dpa: Antisemit erschießt in Kansas drei Menschen in einem Jüdischen Zentrum

Über das Motiv der Morde herrscht Unklarheit.

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Hellenthal: Erneutes Gedenken an die ermordeten jüdischen Mitbewohner

Das letzte Gedenken in Hellenthal an die ermordeten jüdischen Mitbewohner fand im Oktober 2013 statt. Damals wurden einige Stolpersteine auf dem Bürgersteig vor einer Dönerbude verlegt, weitere Stolpersteine erhielten Kirchenasyl, da der Hausbesitzer der Stolpersteinverlegung auf seinem Gehweg widersprach. Neben dem Stolpersteinliferanten, zwei Polizisten, einem Bürgermeister, wenigen Kirchenvertretern und einigen Journalisten nahmen auch viele Bürger des Eifelstädtchens an der Zeremonie teil.

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Bei dem jetzigen Gedenken im März 2014, welches gegen Mitternacht stattfindet, sind nur zwei Personen zugegen, die nun von der Polizei gesucht werden. Die beiden Täter beschädigen in Hellenthal-Blumenthal das Synagogendenkmal und zusätzlich eine angrenzende Haustürscheibe, weswegen die Polizei gerufen wird.

Das Mahnmal, eingequetscht zwischen Bahngleis und Kuhstall, ist eine beschriftete Glasplatte, die über die von in Hellenthal unbekannten fanatischen Nazis in der Pogromnacht des Jahres 1938 in Brand gesetzte Synagoge berichtet. Die Synagoge ist einmal, das Mahnmal vier Mal zerstört worden. Alle Mahnmalzerstörer sind bis heute unbekannt, wie auch die fanatischen Nazis, welche in der Pogromnacht des Jahres 1938 die Synagoge abgefackelt haben.

Die Hellenthaler Organisatoren des Mahnmals überlegen das weitere Vorgehen: erneute Reparatur, Belassen des zerstörten Mahnmals, Abriss?

Um diese Frage zu beantworten, wird zunächst geklärt, wozu das Mahnmal aufgestellt worden ist, wem es dient. Die Antworten sind nicht trivial, da es einige Gruppen in Hellenthal gibt, die die verschiedenen Formen des Mahnmales unterschiedlich angehen.

Da sind zuallererst die heutigen Einwohner Hellenthals, unter denen es keine Juden mehr gibt. Das Synagogendenkmal in Hellenthal-Blumenthal dient den Einwohnern des Städtchens als Beweis, das die nationalsozialistische Vergangenheit Hellenthals politisch korrekt verarbeitet worden ist. Mit geringerem Gewicht gilt dies aus für die verlegten Stolpersteine vor der Dönerbude. Die nicht verlegten Stolpersteine im Kirchenasyl sprechen eine konträre Sprache. Allgemein darf man feststellen, dass die heutigen Hellenthaler, die allein dank später Geburt an der in der Pogromnacht des Jahres 1938 in Brand gesetzten Synagoge keine Schuld tragen, eine Verantwortung fühlen, die durch Stolpersteine im Kirchenasyl und 4-maliger Synagogendenkmal-Zerstörung gegenteilige Überlegungen aufwirft. Von einer Zerstörung der verlegten Stolpersteine ist nicht auszugehen, da es sich einerseits um ein aufwendiges Unternehmen handelt und andrerseits Ressentiments gegen die Religion der Personen, die auf den Stolpersteinen verewigt sind, sich leicht und ohne Öffentlichkeit mit schmutzigen Stiefeln und menschlichen Absonderungen befriedigen lassen.

Den toten Hellenthaler Juden sind die Gedenken gleichgültig, lebende Hellenthaler Juden sind nicht vorhanden. Wer könnte noch von den Mahnmalen an toten Juden und abgebrannten Synagogen profitieren? Nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg lautete die schön klingende Losung der deutschen Pazifisten „Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!“. Man darf sogar „Nie wieder Völkermord!“ hinzufügen. Doch die Realität entspricht nicht den Vorstellungen der guten Menschen. Kriege, Faschismus und Genozide sind auch nach 1945 weltweit verbreitet. Schlimmer noch: Deutschland hat vor all diesen übelsten Übeln gewöhnlich die Augen verschlossen und ist untätig geblieben.

Es gibt noch eine Gruppe, die von den Mahnmalen, die die Grausamkeiten an Juden bezeugen, profitieren könnten, nämlich die überlebenden Juden und deren Nachkommen, insbesondere Israelis. Doch das ist in Hellenthal wie anderswo in Deutschland, wo Stolpersteine mit einem guten Gefühl in die Erde eingelassen werden, nicht vorgesehen. Denn die meisten Einwohner Deutschlands, die Stolpersteine begrüßen, sehen in den Juden Israels nicht nur die größte Bedrohung für den Weltfrieden, sondern vergleichen deren Verhalten gegenüber Arabern mit dem Verhalten der Nazis gegenüber Juden. Israelis dienen diesen Spätgeborenen als Beweis, dass sich Deutsche für die Untaten der Nazis nicht zu schämen brauchen, und das obwohl bereits weiter oben dargelegt worden ist, dass die heutigen Israel kritischen Deutschen dank später Geburt davon überzeugt sind, an den Gräueltaten der Nazis keine Schuld und keine Verantwortung zu tragen. Denkmäler, die an die Untaten der Nazis an die Juden erinnern und gleichzeitig Israel positiv erwähnen, bringen das komplizierte Gedenkgebäude ins Wanken.

So betrachte, kann man den Hellenthaler Organisatoren nur den Abriss des Synagogenmahnmals und das Verbuddeln der Kirchenasyl-Stolpersteine an einer unauffindbaren Stelle empfehlen.

Die jüdische Denkmalproblematik ist nicht auf die Eifel beschränkt, sie greift auch auf die Voreifel über, derzeit auf die ansonsten unbekannte Stadt Vettweiß. Dort beschließt der Rat der Stadt mit großer Mehrheit, einige Stolpersteine in die Gehwege zu verlegen, obwohl der letzte jüdische Bürger von Vettweiß sich zu seinen Lebzeiten vehement dagegen ausgesprochen hat. Als Entgegenkommen beabsichtigt die Stadt, ein zusätzliches Mahnmal zu finanzieren, welches auf die Geschichte der Juden in Vettweiß eingeht.

Bereits heut ist abzusehen, dass schlecht verheilte Zwistigkeiten zwischen den Dorfbewohnern ausbrechen werden. Auch wenn wie in Hellenthal offiziell alle Nationalsozialisten von auswärts gekommen sind, profitieren doch genügend Vettweißer bis heute vom Notverkauf jüdischen Besitzes. Man darf gespannt sein, wann und wie oft das Vettweißer Mahnmal zerstört werden wird.

Erschienen unter

http://www.huffingtonpost.de/nathan-warszawski-/hellenthal-erneutes-geden_b_5143560.html

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Aufschrei der Eifel

Ein Aufschrei geht durch die Eifel! Etwas Entsetzliches ist geschehen, was nicht in die Eifel gehört. So etwas kennt man nur aus dem Irak, aus Afghanistan oder Bayern. Der Eifeler zeichnet sich durch Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft aus, die nur von seinem Fleiß und zuweilen von seiner Moral übertrumpft wird – wenn man von den eingewanderten Bürgermeistern absieht.

Die Eifel ist die Toskana Deutschlands: Liebliche Hügel, abgelegene saubere Dörfer, kleine Städtchen, Burgruinen, lediglich der Wein wird importiert. Schmale Straßen schlängeln sich in engen Kurven den steilen Hang herauf und wieder herunter – eine Herausforderung für die Tour de France. Doch die Moderne verdrängt das Fahrrad. Stattdessen dröhnen schwere schwarze Maschinen auf breiten profilfreien Reifen durch die herrliche Landschaft. Ihr Lärm überdeckt die Stille, ihr Gestank den Geruch der Natur. Sie überholen jedes Auto, sogar wenn ein Eifeler es fährt, der für sein Leben gerne jede Autoschlange anführt, selbst wenn er seinen geliebten Trecker fährt.

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In der Eifel reimt sich „Gast“ auf „Last“ und „Welt“ auf „Geld“. Aus Liebe zu den Motorradfahrern und ihrem Geld will der Rat der aussterbenden Touristenstadt Monschau den Motorradfahrern erlauben, durch die verwinkelten Gassen bis ins Zentrum vorzustoßen. Entlang der Eifel-Landstraßen blühen viele Gasthäuser, die von den Einheimischen gemieden werden, und denen man durch große handgemalte Schilder und Plakate schon von Weitem ansieht, dass Motorradfahrer, Biker und Wanderer gerne bewirtet werden. Biker und Wanderer bevorzugen Waldwege, weshalb Hunde im Wald vorsorglich angeleint werden. Frei laufende Wildschweine sind für Eifel-Hund und Eifel-Mensch ungefährlich.

Vor wenigen Tagen hat sich das Unvorstellbare ereignet. Ein Motorradhasser, wohl aus der Eifel, schüttet an drei unübersichtlichen Straßenstellen auf dem Weg in die Eifel eine glitschige Flüssigkeit aus, wohl dünnflüssiges Hydrauliköl, was die Polizei aus dem achtlos weggeworfenen Ölkanister schließt. Trotz der Reinigungsmaßnahmen und polizeilichen Absperrungen kommt es zu einem Unfall. Ein Motorradfahrer stürzt in der Kurve und wird verletzt. Er wird in einem nahen Krankenhaus versorgt.

Im April 2011 findet ein Attentat gegen Motorradfahrer im bayerischen Allgäu statt. Ein 37-jähriger Motorradfahrer gerät auf einer absichtlich ausgelegten Ölspur ins Schleudern und prallt gegen einen entgegenkommenden Wagen. Der zweifache Familienvater ist sofort tot. In der Nähe findet die Polizei Flaschen mit Resten des benutzten Öls. Die Täter werden nie gefasst.

Der oder die Eifeler haben ebenfalls schändliche Attentate durchgeführt, die glücklicherweise keine Toten, sondern „nur“ einen Verletzten gefordert haben. In regionalen Zeitungen und auf Facebook vernimmt man einen Aufschrei der Entrüstung, dem sich jeder Eifelbewohner anschließt, auch derjenige, der gegen Motorradfahrer Ressentiments hegt. Die Attentate haben sich nicht gegen bestimmte Menschen gerichtet, sondern gegen einer Gruppe zugehörigen Menschen, hier Motorradfahrer, die zufällig im falschen Moment eine bestimmte Straße benutzen, um in die Eifel zu gelangen. Solche Attentate finden täglich, gar stündlich, im Orient statt. Dort sprengen sich Attentäter in die Luft, um Muslime der anderen Konfession zu verletzen und zu töten. Die orientalischen Attentate unterscheiden sich nur in der Menge von den ruchlosen Taten der Eifel, qualitativ stehen sie auf derselben Menschen verachtenden Ebene.

Im Gegensatz zum Irak und zu Afghanistan vernimmt man in der Eifel keine Stimmen, die wie der arabische Sender Al Jazeera oder die Taliban Verständnis für die Attentäter fordern. Doch auch in Deutschland finden sich immer wieder Menschen, beispielsweise Politiker, die wie Möllemann als Präsident der Deutsch-Arabischen Gesellschaft Verständnis für Selbstmordattentate äußern und als Form des Widerstands legitimieren. Die Verwundeten und Toten sind Juden und Israelis, die zufällig in einem Lokal essen oder auf dem Markt Nahrungsmittel einkaufen. Die Menschen werden zufällig verwundet und ermordet, weil sie sich zur falschen Zeit am falschen Ort aufhalten. Sie werden nicht zufällig, sondern absichtlich ausgewählt, weil sie Juden oder Israelis sind. Genauso absichtlich wie im Irak Schiiten oder Sunniten zum Sterben von der jeweils anderen Konfession ausgewählt werden, oder wie in Afghanistan eine deutsche Fotografin erschossen wird, weil sie die NATO repräsentiert, oder in Bayern und nun auch in der Eifel Halunken beschließen, dass Motorradfahrer das Recht auf körperliche Unversehrbarkeit verwirkt haben.

