitzende erscheinen nicht. Die meisten Anwesenden gehören dem gemäßigten Flügel der GCJZ an mit Überschneidungen zu pax christi und zum Aachener Friedenspreis AFP, die sich zu den Pazifisten zählen. Von der JGA sind zwei Vorstände und aus üblichem Desinteresse nur eine Handvoll jüdischer Gemeindemitglieder zugegen. Der erste Vorsitzende ist vorzeitig aus dem Ausland nach Aachen zurückgekehrt, wo er über die ganze Arbeitswoche hinweg seiner Beschäftigung nachgeht. Auch vereinzeltes Fußvolk der DIG ist zugegen, jedoch kein Mitglied aus der zahlreichen Vorstandschaft. Israel – you’ll sometimes walk alone.

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Matthias Küntzels Vortrag ist kurz und anregend, gefolgt von einer kontroversen und heftigen Diskussion, an die der Vortragende gewöhnt ist. Matthias Küntzel legt den Beginn des islamistischen antisemitischen Krieges auf 9/11. Die arabischen Terroristen haben New York für ihre Verbrechen ausgewählt, da für sie diese Stadt die Hauptstadt der Juden und Wolkenkratzer das Symbol des von Juden dominierten Kapitalismus ist. Bekennerschreiben werden geraume Zeit später in Hamburg gefunden, am Ort der von den deutschen Behörden unbemerkten Verbrechensvorbereitung. Da der darin vorhandene islamische Antisemitismus einwandfrei zu erkennen ist, beschließt die deutsche Regierung, die brisanten Papiere zum Schutz der in Deutschland lebenden Muslime der Öffentlichkeit vorzuenthalten, was nur kurzzeitig gelingt. Die Überwachung deutscher Behörden und Politiker durch die USA ist die bis heute logische Folge. Der Schutz der Juden ist der damaligen deutschen Regierung weniger wichtig. Vorsorglich wird von den Berliner universitären Antisemitismusforschern eine Task Force eingerichtet, die die deutsche Bevölkerung überzeugen wird, dass die heutigen Muslime die eigentlichen Juden sind.

Islamisten, seien es die Hamas im Gazastreifen, seien es der Islamische Staat IS in Assyrien, dem ehemaligen Syrien und Irak, führen einen Religionskrieg gegen alle Juden. Ihre Ideologie basiert auf den islamischen und den fortgeschrittenen christlichen Antisemitismus. Alle Antisemitismen betrachten den Juden als das Übel in der Welt, welcher vertilgt werden muss, damit die verbliebenen Menschen in Frieden, Wohlstand und Glück leben können. Der christliche Antisemitismus sieht im Juden einen mächtigen Feind, der den einzigen Sohn Gottes ermordet hat. Der faschistische (nationalsozialistische) Antisemitismus ist der Nachfolger des christlichen Antisemitismus, als der Einfluss der Kirche im Westen Europas schwindet. Der islamische Antisemitismus hingegen betrachtet die Juden nach ihrer erfolgreichen Vernichtung in Arabien durch den Propheten als schwache, feige Wesen, welche sich hinter Bäumen und Steinen verstecken, um dem gerechten Tod zu entrinnen. Der islamistische Antisemitismus, der neben dem islamischen Antisemitismus existiert, zieht die Ideologie des Judenhasses sowohl aus dem islamischen, als auch aus dem faschistischen (nationalsozialistischen) Antisemitismus. Der schwache und feige Jude beherrscht die Welt mit Börse und Kommunismus, ist schuld an beiden Weltkriegen und an der Französischen und Russischen Revolution, die die Menschheit durch die Entfremdung von Gott (Allah) vernichten wollen. Die vordringliche Aufgabe der Islamisten ist die gleiche wie die der Nationalsozialisten: die Ermordung aller Juden, damit danach alle Menschen im gottgefälligen Frieden, Wohlstand und Glück bis zum Jüngsten Tag leben können.

Der IS hat den direkten Kampf gegen Juden mit wenigen Ausnahmen (Brüssel) noch nicht aufgenommen, bereitet sich jedoch darauf vor, indem in Assyrien Schiiten, Christen, Kurden und Jesiden probeweise ermordet werden. Hamas ist da weiter. Vom Gazastreifen aus werden seit Jahren tausende „Sylvester- und Spielzeugraketen“ (lingua sinistra) ungezielt auf Israel abgefeuert, mit der Absicht, einen Juden zu töten. Schlägt Israel mit richtigen Waffen zurück, so werden arabische Kinder – niemals Kinder der Hamas-Kämpfer – vorgeschickt, damit ihr Tod Israel angelastet wird. Westliche Israel-, Judenkritiker, Antisemiten und Terrorversteher helfen willig der Halmas bei der weltweiten Verbreitung der perfiden Propaganda. Da für Islamisten das wahre Leben erst nach dem Tod beginnt, ist jeder von Juden Getötete ein Märtyrer und ein Sieger, auch wenn Hamas Israel unterliegt. Das islamistische Denken lässt den Frieden mit Juden nicht zu.

Plangemäß folgt nach der Eliminierung der Juden die weltweite Konversion aller Christen zum sunnitischen Islam. Heidnischen Nicht-Monotheisten und Schiiten ist diese Möglichkeit zur Rettung ihres Lebens verwehrt. Die Scharia-Polizei in Wuppertal ist ein winziges Beispiel für die Zukunft Deutschlands und Europas.

Auch wenn Islamisten und Nationalsozialisten in ihrer Kernforderung, der Vernichtung der Juden, übereinstimmen, können nur die Kriege der Islamisten als Religionskriege angesehen werden. Religiöse und religionsähnliche Symbole der deutschen Nationalsozialisten reichen nicht aus, einen Religionskrieg zu begründen.

Der Unterschied zwischen Muslimen und Islamisten wird nur kurz angerissen. Islamisten sind unter den Muslimen weltweit nur eine verschwindend kleine Minderheit. Ihre absolute Zahl übersteigert bei weitem die Anzahl der Juden. Nicht jeder Muslim, der die Scharia, das islamische Recht, über die Verfassung des Landes stellt, ist ein Islamist. Nicht jeder Islamist ist gewaltbereit. Muslime, die unter dem polizeilichen Schutz einer genehmigten Demonstration Juden beleidigen, gehören meist zu den normalen Muslimen, allerhöchstens zu den nicht-gewaltbereiten Islamisten.

Nach dem Vortrag hagelt es Vorwürfe aus den Reihen der moderaten Israel- und Judenkritikern in Richtung Vortragenden, die Matthias Küntzel gekonnt pariert. Manche Vorwürfe schrammen hart am Antisemitismus vorbei, die die anwesenden Juden vor Schreck verstummen lassen. Schließlich vernimmt man auch Zuspruch für den Vortragenden.

Der Schritt zur Aussöhnung zwischen JGA und GCJZ ist misslungen. Nach der Schoa kann kein Jude solche Vorwürfen gelassen über sich ergehen lassen, wie sie unter dem Schutz der GCJZ ausgesprochen werden. Ein ernsthafter regionaler Dialog mit weiteren am Konflikt beteiligten Religionen erscheint aussichtslos. Das auffällige Fehlen der gesamten Vorstandschaft der DIG Aachen e.V. deutet darauf hin, dass diese Freunde Israels unfähig sind, gemeinsam den Judenstaat verbal zu verteidigen, wenn sie gebraucht werden. Ein vorzeitiges Weggehen aus dem Saal ist dem Vorsitzenden der JGA verwehrt gewesen, da er Mitveranstalter ist. Sollte er wegen seiner Beteiligung an der Organisation des Treffens angegangen werden, so wird ihm wie üblich nichts anderes übrig bleiben, als die Schuld auf seinem persönlichen Schlappen-Schammes abzuladen, der momentan auf Geheiß des Vorsitzenden der JGA den Sitz des Jüdischen Vorsitzenden der GCJZ ausfüllen muss.

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Die Zeit läuft rückwärts

Josef Zierden ist Initiator und Organisator des Eifel-Literatur-Festivals, welches seit 1998 alle zwei Jahre in der Vulkaneifel stattfindet. Dank seines Talents und seines freundlichen Durchsetzungsvermögens hat sich die Südeifel zu einer Perle der Literaturszene entwickelt. Am 09. September 2014 hat der multitalentierte Journalist und Autor Florian Illies sein Buch „1913: Der Sommer des Jahrhunderts“ in Daun vorgestellt, in einem Städtchen, welches tief in der Eifel und Dank fehlender Autobahnanbindung, abgelegen von der Hektik der modernen Welt, seinen alten Charme nicht verloren hat.

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1913“ ist ein Bestseller. Florian Illies hat herausragende und alltägliche Momente des Jahres 1913 zusammengetragen, eine Fleißarbeit, die aus einer grandiosen Idee lebt. Er lässt seine historischen Figuren in ihrer Zeit agieren. Wenige erahnen den baldigen Weltkrieg, der Europa für immer verändern wird. Die Meisten verharren – wie heute, wie immer – in ihren privaten Problemen, die sie intensiv beschäftigen. Einige Persönlichkeiten des damaligen internationalen Lebens, deren Namen noch heute bekannt sind, erklären mit logischen Sätzen, warum es nie wieder zu einem Krieg zwischen den Großmächten kommen wird.

Ein spannendes Buch, welches jeder lesen sollte, der es noch nicht getan hat.

Nach der Lesung folgt die obligatorische Eifel-Diskussion, die der Autor beinahe alleine bestreitet, da er die Fragen stellt, die er beantwortet. Die Diskussion dreht sich um ein einziges Thema: Warum ist der Große Weltkrieg nicht vermieden worden? Die Antwort lautet, dass dies nicht möglich ist.

Unser philosophisch-logisches Denken basiert auf viele Annahmen, die wir unhinterfragt für selbstverständlich halten. Wir glauben, dass zukünftige Ereignisse bereits in Ansätzen heute – oder allgemein: in der Vergangenheit – angelegt sind. Nichts entsteht aus dem Nichts! Wir unterdrücken den Widerspruch, dass es uns nicht gegeben ist, im Gegensatz zu der physikalischen, die politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Zukunft mit ausreichender Genauigkeit zu erkennen und vorherzusagen. Zuweilen tippen wir richtig und fühlen uns bestärkt. Unsere falschen Vorhersagen vergessen wir schnell.