Niemand braucht die Menschen der Eifel über die Folgen des Bösen zu belehren. Gegen Ende des letzten Krieges haben sie sie am eigenen Leib überaus deutlich verspürt. Das Böse sind nicht allein die Angriffe auf bestimmte Gruppen von Menschen, zu denen die Wenigsten fähig sind, das Böse ist das Verständnis Vieler für solche Missetaten im Schutz der Allgemeinheit und der Meinung der Mehrheit. Im Zeitalter der Globalisierung und der Völkerwanderungen, die mutige Experten dem Klimawandel anlasten, wird das Böse nicht vor der Eifel halt machen. Wir können das Böse nur bekämpfen, niemals besiegen, wenn wir uns alle solidarisieren, wie es vor wenigen Tagen in der Eifel passiert ist.

Es gibt noch eine weitere erfolgversprechende Möglichkeit, um gegen Motorrad-, Christen-, Muslimhasser und Antisemiten vorzugehen, seien sie Politiker, Journalisten, Taliban oder friedensliebende Bürger. Wir fordern alle solche Menschen auf, die schöne und friedliche Eifel mit dem Motorrad zu besuchen und wünschen ihnen dann einen Öl freien „Guten Rutsch“!

Erschienen unter

http://www.huffingtonpost.de/nathan-warszawski-/aufschrei-der-eifel_b_5101028.html

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Die Krimkrise kommt zur Unzeit

Würde die Weltgemeinschaft gleiche Maßstäbe an die Krim wie an das Kosovo anlegen, so hätte sie eher die Krim als Teil Russlands, als das Kosovo als selbständigen Staat anerkannt. Der Westen griff seinerzeit die Serben an, um einem Genozid an den Kosovo-Albanern zuvor zu kommen. Ein eigenständischer Staat für die verfolgten Kosovo-Albanern war nicht vorgesehen. Er wurde erst dann realisiert, als die muslimischen Kosovo-Albaner die christlichen Serben und Kroaten unter den Augen der Europäer aus dem Kosovo vertrieben. Es wäre jedoch unschicklich, von Politikern Gerechtigkeit und Moral oder Logik zu erwarten.

Weder Serbien, noch die Ukraine sind mit der Abtrennung des Kosovo oder der Krim einverstanden. Das Kosovo ist von den meisten Staaten der Erde anerkannt, weil USA und EU darauf gedrängt haben und weil Kosovo ein sunnitischer Staat ist, den alle muslimischen Staaten mit Ausnahme der schiitischen anerkannt haben. Konsequenterweise müssten die christlich orthodoxen Staaten die Annexion der Krim durch Russland anerkennen, was jedoch dadurch erschwert sind, dass einige dieser Staaten Teil der EU und der NATO sind. Diese beiden mächtigen Organisationen wissen einen solchen Schritt zu vermeiden.

Doch auch ohne diese philosophischen Komplikationen kommt für die westliche Welt die Einnahme der Krim durch Russland 100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges zur Unzeit. Der Westen hat nach dem Zusammenbruch und dem geografischen Verschwinden der Sowjetunion das Zeitalter seiner, der westlichen Vernunft eingeläutet. Es gibt keine Kriege, sämtliche Krisen werden durch Diplomatie und wirtschaftlichen Druck gelöst. Keine Armee verteidigt die nationalen Interessen, da es nur höherwertige multinationale demokratische Werte gibt. Die westlichen Armeen sind verkleinert und für die Kriegsführung untauglich gemacht worden. Deutschland, welches seit dem verlorenen Zweiten Weltkrieg darauf besteht, eine Armee des Volkes zu haben, schafft die Wehrpflicht ab und erschafft eine Berufsarmee, die diesen Namen nicht verdient. Das wichtigste Thema der Bundeswehr wird der Babyurlaub der männlichen Soldaten und das fehlende Make-Up der Verteidigungsministerin.

Und nun marschiert Putin in die Krim ein und stört den gerechten Vernunftstraum der deutschen Pazifisten. Hätte Putin nicht bis nach den EU-Wahlen warten können? Ganz ohne Armee, nur mit der Macht des Geldes und der billigen Produkte, hätte Deutschland alle Führungspositionen innerhalb der EU einnehmen können. Hat denn Deutschland nicht beide Augen fest gekniffen, als die Milliarden an den Südeuropäern vorbei in die Taschen der dortigen Oligarchen geflossen sind? Hat der Oligarchen-Chef Putin das große Entgegenkommen übersehen?

Plötzlich spricht ein deutscher Politiker stahlharte, glasklare Worte aus, die seit Jahrzehnten aus seinem Mund nicht erwartet worden sind. Putin wird mit Hitler verglichen! Noch haben die Russen einen Stein im Spiel der Leserbriefe schreibenden Deutschen, da sie von den Nazis überfallen worden sind. Noch will die große Mehrheit des Wahlvolkes keinen Militärschlag gegen Putins Russland. Auch ist die Mehrheit gegen wirtschaftliche Sanktionen. Seit der gelungenen Energiewende will niemand im Winter, den es bald wegen Klimawandel nicht mehr geben wird, frieren, weil Putin den Gashahn vergessen hat zu öffnen. Das Angebot der USA, Fracking-Gas zu liefern, wird als Drohung verstanden.

Das Gute ist, dass die euroskeptischen Parteien, die eine Gefahr für die Regierenden in der EU bedeuten, ebenfalls kalt erwischt werden. Auch für sie kommt die Krimkrise zur Unzeit. Selbst der nationalste und antieuropäischste Wähler weiß, dass der einzelne EU-Staat keine Chance hat, den Forderungen Putins zu widerstehen. EU und NATO erobern sich ihre Notwendigkeit zurück. Dank Putin.

Erschienen unter

http://www.huffingtonpost.de/nathan-warszawski-/krimkrise-zur-unzeit_b_5087047.html?utm_hp_ref=germany

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Die hässlichen Gesichter Europas

Der Eifeler, der nach Köln will, fährt mit seinem Auto bis zum Stadtrand, wo er umsonst parkt. Landeiern wird von der Benutzung des eigenen PKWs auf den Straßen Köln dringend abgeraten. Der Eifeler kauft sich eine Tageskarte und setzt sich in die nächste U-Bahn. Doch heute streiken die öffentlichen Verkehrsmittel Kölns und der 1. FC Köln weigert sich zu spielen, auf dass der öffentliche Verkehr wider rolle. So fällt die U-Bahn aus. Ich nehme den Zug.

Der Kölner Hauptbahnhof ist groß, dunkel und laut, schmutziger als der Bahnhof von Brück. Überall stehen Leute in langen Schlangen an, um Essbares zu kaufen. Ich erkenne niemanden und keiner kennt mich. Großstadt. Der Dom ist über eine breite und steile Treppe zu erklimmen, die mit Touristen belegt ist. Von der Domplatte aus kann jeder Punkt der Altstadt bequem angegangen werden. Die Sonne scheint, die Luft ist verbraucht, auch außerhalb des Bahnhofs reden die Passanten sehr laut, meist zu sich selbst mit Handystöpseln an beiden Ohren. Ich kaufe mir unterwegs zwei Brezeln, die ich mit einem Eifeler-Rabatt von einem zuvorkommenden polnischen Verkäufer erwerbe.

Ich komme an. Auf dem Vorplatz vor dem Hotel stehen einige Polizeiwagen ungeordnet herum und versperren die Wege. Die Polizisten schreien in ihren modernen digitalen Sprechgeräte, die sie wohl auf leise eingestellt haben. Sie wollen eine Gegendemonstration im Zaum halten. Es wird keine Demonstration geben. Streik, wohin man hinblickt.

Das Hotel wirkt futuristisch und sauber. Die großen Eingänge sind verbarrikadiert, eine einzige schmale Glastür steht nicht-einladend offen. Niemand kontrolliert die Hotelbesucher, die sich durch die Türe zwängen. Der Fahrstuhl ist Hotelgästen vorbehalten. Ich steige die Treppe hinauf.

Ich komme zu früh, werde dennoch bedient. Ich lege die unterschriebene Aufforderung vor. Ich verpflichte mich, keine Videos über 10 Minuten zu drehen, alle Bilder der Veranstaltung zuzuordnen, keine Saalordner zu fotografieren, meine Eintrittskarte sichtbar zu tragen und alle Anweisungen der weisungsbefugten Saalordnern ohne Murren zu befolgen. Ansonsten droht eine hohe Geldstrafe, die ich niemals bezahlen werde. Die sinnlose Bürokratie erinnert mich an die Einreise in Moskau, als die Sowjetunion noch keine lupenreine Demokratie gewesen ist.

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 Der Saal, den ich betrete, ist ein Abglanz des Raumes, den Putin benutzt, um handverlesenen Journalisten seine Direktiven mitzuteilen. Spiegel an den Wänden sollen Größe vermitteln, die gläsernen Lüster von der Decke funkeln grell, verbreiten eine düstere Atmosphäre. Etwa 30 Journalisten trudeln ein und belegen in lockerer Formation die ersten Reihen. Die beschrifteten Stuhllehnen sind den Medien zugeordnet. Neben der Huffington Post sind Zeit, Spiegel, ARD, WDR und einige Blogger vom rechten Rand da.

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Die Veranstaltung beginnt pünktlich. Nur Journalisten, Saalordner und ausgesuchte Parteimitglieder der Alternative für Deutschland AfD sind zugegen. Der Ehrengast kommt aus England, heißt Nigel Farage und ist Vorsitzender der Britischen euroskeptischen Partei, wie er sich auszudrücken beliebt. Er sieht sympathisch aus und ist wie jeder Engländer dezent unmöglich gekleidet, was an seinen grellen Strümpfen auszumachen ist. Er spricht ein einfaches deutliches Englisch, das jeder Anwesende sofort versteht. Die Veranstaltung ist von der Jungen AfD, der JA als Bildungsveranstaltung organisiert. Der Vorsitzende Lucke ist dagegen, erscheint deshalb nicht.

Der Brite mit den grellen Strümpfen breitet vor den Journalisten seine Ideen aus. Er will nicht in Libyen, Syrien und der Ukraine kämpfen; keinen €, sondern eine stabile Währung; keine europäische politische Union, kein Europa-Parlament, keinen Europäischen Rat, keine undemokratische EU; er bevorzugt die EWG; er will die Europawahlen gewinnen, um mit der AfD eine starke Fraktion zu bilden, da dadurch mehr Geld fließt; er ist gegen ein europäisches Imperium; er ist von Nationalität Engländer, kein Europäer; er liebt Plebiszite und Martin Schulz, das „Gesicht“ des zukünftigen Europas, welches die Wähler seiner Partei und auch der AfD zutreiben wird; er sorgt sich um die Sicherheit und die Demokratie in Europa.

Anschließend dürfen die Journalisten ihre Fragen stellen, die von Mr. Farage und einigen offiziellen AfD-lern korrekt, ja freundlich beantwortet werden. Dann gibt der Brite mehrere Privataudienzen an von ihm ausgewählten Medien. Die hübsche und kluge Vertreterin der Zeit lehnt sein Angebot ab.

Nun darf das AfD-Wahlvolk den Spiegelsaal betreten. Wie befürchte wird es laut. 300 zusätzliche Begeisterte nehmen ihre Plätze ein. Die vorderen drei Reihen sind den Journalisten und gewichtigen Gästen vorbehalten. Eine Seitentür wird geöffnet. Mr. Nigel marschiert zur Bühne ohne Zepter, Krone und Fanfare, die er nicht benötigt. Das Wahlvolk, welches den Briten nicht wählen darf, erhebt sich von den Sitzen und klatscht begeistert. Für russische Verhältnisse zu kurz. Die Journalisten bleiben in Schockstarre sitzen.