Warum niemand die gesellschaftliche Zukunft voraussagen kann, ist leicht zu definieren: Die Zukunft ist nicht vorbestimmt. 1913 hat niemand den Ersten Weltkrieg wissenschaftlich begründet voraussagen können, obwohl dieser Krieg nur ein Jahr später ausbricht. Viele Menschen sind von Ahnungen heimgesucht worden – selten richtigen und meistens falschen. Nur im Nachhinein ist es uns Heutigen gegeben, die Ereignisse des Jahres 1913 herauszupicken, die wahrscheinlich zum Weltkrieg geführt haben. Andrerseits haben auch viele Ereignisse stattgefunden, die den Weltkrieg hätten verhindern können. Doch die ersteren Ereignisse haben sich durchgesetzt.

Es ist die Stärke des Buches von Florian Illies, diesen zeitlichen Aspekt herausgearbeitet zu haben.

Wie verhält es sich 2014? Heute investieren wir viel Geld in Zukunfts- und Friedensforschungen, die uns vermessen werden lassen zu glauben, dass wir die Zukunft im Griff haben. Pazifisten glauben, dass Abrüstung, Militärs glauben, dass nur einsatzbereite Armeen den Weltfrieden garantieren. Wirtschaftsexperten verkünden, dass ein wirtschaftlicher Boykott den Frieden gefährdet, Politiker erkennen im Boykott eine Stärkung des Friedens. Wer Recht oder Unrecht hat, wird sich in der Zukunft erweisen, die uns allen heute verschlossen ist.

Wie im Jahre 1913 druckt 2014 jede bedeutende und unbedeutende Zeitung in regelmäßigen Abständen die Meinung des Redakteurs ab, der mit klug gesetzten Worten überzeugend erklärt, warum die Krisen in der Ukraine, die ein Krieg zwischen Russland und dem Westen ist, und in Assyrien, den ehemaligen Nationalstaaten Syrien und Irak, zu keiner weltweiten militärischen Auseinandersetzung führen werden. Dank Florian Illies’ Buch  sollten wir wissen, dass uns keine sicheren Schritte bekannt sind, einen zukünftigen Großen Krieg zu verhindern.

Der 9. September 2014 wird ein wichtiger Tag in der Geschichte der Eifel werden. Auf dem Nachhauseweg in die Nordeifel leuchtet nachts der Vollmond riesengroß, der sich selten nahe an die Eifel herangewagt hat.

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Florian Illies:

1913: Der Sommer des Jahrhunderts
320 Seiten
Verlag: S. FISCHER
ISBN-10: 3100368010
ISBN-13: 978-3100368010

 

Erschienen unter:

https://www.freitag.de/autoren/anti3anti/die-zeit-laeuft-rueckwaerts

http://www.tabularasa-jena.de/artikel/artikel_5907/

http://www.huffingtonpost.de/nathan-warszawski-/die-zeit-laeuft-rueckwaerts_b_5798434.html?utm_hp_ref=politik

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Das Ende des Völkermordes an die Jesiden naht!

Vorsicht! Keine Satire! Vorsicht! Keine Satire! Vorsicht! Keine Satire!

Die Aachener Zeitung AZ, die unter verschiedenen Namen auftritt, ist ein Monopolblatt. Sie wird gerne gelesen, weil sie den Ansprüchen der Leser genügt. Für noch geringere Ansprüche gibt es die Aachener Nachrichten AN, die in Düren DN heißen.

Muss man die AZ lesen? Ja! Denn in den Blättern verstecken sich Juwelen, deren Funkeln den Geist erhellen! So am Dienstag, 2. September 2014:

Maastricht: Tierversuche nach Protest ausgesetzt

Ein von der Universität Maastricht geplanter Einsatz von Labradoren als Versuchstiere sorgt für Aufregung. Mitarbeiter der Hochschule wurden bedroht. Eine Brandstiftung wird angekündigt.

Bei der Untersuchung sollten Hunden Herzschrittmacher eingesetzt werden, um verschiedene Formen von Herzfehlern zu simulieren. Eine Tierschutzorganisation beklagte daraufhin, dass die Tiere an den Folgen der Versuche sterben würden. Die Organisation sammelte in einer Online-Petition mehr als 120.000 Unterschriften. Außerdem demonstrierten etwa 100 Menschen vor der Universität. Nach den Protesten hatte die Uni Maastricht den Tierversuch ausgesetzt. Alle Hunde wurden einer nicht benannten Organisation übergeben. Die medizinische Forschung wird in Südkorea fortgesetzt.

Auch wenn Maastricht nicht in Deutschland, sondern in Holland liegt, ist die geistige Nähe zu Deutschland mit den Händen greifbar. Ein beträchtlicher Teil der Maastrichter Studenten stammt aus Deutschland.

Der Aachener Friedenspreis AFP würdigt am Antikriegstag die Aktionen fundamentalistischer Pazifisten

Fragt uns verdammt noch mal nie wieder, ob wir mit Euch in den Krieg ziehen! Denn unsere Antwort lautet: Nein! Der Vorsitzende des AFP zeigte sich ausgesprochen emotional, ja verbittert. Ausgerechnet am Antikriegstag, am Tag der Verleihung des Aachener Friedenspreises, votierte der Bundestag mehrheitlich für Waffenlieferungen in den Nordirak. Zynisch sei das. Man hat nie einen Pfifferling auf die Meinung der Friedensbewegung gegeben. Und jetzt will man unseren Segen zu den Waffenlieferungen?

Geht es um den Irak oder die Krise in der Ukraine, spricht der AFP inzwischen ganz offen von Kriegstreiberei. Deutschland spiele in diesem Krieg eine Schlüsselrolle, weil es Beihilfe zum Mord leiste.

Der unbedeutende AFP wirkt überheblich, da kein einflussreicher Politiker sich für ihn interessiert. Auch ist nicht bekannt, dass irgendjemand den Segen zu Waffenlieferungen von dem AFP erbeten hat. Doch klappern gehört zum Geschäft; je hohler, desto lauter.

Dennoch ist der AFP in Aachen geachtet. Selbst hohe Polizisten und überzeugte Reaktionäre harren bei den Veranstaltungen der Genozidversteher an den Kurden aus, um vom Volk Anerkennung zu erheischen.

Nun, wo sind denn die Juwelen? werden Sie sich fragen. Der Funken liegt nicht in der Nachricht, sondern in der Verbindung beider Artikel, die zufällig (?) aufeinander stoßen.

⅔ der Bevölkerung Deutschlands wollen nichts Wirksames gegen den Genozid an die Jesiden, Kurden und Christen durch den Islamischen Staat IS im Norden Assyriens unternehmen. ⅔ der Bevölkerung Deutschlands sind gegen Tierversuche im eigenen Land. Die Ergebnisse von Tierversuchen aus dem Ausland werden zum Wohl der eigenen Gesundheit jedoch gerne angenommen. ⅔ der Deutschen schenken solchen Videos im Internet Glauben, deren Botschaft ihnen gefällt.

Was ist zu tun? Wir brauchen nur die Information, unterlegt mit Fotos und Videos, im Internet zu verbreiten, dass der IS die Hunde der Jesiden, Kurden und Christen lebendig verbrennt und kreuzigt. Das lebendig Verbrennen von Hunden durch den IS trifft zu, das lebendig Kreuzigen von Hunden ist bis weit in die Neuzeit in Deutschland mit Schwerpunkt Franken dokumentiert. Um die Verbreitung zu erleichtern, könnte man die grausamen Videos mit billigen Gewinnspielen garnieren.

In kürzester Zeit werden ⅔ der Bevölkerung Deutschlands das Versenden von Waffen an die Kurden bejahen.

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„Warum spinnen die so?“

Mutmaßungen eines Unbeteiligten

Einstimmung

„Es wurde eben ne Frage gestellt,“ stellt der junge Mann mit dem langen, roten Bart fest,“ darf man eine Frau die kein Kopftuch trägt heiraten.“ Offenbar haben nicht alle im Publikum zugehört. Weshalb er den Satz noch einmal wiederholt. Betont lässig tut er das, über sämtliche Zweifel erhaben; als sei die Frage selbst schon ihre eigene Antwort. So rasch, wie vermutet, lässt sich das ´Problem´ dann aber doch nicht lösen. Es soll auch keins sein, das merkt man dem wirren ´Vortrag´ an, dennoch braucht der ´Experte´ ganze dreizehn Minuten, um damit irgendwie fertig zu werden. Fast vierzehn Minuten gehen dafür drauf, die folgende wichtige Frage richtig – rechtgläubig – zu beantworten: “Warum dürfen Männer Frauen nicht die Hand geben im Islam“ (so der Wortlaut). Etwas mehr als sechs Minuten reichen indes, um klar zu machen, dass ein Mann mehrere Frauen heiraten darf. Sicher haben Sie schon von dem Mann gehört, der uns das alles (und noch viel mehr) im Koran kompatiblen Sinne verklickert. Pierre Vogel heißt er. Gelegentlich lädt man ihn zu Talkshows ein. Da gibt er sich ein wenig moderater. Doch kaum weniger allwissend. Vogel gehört zu der Sorte Marktschreier, die als verhinderte Aufsteiger mittels seiernder Omnipräsenz den Menschen das Einmaleins der Unfehlbarkeit im halbgaren Dutzend um die Ohren sülzen. Wer davon nicht genug bekommen kann: bloß den ganzen Namen bei You Tube eingeben. Das Portal spuckt dann so viele ´Gigs´ aus wie der Hering Eier legt. So kriegt man locker einen ganzen Tag rum, hat man nichts anderes – nichts Besseres – zu tun. Was ganz gewiss für viele von den Fans gelten mag.

Als ich diesen komischen Vogel das erste Mal im Fernsehen sah, war ich noch im Irrtum. Ich hielt den Auftritt für drittrangigen Klamauk und den Typen selbst für einen etwas unbeholfen agierenden Comedian: der Anfänger-Clown bei ´Deutschland sucht den Mega-Muslim´. Dann aber versicherte eine leise Frauenstimme im Off, das er es ernst meint: das der tatsächlich glaubt, was er den Versammelten just zurief, denn er rief die ganze Zeit, obwohl man ihn auch so gehört, weniger verstanden hätte; immer vorausgesetzt, das man den Verstand noch besitzt, den dieser dumpfgare Laienprediger mit jedem gesprochen Satz auf´s Äußerste beleidigt. Es ging damals, meine ich mich zu erinnern, um den unvermeidlichen weiblichen Kopflappen. Das gehört so zu den Sachen im Islam, die superwichtig bleiben. Darob wurde schließlich in endloser Folge ´erörtert´, was man sonst noch tun muss oder nicht machen darf, damit man(n), statt in der Hölle zu landen, auch wirklich in den Himmel kommen kann. Es geht überhaupt immer nur um das eine, in schnöder, öd-blöder Variation: was darf ich und was nicht. Im Grunde beschäftigt sich ein solcher Mensch mit nichts anderem mehr und er hat es, so viel steht fest, viel einfacher als der doofe Rest der Menschheit: es steht nämlich schon alles drin im heiligen, allein gültigen, allein seligmachenden Buch. Es bietet einfache Antworten auf simple Fragen. Dieser ´Simplicissimus´ lügt nie, also friss es, Frevler; oder brate ewiglich im Höllenfeuer. Freundlicher formuliert: musst du nur immer ablesen oder gleich auswendig lernen, weißt du. Daher blättert der Ex-Boxer und Studienabbrecher Vogel (zwei Mal: einmal Lehramt, dann arabische Sprache) in seinen ´Lehrvideos´ auch gerne im Allerheiligsten herum um so das ganze Arsenal an Geboten und Verboten im Vollbesitz seiner geistigen Unzurechnungsfähigkeit herunterzunudeln: leider nicht auf hocharabisch sondern in Deutsch; Marke ´krass und neunmalklug´. Daran hat man die Emporkömmlinge zu allen Zeiten erkannt: sie schwätzen sich um Kopf und Kragen – und merken es nicht. Wer das länger als zwei Minuten aushält, der wird gewiss der Richtige sein; er darf übertreten. Und Pierre Vogel hält weiter Rede um Rede, steter Tropfen höhlt den Stein, und der Stein der Weisen ist der seine und also radebricht er auch in Zukunft was das Zeug hält, in einer T(ort)our, ohne das ihn hierzulande jemand für den notorischen Ohrenschmerz, den er damit verursacht, zur Rechenschaft zöge. Es gibt ein Recht auf öffentliche Rede, aber keines, das die entsprechenden Blindgänger und Blendgranaten unter Strafe stellt. Das gehört so zu den Tücken unserer vielgerühmten Meinungsfreiheit: wer meint, das er eine eigene Meinung habe, darf das, was er dafür hält, im dauernden Dutzend auskotzen. Wer sich keine eigene bildet oder macht, schlürft den Kodder umso gieriger in sich hinein.

Vogel ist beileibe nicht der Einzige, der uns auf diese Weise den letzten Nerv raubt. Und sie alle, die ihm nacheifern, werden nicht die Einzigen bleiben. Sie, um die es in der folgenden Betrachtung gehen soll, haben der Welt leider Gottes einiges zu erzählen. Und sie tun es wie der Vogel. Bis zum Erbrechen. Und wie dieser blöken, bellen und blaffen sie die autistischen Verirrungen nur so aus sich heraus und unter´s blöde Volk. Ob im Netz oder auf dem Marktplatz, in der Fußgängerzone oder in einem der Begegnungszentren, die ihnen die Gottlosen Hunde zur Verfügung gestellt haben: der Zorn des Allmächtigen duldet keinen Hinterhof.

Und wir? Der aufmerksame, vor allem geduldige Zuhörer merkt sofort bzw. immer wieder, hört er in die ´Reden´ rein: da hat´s jemand aber so richtig nötig. Da hat sich offenbar mächtig was angestaut, bis zum platzen, das muss entsprechend raus, immer öfter, immer zwingender und so laut und vernehmlich, das es noch der letzte der hundertmal und mehr verfluchten Schweinefleischfresser da draußen hört. Die sollen nämlich erzittern vor der Gewalt des Erhabenen, des Einzigen, als dessen heiseres Sprachohr die Eiferer sich allen Ernstes selbst begreifen. Dementsprechend forsch fallen ihre kehlig vorgetragenen, immer austauschbaren Tiraden aus: herunter geleiert im geifernden Brustton einer festen, durch keinerlei Einwände mehr zu erschütternden Überzeugung, an der sie hängen wie ein Junkie an der heißen Nadel. Zugegeben: das alles entbehrt nicht eines gewissen Unterhaltungswertes. Es kommt halt darauf an, mit welcher Erwartung man an die Sache ran geht. Wer auf Kriegsgeheul und Kettenrasseln steht, kommt bei Ihnen voll auf seine Kosten. Sie geben sich überhaupt gern grimmig, grantig und so richtig entschlossen. Kämpfer wollen sie sein; heilige welche – echte Dschihadisten eben. Und sie wissen, trotz ihrer Jugend, ein für alle Mal Bescheid. Ihrer an Gangsta-Rap erinnernden, ärmlichen Diktion hört man sehr deutlich den zweiten Bildungsweg an, denn mit den vielen ersten wollte es nicht so recht klappen. Also rufen sie ständig, statt zu reden; zetern statt zu sprechen – und warnen, drohen, fluchen: was das Zeug hält. Immer im vor stolzer Männlichkeit geblähten Black Music Style, sodass man fast geneigt ist, im Takt der Erregung fröhlich mit zu wuppen (´richtige´ Musik hat der Mohammed verboten). Ihre Freiluft-Versammlungen gleichen, auf den ersten Blick, den Wahlkampfauftritten unserer großen Parteien, die kriegen kaum mehr Leute auf die Beine, aber bei denen wird nicht so laut geschimpft, das haben Kommunisten und Nationalsozialisten seinerzeit noch besser hinbekommen. Wollt ihr den totalen Islam? Die rechtgläubige Internationale? Ja, man. Hau rein, du Hurensohn.

Die Entertainer von Islamistan in Eurasia zeigen uns übrigens auch äußerlich, was Sache ist. Gestern noch in coolen, Statuskonformen Markenklamotten unterwegs, hüllen sie sich jetzt in lange, Jutesäcken ähnelnde Gewänder, und statt der teuren Adidasturnschuhe tragen sie ab sofort Sandalen. Auch im europäischen Winter, aber mit Socken von der Konkurrenz (ich glaube nicht, dass die in irgendeinem Emirat von irgendeinem pakistanischen Gastarbeiter angefertigt wurden). Anstelle der unvermeidlichen Baseball-Mütze ziert ab sofort ein rechtgläubiges Käppchen den fromm umfieberten Schädel. Alles muss stimmen. Manche von ihnen haben sich, passend zum Zottelbart, noch eine ordentliche Matte nachwachsen lassen, so sieht ein wackerer Taliban eben aus, aber so kann man die Eiferer auch leicht mit irgendeinem Hindu-Hippie aus den Siebzigern verwechseln: Müsli-Freak meets Muslim-Man. Schräg, das. Doch während ersterer den eigenen Fanatismus längst ins bürgerliche Nirwana hinüber gerettet hat und sich mit Ökostrom und humaner Tierhaltung begnügt, treibt letzteren der Wille eines zornigen Gottes unentwegt an und unerlöst herum. Er versichert dir mit erhobenem Zeigefinger das ein Mann, ein Muslim (ist beides identisch) Bart trägt, tragen muss; und das (nicht warum) unvermummte Frauen in der Hölle landen werden. Alles an ihm ist im Recht: im einzigen, im für immer und ewig richtigen. Total richtiges Recht eben, denn es gibt auch keinen Gott außer Gott. Sie alle, die gestern noch missmutig in den Tag hinein lebten und vor Frust am liebsten gekotzt und geschrien hätten, Frührentner im Mackermuff, Halbstarke auf Frustbeule, rotzen uns jetzt ihre Phrasen und Parolen wie Hagelkörner um die müden Ohren. Sie wissen wirklich alles, und immer besser als alle anderen und sie glauben auch ganz fest daran; daneben zählt nichts mehr. Die Hölle, vor der sie weniger warnen, die sie vielmehr in notorischer Besessenheit allen Falschgläubigen, Halb, – und Dreiviertel-Folgsamen, allen Ketzern und Verrätern mit Schaum vor dem Maul androhen, sie lauert überall, wirft Schritt um Tritt ihre Schatten voraus, denn es gibt so vieles, was man einfach falsch machen muss, hat man vom ungeschaffenen Wort des Einzigen entweder nie gehört oder selbiges noch nicht ganz begriffen: im einzigen, endgültigen – in ihrem Sinne. Nach einem Warum fragt er, der schon alles weiß, natürlich nicht mehr, das hat er gottlob hinter sich, und die Gebote, deren strikte Einhaltung er unermüdlich einfordert, sind so fertig und vollkommen vom Himmel zur Erde herabgefallen, das der perfekte Mensch, ihr Prophet, sie nur noch nachzubeten hatte. Genau das tut auch er, und er tut es mit einem Eifer, der an Irrsinn grenzt und einem Ernst, der auf Anhieb betroffen, dann nur noch lachen macht. Leider, so viel steht fest, vergeht uns (und der übrigen Welt) mit diesen komischen Vögeln, wie der Vogel einer ist, zunehmend das berechtigte Lachen. Und wenn auch nicht alle von ihnen in´s Zweistromland auswandern, um den virtuellen Dschihad mal so richtig live und in Farbe nachzumachen (Vogel ist nicht der einzige, der immer keift, ansonsten aber kneift), so gilt doch für jeden von denen, das sie´s ganz in Ordnung, ja richtig geil finden, wenn in der Levante die Abweichler jeglicher Schattierung in blutigen Einzelteilen durch die Gegend fliegen. Frage: warum spinnen die so? Haben wir wirklich so viel falsch gemacht?

I.

Wenn ich im Folgenden den Versuch unternehme, die in Europa und der übrigen westlichen Welt nachwachsende Generation des islamischen Terrors zu typisieren, dann grenze ich die in Betracht kommende ´Zielgruppe´ hauptsächlich der Übersicht willen von den in der muslimischen Staatenwelt beheimateten Massen männlicher, oft Erwerbsloser Jugendlicher ab, deren Heißsporne nicht minder besessen agieren (der Sozialpädagoge Gunnar Heinsohn hat in diesem Zusammenhang den Begriff des ´Youth Bulge´ geprägt). Es geht also um in der westlichen Welt aufgewachsene Söhne zumeist muslimischer Einwandererfamilien, deren etliche sich häufig im unmittelbaren Anschluss an die Adoleszenz radikalisieren, wobei die immer zahlreicher in Erscheinung tretenden Konvertiten vom Schlage eines Pierre Vogel oft eine ganz ähnliche Sozialisation durchlaufen. Täglich rücken neue nach. Und immer mehr nach Syrien oder in den Irak aus. Eine besorgniserregende Entwicklung. Auch eine, die sich rasend schnell vollzog. Keine andere ´Religionsgemeinschaft´ hat in so kurzer Zeit so starken Zulauf erhalten wie die der Salafisten. Islamischer Fundamentalismus boomt. Ungebrochen. Nicht einzig im Dar al Islam, immer ungebremster eben auch bei uns; in der alten Welt.