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Mehrere Partei-Offizielle halten ihre Reden. Sie sagen dasselbe wie vorher, als nur die wenigen Journalisten ohne das Gehudel anwesend gewesen sind. Doch dieses zweite Mal klingt alles aggressiv populistisch. Mr. Nigel spricht viel über fehlende europäische Freiheit, Patriotismus und bösartigen Medien, die in diesem Saal sitzen. Er lässt sich vom frenetischen Beifall des Gehudels nicht unterbrechen. Seine Rede endet in Standing Ovations, an denen die Journalisten erneut nicht teilnehmen. Dieses erinnert mich an die Ostermessen im Kölner Dom und anderswo in Europa zu Zeiten des ausgehenden Mittelalters. Die ungläubigen Juden wurden in die ersten drei Reihen der Kirche gepfercht und mussten sich die religiösen Judenhasspredigten der Bischöfe bis zum Ende des Gottesdienstes anhören, bevor sie unter Spießruten die heiligen Hallen verließen.

Als Abschiedsgeschenk erhält der sympathische Brite ein Aluminiumfass Kölsch in einer tragbaren Größe. Die Veranstaltung wird abrupt beendet. Gehudel und Journalisten strömen nach draußen, wo eine Spendenkasse den Weg versperrt. Die Nacht ist angenehm kühl und still. Im Bahnhof wartet der Zug. In zwei Tagen bricht die AfD auseinander.

Erschienen unter

http://www.huffingtonpost.de/nathan-warszawski-/bald-bricht-die-afd-auseinander_b_5055996.html?utm_hp_ref=germany

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Falsches Tabu

Aufgeklärte Intellektuelle glauben zu wissen, dass es in Deutschland keine Tabus gibt – außer den Antisemitismus. Die Elite irrt gewaltig. Wie in jedem Land der Erde, wie in jeder Gesellschaft, gibt es auch in Deutschland Tabus. Antisemitismus gehört nicht dazu, denn Antisemitismus ist kein Tabu, nirgends.

Tabu ist ein Verbot, dem sich das Mitglied der Gesellschaft ohne langes Fragen unterordnet. Ohne Tabus kann keine Gesellschaft bestehen. Nehmen wir als Beispiel den Inzest, der mit begründeten Ausnahmen überall ein Tabu ist. Vor langer Zeit erkannten die Menschen, dass die Kinder des Inzests weniger robust waren. Es gab sicher noch andere gesellschaftliche Gründe, den Inzest zu verbieten und sie nur dem obersten Herrscherpaar zu gewähren. Irgendwann geriet das logische Argument in Vergessenheit und das Verbot des Inzests verwandelte sich in ein Tabu. Selbst bis heute, wo Schwangerschaften leicht vermieden werden können, hat dieses Tabu überlebt. Es ist zu stark, als dass es gesetzlich aufgehoben werden kann. Inzest wird auch heute in Deutschland bestraft – so es herauskommt.

Die Zahl der Inzeste ist verschwindend gering, und sei es, weil der Inzest, wie andere sexuelle Praktiken, nicht in der Öffentlichkeit stattfindet. Im alten Israel bestand das Tabu der Unaussprechlichkeit des Namen Gottes. Den Ursprung des Tabus mag man darin zu sehen sein, dass ein unsichtbarer monotheistischer Weltgott keinen Namen hat, er somit von anderen Völkern nicht verehrt werden kann. Diese Tabu ist dafür verantwortlich, dass das Jüdische Volk bis heute existiert. Das Tabu gilt noch heute. Es wird im heutigen Israel jedoch kaum gebrochen, weil die Menschen dort andere Sorgen plagen.

Das Wort „Tabu“ entstammt dem Polynesischen, welches dort eine andere Bedeutung hat. In Hawaii ist es ein „kapu“ gewesen, wenn der Schatten des Herrschers einen gewöhnlichen Untertanen getroffen hat. Auch dieses Tabu mag Gründe haben, über die wir heute genüsslich spekulieren dürfen. Es sichert wohl die Macht des Herrschers, der nach Belieben seine Untertanen morden darf. Dieses Tabu ist kein aktives, sondern ein passives Geschehen, welchem man (als Untertan) nicht willentlich entrinnen kann.

Chanukka-2013          Kommen wir zum Antisemitismus, der zu allen Zeiten in Deutschland öffentlich begangen worden, also kein Tabu gewesen ist. Nach dem Holocaust ist in Deutschland über den Holocaust geschwiegen worden. Es ist unschicklich, gegen Juden vorzugehen. Bis heute drücken Finanzämter beide Augen zu, wenn sich finanzielle Ungereimtheiten in Jüdischen Gemeinden auftun. Außerhalb von Finanzämtern ist und war Antisemitismus in Deutschland niemals ein Tabu.

Der Influx ausländischer Arbeiter, der notwendig gewesen ist, um den Lebensstandard zu erhalten, zwingt die deutsche Gesellschaft, auf rassistische und fremdenfeindliche Töne zu verzichten, wozu nach deutschem Verständnis auch der Antisemitismus und die „Islamophobie“ gehört. Der Grund auf den Verzicht auf öffentliche rassistische, fremdenfeindliche, antisemitische und islamfeindliche Aussagen liegt keineswegs im Dunkeln wie beim richtigen Tabu. Erst Jahrzehnte später gesellen sich zu diesen falschen Tabus die echten Tabus, wie Homophobie und andere Gegnerschaften zu diversen sexuellen Spielarten.

Der Hass auf Juden lässt sich in Deutschland und anderswo nicht verbieten, die Tradition ist zu stark und zu alt. Der offene Hass auf Juden wird wie jede andere verbale oder physische Aggression auf Dunkelhäutige, Ausländer und Muslime bestraft, so wie Steuerhinterziehung, die kein Tabu ist. Der offenen Hass auf Juden ist im Vergleich zu früheren Zeiten in Deutschland ein seltenes Ereignis, jedoch – es kann nicht häufig genug wiederholt werden – kein Tabubruch.

Kein Gesetzt ist fähig, Jahrhunderte alte Gewohnheiten erfolgreich zu verbieten. Selbst die Polygamie, die ab einer gewissen weltlichen oder geistlichen Machtvollkommenheit im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nationen eine Selbstverständlichkeit war, erobert sich ihren Platz zurück in unsere bundesrepublikanischen Gesellschaft. Um der Strafe zu entgehen, werden nicht Tatsachen, sondern Worte geändert. Die Zweitfrau wird nicht geheiratet!

Auch der Judenhass sucht sich einen Weg ans Licht der Öffentlichkeit, den die Justiz offenlässt. Der Antisemit greift nicht Juden an, sondern Israel. Israel ist ein Staat, der wie jeder andere Staat kritisiert werden darf. Dass andere Staaten so gut wie nie kritisiert werden und dass Israel der Staat der Juden ist, ist dem Zufall zuzuschreiben, der juristisch ohne Konsequenzen bleibt. Somit glaubt sich der Judenhasser zu Recht auf der sicheren politisch korrekten Seite, wenn er „Juden“ durch „Israel“ ersetzt.

Da Juristen selten Wissenschaftler und Linguisten sind, nicht in Psychologie bewandt sind und kaum die Geschichte des Antisemitismus kennen, wird ein Judenhasser nicht verurteilt, wenn er öffentlich ein kindlich gemaltes Plakat auf der Domplatte zu Köln aufstellt, das ein palästinensisches Kind zeigt, welches von einem Juden zerlegt und aufgegessen wird. Auch dürfen Muslime in Deutschland zu Hass-Feiertagen unter Polizeischutz vernehmlich und deutlich „Kindermörder Israel“ in Deutschlands Straßen rufen. So können sie ungestraft ihrem Trieb, dem Hass auf Juden frönen, ohne die weiche Hand des Gesetzes zu fürchten, da „Israel“ und „Jude“ vermeintlich verschiedene Bedeutungen haben.

Es braucht keines langen Nachdenkens um zu erkennen, dass zwar für Historiker und Geografen „Israel“ und „Jude“ unterschiedliches ausdrücken, nicht jedoch für Antisemiten. Zion, Jerusalem und Israel sind für jeden Juden Bestandteil seiner Religion und Identität. Ein Jude, der kein Zionist ist, gibt sein Judentum auf, denn jedes Beten schließt den Wusch ein, nach Zion, einem Berg in Jerusalem, zurückzukehren. Ein Jude, der kein Zionist ist, verhält sich wie ein Moslem, der den Propheten Mohammed, oder wie ein Christ, der Jesus ablehnt. Da Jude mehr als eine Religion ist, gibt es genügend antizionistische, also antisemitische Juden, denn das Judentum definiert sich primär nicht über die Religion, sondern über die Volkszugehörigkeit der Mutter. Der jüdische Sohn einer jüdischen Mutter kann genauso Antisemit wie der Sohn eines Katholischen Pfarrers Atheist sein.

Juden nennen sich bis heute Söhne Israels ( = Stammvater Jakob), Israeliten oder Haus Israel. Das Volk Israel sind die Juden. Doch nicht nur Juden, sondern auch die schlimmsten Judenhasser der Geschichte setzen „Jude“ mit „Israel“ gleich. Es sind die deutschen Nationalsozialisten gewesen, die Juden in ihrem Machtbereich zwangen, neben dem „Judenstern“ einen zweiten Vornamen zu tragen, der für Männer „Israel“ lautete.

Antisemitismus gehört wie Christentum oder Islam zu Deutschland. Antisemitismus ist kein Tabu in Deutschland. Der deutsche Antisemitismus hat seinen Wortschatz der Justiz angepasst. Der moderne Antisemitismus genießt in Deutschland den Schutz staatlicher Organe.

Diese Aussagen sind nicht auf Juden begrenzt. Sie lassen sich problemlos auf Roma und Asylanten ausweiten. Muslime haben es auf Grund ihrer Zahl geschafft, diesen Aussagen zu entrinnen.

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I hate myself and want to die – Die Leiden des Kurt Cobain

 

 

„Auch sie (die Bitterkeit) zeigt eine Art verlorener Unschuld an.“
Ernst Jünger

 

 