Wer sich mit dem Phänomen intensiv auseinander setzt, indem er zunächst die typischen Täterprofile miteinander vergleicht, stößt auf Querverbindungen und Zusammenhänge, die zwischen offenen Gesellschaften und den an ihren Rändern gedeihenden traditionellen Milieus unmerklich zu Reibungen führen, die früher oder später den Funkenschlag verursachen, den der Betroffene selbst als ´Erleuchtung´ begreift. Was hat das zu bedeuten?

Offene Gesellschaften sind hochkomplexe, immer wieder Form und Farbe wechselnde Gebilde: dehnbar, durchlässig – ausbaufähig. Dem entspricht eine Organisation, die bis in´s letzte Glied reicht, denn sonst liefe der ´Betrieb´ schnell ins Leere. Nur durch eine ausgeklügelte, sorgsam gewartete Vernetzung lassen sich Ordnung und Transparenz miteinander vereinen. Nur so kann überhaupt gewährleistet werden, dass Durchlässigkeit nicht auf Kosten der Disziplin, die Entwicklung nicht zuungunsten einer auf anderen (nicht unbedingt höher stehenden) Ebenen angestrebten Symbiose verläuft. Alles ist wechselseitig miteinander verwoben und ergänzt sich auf diese Weise. Der Grad der ´Verschaltung´ (und damit auch der Unübersichtlichkeit) nimmt folglich immer weiter zu und verhindert so, das der gesellschaftliche Prozess gerinnt und damit nach außen abschließt. So kommt es nie zum Stillstand. Tatsächlich: alles fließt. Und wächst. Dynamische Prozesse sorgen von selbst dafür, dass nichts so bleibt, wie es war, und wenn es überhaupt eine Tradition gibt, die sich in diesem System nicht überlebt, eine Konstante, die immer bestehen bleibt, dann ist es die des fortschreitenden Wandels selbst. Der stete Wechsel muss von allen, die sich auf dieses ´Spiel´ einlassen, akzeptiert werden. Spätestens seit der Aufklärung hat das entsprechende Selbstverständnis sämtliche Schichten der Bevölkerung erfasst. Keiner kann sich da auf Dauer rausmogeln. Die Preisgabe ewiger Wahrheiten vollzog sich im Lichte wie im Schatten neuer Freiheiten. Fortan gab es keine dauerhaften sozio-emotionalen Garantien mehr, keine vorsorglich fest geschriebenen Ansprüche auf Werte wie Geborgenheit, Sicherheit – Gewissheit. Auch die musste man sich nun selbst erkämpfen. Das macht den Zwiespalt aus, den der Zivilisationsprozess als dauerhafte Hypothek einfordert. Die Institutionen bieten lediglich einen Rahmen, den jeder für sich selbst abschöpfen muss. Da wird einem nichts geschenkt, auch wenig abgenommen. Hier offenbart sich einmal mehr das Drama menschlicher Freiheit, die von der Philosophie früh ´zurück entdeckt´, von den Religionen aber und ihren Erbauungen schon immer im Kern begriffen und ausgebeutet worden ist. Die Maxime Kants, dass man den Mut aufbringen möge, sich der eigenen Vernunft zu bedienen, bleibt eine Forderung ohne Verfallsdatum, denn über die Gewissheiten, nach denen ein solcher ´jüngster Tag´ bestimmt werden kann, verfügen wir nicht mehr. Wir müssen ohne auskommen. Gleichzeitig potenzieren sich mit jeder Dekade die in Frage kommenden Möglichkeiten zur freien, und immer neue Freiheiten schaffenden Entfaltung. Sie schafft die Probleme nicht ab. Die laufen immer mit. Beides ist untrennbar miteinander verbunden und hält den dialektischen Prozess am Leben. Das ist schon in der Antike bedacht worden. So steckt in allem eine Möglichkeit, aber alles hat auch einen Haken; seinen eigenen Preis. Freiheit kann befreiend oder beängstigend sein, auch beides zugleich, aber in jedem Fall nötigt sie ihrem Träger die Pflicht zur Verantwortung ab. Ihm und keinem sonst. Es ist, so werde ich noch ausführen, eine sehr falsch verstandene Form der Freiheit, die den Extremisten von morgen heute noch berauscht, bevor sie ihn endlich abschreckt und schließlich zur Fratze ihrer selbst mutiert. Er lebt sie nur halb, und verzweifelt am Ende ganz an ihr.

Eingedenk der Tatsache, das offene Gesellschaften insgesamt zwiespältig bleiben, wird jener radikalislamische Fundamentalismus, der auf europäischem Boden gedeiht, als Phänomen transparent: ein junger Mann erliegt ihm umso verlässlicher, je inniger er am Gegenentwurf verzweifelt.

Es war und ist beliebt, weil scheinbar naheliegend, den Fanatismus auf (vermeintliche) soziale Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten zurück zu führen – und damit bis zur Unkenntlichkeit zu reduzieren. Die so gewonnenen ´Erkenntnisse´ sind dann solche, mittels derer man alles versteht und nichts mehr erklärt. Wie oft wurde und wird etwa der Mangel an Integrationsangeboten in unserer Gesellschaft beklagt, obschon es deren noch nie so viele gab wie heute und wie unbekümmert gehen solche, die in diesem Zusammenhang von ´Chancenungleichheit´ reden, darüber hinweg, das eben diese Angebote einer Vielzahl an Menschen tatsächlich geholfen und zu einer gelungenen Integration geführt haben. Das ´Allheimittel´ Integration gerät hier zur taktischen Konkursmasse: geht´s den Patienten immer noch schlecht, muss die Dosis weiter erhöht werden. Von den ´Gesunden´ spricht in dem Moment aber keiner mehr. Wer eine Diskriminierung seitens der Mehrheitsgesellschaft unterstellt, Versäumnisse und Verfehlungen ihrer Institutionen, hat auch auf der anderen Seite den Plural gerettet. Als Negativposten. Dann gibt es da eben in summa auch keine Ausnahmen mehr, dann sammeln sich dort nur noch unterschiedlich kranke und im Stich gelassene Patienten, dann kann man ein ´Krankenhaus´ nach dem andern aufmachen und die Arzneibestände aufstocken; bis der Affe laust. Das ist ein Widerspruch, der den in Legion angetretenen SozialpädagogInnen, den Angehörigen einer ungebremst auswuchernden Betreuungsindustrie, gar nicht mehr aufgeht. Im Grunde leben sie davon, dass die Probleme in der einen oder anderen Form bestehen bleiben und neue entstehen, an denen man dann auf bewährte Weise herumdoktern kann. In vielen Fällen haben sie Erfolg, davon lasse ich mich als Lehrer auch immer wieder gerne überzeugen. Geht es aber um die ´Ausreißer´, stimmt auf einmal das ganze System nicht mehr. Frage: wo beginnt bei denen die Diskriminierung und wo endet bei uns die Geduld? Haben wir es nur mit ´Beleidigten und Entrechteten´ zu tun, die man entsprechend besänftigen, behandeln – bemuttern muss?

Die ermittelten Befunde sprechen längst eine andere Sprache. Und die Profile der Täter lassen erkennen, dass weniger erlittenes Unrecht, mehr das eigene Unvermögen die weitere ´Karriere´ bestimmt. Ich will hier nicht mit Biografien um mich schmeißen oder der Empirie das öde Wort erteilen. Die Studien von Heitmeyer und Mekhennet, Kepel oder Steinberg und deren Dutzende mehr haben hinreichend unter Beweis gestellt, das es weder arme Hungerleider noch notorisch geschubste oder gebeutelte Gestalten sind, die sich am Ende zum Massenmord bekehren (lassen). Das Problem reicht tiefer. Es hat etwas mit der Identität einer Person und der ganzer Gruppen zu tun. Es hat auch etwas mit vorgefundenen oder neu entdeckten, zum Teil wieder entdeckten Lebensräumen zu tun. Begreift man die offene Gesellschaft sozusagen als übergeordnetes Milieu, in Form einer schirmenden, wiewohl nicht umfassend Kontrolle ausübenden Instanz, dann sind familiäres Umfeld, Familie und Verein, Internet und Gleichaltrigengruppe die Instanzen, die über begriffliche Codes die Schlüssel zu einem besseren Verständnis der Entwicklung liefern; einer immerhin, die von Person zu Person divergiert. Dass diese Codes sich nicht immer mit den Ansprüchen einer säkularen Moderne decken oder irgendwie in Einklang bringen lassen, liegt auf der Hand.

II.

Der islamische Fundamentalismus hat seine eigenen, je nach konfessioneller Abweichung einander ausschließenden Säulenheiligen, an denen keiner ihrer Jünger zu rütteln wagt. Eine dieser bis zur Vergötzung verehrten Lichtgestalten ist der Ägypter Sayyid Qutb gewesen. Sein Werdegang ist aufschlussreich und straft all jene Lügen, die von vermeintlichen sozialen Miseren auf einen noch viel vermeintlicheren ´Widerstand´ schließen, der in Wahrheit, wie noch gezeigt werden wird, eher an Verstocktheit denn an mangelnder materieller Teilhabe grenzt und im Ergebnis den Symptomen einer echten Zwangsneurose gleicht.

Der moderne, ganz auf das ungeschaffene Wort des Allmächtigen fixierte Islamismus keimte Ende der Zwanziger Jahre in einem nordägyptischen Städtchen namens Ismailia auf: kein heiliger Ort, sondern von Ferdinand de Lesseps, dem Erbauer des Suezkanals, Mitte des neunzehnten Jahrhunderts gegründet. Hier entstand 1928 die noch heute wirkungsmächtige Muslimbruderschaft. Ganze sieben Männer waren es, die sich damals unter der Ägide des Gelehrten Hassan al-Banna zusammenfanden. Aber erst in der Gestalt Qutbs, der dieser fundamentalistischen Bewegung Anfang der Fünfziger Jahre beitrat, offenbarte sich das wahre Gesicht der Bewegung, so unerbittlich wie unversöhnlich, und die sakralen Ismen, die der ´Seiteneinsteiger´ prägte, bestimmen bis in unsere Tage, etwa bei den Verbrechern von der Hamas, das Selbstverständnis ihrer Nachbeter.

Qutb ist insofern ein interessanter Fall, als das nichts, aber auch wirklich gar nichts im Leben dieses zukünftigen Ultrafundamentalisten auf soziale Benachteiligung oder selektiven Ausschluss von den Segnungen einer damals sehr spürbaren zivilisatorischen Moderne hindeutete. Man kann wirklich suchen solange man will: man findet keinerlei Bestätigung der gutmenschlichen These, wonach es benachteiligte, von den Institutionen diskriminierte Menschen sind, die den gemeingefährlichen Furor begründen. Das gilt, wie wir sehen werden, auch noch für jene, die ihnen später in Scharen folgen.