Der unglückselige Kurt Cobain, dessen Todestag sich nunmehr zum zwanzigsten Male jährt, zählt unstrittig zum Kreis derjenigen Persönlichkeiten musischer Provenienz, die bereits Zeit ihres kurzen, schnellen Lebens zur Legende mutierten; eine, der sie auf je eigene Art und Weise schließlich erlagen. Im Anfang trägt diese Individuen noch die schiere, unbändige Kraft, doch bald wendet sich das Blatt, verfliegt der Überschwang und immer spürbarer trägt die Desillusionierung zur Ermattung bei, die den Heißsporn schleichend hemmt, und in Schüben versackt, ja stürzt dieser endlich in sich ein, krepiert kläglich: die anfängliche Energie schlägt in ihr Gegenteil und richtet das Wesen unfehlbar zugrunde. Das jähe Scheitern nach abrupter, unwiderstehlich scheinender Entfaltung eint diese gefallenen Engel, deren unvergleichlicher Flügelschlag der modernen Unterhaltungsbranche stets neuen Wind einhauchte. Jenseits der Kunst, die solche Menschen schufen und damit unverhofft und unvermittelt einer breiten Allgemeinheit zur Verfügung stellten, steht die Einzigartigkeit der Persönlichkeit, die das ganze Werk konstituiert, untrennbar verbunden mit dem Schöpfer selbst, und es kann fast als unausweichlich gelten, das diese Ausnahmeerscheinungen im modernen Medienzirkus scheitern: schier platzend vor Kraft, laugt sie der bloße ´Betrieb´, das Geschäft der Branche, ihr begleitendes Nivellement endgültig aus. Sensible Künstlernaturen, die es zur rechten Zeit ins grelle Rampenlicht schlägt, zerbrechen weniger an sich selbst; mehr an den wuchtig ausufernden Wellenschlägen, die der wild peitschende Sturm, von ihnen selbst entfacht, an die eigenen Gestade zurückdrängt. Das Showbiz bietet keinen Schutz, keine Fluchtmöglichkeiten, kein Heil: nur schnöden, schnellen Exzess, der jenseits der Verpflichtungen vernichtet. So ist es noch allen ergangen, die in kindlicher Naivität aus der ´Sehnsuchtvollen Leere´ (Byron) bis zur Neige schöpften. Der sogenannte Club 27 zählt derlei scheiternde, strauchelnde Persönlichkeiten bald schon im Dutzend und mag auch in Zukunft Zulauf finden, solange die ´Anwärter´ noch mit Haut und Haaren, Faser und Gemüt zu leiden verstehen und das Publikum an Ritualen der Vergötzung und Erhöhung irgendwie Gefallen findet; insgesamt dem Drama öffentlicher Selbstvernichtung zugeneigt bleibt. Cobains Leben war so ein Drama, mit Elementen einer echten Tragikomödie, nicht frei von ironischen und absurden Elementen, die seinen Fall zusätzlich interessant machen, und als öffentliche Person wider Willen, wiewohl an der begleitenden Stilisierung nicht ganz unbeteiligt, erfasste ihn die volle Wucht eines gigantisch geblähten Interessenkartells, dem auf Dauer nur ganz harte, hemmungslos auf Erfolg justierte Charaktere standhalten, die ihr Ego weniger streicheln, mehr straffen und mit zusätzlicher Hornhaut veredeln. Das vermochte unser Held nicht. Hin und hergerissen zwischen Ruhm und Ratlosigkeit, Exzess und Erschlaffung, Wutbrunst und Weinerlichkeit, Hassgestammel und Schrei nach Liebe, ging er früh vor die Hunde. Beinahe täglich litt er schließlich die Widersprüche, die sein skrupulöser Charakter nicht mehr zu einen, wenigstens auszugleichen verstand. In den letzten drei Jahren seiner an fragwürdigen Triumphen reichen, immer leidvoll und zunehmend unwillig erduldeten öffentlichen Existenz geriet der ganze Mensch aus dem Gleichgewicht und fiel endlich strauchelnd von der dünnen, roten Linie ins Abseits, in den toten Winkel, dessen Bannstrahl ihn zeitlebens auf allen Wegen unruhig umfieberte. Zum Schluss hielt er diesem Magnetismus nicht mehr stand. Der Zirkus hatte auch aus ihm einen echten Clown gemacht; einen traurigen, nur mehr hilflos um sich schlagenden Hofnarren wider Willen, der seinen Gram in sich hineinwürgte und in Schüben wieder erbrach; einer, der mehr an der Nadel als am Leben hing – das hing ihm nur mehr zum Hals heraus. Wie ein Fisch in der Wüste wälzte sich dieser schwierige, komplizierte Charakter im staubigen, trockenen Sand, mit sengenden Schuppen und runzelnden Häuten, kaum mehr vom Fleck kommend, eine Weile wild und wendig zappelnd, dann nur mehr matt und müd mit der Flosse wedelnd. Der Jahrmarkt der Eitelkeiten geriet ihm zum gefährlichen Schützenfest. Immer häufiger erlitt der notorisch Unentschlossene, oft unwillig und trotzig sich Gebärdende die Schnellschüsse der medialen Dauer-Artillerie, wurde er zur schnöden Zielscheibe einer rücksichtslos wütenden Kamarilla, deren Salven treffsicher ins Schwarze zielen. Zu Beginn der 90er häuften sich diese Einschläge, denn die modernen Kommunikationsmedien erlebten gerade eine weitere Blüte, die erst durch das neue Jahrtausend noch einmal unsäglich übertroffen werden sollte. Eine zeitlang war Cobain einer der ständigen ´Haupttreffer´ und seine hilflos stolpernden Ausweichmanöver glichen zum Schluss nur mehr armseligen, kraftlos vorgetragenen Improvisationen, mit denen er sich immer peinlicher über die Runden rettete. Er spielte also, auf seine Art, das Spielchen mit, immer auf Zeit und er brach sich bei der Gelegenheit schließlich das Genick – er konnte gar nicht anders. Unmittelbar nach seinem Freitod – wenn es denn einer gewesen war – kaschierten zügig jede Menge zweifelhafter Nachrufe das traurige Bild. Aus dem Hanswurst, für den er sich selbst hielt, wurde doch noch ein Held, ein trauriger natürlich, und nachträglich wurde so auch ihm ein Rang zuteil, den der Lebende nicht eine Sekunde lang goutiert hätte. Ihn, den Hilflosen, sprachen sie heilig; er, das arme Schwein, wurde zum späten Rebellen stilisiert. Manche fanden seinen Abgang wenig zeitgemäß. Hielten die Nummer für vorgestrig und ´selfish´. Sei´s drum. Im Nachhinein weiß man alles besser und wuchert mit Pfunden, die umso schwerer wiegen, je später man sie in die Wagschale legen kann. Auf den diversen Musikkanälen wird er, pünktlich zu den Jubiläen,  auch weiterhin wie ein später, schneller Spuk erledigt: grell aufflackernd, rasch verpuffend, ein schräger Pausenfüller. So ähnlich lief das auch schon Anfang der 90er, als der Gott des Grunge geboren wurde. Mehr denn je gerät heute jede öffentliche Erscheinung zum inszenierten Zerrbild, und die begleitende Fassade zeitigt Inflationen. Die späte ´Würdigung´ gerät dann zum leerem, lausigem Gewäsch, notiert oder gesammelt in lose gebundenen Schlagwortekatalogen: platt geplaudert – plump geplustert.

Wenn ich mir im Folgenden einige Gedanken über den Menschen Kurt Cobain mache, dann geschieht dies mit der festen Absicht, den veröffentlichten Meinungsstrom unbeachtet vorbeiplätschern zu lassen. Er führt mittlerweile so viel Schlacke, Schund und Schmiere mit sich, dass es einen ekelt. Was wollte sich in dieser elenden Pampe noch spiegeln? Die Zutaten vergällen jeden Geschmack und konterkarieren letzte Reste reinen Quellwassers. Ich bescheide mich mit der Absicht, ganz wesentlich aus der eigenen Erinnerung heraus zu berichten, als einer, der damals noch sehr jung gewesen ist und den ganzen Zirkus, das ´Grunge und Gloria´, aus der bequemen Konsumperspektive mitbekommen, miterlebt hat: also als Zeitzeuge, wenn man so will. Ich habe dementsprechend Bilder vor Augen, die sich mit bestimmten Klängen zu einem lebendigen Kaleidoskop mischen; durchaus ein buntes, vielgestaltiges Etwas, das mittels nachträglicher Reflexion eventuell eine Art Gesamteindruck, wiewohl selektiv (weil subjektiv) ermöglicht. Eine solche Betrachtung baut immer auf Bruchstücken, die schon Staub angesetzt haben; gewiss. In ihrer nackten Reinheit spiegeln sie das Gewesene dennoch deutlicher – echter! – als die glatt polierten, nachträglich gezimmerten Oberflächen, deren satter Glanz nur trügt.

Auf den obligatorischen lebensgeschichtlichen Abriss von der Geburt bis zur frühen Neige möchte ich verzichten; irgendwelche Details in Sachen Aufbruch, Durchbruch – Einbruch sollen meine Sache nicht sein. Das Wesentliche ist bekannt. Ich will eher versuchen, ganz persönliche Eindrücke wiederzugeben und entsprechend zu deuten – kaum mehr. Nicht das Konstruieren, Katalogisieren – Kritisieren soll meine Aufgabe sein; es langt schon, mittels einiger Streiflichter etwas Helligkeit ins trübe Zwielicht zu bringen. Aus Prinzip. Gerade die so grell umflackerten Stars und Sternchen bleiben, als Menschen, stets in fahle Schemen, schwach schimmernde Schwaden gehüllt. Da fällt es umso schwerer, den begleitenden Dunst zu durchbrechen um das eine oder andere erhellende Muster auch nur erheischen zu können. Im übrigen kann man einen wie Cobain kaum loben oder tadeln, umhimmeln oder hochmütig herabsetzen. Natürlich fehlte, scheiterte er. Sein Leben missriet gründlich und seine Kunst, wollte man wirklich von einer sprechen, geriet dennoch großartig genug, um ihn, den Urheber, das lebendige ´Gefäß´, würdigen zu dürfen. Das reicht mir.

Fangen wir ruhig mit der Musik an, die, wie auch immer, bleibt. Ob das Zeug noch gespielt wird oder auch nicht oder immer mal wieder und bald wieder weniger und so fort: ist egal.

Ein im Grunde spärliches, fragmentarisch anmutendes Oevre hat Cobain uns hinterlassen. Der begleitende Standort gleicht einem schroff und kantig in die Landschaft gebrochenen Steinbruch, mit Auswürfen größerer, grob und kantig geratener Felsbrocken, die wie gewaltige, wüst umwitterte Klumpen den nackten Boden zieren. Sie ruhen dort, wo sie die Wucht der Detonation einfach hinschleuderte. Dem streifenden Auge präsentieren sich diese kruden Quader wie fiebernde, noch immer unruhig nachdampfende Querschläger, vom Staub umnetzt und Schweißtriefend zugleich: recht ´ungeschlacht´, in ihrer ganzen unschuldigen Pracht. Der unselige, von unruhigen Winden und einer düsteren, stets abendlichen Melancholie umwitterte Ort birgt überdies Massen matt glänzenden Gerölls, hart aneinander gepresste Schuttberge, dazu gärende Sprengkrater und bröckelnde Steilwände; das alles in tiefe, triste Einsamkeit getaucht, die aber eine längst untergehende, seltsam sinnliche Sonne von Ferne umschauert, in´s letzte Zwielicht drängt, bevor die Totenstille, eisige Nacht scheue Kriechtiere und Reptilien verscheucht. Cobain hat seiner nackten, in steter Verzweiflung heillos ausgebrannten Seele den Ort der Vereinsamung gestiftet, der ihr zukam; sozusagen die Kraterlandschaft einer menschlichen, innerlich durchlittenen Katastrophe. Um beim vermuteten ´Dekors´, der ausgebombten Seelenlandschaft zu bleiben: es scheint, als strömten in letzten, zuckenden und zehrende Schüben Massen drückender Lava aus den umliegenden Ritzen und Brüchen;  kantige Krusten, die wie eitrige, aufgeplatzte Wunden aus dem Boden runzeln. Wir bestaunen, etwas abseits stehend, eine abweisende und zugleich faustisch umtrübte Mondlandschaft, vom nächtlichen Himmel geschirmt, dessen Irrlichter aus weiter Ferne herunter strahlen. Im Zwielicht verpufft der letzte Schein, aber auch jeder kleinste, klägliche Laut, der aus entlegenem Dickicht hilflos herübertönte, war nur eine ferne, fremde Klage, die an den Steilwänden jämmerlich erstickt und im staubigen Grund umso verlässlicher verreckt. Der wilde Schmerz dessen, der diese grandiose Trümmerlandschaft gebar, hängt wie ein kalter, feuchter Hauch über dem vor Hitze brütenden Totenreich. Jene impulsiven Eruptionen, die das Abbild seiner Abgründe schufen, gleichen einem einzigen Vulkan, der heftig speit; sie lauern noch hintern jeder klaffenden Öffnung, die wie ein leeres Auge stiert. Überhaupt glotzen einen die umliegenden, Zerstörung und Zerfall kündenden Rudimente wie aus toten, starren Höhlen an. Reglos, ohne jede Bewegung, gafft der tote Stein im grenzenlosen Dunkel in ein Nichts hinein. Dieser abgeschiedene, Wundwaide Platz unterscheidet sich immens von jenen Sprengstätten, die in umliegender Nachbarschaft bald wie kleine Giftpilze aus dem Boden schossen. Die platt lärmenden Schießbuden und Krachveranstaltungen der Epigonen und Abstauber kamen an keinen einzigen Volltreffer heran, den der ´Sprengmeister´, den das Original zeitigte; das spürt, das ahnt jeder, der im beschriebenen Utopia mehr als nur ein paar unverbindliche Augenblicke lang verharrt. Kein letzter Schliff oder formschöner Schnick schändet hier den kleinsten Stein; das haben auch die ´Vorarbeiter´ von der Produktion nicht über Gebühr verhindern können. Um endlich etwas konkreter zu werden: Nevermind, ein Meilenstein in der Welt des Rock, ist seinerzeit über Gebühr auf relativen Kommerz getrimmt worden, das hat aber den auf diesem Tonträger versammelten Stücken – den Brocken – nichts von ihrer Reinheit rauben können, und die rachitischen Eruptionen überwältigen noch heute. Die Energie des Schöpfers spricht uns unverändert frisch und forsch an. Einspruch zwecklos.