Kindheit und Jugend dieses Mannes sind bestens belegt. Qutb wurde 1906 in einem Dorf mit sowohl christlicher als auch muslimischer Bevölkerung geboren. Er entstammte einer bürgerlichen Familie. Bei der Wahl zwischen der Koranschule und der staatlichen Schule entschied man sich für letztere. In seiner Jugend kümmerte sich Qutb nicht um den Islam. Und im Elternhaus spielte Religion die in diesen Kreisen übliche, also: nebensächliche Rolle. Sie war Privatsache. Qutbs Vater arbeitete als Abgeordneter der Nationalen Partei. Durch die Besucher in seinem Elternhaus kam der Sohn schon als Jugendlicher mit Politik und damit zwangsweise mit dem damals mächtig aufblühenden arabischen Nationalismus in Berührung. Nach Beendigung der Schulzeit begann er sein Studium am Institut für Lehrerausbildung in Kairo. Sein Onkel, ein Journalist, nahm sich des jungen Mannes an. Nach erfolgreichem Abschluss absolvierte er 1933 am Dār al-ʿUlūm („Haus der Wissenschaften“), das eine viel fortschrittlichere Ausbildung bot als die traditionsgebundene al-Azhar-Universität. In den folgenden sechzehn (!) Jahren arbeitete Qutb dann für das Bildungsministerium und verfasste zahlreiche Vorschläge zur Umgestaltung des Erziehungswesens, die jedoch keine Beachtung fanden. Gleichzeitig trat er als Journalist für auflagenstarke Zeitungen in Erscheinung. Auch als Autor und Literaturkritiker versuchte er sich. In den Prosaschriften verarbeitete Qutb seine Lebensabschnitte und eine enttäuschte Liebe. Womöglich lag es an letzterem, das er zeitlebens Junggeselle blieb. Als ehemaliges Mitglied der Wafd-Partei entsagte er schließlich der Parteipolitik und wandelte sich zum Fürsprecher nationalistischer Ideen, wodurch er bald den Zorn König Faruqs auf sich zog. Seine alten politischen Kontakte retteten ihn aber.

Bis zu diesem Zeitpunkt deutet nichts auf religiöse Indoktrination hin; auf irgendeine in frommen Zirkeln erworbene Gehirnwäsche, der Qutb schließlich erlegen wäre. Auch entsagte er in keiner Weise dem in seinem Milieu obligatorischen westlichen Lebensstil. Kurioserweise vollzog sich diese Wandlung in Form einer Hinwendung zur reinen Lehre des Propheten erst, als er (mittlerweile zum Nationalisten ´bekehrt´) sein Heimatland verließ um im Auftrag des Bildungsministeriums in den USA (einer damals ausgesprochen liberalen Gesellschaft) das dortige System zwecks möglicher Transformation zu studieren. Man muss sich einen Moment lang vergegenwärtigen, zu welchem Zeitpunkt er die Reise antrat. 1949 war Ägypten schon auf dem besten Wege, den Wandel von einem unterentwickelten Agrarland in einen modernen, am westlichen Modell geschulten Nationalstaat zu vollziehen. Qutb wiederum kam in ein Land, das Ende der vierziger Jahre ungebrochen prosperierte und, vom nur wenige Jahre zurück liegenden Weltkrieg im Innern völlig unberührt, sowohl technisch als auch gesellschaftlich das damals wohl fortschrittlichste Gesellschaftsmodell zu bieten hatte, das es überhaupt auf der Welt gab: allen übrigen haushoch überlegen. Qutb bewegte sich zwei Jahre völlig frei in einer dynamischen, weltoffenen, gewiss auch hedonistisch orientierten Welt, die vom zahllos zitierten Anspruch des ´pursuit of happiness´ nahezu durchdrungen schien. Ironischerweise fällt der Aufenthalt Qutbs mit den ersten Sturmwehen jener berüchtigten Kommunistenhatz zusammen, die untrennbar mit der Person des Senators Mc Carthy verbunden bleibt. Davon blieb der Ägypter aber ganz unberührt. Er hat gerade diesen Aspekt in seiner Kritik am verkommenen Westen völlig ausgespart. Gegen ihn selbst ist auch nie ermittelt worden. Ob ihm die verhassten Fellow Travellers, denen der Senator so unermüdlich nachstellte, insgeheim egal gewesen sind? Qutbs Zorn entzündete sich nicht am Schicksal politisch Andersdenkender. Nein – die Lebensweisen der Andersgläubigen, denen er hier begegnete, schreckten ihn ab. In einem vermeintlich verkommenen, promisken Umfeld wandelte sich der biedere, unauffällige, stets freundlich und gewinnend lächelnde Staatsbeamte in einen Fanatiker samt und sonders um. Ohne erkennbare äußere Anlässe. Ohne erlittenes Unrecht, ohne eigene Not. Überhaupt ohne direkte Reibung. Wie kommt es aber, so mag man schon jetzt fragen, dass ein berühmter Zeitgenosse, der spätere Staatspräsident Ägyptens, einen völlig anderen Weg einschlug? Nasser durchlief eine ähnliche Sozialisation wie Qutb. Den Segnungen eines westlich geprägten Umfeldes entbehrte er so wenig wie der spätere Antipode. Ihm war, wie jenem, das Modell der Abendländer in all seinen Erscheinungsformen geläufig. Nasser war Soldat. Offiziere parlierten, gemäß dem Vorbild der streng laizistisch ausgerichteten Türkei, betont weltlich. Europa war das Nonplusultra. Gemäß eines Ausspruchs Atatürks, gab es ohnehin nur eine einzige Zivilisation: eben die europäische. Der spätere Rais schwor denn auch, einmal an der Macht, voll auf ihre weltanschaulichen Ableger und schachtelte die seinerzeit gängigen Entwürfe des Nationalismus und Sozialismus recht geschickt ineinander, während sein ´Kollege´ überhaupt alles, was aus ´dem´ Westen kam fortan schmähte und bekämpfte. Warum setzte sich der eine von beiden mit den Herausforderungen der Moderne schöpferisch auseinander, während der andere, wiewohl mit Verspätung, sämtliche ihrer Projekte verteufelte und dazu aufrief, sie im Keim zu ersticken? Man könnte auch, auf heute gemünzt, fragen, warum von zwei Brüdern, denen dieselbe Sozialisation anhaftet, der eine recht unauffällig als Ingenieur arbeitet, während der andere erst meutert und dann Menschen massakriert.

Als Sayyid Qutb in die USA reiste, gründete Gamal Abdel Nasser gerade das Komitee der freien Offiziere; eine explizit sozialrevolutionär gestimmten Gruppe von Verschwörern, die den Bruch mit der Vergangenheit so umfassend wie möglich ins Auge fasste. Ihr späterer Vorsitzender suchte mit allen Kräften die anderthalb Jahrtausende wirkungsmächtig gebliebene Vision der Umma durch den abendländischen Begriff der Nation zu ersetzen. Mit diesem auf den Baathismus des Syrers Michel Aflaq wurzelnden sogenannten Nasserismus, der als Panarabismus die Nationen der Region unter ägyptischer Führung zu einen suchte, sprengte der Despot endgültig die Ketten einer ehedem sämtliche Bereiche des öffentlichen Lebens lähmenden Dominanz sakraler Doktrinen und schüttelte gleichzeitig das Joch kolonialer Bevormundung ab. Sein ehrgeiziger, völlig verfehlter Versuch, die ganze Region auf Kosten des Staates Israel zu einen und unter eigener Ägide imperial zu konsolidieren scheiterte im Sechs Tage Krieg an der überragenden militärischen Selbstbehauptung des Judenstaates und machte, wiewohl sich das ägyptische Volk noch eine Weile verzweifelt um seinen gefallenen Pharao scharte, den Weg frei für die restaurativen Gespinste Qutbs, der zeitgleich auf seine Chance gewartet hatte. Nasser scheiterte am Ende mit dem Versuch, das Politische vom Religiösen zu trennen, während Qutb diese Idee erst verwarf, nachdem er im Amerika der frühen Nachkriegszeit Wohlstand und Fortschritt kennen lernte; Freiheit vor allem und eine Freizügigkeit, die ihn offenbar weniger erzürnte, mehr zutiefst verunsichert, ja geängstigt haben mag. Reicht das, wie oft versucht, schon als Erklärung aus? War das alles, was den braven Beamten auf Abwege brachte? Haben wir den umfassenden Gesinnungswandel damit schon erklärt? Um es noch einmal zu wiederholen: getan hatte dem Herrn Qutb keiner was. Niemand, der den Mann in irgendeiner Weise diskriminierte oder schnitt. Wozu auch. Weder irgendwelche sozialen Antagonismen noch Unrecht sonstiger Art erwarteten den Reisenden aus Ägypten in den Vereinigten Staaten, aber als er zurück kehrte, war ihm der Westen des Teufels und der Islam die Lösung. So seltsam das auch klingen mag, so sicher bleibt doch, dass es so und nicht anders war. Irrtum ausgeschlossen. Übrigens: auch Nasser hatte in jungen Jahren eine Weile den Muslimbrüdern nahe gestanden. Dann war das für ihn erledigt. Qutb, deutlich älter, blieb auf der anderen Seite. Bis ihn der Rais hinrichten ließ.

Schon Qutb passte nicht mehr ins harmlose Raster kollektivistischer, das Individuum negierender Allgemeinplätze, die in allem nur ´die´ Gesellschaft sehen, der ´das´ Individuum angeblich mit Haut und Haaren, irgendwie und immer ausgeliefert sei. Er war ein Beleidigter, aber kein Entrechteter; er genoss zahlreiche Freiheiten und sprach sich am Ende gegen sie aus. Auch seine Nachfolger, die gleichsam in modernen, fortschrittlich orientierten Gesellschaften aufwuchsen, entziehen sich einem flüchtigen Deutungsschema besagter Machart. Zwar darf man den Fall Qutb nicht von den soziokulturellen Besonderheiten der Dekade trennen, und die geschichtliche Gesamtlage deckt weitere Tiefenschichten gesamtgesellschaftlicher Befindlichkeit auf. Doch kann er helfen, das Augenmerk auf gewisse psychologische Besonderheiten zu lenken, die in der Begegnung mit den je vorgefunden Lebenswelten Abgründe offenlegen, die sowohl die Erbauung als auch den ´Erbauten´ entlarven. Er ist nicht bloß Opfer. Er ist auch Täter; in jeder erdenklichen Bedeutung des Wortes.