Was bis hier hin bereits deutlich geworden sein sollte: Diese Musik war im besten Sinne primitiv, echt, ehrlich; ohne je einfältig oder plakativ zu geraten. Sie war genuin und hielt sich nur an das, was der unschuldige Dämon gebar – bei Cobain war eben nichts Zierde oder Verschönerung, da war kein Ballast mehr vorhanden und den hätte diese Musik auch nur schwer ertragen.

Von den ersten wüsten Demos über das nur mühsam glattgebügelte Nevermind bis hin zum bitteren, brastig und verquält stampfenden, sich mühsam in die letzte Runde schleppenden In Utero, dem dann der akustische Schwanengesang, das mitunter etwas süssliche Unplugged folgte: die Nummern offenbarten fast immer einen überreizten, vor Frust und Unmut keuchenden Zwiespalt, der aber gerade auf dem kommerziell erfolgreichsten Album vorzüglich zur Geltung kam. Etwa ´Lithium´ und ´In bloom´. Im ersten Falle ist es der Übergang von einer melancholischen, sang- und klanglos tastenden, fast ein wenig triefenden Träumerei (i´m so ugly, that´s okay cause so are you) zur alles andere als befreienden Entladung, die wirklich jedweder kathartischer Elemente entbehrt und nur ein vergebliches, immer schon angeschlagenes Aufbegehren offenbart; als grantige Geste dessen, der ganz verzweifelt um sich schlägt.  Nicht die wilde Wut bricht sich Bahn; mehr eine jäh in ihr Gegenteil umschlagende Verzagtheit: im letzten, lausigen Aufbäumen. Bei ´In bloom´ löst die zynische Gebärde ein sinnentlehrtes, sich in lauter Fragwürdigkeiten heillos genießendes sardonisches Wüten ab. Man könnte die jeweiligen Wechsel als Masche, als Kniff bezeichnen, aber der Trick zieht, und immer auf Anhieb: der Versteinerung folgt dumpfer Schmerz, dem ´sich treiben lassen´ ein brünstiger Feuerstoß, dem regnerischen Getröpfel das grimmige, grantige Gewitter mit Sturm und Hagelbeschuss, dem Plätscherflüsschen ein reissender Strom. Der ganze menschliche Zwiespalt kommt treffsicher und unmissverständlich zum Ausdruck, die Dialektik seelischer Verstimmung, das Aufkochen gemischter Gefühle, aber ohne glückliche, abschließende Fügung, denn die Divergenzen gleichen einander nicht aus, wechseln sich nur gegenseitig ab, münden nicht in mildernde Verklärung.

Mit dieser famosen Mixtur aus brachialem Nihilismus und blähbrünstiger Verzückung, die zwischen forscher Entfesselung und fadem Singsang oszillien, erreichten Nirvana einen erstaunlichen Grad an Originalität. Nevermind ist gespickt mit Liedern, die von solcherlei Gegensätzen leben: laut und krachig, dann wieder verhalten und ernst, unter leiser Wehklage zärtlich werbend und endlich doch in sinnlose, blind ausufernde Zerstörung mündend, schlicht und schemenhaft und sogleich wieder griffig und kompakt, hehr und stolz um schließlich doch gedemütigt in die weichen Knie zu sinken. Immer offenbarte sich so die eigene Verletzlichkeit, eine blutende, nur langsam austrocknende, gähnend klaffende Wunde: der Schmerz des Schöpfers selbst. Das alles bar jeder Pose oder Anbiederung, authentisch also im besten Sinne. Der kompakte Sound nebst kurzer Spielzeit zwang zum direkten Hinhören, nur mal reinhören kann man hier kaum. Es spricht für sich, dass der Hexenmeister seine Klampfe nie mit unnötigen Sperenzchen streckte. Die betont schwerfälligen, stampfenden Intermezzi hielt er so ganz rein. Sie gemahnten noch am ehesten an die frühen Black Sabbath, die ähnlich primitiv zu Werke gingen; bei denen wurden die Tore dann allerdings in eine ganz andere Richtung aufgestoßen. Cobain zielte auf einen Punkt, der irgendwo zwischen Raserei und Resignation kulminiert; so roh und rabiat mitunter, das einem, trotz intensiver Death, Doom und Grindstudien, der Atem stockt. Selbst das kann man aus der Nevermind noch deutlich heraushören: etwa, wenn er in ´Territorial Pissings´ auf Metal oder Rock ganz verzichtet und mit schnellem Punk alles niederwalzt, was sich der sinnlosen Orgie in den Weg stellt. Das erinnerte dann an frühere Tage, als die Gruppe noch sehr viel konventioneller drauflos geknüppelt hat. Paradebeispiel ´Negative creep´: hier wird, aufs alleräußerste gespannt, ein toller Gaul förmlich tot geritten – mit Schaum vor dem Maul. Das ist Verzweiflung pur; ungeschützt und ungeschlacht, roh und rotzig. Im Vergleich dazu kommt diese Grundhaltung später – etwa bei ´On a plain´ – fast nachdenklich, ja sinnig herüber. Mit drückenden Eingeweiden, ganz in vegetative Verkrampfung verstrickt, schlägt er, der nicht mehr weiter weiß, alles kaputt, was in der Nähe steht, aber das hilft auch nicht mehr. Statt einer Tobsucht trächtigt ihn die schlichte Traurigkeit. Cobain glich hier schon dem Boxer im Fliegengewicht: bereits in der zweiten Runde ziemlich angeschlagen, hängt er groggy im losen Netz, ganz und gar angeekelt vom Gegner und vom Publikum, und die Kräfte ließen folgerichtig rapide nach. Jede weitere Runde glich der wirklich letzten welchen.

Mit ´Smells like teen spirit´ haben wir immer noch  den treffendsten Beleg dafür, das diese Band den vielen anderen um Meilen voraus war. Man kann das Stück im Nachhinein als kommerziellen Ausverkauf bezeichnen, aber das wäre insgesamt zu billig. Die Müdigkeit, als ein verbrauchtes, Vergeblichkeit zeitigendes Moment, nebst energetischer Verzückung, der jedes Heil abgeht: das hatte man so bis dato noch nicht vernommen und es spricht für sich, das einem das Stück nie wirklich zum Hals heraus hing, wie oft man es damals und später auch hören mochte. In den unverstärkten, akustischen Passagen üben die zehrenden, zweifelnden Phrasen eine stillen Zauber aus, der sich dann – wie anders? – verhalten und verhangen bis zur Explosion steigert. Das alles lebt. Und fand, was Wunder, in die Charts. Aber damit hatte Cobain sein Soll im Grunde schon überzogen, wie sich bereits bei ´Come as you are´, der Nachfolge-Single, zeigt: die schwerfällige, im Anspruch ganz unsinnige, auf schlichte Art monströse Gebärde wirkt hier wie ein seichtes Dahindümpeln durch das entlegene Terrain einer von Mensch und Maus verlassenen, bizarren Unterwasserwelt. Das, was ´Smells like…´ so stark gemacht hat, verkehrt sich dann in dem in manchem Detail ähnlichen ´Heart shaped box´ in sein glattes Gegenteil: hier wankt und strauchelt das Wesen Mensch nur noch mit schweren Gliedern von einem Fleck zu nächsten, saft- und kraftlos, in hilfloser Gebärde, und das betont spröde, spärlich Stück macht im tiefsten Grunde sprachlos. Es spiegelt Cobains Dilemma auf wiederum beeindruckende Weise; wie in einer trüben, traurigen Pfütze. Er hatte, merkt man dieser späten Single an, den Kommerz so satt wie sich selbst; wie alles. Am Ende überstrahlte kein Leuchtfeuer mehr die sich weitende, alles verschlingende Düsternis. Als uns die Gruppe mit ihrem Unplugged Konzert überraschte, war es längst zu spät: die freundlichen, herbstlichen Klänge wiesen wohl auf einen Zustand künstlerischer Läuterung hin, den Cobain indes als Mensch nicht zu halten verstand, weil ihm selbst schon jeder Halt verloren gegangen war, weil schlicht und ergreifend die Kraft, die Ausdauer fehlte. Sein Zorn verpuffte einfach, und die letzten Reste brachen Erregtseins schossen ins Leere. Perspektivlos, ohne Hoffnung oder Ziel: das war die Situation, an der er schließlich zerbrach. Den entscheidenden, rettenden Sprung, der zu mehr Reife und Gelassenheit hätten führen mögen, konnte gerade er nicht mehr tun. -

Ungekünstelt und unverstellt, ohne Tricks und Kniffe bestritt er auch den gesanglichen Vortrag. Den fest umrissenen Akkordmassen, deren simple Harmonik doch brachial und brünstig bordende, monströs anmutende Malströme gebar, gesellte Cobain die passenden vokalen Nuancen hinzu. Er verstand zu wimmern und zu winseln, zu krächzen und zu krakeelen, zu kotzen und mit voller Wucht abzurotzen: zu wispern und zu schreien. Man ist geneigt, von einer einzigen, kranken Depression zu sprechen, die in den Momenten größter Verzweiflung ihren reinsten, wohl auch bedenklichsten Ausdruck fand, während die ruhigeren Abschnitte seinen ewigen Missmut als etwas zutiefst Menschliches offenbarten, den jeder versteht, der einmal den Abgrund der eigenen Seele auch nur geahnt hat. Oft genug kollabierte der Vortrag dieses manisch besessenen Menschen, und keiner konnte das private Unglück anmaßender und überzeugender aus sich heraus pressen. Seine Stimme klang schon ganz früh ausgebrannt und verbraucht, abgewetzt und verschlissen, doch immer auch beunruhigend, ja beängstigend: spätestens, wenn die Stimmung umschlug und er nicht anders konnte als mit schriller, schamlos überspannter Wehklage seinen selbstmörderischen Frust zu erbrechen. Die Stimmbänder hatte Cobain schon bald über Gebühr verausgabt, mitunter aber auch die breite Skala seiner gesanglichen Ausdrucksmöglichkeiten eindrucksvoll unter Beweis gestellt, ohne das es dazu ausgeklügelter Phrasierungen bedurft hätte, über die er ohnehin nicht verfügte: einzig mittels unverstelltem, unvermittelt hervorbrechendem Gefühl vermochte er zu ´treffen´. Bei den Epigonen nahm sich das Cobain´sche Knurren schon sehr viel harmloser aus (die entzückende Gwen Stefanie konnte sich in dieser Sache von ihrem Gatten ein Liedchen singen lassen), wie denn überhaupt die solideren Handwerksgesellen aus dem Seattle´schen Dunstkreis den existentiellen Notschrei in Ton und Gebärde nicht einmal in Ansätzen so direkt trafen wie der grimmige Cobain, der sich, hätte er nur länger gelebt, am Ende wie weiland Van Gogh sicher noch ein Ohr abgetrennt hätte. Mir fällt übrigens in dieser Sache ein noch sehr viel entlegenerer Vergleich ein. Wie eine vorweggenommene Parodie nimmt sich der nervtötende Gesang des frühen Ozzy Ozzborne aus: ein wehleidiger, aufgedunsener Zwitter, irgendwo zwischen beleidigtem Riesenbaby und schwerem Guiness- Schamanen parlierend bzw. kulminierend. Beide leiden irgendwie; jeder auf seine Weise, und man sieht es ihnen auch an. Der eine von beiden lebt (noch immer), der andere hat´s hinter sich gebracht.

Womit wir unseren Blick passenderweise der äußeren Erscheinung zuwenden wollen. Einer zunehmend aufdringlicheren Öffentlichkeit ausgeliefert, deren Omnipräsenz ihn ständig verfolgte, sprach der Blick bald Bände. Cobain wirkte, vor allem ganz zum Schluss, total gerädert; als sei er ständig müde und doch seltsam wach, wie in gespannter Trance, in Erwartung der stündlich hereinbrechenden Katastrophe. Mit stur aufeinandergepressten Lippen gab er seine monotonen Kommentare ab, die der Verzweiflung Vorschub leisteten und ein zunehmendes Desinteresse verrieten. Seine Aussagen gerieten oft zynisch, waren aber anfangs noch diplomatisch angelegt. In summa fassten sie die Verachtung und den begleitenden Verdruss zusammen. Ratlos sann er darüber nach, wie es weiter gehen soll. Er fand keine Antwort. Keine, die Beruhigung, Versöhnung versprochen hätte. Man konnte den Wutstau nachempfinden, der jenseits der starren Fassade den enormen Druck verursachte, welchen er zunehmend unter Krämpfen zu bannen versuchte, was aber missriet: die ganze grenzenlose Verbitterung ist nur so zu verstehen. Stets versteinert und hilflos reserviert habe ich ihn in Erinnerung, auch bei den Shows, worauf ich gleich noch näher eingehen werde. Die meiste Zeit kam er relativ übellaunig rüber, war er irgendwie mies drauf, und das war es auch, was die Leute brauchten, nachdem ihnen die späten Achtziger mit ihren hohlen Inszenierungen endlich zum Halse heraushingen (war es vorher mit Punk und New Wave nicht ganz ähnlich gewesen?). Ich meine, er wirkte doch stets wie ein kleiner Junge, ganz auf sich gestellt, da draußen in der großen Stadt, die ihn mit Dingen konfrontierte, die ihn fertig machten, die ihm voll gegen den Strich gingen, seinem feinen Narzissmus widersprachen. Er wollte, beteuerte er in einem späten Interview, den Ruhm, aber unter Wahrung der Anonymität eines Schlagzeugers. Die Schießbude war schon vergeben. Und das Geschäft scherte sich nicht um derlei feininnige Äußerungen des Gemüts. Cobain ahnte früh den Betrug, der jede Hype begleitet und dann bekam er die Ergebnisse selbst zu spüren, als Erfahrungen am eigenen, klammen, dürren Leib: die begleitenden Wechselbäder, den Spießrutenlauf. Um die Metapher zu vollenden: er selbst war es auch – nackt und verletzlich, getrieben und gedemütigt, am Ende nur mehr in abstoßende, filzige Bärenfelle gehüllt, wie ein Troll aus dem Bergen.

Auf der Bühne vollzog sich eine merkwürdige Kohäsion aus Stärke und Schwäche, Offenbarung und Selbstzerstörung, Erstarrung und Erregung. Hier geriet die nihilistische Wucht zur phonstarken Exhibitionsorgie, und dem völligen Zusammenbruch eilten irrwitzige Raserei, mürrisches Wüten, sinnlose Zuckungen voraus. Die finalen Zerstörungsdadaismen, auf den ersten Blick nur frisierte Retro-Nummern aus der alten Rock´n Roll Kiste, brachten auf den Punkt, worum es eigentlich ging, worauf alles schlussendlich hinaus lief – nämlich auf den totalen, immer wieder hinausgezögerten Genickschuss. Cobain inszenierte sozusagen am Ende einer Show das eigene Hinrichtungskommando, er übte schon mal und nahm vorweg, worauf im Grunde alles hinausflaufen musste. Der tödliche Ernst, mit dem die Band ihre Version von Null Bock und No Future unter´s versammelte Volk lärmte, verlieh den grantigen Exzessen eine gewisse Würde und die saloppe, achselzuckende Gebärde, das schnoddrige, sture Zurschaustellen einer definitiven Scheißegal-Haltung machte sie in letzter Konsequenz dennoch zunichte. Die wilden Ausbrüche waren kaum mehr als vorweg genommene Totalkapitulationen; letzte, viel Staub und Schotter aufwirbelnde exitale Eruptionen. Die Unbedingtheit, mit der Cobain sich, ohne zu täuschen, öffentlich entblößte, ja enthemmte, sprengte noch einmal den Rahmen, der ihm keinen Schutz mehr bot. Er warf den Fans seine brennende Seele wie Dreck vor die Füße und trampelte noch wie ein Berserker selbst darauf herum. Das war weniger ein Veitstanz, mehr eine Art dauernder Urschrei in der losen Zwangsjacke. Die Leute merkten instinktiv, dass da jemand vor ihren Augen vor die Hunde ging, wie ein tolldreister Kamikaze mächtig beschleunigte und an Bord ein Feuer legte: Cobain war der Bruchpilot an Bord einer flammenden Wurfspitze, die zur Fackel im Sturm geriet und rasch verglühte, bevor die Reste Schrott scheppernd zu Boden krachten. So hat er sich vergeudet und verschwendet und vertan: stellvertretend für all diejenigen, die auch gerne mal so richtig und ohne Rücksicht auf Verluste die irre Sau rausgelassen hätten. Er verzehrte sich anstelle derer, die vor einer derartigen Frustralerektion – bis zum Platzen – noch im letzten Moment zurück schrecken. Er hat auf diesem Wege den Schmerz wider jedes bekömmliche Maß ständig von neuem (und ganz vergeblich) aus sich herausgewürgt und das Publikum bekam nie genug von diesen Wehen. Die rituelle Selbstzerfleischung war als Bestandteil einer stets spartanischen, ohne schnöde Schnörkel vollzogenen Performance davor gefeit, zum Manierismus zu verkommen; bis in die schwindelnden Höhen des unerwarteten Ruhmes hat sich die Band so eine gewisse Glaubwürdigkeit bewahrt. Lange, allerdings, hätte man ihnen das auch nicht mehr abgekauft. Der Held sorgte rechtzeitig dafür, dass die Gebärde sich nicht abnutzte. Cobain hatte einen Ekel davor, irgendwie korrumpiert zu werden, er wollte sich durch nichts und niemanden vereinnahmen lassen und so wollte, musste er am Ende abstürzen, sollte die Weste rein bleiben. Bloß nicht wie Pete Townshend enden. Sein grimmiger Humor, der nie in rettende Ironie umschlagen wollte, geriet bei den Konzerten zur verquälten Sondereinlage, etwa, wenn er bei Top of the Pops den Reißer ´Smells like…´ zu einem muffigen Abgesang herunterschraubte – Gruft meets Blödelbarde. Ich fand das gar nicht übel, aber die meisten legten es ihm fälschlich als Arroganz, dümmer noch: als unprofessionell aus. Auch die handwerklichen Mängel passten bestens in das flatternde, mitunter komische Gewand; richtig gut spielen konnte keiner von den dreien. So streckte Cobain den Mythos Rock´n Roll nieder: mit ein paar lausigen Akkorden, gelegentlichen Spielfehlern und einem Höllenfeedback – bis dato waren das alles nur noch Klischees gewesen. Wenn sich bei weiland Jimi Hendrix Wut und kühl kalkuliertes Showgebaren die Waage hielten, dann war bei der Cobain´schen Hau-drauf-Orgie, die er nicht selten aus Langeweile vorzeitig abbrach, die schiere Verzweiflung wegweisend; er wusste dann wohl um den nutzlosen Abklatsch, den er da praktizierte und probte umso bärbeißiger den sinnlosen Aufstand. Und warf, lustlos, einen Verstärker um und die Gitarre beiseite und schlich von der viel zu großen Bühne; wie´n müder Hund. Wenn ihn, wie zu vermuten steht, wirklich die meiste Zeit alles abstieß und keinen rechten Spaß mehr machte (seine Wut nährte sich aus schwach umfieberter Eiseskälte und umgekehrt), dann war dies ein aufrichtiges Bekenntnis in Sachen Gereiztheit, Desillusionierung und Kapitulation. Das war eben sein Stil, ein anderer verfing nicht mehr. Vielleicht waren die Sternstunden nur ganz seltene Ausnahmen und eine trübe Sonnenfinsternis die Regel. Man könnte annehmen das ihm – wie allen, die bis zum Äußersten gehen – zum Schluss nichts mehr übrig blieb; er hatte es, wie weiland Jim Morrison in einem letzten Gedicht befand, einfach weggepisst – alles. Nobler gesprochen: in alle Fernen fortgejagt, von fremden, kalten Winden getragen. Kurz vor seinem Tode gab Cobain bekannt, das er jetzt sein Leben bis zur Neige auszukosten gedenke; da hatten ihn aber schon sämtliche Geschmacksnerven verlassen. Die traurige Wahrheit ist, das von den knapp zweieinhalb Jahren Ruhm und Ehr´ auf unterschiedliche Art und Weise fast jeder etwa hatte, nur er wohl nicht. Für ihn wird es schnell die Hölle gewesen sein, körperlich und emotional. Er befand sich am Ende in einem Vakuum, einer Blase, groß genug, um sich darin noch eine Weile treiben zu lassen: immer tiefer, immer weiter, bis das Gummi platzt. Als es mit der Hype losging – der übliche Ausverkauf, die Riesenverarsche – da wurde ihm, auch wenn er das zunächst nicht ganz wahr haben wollte, bewusst, was für ein Witz alles war und er litt unsäglich daran, weil er richtig zynisch wohl nicht sein konnte. Cobain war eben unfähig, das Ganze mit einem souveränen Lachen zu quittieren. Das lag ihm nicht.

Das konnte nicht lange gut gehen. Unser Held weigerte sich stur, den einen oder anderen Burgfrieden zu schließen. Blies zum einsamen, von vornherein verlorenen Sturm. Jede noch so protzige, breitwandige Festung provozierte sein Gemüt, das sich in verquälten Zuckungen wand. Um es salopp zu formulieren: dieser Mensch konnte nicht erwachsen werden; mit allem, was billigerweise so dazu gehört. Er sah sich außerstande, von gewissen Maximalpositionen abzurücken. Man hat ihm eine Art Gefühlsfundamentalismus nachgesagt, und in gewisser Weise war das der einzige Glaube, den er litt. Einfach Kompromisse schließen, sich arrangieren und das Beste aus einer Sache machen, die sich nicht wandeln, nur stetig ändern lässt (auch da gibt es keine Garantien), langsam ruhiger und entspannter werden, die Dinge endlich in milderem Lichte betrachten, alles etwas lockerer nehmen und dennoch mit der Arbeit fortfahren, also: einfach weiter machen – lag ihm nicht. Er hatte auch keine Ideale mehr, aber seine heimlichen Illusionen ließen ihm nie Ruhe; pochten auf ihr Recht, dass er am Ende vollständig verwirkt, entwertet, erledigt sah. Er hatte das Spielchen durchschaut, aber davon taten ihm nur die Augen weh. Er wusste um die üblichen Handgriffe, aber die eigenen zitterten vor Erregung. Vom bloßen Mitspielen wurde ihm speiübel. Das ganze professionelle Gehabe derer, die unbekümmert mittaten, war ihm ein Graus. Je unseliger er über einfache Wahrheiten und feste Tatbestände nachgrübelte, deren simples ´So-Sein´ er nicht länger ertrug, desto stärker rebellierte der ganze dürre, Heroinverseuchte Leib. Meist drehte sich ihm, nach eigenem Bekunden, der Magen um. Er reagierte physisch wie psychisch extrem. Der Kummer lag schwer auf der Seele. Die Frustration, von der in seinem Falle wiederholt die Rede sein muss, grub sich verräterisch und unbarmherzig in dieses Gesicht ein, das damals von unzähligen Postern und Zeitschriften eher verdrossen, verstohlen und lauernd auf den ahnungslosen Konsumenten herabsah. Mit weit geöffneten, starren Augen sah er uns an; weniger fragend, mehr zweifelnd. Stumm und stier starrend, blickte dieser arme Mensch an allem und jedem vorbei – ins Nichts. Der Meute war er ein Held; sie waren ihm nur zum Kotzen. Er wird denn auch das Meiste an Wut und Verzweiflung jenseits anstehender Auftritte zäh in sich hineingefressen haben, und wenn er die resultierende Verbitterung schließlich bis zur Halsentzündung aus sich rausgeschrien hatte, dann malträtierte er, neben den Verstärkern und der zur Verfügung stehenden Klampfe, hauptsächlich sich selbst. Indem Cobain allen Gram wieder und wieder, stets von neuem in sich hinein schluckte, verabreichte er sich selbst tausend kleine, fiese Nadelstiche, und wenn er, im umgekehrten Falle, den Seelenmüll unter viehischen Klagelauten fort spie, ihn abließ wie einen kalten, knarrenden Riesenfurz, folgte die endlose Öde. Nirvana – der Name passte wirklich.