III.

Was sind das nun, grob gefragt, für Typen, die bei El Qaida oder Al Nusra, bei den Salafisten oder der IS ´mitmachen´? Was eint sie und was zeichnet den Einzelnen aus, der ihren Verheißungen (sie haben nichts außerdem zu bieten) endlich und endgültig erliegt? Wie rutscht er da überhaupt rein und wo rutscht er vorher raus? Woher kommt er also, bevor er sich einbildet, genau zu wissen, wohin die selige Reise geht?

Die heutigen ´Einsteiger´ sind, zugegeben, deutlich jünger als ihr Idol Qutb es war. Als der den Schritt vom stillen Politbeamten zum ´Rufer in der Wüste´ wagte, vom Abwartenden zum Aufhorchenden, vom stillen Zweifler zum zeternden Allwissenden, da ging er schon auf die berühmte Lebensmitte zu. Qutb war denn auch mehr Brandstifter als Brandleger. Nicht wenige der mittlerweile dem extremen Umfeld zugeordneten Rechtgläubigen schrecken ihrerseits vor gezielter Gewalt beharrlich zurück (Vogel etwa), aber immer mehr können es gar nicht erwarten, im Namen ihres Glaubens zu metzeln und die andern finden das auch ganz richtig so – wie Qutb es richtig fand. Morden die Gotteskrieger aus lauter Mitleid mit irgendwelchen Opfern? Man hat, dies vorweg, lange genug die Empörung über das Schicksal ihrer Glaubensbrüder in der Levante als Alibi angeführt: Rache für die (vermeintlich) Entrechteten. Das ist eine dieser bequemen monokausalen Unredlichkeiten, mittels derer man krampfhaft versucht, etwas in der Nähe Greifbares mit dem vermeintlich Unbegreiflichen, weil eben allzu weit Entfernten zu versöhnen, aber der entsprechende Eifer, der Wille zur Aktion entzündet sich nach meiner festen Überzeugung weniger an den aus sicherer Distanz oft verzerrt wahr genommenen Begebenheiten im ´heiligen Land´ als vielmehr am Brand im Innern selbst – an der eigenen, heillos überforderten, auf´s äußerste an sich und seiner unmittelbaren Umgebung verzweifelnden Person.

Man hüte sich, diese Behauptung wiederum als Allgemeinplatz aufzufassen. Es verbirgt sich, finde ich, viel mehr dahinter. Auch und gerade ein Äußeres, das wie im Falle Qutb unmittelbar, direkt erlebt wird. Diesem Äußeren haftete seinerzeit keinerlei kriegerische Fratze mehr an. In den USA lag der letzte Waffengang schon fast ein Jahrhundert zurück und die Nation führte auch keinen (oder mehrere) in Nahost. Zum zeitgleich in Korea statt findenden Krieg äußerte sich der sensible Mann erst gar nicht. Nein: was in Übersee, jenseits des von ihm bereisten goldenen Westen, los war, dass ging an Qutb vorbei; mochten die Vereinigten Staaten involviert sein oder nicht. Das hat den Gesinnungswandel nicht berührt. Auch die jüngsten Kriege im Irak oder in Afghanistan bleiben, solange sie bloß ein Berichtetes, aus zweiter Hand Erlebtes oder vor der Glotze inhaliertes darstellen, abstrakt. Sie zählen gewiss zu den Auslösern, aber mit der Initialzündung, die einer Stichflamme gleicht, haben sie gar nichts zu tun. Die findet eher in der Nähe, genauer: ganz in der Nähe statt. Frage: was zeichnet den auslösenden, den zündenden Moment aus, wie kommt es überhaupt dazu und wie ordnet man den Vorgang am besten ein?

Es sind sowohl gelebte als auch erlebte, herbeigesehnte und oft unverstandene Traditionen, die der Auslösung unmerklich vorauseilen; solche, in die man hineinwächst und jene, in die man sich schließlich hineinsteigert. Ausschlaggebend – auslösend eben – ist aber nach meiner festen Überzeugung am Ende jene Tradition, an der die ´Kandidaten´ irgendwann bis zur Verzweiflung verzagen: die einer rational begründeten, säkular gestrafften, auf Effizienz und Entfaltung, auf Freiheit und Verantwortung gemünzten Moderne. Ich wiederhole: nach meiner Überzeugung. So muss man auch all das lesen, was jetzt noch folgt: es sind tatsächlich Mutmaßungen; aber mit Rückgriff auf die Befunde derer, denen ich oben bereits Erwähnung schenkte. Es entscheide jeder für sich, ob ihm das glaubhaft scheint oder nicht.

So seltsam, ja satirisch es klingt: die meisten von denen, die später bei den Salafisten landen, sind anfangs voll integriert. Soll heißen: sie gebärden sich westlich in einem sehr deutlichen, im auch optisch verlässlichen Sinne. Mit allem, was dazu gehört, zahlreiche Schattierungen und auch Widersprüche eingerechnet, denen sie schließlich erlegen. Der Werdegang beweist in den meisten Fällen, das anstelle der behaupteten fehlenden Integration anschließend einer umso verlässlichere Desintegration stattfindet, das heißt: der ´Kandidat´ war es zunächst noch – integriert. Auf eine Weise freilich, die bereits zeigt, wie fragil das umständlich geblähte Gebilde war, wie unfertig und basislos.

Mohammed Bouyeri, der vor gut zehn Jahren den Filmemacher Theo van Gogh auf offener Straße förmlich massakrierte, war, wenn man so will, auch nur einer dieser verkrachten Akademiker, die im Anschluss an ihr Scheitern als Taxifahrer oder Wurstverkäufer weiter machen. Wer wollte ihm ernsthaft vorwerfen, dass er mehrfach sein Studienfach wechselte um dann nach einem halben Jahrzehnt ohne Abschluss die Hochschule zu verlassen. Vogel lässt grüßen. Aber auch Legionen solcher, die am Ende eben nicht bei den Wirrköpfen von der Sauerlandgruppe landen. Die andere ´Fraktion´, die ´Brüder´ aus dem Rap-Milieu, unterscheiden sich ebenfalls nicht wesentlich von ihren wiederum sehr westlich, sehr säkular uns hedonistisch gestimmten Vorbildern diesseits und jenseits des Atlantik. Nicht einmal der Umstand, das sie in den entsprechenden Dunstkreisen allzu häufig allzu früh in kriminelle Fahrwasser geraten kann auf den Mangel ´Integrationsbemühender´ Maßnahmen zurück geführt werden, denn dann müsste man auch die Kevins und Justins der Nation zu Opfern der Islamophobie erklären. Nein, so einfach ist es nicht. Vielmehr deutet manches darauf hin, das die erlebten und umso intensiver gelebten Welten, innerhalb derer die Sozialisation dieser jungen Männer weniger verläuft, sich vielmehr verrennt, ähnliche Wirkungen zeitigen, aber am Ende ganz andere Folgen: die werden durch den kulturellen Background umso mächtiger nachjustiert.

Die wenigsten von denen, um die es hier geht, waren in ihrer Sturm, – und Drangzeit Kinder von Traurigkeit. Es kann als feste Konstante gelten, dass ihnen die Regeln ihrer Religion anfangs eher hinderlich, vielleicht auch gleichgültig waren. Sie hielten sich jedenfalls kaum an irgendwelche Vorschriften und pochten nur auf solche, die ihnen opportun schienen (wovon deren Schwestern oder Cousinen mehr als nur ein Liedchen singen könnten wenn sie´s dürften). Sie zogen die Tanzfläche dem Gebetsteppich vor, die Vulgärakrobatik ihrer vergötterten Black Music den Suren des unbeachtet gebliebenen Koran. Sie nahmen mit, was sich mitnehmen ließ, tobten sich entsprechend aus, in den Bars und Clubs, wo der Alkohol in Strömen floss. Das sind keine Unterstellungen sondern nachträglich von ihnen selbst aufsummierte Sünderegister, mit denen sie dann später wie der Alte vom Berge hausieren gehen: da ist aus dem Saulus schon ein Paulus geworden. Aber das Wesentliche an der Geschichte verschweigen sie, das passt nämlich nicht ins Bild, weil es den harten Jungs eben zu peinlich ist: die eigene Ohnmacht, die Verunsicherung – die Verzweiflung. Ich habe gesündigt? Ja. Ich war eine ganz, ganz arme Sau, weil ich mich so fühlte? Bloß nicht. Ich doch nicht. Das schlechte Gewissen lief als unsichtbarer Schatten sicher früh, ganz gewiss nicht von Anfang an mit und mag bald jene Beklommenheit ausgelöst haben, die sich auf der Überholspur immerhin noch durch den Rausch der Geschwindigkeit betäuben ließ. Auch andere, gleichsam verbotene Räusche kamen hinzu. So blieb der Widerspruch erträglich. Aufheben ließ er sich nicht. Eine solche Massenkompatible ´Verhaltensdisposition´ ist mit der Exklusivität, auf die sie später, gerade in ihrem ganz persönlichen Falle, pochen, natürlich nicht zu vereinen. Auch das sehen sie nicht. Sie wollen es nicht sehen. Sie beginnen bereits, sich etwas in die eigene Tasche zu lügen.