Dieser Mann litt unter einer ganzen Reihe innerer Widersprüche. Und konnte die wesentlichen, grundsätzlichen Wahrheiten im Leben nicht akzeptieren. Er kämpfte gegen die Windmühlen des Kommerz wie ein vorzeitig ergrauter Don Quixote, und sein in Ansätzen zynisches Ich, ein schwacher, tattriger Sancho Pansa, kicherte verstohlen und verräterisch, ohne den Ritter von der traurigen Gestalt nachhaltig damit beeindrucken zu können. Zwiespalt zeitigt entweder dialektische Aussöhnung oder divergierenden, dauerhaft tötenden Schmerz. Cobain fehlte schließlich, glaube ich, das Fundament, diese Welt so zu ertragen, wie sie nun einmal ist. Ihm fehlte schlicht der Boden unter den Füßen, auch der weiche Teppich, den er sich selbst beizeiten weggezogen hatte. Die kommerziellen Erfolge befeuerten sein hoffnungsloses Aufbegehren gegen einen Popzirkus, der ihm überhaupt erst ermöglichte, all sein Sehnen und Schmachten irgendeiner Gemeinde transparent machen zu können. Die Schar der Bewunderer wuchs, aber das Selbstbewusstsein des Meisters schrumpfte mit der Anbetung, die man ihm entgegen brachte. Das alles nahm sich im Zuge rücksichtsloser Verwertungslogik kläglich aus und in diesem Zirkus begriff er sich als tragischen Clown: ein armer Fiedler, der die schmerzverzerrte Maske wie einen einzigen Hohn mit sich herumtrug. Als einer gegen alle und alles. Da hatten sie ihn auch längst alle im (Würge)Griff: die Fans, die Medien, die Industrie – die Meute. Das Räderwerk lief auf Hochtouren. Und er, der Star, nur immer hinterher. Er wusste wohl genau, was er nicht wollte, nicht sein konnte – das wissen moralische Menschen mit Marter im Leibe immer ganz genau – aber was er dann machen sollte, als ihn die Wirklichkeit eingeholt hatte, wusste er noch weniger als irgendetwas sonst. Wenn solchen wie ihm der eine, der hohe ethische Anspruch missrät, wenn er zwischen den Fingern – den fahrigen – wie Sand zerrinnt: was dann? Wenn das hehre Ideal zerbricht, indem es schon an den vielen kleinen, niederen Gemeinheiten kaputtzugehen droht, und wenn diese moralischen Menschen dann selbst in den Kreislauf geraten, der sie der breiten, banalen Öffentlichkeit ausliefert, dieser seelenlosen Masse Mensch: dann droht endlich die selbstverschuldete Stunde der Wahrheit. Wenn man schließlich alles nur noch mitmachen muss, ohnmächtig und ohne echte Alternative, dann geht schließlich auch der Schuss nach hinten, sprich: gegen einen selbst los, und in einem seltsam lichten Moment paaren sich Resignation und Erregung zu einer unheilvollen Allianz, und alles Übrige, alles Gewesene gleicht einer abgelaufenen Hypothek.

Dann war er also tot; hatte sich mit einem lauten, hässlichen Knall aus dem Diesseits verabschiedet. Er nahm den Grunge gleich mit. Diese Melange aus Metal, Punk und etwas Wave schob sich für kurze Zeit wie ein wälzender Lavastrom über die leer gegrasten Weiden einer saturiert und selbstgefällig vor sich hindümpelnden Unterhaltungslandschaft. Konkurrenz belebte den Popzirkus seit je, und immer wieder kam und kommt es zu lokalen Ereignissen, die mächtig Wellen schlagen. Das Seattle´sche Intermezzo war wohl, in etwa zeitgleich mit dem Aufkommen von Techno, ein vorerst letztes, halbwegs authentisches Ereignis in Sachen Rock und Pop, und es ist kein Zufall, das seither die geklonten Projekte den inflationären Reigen in Gang gebracht haben und unvermindert die Szene (die Szene?) dominieren. Hip Hop oder Black Music konnten eine gewisse Originalität beanspruchen, sind aber mit der notorischen Verkaufsmaschinerie sehr viel lockerer und selbstverständlicher verwachsen als die zahlreichen Vorläufer, deren Habitus immerhin mehrdeutig blieb. Ob sie auch wirklich authentischer waren bzw. blieben? Dem Sog des Kommerziellen entging keine ´Bewegung´ und auch der Grunge konnte erstaunlich zügig und zunehmend reibungslos integriert werden. Die Hype hob schnell alles in ein schiefes, dennoch bunt schimmerndes Licht, dessen schale Blendkraft jedem Auslaufmodell den letzten, schon ermattenden Glanz verleiht. Überhaupt eignen sich der Grunge und sein Abgott vorzüglich, um gewisse, stets wiederkehrende Abläufe zu verdeutlichen, die nur solchen übel aufstoßen, die auf ihr privates Luftschloss nicht verzichten können oder wollen. Anfangs, an der Peripherie, scheint alles noch ganz unberechenbar, wie im Fluss, der nur seinen eigenen Läufen folgt, aber sobald gewisse Strömungen gezielt umgeleitet und kontrollierte Flutungen eingeleitet werden, gleicht die Szene schon einer überschwemmten Binnensenke, von der monströsen Talsperre geschirmt, die jeden letzten Tropfen sichert. Von den quirligen Läufen keine Spur mehr – Land unter. Die ganze Choose quillt über, und es ist automatisch viel Unrat, Dreck dabei. Anders formuliert: alles, was Verkaufsträchtig scheint, greift die Industrie auf, und die originale Vielfalt verreckt im Monokulturellen Einheitsgefilde, deren öde Ableger enorme Absätze garantieren. Auf diese Weise ebnet ein Agrar-Konzern wie Monsanto weltweit mittels getürktem Saatgut die regionalen Vielfalten ein.

Der Ideenreichtum, den die Szene in und um Seattle zu bieten hatte, schien kurzfristig in aller Ohren und erstickt rasch am üblichen Verwertungsprozess. So nutzte sich das Modell rasch ab, wurde öde, austauschbar und plakativ; sein eigenes Plagiat. Anfangs brummt das Geschäft. Der schnöde Ausverkauf duldet keine zeitlichen Verzögerungen. Beschleunigung geht über Entwicklung, Kommerz kommt vor jeder Kunst, haben sich die Vorzeichen erst einmal gewandelt. Das war schon immer so. Einspruch zwecklos. Den wagt auch keiner mehr. Gewisse Moden und Trends biedern sich mittlerweile längst in Echtzeit an, verbrauchen sich also noch schneller und können, je nach Bedarf, recycelt werden. Cobain spürte etwas davon; und er verzieh es sich nie. Mitgegangen, mitgehangen. Diese resolute Grundhaltung war dem eigenen künstlerischen Selbstverständnis geschuldet. Ihm, dem alles schnuppe war, stach stündlich die Erkenntnis, das der Industrie nichts heilig ist. Sie funktioniert auf ihre Weise anarchisch, aber wie geölt. Und an Typen wie Cobain, die darunter noch innig leiden, erkennt man den Zwiespalt des Menschseins sehr deutlich; als Messer, das sich tief ins Fleisch schneidet. Wo Anspruch und Wirklichkeit divergieren gerät die lautere Seele in Fehde mit sich selbst. Das macht, jenseits der lärmenden Erscheinungen den stillen, stummen Adel aus, den die Ausnahmen, die ´Besonderen´ wie ein schwere Mitgift tragen. Um daran zu zerbrechen. Oft schon lange vor jeder möglichen Entfaltung oder gar ´Blüte´. Was muss nicht alles zusammen kommen, soll wirklich einmal etwas ganz Eigenes zu einem Großen, Hehren wachsen, von der breiten Masse weniger verstanden als baff und blöd bestaunt. Unser Held hielt eine Weile mit; und alles aus. Womöglich war gerade Cobain der vorerst letzte Beweis, das im Trivialen (Unterhaltungsmusik kann beides sein: trivial und außergewöhnlich) jedes noch so sensible Pflänzchen nicht zwangsweise in ersten Ansätzen verkümmern muss oder in der Anonymität schnell wieder verblüht: totgeboren, totgestorben. Es ist aber der Zeitgeist, der den Dünger liefert und die zarten Keime gründlich mordet. Wie gesagt: dieser Mensch verwand das nicht.

Heute werden die Marken schon im Vorfeld klarer gesteckt und statt eines spielerischen Umgangs lernen die Epigonen früh, professionell ´mitzuspielen´. Der Zwiespalt zwischen Establishment und Subkultur, die ganzen ehedem so kühn verkündeten Gegensätze sind längst aufgeweicht, zum Teil bereits diskret beseitigt worden. Das muss man nicht unbedingt schlimm finden. Diese ´Bereinigungen´ schließen im übrigen gewisse Einzelfälle, als Ausnahmen, nicht aus. Unterschiedliche Formen narzisstisch ausgelebten und kühn verkündeten Protests hat die gut geölte Maschinerie zwar längst absorbiert, und immer halbherziger, harmloser, oberflächlicher geraten die Spleens und Attitüden; wären sie nur ein klein weniger forscher, fielen sie ganz durch. Doch fallen immer wieder ´Spätlinge´ durch´s Netz. Masche und Kalkül kreieren derweil einen Einheitsbrei, der zunehmend ungenießbar scheint. Heute ist die ganze Szene auf unterschiedliche Weise mit dem Kommerz verschmolzen, und der kapitale Überbau, der ihr seit je die große Bühne bot, bricht so schnell nicht weg. Rebellion und Auflehnung sind nur flüchtige, mitunter fade Reflexe auf einer insgesamt leeren, austauschbaren Großleinwand. Die totale Selbstverwirklichung erscheint hier eben auch nur als eine weitere, verwertbare Form, und die begleitenden Attitüden lassen sich locker an den Mainstream anpassen und alle divergierenden Bemühungen laufen nach einer Weile mit auf jener klaren, wiewohl krummkantigen Linie, die wie ein Magnetstreifen jeden Impuls aufgreift und nutzbar (also: zu Geld) macht. Alles wird so in die Bahn gezwungen.  Mainstream or Independent? Is all the same. Auch im Netz. Auch auf You Tube. Jeder kann mal, darf mal, kost nix – kräht schon bald kein Hahn mehr nach. Illegale Downloads haben den Konzernen enorme Verluste verursacht, aber die Verwertungslogik ist dieselbe geblieben und es kann nur eine Frage der Zeit sein, bis der Rubel auch auf den neuen Strecken wieder rollt. So läuft das, so ist da eben. Daher auch die Ratlosigkeit derer, die irgendwie cool bleiben wollen. Deren mühsame Manierismen wirken eher komisch, kläglich. Die totale Beliebigkeit bei umfassender Unübersichtlichkeit bietet heute ganz bewusst keine Probleme mehr. Man könnte sagen: sie stehen nicht mehr zur Disposition. Cobain nagte noch an Zweifeln, die in der Branche mittlerweile keinen mehr umtreiben. Das machte ihn noch einmal einmalig; unverwechselbar. Er war einer der Letzten, die den eigenen Kontrollverlust in Momenten höchster Verzweiflung wie ein umgedrehtes Opiat auskosteten: eines, das mehr aufpeitscht als ´runter´ bringt. Das zog gewaltig und hat ihm den Rest gegeben. Die Hype war etliche Nummern zu groß für einen ihn: der Stress, die Massen – die vielen, allzu vielen Möglichkeiten, deren jede einzelne nur zusätzliche Atemnot erzeugt. Zwischen Planung und Vollzug eingeklemmt, von einem Termin zum nächsten eilend, keuchte sich unser Held zu Tode.

Cobain war und ist also, Irrtum ausgeschlossen, fester Bestandteil eines Konsumvergessenen, strikt merkantil justierten Spuks: als Erlöser oder Penner von der Straße, als Vorbild oder Feindbild, alternativer Kaputtnik oder intellektueller Paradiesvogel im Gossenverschnitt. Derlei Zerrbilder ließen sich schon damals gut verkaufen, und die Ikone verbürgt den Erfolg. So auch dieser Tage wieder. Derlei leidige ´Jubiläen´. Bei diesen Gelegenheiten tauchen auch immer – wie von Zauberhand – letzte Tapes auf, die sich so gut verkloppen lassen wie die nachlässig getürkten Erinnerungen der Zeitzeugen, deren Anekdotenschätze mit der Plautze und dem Hüftgold nachwachsen. Da wird pünktlich an passenden Hommages gebastelt, die immer oberflächelicher, Klischeebeladener daher kommen, werden dem Betrachter die üblichen Videos oder frisierte Konservenschnipsel um die Ohren und gehauen und sicher ist nur eins: einige wenige kassieren noch einmal richtig fett ab. Das zählt noch immer – mehr denn je. Das sie ihn schon zu Lebzeiten zu einem Idol (v)erklärten, war ihm ein echter Graus, obschon sich ein Teil dieser kranken Seele heimlich danach verzehrte – und sei´s bloß als Kotzvorlage. Er, der mit den Zukurzgekommenen, den gescheiterten Existenzen und total ´Fertigen´ kokettierte und zuinnerst wohl auch so einer gewesen ist, er war – über Nacht – zum steinreichen Vorzeigepunkrockoberguru geworden: zu viel für einen ihn. Sie machten auch aus ihm das blöde Idol, den Grunge-Gott, der besoffen über den Wassern schwebt, wo er doch in Wahrheit stündlich absoff. Er hielt nicht mit, weil er´s gar nicht konnte und nicht wollte und weil ihm eben seine Sensibilität, die dauernde Dünnhäutigkeit dabei im Wege stand. Es gab und gibt Typen wie David Bowie oder Mick Jagger, die den Glamour und das gleißende Scheinwerferlicht als Stimulanz sehr nötig haben, einen entsprechend koketten Umgang pflegen und sich mit dem Phänomen endlich arrangieren. Und es gibt solche wie Cobain, die darob umso inniger in grüblerische Schwermut geraten und daran zu Grunde gehen. Und wenn Mick Jagger, der Urgroßvater, seinerzeit feststellte, das es so wohl kommen musste im Falle Kurt Cobain, dann wusste er das aus eigener Anschauung, weil er in einem langen Rock´n Roll Leben einen ganzen Haufen Leute zugrunde gehen sah; alles solche, die ebenfalls außerstande waren, die Notbremse zu ziehen. Randfiguren, Titelanwärter und tragische Helden. Wie Cobain. Den spülte eine Laune der Geschichte nach ganz oben; es war halt wieder so weit. Und er nutzte die Gunst der Stunde, indem er der ganzen Seattle Bewegung ohne Umschweife den würdigen Kopfschuss verabreichte: erst hat sie ihn gemacht, dann ist sie durch ihn zur ganz großen Mache geworden, und dann konnte keine Macht der Welt mehr den großen Ausverkauf stoppen, der so absurd, so grotesk geriet, das unser Held wie ein belämmerter Idiot auf der letzten Woge in den Untergang segelte. Mit Kurt Cobain und seiner Band kam noch einmal alles zurück, um im groben Schnellverfahren rücksichtslos gemeuchelt zu werden: der Hass, die Geschwindigkeit, der schnelle Ruhm und das große Geld – der unselige Rest. Cobain passte – obschon unfähig zur Assimilation – ganz hervorragend in den Kontext: er war so etwas wie ein hochsensibler, dünnhäutiger Dandy zum Abwinken, ein Decadent, der als Gallionsfigur für die Vielen und die Wenigen gleichzeitig herhalten musste. Am Ende hat´s ihm gereicht. Es reichte noch zur Betätigung eines Auslösers und zum Bekrickeln eines Papierfetzens. Es reichte auch schon vor dem grausigen Ende zum Mythos und das hat er wirklich gehasst, als ihm schon alles am Arsch vorbei ging. Die fette Konsumvorlage ´Kurt Cobain und Nirvana´ peppte den Magen auf, machte Appetit auf mehr und brachte den, der gemeint war, nur noch zum Reihern. Zur Verzweiflung eben – dem folgte das endgültige Schweigen. Der Künstler hat das in einigen Videos schon vorweggenommen, immer am Ende des Werkes: das manische Grinsen, sich steigernd – dann erstarrte die Maske. Er hielt sich auch früh die Knarre in den Rachen. Oder den Zeigefinger an die Schläfe. In der Restrospektive erscheint alles auf fast gespenstische Art und Weise vorherbestimmt; nahezu zwangsläufig und unausweichlich. Er plante die eigene Katastrophe so gut es ging.

Vielleicht wollte er sich gar nicht umbringen, als es gerade so weit war. Er hatte, wie gesagt, schon vorher oft genug damit kokettiert, ständig davon gefaselt. Kann sein, das ihm halt wieder danach war. Muss aber nicht. Vielleicht wollte er sich mit seinem Abschiedszettelchen bloß von der Band und einer breiten, bauschen Öffentlichkeit verabschieden. Aus einem ähnlichen Grund ging weiland Jim Morrison nach Paris. Er landete tot in der Wanne. Cobain ging gleichsam baden. Vielleicht hat er – das würde zu ihm passen – in einem spontanen Anfall depressiver Ekstase einfach abgedrückt und fertig. Peng. So knall auf Fall, könnte man sagen. Vielleicht wand er sich noch einmal wie ein Aal. Und zögerte das Ende umständlich heraus. Wer weiß.

Natürlich stellt sich auch im Falle Kurt Cobain die Frage, was denn unter Umständen noch aus ihm hätte werden können oder sollen, wenn es diesen Tag X (oder deren mögliche weitere) nicht gegeben hätte. Wäre aus dem einstigen Prunkstück der Seattle´schen Welteroberungsflotte ein schrottreifer, mühselig vor sich hindümpelnder Kenterkahn geworden? Hätte Cobain das feist und fade, das abgemagerte Zerrbild seiner selbst auf mühselige Weise perpetuiert? Irgendwo zwischen einem fettbäuchigem Brando und dem in diversen Vororten herumhurenden, total versoffenen Bukowski? Diese Typen sind ja, solcherart fortlaufend kapitulierend, noch ordentlich in die Jahre gekommen. Hätte Cobain das Leben auf der Überholspur noch eine Weile fortgeführt, um endgültig zu einer Ruine zu verkommen, deren Reste nur abseits schmucker Siedlungen vor sich hinbröckeln, von freundlichem Farn, von der Erinnerung überwuchert? Wäre er verrückt geworden? Hätte er sich versteckt wie weiland Syd Barrett? Oder wäre er, so ab Anfang dreißig aufwärts, doch noch zur Vernunft gekommen? Dann hätte sich vielleicht mit den Jahren alles eingerenkt, und es wäre folgerichtig um ihn und die Band sehr viel ruhiger geworden. Damit hätte er dann aber auch unfehlbar den eigenen Nimbus eingebüßt. Ein zweiter Dylan oder Clapton wäre aus ihm kaum geworden. Im Übrigen sind das wilde Spekulationen; mehr nicht. Dazu zählt auch die Behauptung, mit ihm sei nun endgültig der Rock´n Roll vor die Hunde gegangen: die Grungebewegung als Abschiedstournee eines Mythos. Aber hätte man das nicht auch schon vom Elvis Presley sagen können, lange, bevor der in Las Vegas ein abgetakeltes Publikum mit aufgedunsener Vorderfront und glitzernder Pomade bei Laune hielt? Oder von den Stones, die vor über dreißig Jahren beschlossen, die längste Abschiedtour aller Zeiten in die Wege zu leiten? Leises Schaudern überkommt einen, wenn man in diesem Zusammenhang an Blondie oder die Sex Pistols denkt, deren Comebackversuche zwischen Grauen und Groteske erodierten. Man stelle sich das vor: Kurt Cobain, Mitte Vierzig, milde lächelnd (oder senil sinnend?) stimmt ´Territorial Pissings´ an und fällt danach (oder mittendrin) kollabierend von der Bühne: die Pumpe oder das Herz; wer weiß. Die Zukunft steht, mit oder ohne Nirvana, in den Sternen. Da oben, im Gefunkel, wird sich auch unser Held immer mal wieder zeigen: auch er in Form eines Kometen, der den vorgeschriebenen Bahnen folgt und beizeiten etwas näher rückt, bevor der Schweif wieder verblasst, weil der Brocken erneut im Dunkel versinkt.

Zum Schluss noch ein paar Bemerkungen, was seine kurze Ehe betrifft; ferner hinsichtlich gewisser Vergleiche – jene betreffend, die den Olymp des Rock schon etwas eher erklommen.

Die Heirat mit Courtney Love passte wohl ganz gut in das monströse Klischee, das ihn umgab und, gleich einem teuflischen Netz, in weitere Widersprüche verstrickte, überhaupt jeden weiteren Schritt unterminierte und ihn schließlich endgültig zum Straucheln brachte. Privat passte es bald vorn und hinten nicht mehr. Sie hatten beide einen Knall zu viel weg und da war es, behaupte ich, nur eine Frage der Zeit, bis es richtig knallte. Ob das zu billig ist, es so platt heraus zu sagen? Aber spontan tut einem vor allem das Kind leid; Kinder sind immer die eigentlich Leidtragenden in so einer Sache. Und müssen schon früh für alles Mögliche herhalten. Wenn es überhaupt einen Sinn gibt, maulte Cobain, dann ist sie das. Gemeint war die Tochter; das Baby. Was soll man dazu sagen? Und was sagt das über den aus, der das so sagte, bevor er alle weiteren ´Termine´ endgültig und für immer absagte.

In John Lennon hat Cobain, entfernt, einen Vorgänger, den, umgekehrt, die Ehe gerettet haben wird. Aber auch ihm blieb es nicht erspart, das sie zu Lebzeiten einen Heiligen aus ihm machten. So auch unser Held: aus einem fleischlich-sterblichen Häuflein Elend mit heiseren Verstimmungen wurde rasch ein Maharishi Mahatma Cobain; aus einem ratlosen Gesell der James Dean des Punkrockrevivals. Seither halten die einen ihn für einen Waschlappen, die andern huldigen einer Verkaufsträchtigen Grimasse. Von der heutigen, pragmatischen Internetjugend kennen ihn wenige. Aber vielleicht kommt dann irgendwann wieder eine andere Generation zum Zuge, die den Helden von Herzen für sich entdeckt; dann rollt auch der Rubel wieder: Like a rolling stone.

(erstmals Ende 2001)

Shanto Trdic, 25.03.2014

 

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