Immerhin begreifen sie irgendwann, dass Freiheit sich umgehemmt nur bis zur Neige auskosten, immer weniger genießen lässt. Sie schafft aus sich selbst heraus keine Werte, bringt keine Ordnung, entbehrt jeder Orientierung. An diesem Punkt, der mehr einem diffusen Übergang gleicht, berührt sich die unverstandene, langsam sich abnutzende Freiheit zäh und unnachgiebig mit ihrem Gegenteil, das dem Bedürfnis nach Sicherheit weniger erlösend, mehr mahnend, ja Zornesrot gegenüber tritt. Der reuige Sünder kann gar nicht anders: er braucht jetzt den eigenen Glauben, denn alle übrigen ´Entwürfe´ könnten sich, da sie der anderen, nur Verunsicherung und Verwirrung stiftenden Seite entspringen, als weiteres Unheil entpuppen. Er beginnt nun also, halbgar und ängstlich, seine Auseinandersetzung mit dem sakralen Erbe, doch dies geschieht in einem verhängnisvollen Vakuum, umfiebert von einer sich immer weiter ausbreitenden Leere, die jede innere Haltlosigkeit kennzeichnet. Die Sinnkrise erreicht ihren Siedepunkt. Der traditionelle religiöse Rahmen, im verwandtschaftlichen Umfeld gepflegt, genügt jetzt, hat man sich vorher so ausgetobt, nicht mehr. Die Maßlosigkeit hat ihn, der strauchelt, bis ins Mark geprägt: alles oder nichts. Salopp formuliert: der alte, überlebte Exzess muss nun durch einen neuen ersetzt werden und der muss, wichtiger noch, größtmögliche Geborgenheit bieten. An dieser ´Wegscheide´ beginnt wohl so langsam der eigentliche Prozess, dort setzen auch die ´Verführer´ an, während der werdende ´Novize´ in Resten zwischen chronischer Zerknirschung und pubertärer Ratlosigkeit hin und her pendelt. Die ganze innere Zügellosigkeit aber, die sich nur zu gerne hinter größtmöglicher Bescheidenheit verbirgt (ER ist alles, ich bin nur sein Werkzeug), ist der insgesamt zu groß geratene Anspruch, mit dem der gestern noch fröhlich feiernde Jüngling seine finstere Initiation nun innerlich heiligt. Der unmäßig bordende, durch keinerlei Vernunft oder Verstand mehr zu besänftigende Frust kann mithilfe eines bloß gemäßigten Islam (als welchen er den im familiären Umfeld praktizierten nun erlebt) nicht mehr besänftigt oder halbwegs zur Raison gebracht werden: Islam light wird vom bebenden Gemüt gewogen (oder geschüttelt) und für zu leicht befunden. Ein Häuflein Elend bestimmt über den zukünftigen Marktwert seiner Erbauung wie ein Fixer auf Ersatzdroge.

Halten wir bis hierhin fest: der werdende Extremist nähert sich, verschämt und verunsichert, mit schlechtem Gewissen und umso heißer im Verlangen, dem eigenen Glauben an. Die entsprechenden Chiffren werden schleichend, aber hartnäckig verinnerlicht und je unsicherer er sich fühlt umso verzweifelter hämmert er sich diese ein. Der Islam kennt viele solcher ´Unumstößlichkeiten´. Sie ersparen, immerhin, allzu viel Exegese, denn sie sind eindeutig und unmissverständlich. Dass kommt den jungen Männern, die nach eindeutigen Lösungen für ihre immer komplizierteren Probleme suchen, sehr entgegen. Jeder überhaupt noch wahrgenommene alternative Lösungsansatz prallt nun an ihnen ab, denn diesen ´Ismen´ haftet das Manko der Freiheit an, von der sich diese Menschen gerade erst erholen und umso stärker fürchten: bloß keine weitere Freiheit, die wieder vieles offen lässt und die den Einzelnen nicht auf Anhieb sondern nur mühsam, Zentimeter um Zentimeter, voran bringt, die auch schnell wieder zurück werfen kann, denn sie kommt ohne Erfolgsgarantie aus. Überhaupt garantiert sie nur eines: weiteren Zweifel und umso mehr eigene Anstrengung, ein zu mühseliges Geschäft…

Die ´Neugeborenen´ lassen sich darauf nicht mehr ein. Sie haben ihre Gründe. Der alte Freud hätte vermutlich seine helle Freude an diesen verhinderten Ingenieuren und Studienräten, umso besser qualifizierten Türstehern und Karatekids gehabt. Es ist bekannt, das der Verlauf chronischer Gemütserkrankungen in Schüben verläuft und, vor allem bei bipolaren Störungen, Glücksmomente beschert, die, wertet man sie als bloßes Symptom, der normalen Zurechnungsfähigkeit zuwiderlaufen. Starke, hartnäckige Depressionen verhindern die manische Befreiung, indem sie dieselbe bis zum platzen stauen und hinauszögern. Der zukünftige Super-Rechtgläubige wird gerade mit der scheinbaren Erlösung, die einem irgendwann zwangsweise auftretenden Hochgefühl entspringt, nicht fertig. Denn der immer wieder erfolglos herbei gesehnte, so plötzlich wie heftig auftretende Flash bereinigt weniger: er berauscht. Er begegnet ihm nicht mit Verstand sondern im Zustand der Verzückung, die jede Vernunft begräbt. Nach einer langen, mühseligen ´Einarbeitung´ in die sakralen Weihen des allein seligmachenden Glaubens setzt der ´Gesegnete´ jetzt, rundum ´geläutert´, die begleitenden Initiationen absolut, und die Forderung nach ´totaler Unterwerfung unter den Willen des Allmächtigen´, im radikalen Umfeld tagtäglich eingetrichtert, gewinnt schlagartig – endlich, endlich sozusagen – an Kontur. Der allmächtige Wille wird so, da man selbst nicht länger ohnmächtig ist sondern total euphorisiert, sehr spürbar. Als Gefühl. Nicht mehr, aber auch nicht weniger ist das: es gibt keine Beweise für irgendetwas, nur das eigene, als überwältigend empfundene Empfinden zählt und wiegt alle Unbill auf – und schiebt den Rest einfach fort. Ab in den Müll damit. Nie wieder ohnmächtig sein müssen, endlich wieder stark sein dürfen: so lebt und webt es in ihm nun. Und die heimliche, nunmehr erfolgreich unterdrückte Angst befördert alles Weitere. Sie läuft unbewusst mit; wie eine unsichtbare Kette. Obschon er sich nun befreit fühlt, wächst die Unfreiheit, das starre Dogma will es, verlangt es so. Die vermeintliche Erleuchtung festigt den Rigorismus nicht nur, sie steigert ihn sogar noch. Er darf jetzt wirklich gelebt werden. Mit Haut und Haaren sozusagen. In diesem Moment der ´Entwicklung´ stoßen, glaube ich, überhaupt erst zwei Antagonismen voll und ohne Bremsung aufeinander: der eigene, durch den Rausch entfachte Überlegenheitswahn und der des religiösen Systems. Beides ergänzt sich und bereitet dem Irrsinn tödliche Bahn. Es hat sich in der Zwischenzeit auch viel Hass und Wut angestaut, auf die eigene Person und auf diejenigen, die mit allem immer viel besser fertig wurden. Der kann jetzt auch ganz ungebremst, aber gutem Gewissen, abgelassen werden.

Islam heißt: Unterwerfung unter den Willen Gottes. Dies geschieht nach fester Maßgabe. Die reine, unverfälschte Lehre, die allein seinen ungeduldigen Jüngern genügt, bietet unumstößliche Regeln und Rituale, die Sicherheit geben und dauerhaft eingehalten werden müssen. Dazu passt, was Nietzsche fand: es ist leichter zu gehorchen als zu befehlen. Die Befehle aber sind, als ungeschaffenes Wort des Einzigen, auf ewig festgeschrieben. Zwar beweist schon die oberflächliche Exegese des Koran, dass sich vieles widerspricht und auf die jeweiligen Umständen und Situation der Epoche zurück zu führen ist, aber im Einzelnen hat es strikten Gebots/Verbotscharakter, das reicht, denn das allein bietet einer gefallenen Seele Halt. Man könnte sagen: mehr muss nicht. Nicht mehr. Jedes der Gebote ist, für sich genommen, hart und unerbittlich – so streng, das man(n) dem demütig folgt, da man(n) sonst schnell wieder in der Irre hedonistischer Verwirrung herum irrt. Je strenger, umso besser. Das hilft dem, der sich verrannte und dabei fast verlor; und er hält umso hartnäckiger daran fest, je lästiger irgendwelche restlichen Zweifel vielleicht noch dagegen halten mögen.

Kurioserweise ist nun genau das, worauf der Fanatiker abfährt, der Stein des Anstoßes: einer, der ihn rasend macht und der so, noch irrwitziger, das Unheil verlässlich perpetuiert. Der Überlegenheitsanspruch der eigenen Religion steht nämlich im Kontrast zu den tatsächlichen globalen Realitäten: der eigene Überlegenheitsanspruch entspricht nicht den Ist-Zuständen. Wie aber kann sein, was gar nicht sein darf?

Ein Beispiel. Der den muslimischen Gesellschaften eigentümliche, im Westen nicht länger wirkungsmächtige Männlichkeitswahn scheitert immer öfter am Feminismus unserer Tage, an geschlechtlicher Egalität, was einen echten Macho natürlich unentwegt erzürnen muss: ändern kann er´s nicht. Und wenn Frauen oft stärker und selbstbewusster, auch klüger und cleverer sind: ist das für IHN unerträglich. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau ist ein Fatum, das auch in der islamischen Staatenwelt für Unruhe sorgt, allen Traditionen zum Trotz. Es setzt sich aber nur schwer durch, was einer der Gründe dafür ist, warum diese Gesellschaften weiterhin stagnieren. Im Gegensatz zu denen der Ungläubigen. Hier erinnert sich der Fanatiker einmal mehr an die eigene, so schmerzlich empfundene Situation: an seine eigenen Niederlagen. Noch einmal Nietzsche, der in ähnlichen Zusammenhang von der ´Rache der Schlecht Weggekommen´ sprach. Die wird sich jetzt so richtig austoben; immer am passenden Objekt.

Es mag hart und arrogant klingen, aber das eigene Scheitern, das als demütig empfundene Versagen entspricht dem des Islam in einer modernen, auf Vielgestaltigkeit und Entfaltung, auf Dynamik und Flexibilität aufbauenden Welt. Für den, der sich stark fühlen will und muss, ist es kaum auszuhalten, das sein eigenes, als vollkommen geglaubtes Weltbild dem entgegen gesetzten, das er als Gottlos empfindet, stets unterlegen ist. Ich und der Islam – das scheint sich bei unseren jungen ´Erleuchteten´ zu ergänzen. Da treffen sich zwei, könnte man sagen. Und in der Gemeinschaft sind sie stark. Sie alle kennen keine rationale Antwort auf die Frage: wie können die Gottlosen erfolgreich sein und die Rechtgläubigen nicht? Und: darf das Unfehlbare scheitern? Denn es darf ja nicht verändert werden, es kann also nicht aus sich selbst fehlen. Also ist das auch keine Frage mehr. Die erlaubt sich gerade der nicht, dem das Fragen aus Überzeugung entbehrlich geworden ist. Für den Gläubigen wird anstelle einer Frage nur ein weiterer Frevel draus. Und der muss buchstäblich aus der Welt. Mit aller Gewalt. So steht es auch an zahllosen Stellen im heiligen Buch. Sühnen kann man diesen Frevel, dass nämlich der rechte Glaube im wirklichen Leben vom Unglauben so sehr gedemütigt wird, nur durch einen Frontalangriff. Der sündige Westen gerät unvermeidlich unter Generalverdacht. ´Natürliche´ Erklärungen darf es nicht geben, daher die vielen Verschwörungstheorien im Orient – die Ungläubigen haben sich ihren Erfolg eben ´erschlichen´. Das Leben ist ohnehin nur eine Vorhölle, und auf den wartet das Paradies, der sein Leben zuvor nach Vorschrift verwirkt. Gerettet. Das mag für krank halten wer will: ein vom Glauben gepackter, beseelter, ja besessener Mensch erlebt diesen Wahn als lichten, erlösenden Moment: als reine, allen Unbill und alle Widersprüche auslöschende Ekstase. Und er erlebt das nicht bloße einmal, sondern andauernd – immer wieder. Jakob Burckhard hat in seinen weltgeschichtlichen Betrachtungen dem Phänomen immerhin am Rande, ganz beiläufig Erwähnung gewährt, in der ihm eigenen, hochmütigen Art. In Anlehnung an den Wahabitismus spricht er in einer Fußnote, den Begriff des Fanatikers bereits gebrauchend, von einem ´trüben Seelenmischmasch, in den wir nicht mehr hineinsehen´. Ob er damit meinte, dass man´s einfach nicht kapieren kann oder dass man´s besser bleiben lässt, sich damit überhaupt zu beschäftigen? Der Satz lässt beide Deutungen zu.

Abschluss

Die ´Erleuchteten´ werden, wie eingangs erwähnt, auch weiterhin morden. Weiter ihren Glauben aus sich heraus schreien. Weiter in der Irre ´lustwandeln´. Was werden wir, noch in der Mehrheit, dagegen unternehmen? Wovor müssen wir uns am Ende mehr fürchten: vor der Demographie, die einer schrumpfenden Mehrheit das Diktum der schleichend sich mehrenden Minderheit schon von selbst beibringen wird, oder vor besagten Heißspornen, die den übrigen Rechtgläubigen gleichsam ein Dorn im Auge sind, weil sie durch ihr Tun den wahren Glauben in Verruf bringen?

Um das Phänomen abschließend mit einer versöhnlichen Note immerhin etwas abzumildern, möchte ich an einen Satz von Hölderlin erinnern:“ Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ So ähnlich werden wohl auch die Konvertiten vom Schlage eines Pierre Vogel empfinden: der verkommene Westen – wir – wäre dann die Gefahr und ihr Glaube – der strengste, wo gibt – das Rettende. Man kann die Aussage natürlich auch anders, in unserem Sinne deuten. Wer wollte ganz ausschließen, das die Nachgeborenen derer, die heute mit Übereifer oder einfach nur brav und folgsam ihren Buchstabenglauben praktizieren, nicht ihrerseits aufbegehren gegen die Altvorderen, gegen den ´Muff unter den Talaren´ – gegen die ganze reaktionäre Strenge, die sich irgendwann ohnehin von selbst erledigt, weil sich schon im Ansatz überleben muss, was in sich kein wirkliches Leben mehr trägt? Die verstorbene Oriana Fallaci hat in diesem Zusammenhang sehr treffend den Vergleich mit einem stehenden Gewässer gewagt.

Es wäre indes fatal, einfach nur abzuwarten und eine Automatik im angedeuteten Sinne abzuwarten. Wir sind nicht nur ohnmächtig Zuschauer in einem Spiel, das an unserer Statt gespielt wird. Es liegt (auch) an uns, entsprechend Sand ins Getriebe zu streuen. Jeder einzelne ist gefragt. Der Preis mag noch so hoch sein: sein Einsatz lohnt und wird sich am Ende rechnen.

Shanto Trdic, 2.9.14

 

 

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Deutschland ohne Antisemiten

Als die Sowjetunion unter ihrem eigenen Gewicht zusammenbricht, bejubeln einige voreilige Historiker das Ende der Geschichte. Doch nun ist es endlich soweit: Juden in Deutschland und in Europa fordern das Ende des Antisemitismus in Deutschland und in Europa. Das Ende der Geschichte wird jedoch nur unter der Bedingung kommen, wenn die Forderung der Juden in Deutschland und in Europa erfüllt wird. Dann wird der Messias auf dem Römerplatz in Frankfurt mit dem gebrauchten Kleinwagen des Papstes einfahren und das Ende aller Zeiten verkünden.

Lieber Leser, Sie brauchen keine Angst zu haben! Weder müssen Juden unvermittelt nach Jerusalem ausreisen, noch werden die Aktienkurse ins Bodenlose fallen, wenn der Messias kommt. Denn eher wird der Konflikt um die Ukraine im Sinne Putins friedlich beigelegt sein, als dass der Antisemitismus in Deutschland und in Europa seinen letzten Atem aushaucht. Wobei dieser Satz nach der semantischen Logik immer wahr ist, da bereits der vordere Teil zutrifft.

Gegen Antisemitismus wurde letzten Sonntag nicht nur in Frankfurt demonstriert, wo nach verschiedenen Aussagen wahrscheinlich 1.500 Juden und Judenfreunde, darunter zahlreiche Kurden, darunter Jesiden, teilnahmen. Nach Lautstärke und Auftreten bildeten die Kurden die Mehrheit der Demonstranten. Weitere Menschen demonstrierten am selben Sonntag gegen Judenhass in Stockholm, zusätzlich 1000 Menschen in London. Die Gesamtzahl wird den Messias nicht überzeugen.

jesidenDie Organisation ist perfekt. Viele Teilnehmer werden in von einer ungenannten Spenderin gesponserten Bussen nach Frankfurt gebracht. Diese Methode hat schon Erdoğan erfolgreich von seinem Vorgänger Atatürk übernommen, um Wahlen zu gewinnen, wobei die angekarrten männlichen Türken ein Trinkgeld, Kinder und Frauen ein billigeres Fress-Paket erhalten. Doch hier in Frankfurt geht es nicht um kurzfristige politische Erfolge. In Frankfurt treffen sich Juden und ihre Freunde, um das Ende des Antisemitismus in Deutschland und in Europa auszurufen, respektive einzufordern, damit der Messias …

Bevor ich auf die Sinnlosigkeit der Forderung eines Antisemitismus freien Deutschlands eingehe, erwähne ich die klugen Worte des Grünen Israelfreundes Volker Beck. Volker Beck mahnt Programme für den Schulunterricht, in denen Kindern von Migranten der Holocaust erklärt wird. Er fordert, dass jeder in diesem Land Respekt vor unterschiedlichen Religionen haben müsse.

Aus den Grünen Worten lässt sich unmittelbar schließen, dass bestimmten Migrantenkindern in der Schule der Holocaust nicht oder nur ungenügend erklärt wird. Ob eine ausreichende Erklärung des Holocausts zum Verschwinden des Antisemitismus aus Deutschland und aus Europa führen wird, mag dahingestellt sein. Das Problem beginnt damit, dass für große Teile bestimmter Migranten und ihrer Kindern die Worte „Holocaust“, „Völkermord“ und „Genozid“ tabuisiert werden, da diese Worte allzu sehr an den Armenischen Völkermord erinnern, der nach bestimmter Lesart auch in Deutschland niemals stattgefunden hat. Bereits unter den Indigenen Deutschlands ist der Respekt der Religionen kaum zu realisieren. Bestenfalls erreicht man Desinteresse. Der Werteverfall der Gesellschaft dem Christentum gegenüber, immerhin die vorherrschende Religion Deutschlands der letzten tausend Jahre, lässt sich ausgezeichnet an der fehlenden Reaktion erkennen, wenn Christen im Irak verfolgt, gefoltert und bestialisch ermordet werden, weil sie ihren Glauben nicht verleugnen. Wie sollen zum Pazifismus verdammte deutsche LehrerInnen Kindern mit bestimmtem Migrationshintergrund erfolgreich erklären, dass Christen genauso viel wert sind wie Muslime? Das Verhalten der indigenen Genozid verstehenden, meist christlichen Deutschen, spricht deutlich eine andere Sprache.

Kehren wir zurück zur sinnlosen Forderung eines Deutschlands und eines Europas ohne Antisemitismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Ende der UdSSR leben Juden freiwillig in Deutschland und Europa. Wenn sie sich verfolgt fühlen oder verfolgt werden, haben sie die freie Wahl, nach Israel oder in die USA zu ziehen. Nur die deutschen Juden, die „Jeckes“, dürften Schwierigkeiten damit haben. Es ist eine europäisch-humanistische, keine jüdische Vorstellung, dass Juden das Recht haben, frei, gleich und furchtlos in Deutschland und Europa zu leben und ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Diese europäisch-humanistische Vorstellung ist in Deutschland und Europa nie verwirklicht worden. Den nicht spürbaren, jedoch keineswegs fehlenden Antisemitismus in Deutschland und in Europa, haben die hier lebenden Juden ihren sechs Millionen toten Glaubensgenossen zu verdanken. Sieben Jahrzehnte nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg, in dessen Rahmen der Holocaust stattgefunden hat, ist die Zuneigung der Deutschen und der Europäern zu Juden aufgebraucht.

Der Antisemitismus in Deutschland und Europa hat sein Profil geändert. Im Zeitalter der Internet-Kommunikation haben rechtsextreme antisemitische Analphabeten ihre Notwendigkeit eingebüßt. Die Alt- und Neonazis werden von bürgerlichen Meinungsbildern ersetzt, die vorgeben, die Interessen Unterprivilegierter zu vertreten, von denen viele endemisch Antisemitismus aussondern. Jeder Krieg zwischen dem Judenstaat Israel und seinen muslimischen und arabischen Nachbarn zieht wüste Orgien des Antisemitismus auf Deutschlands und Europas Straßen, Plätze und Medien nach sich. Die Kriege sind nicht Anlass zum Antisemitismus, sondern Vorwand. Zwischenzeitlich haben sich die migrantischen Judenhasser von den bürgerlichen Deutschen abgesetzt und holen sich die notwendige Informationen aus eigenen Fernsehsendern, die jeder Ungeübte an der Ausrichtung der großen Satellitenschüsseln an Plattenbauten nach Süd-Osten erkennt.

Kurden und Jesiden machen sich große Hoffnungen, von den Deutschen geliebt und unterstützt zu werden, wenn sie für Juden und Israel sind. Es ist zu hoffen, dass sie diesen Irrtum nicht allzu teuer bezahlen werden.

Deutschland ohne Juden

Schofar-ffm

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https://www.freitag.de/autoren/anti3anti/deutschland-ohne-antisemiten

http://www.tabularasa-jena.de/artikel/artikel_5881/

http://www.huffingtonpost.de/nathan-warszawski-/deutschland-ohne-antisemi_b_5761114.html?utm_hp_ref=politik

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