Breaking New

Um von der Nordeifel nach Wittlich zu gelangen, muss man durch die kleine Gemeinde Bongard fahren, welche 256 Einwohner beherbergt und sechs Kulturdenkmäler aufweist. Bongard liegt zwischen den beiden blinden Enden der Eifelautobahn, die noch einige weitere Jahrzehnte ihrer Vollendung entgegenschmachtet. Vom Norden kommend sieht der vorsichtige, der Eifelkurven kundige Fahrer am südlichen Ende des Kulturstädtchens zur linken Hand einen Schäferhund vor einem großen Haus sitzen, der bis zum Eintritt der Dunkelheit auf seinen Herrn wartet. Auf die Eifeler ist Verlass, auch auf ihre tierischen Gefährten.

Der neugierige Leser will nun wissen, wozu ein Nordeifeler sich den Strapazen unterzieht, Wittlich in kaum zwei Stunden aufzusuchen, da doch der Eifeler, wozu auch der Nordeifeler gehört, derart heimatverbunden ist, dass er jegliches unnötige Verlassen seines Dorfes vermeidet. Doch Wittlich ist eine Reise wert! Die Mehrzweckhalle Eventum in Wittlich bietet Platz für die größtmögliche Anzahl von Besuchern des Eifel-Literatur-Festivals, welches alle zwei Jahre stattfindet.

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Als letzter Schriftsteller des Eifel-Literatur-Festivals 2014 tritt Frank Schätzing am 24.10.2014 auf, um sein neuestes Buch „Breaking News“ vor der Verfilmung multimedial mit vielen und lauten, nicht immer angenehmen Geräuschen vorzutragen. An seiner Seite zelebriert die israelische Sängerin Ofrin ihre Lieder in Hebräisch und Englisch. Über 1100 Zuhörer halten den Atem an. Kaum sichtbar in der großen dunklen Halle liest der Schriftsteller Passagen seines Thrillers vor, hervorgehoben und unterbrochen von Klängen, die die Zulauscher in den Orient entführen. Die Geschichte zerrt an die Nerven – ich empfehle, das Buch zu lesen. Ofrins Lieder sind unverwechselbar. Schriftsteller und Sängerin ergänzen sich wunderbar.

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Schätzing berichtet über seine Erfahrungen, die ihm in Israel und in der Westbank entgegengeschleudert worden sind. Er ist lange genug dort gewesen, damit alle seine Vorurteile über Land, Leute und Politik zusammengebrochen sind, jedoch zu kurz, um alles zu verstehen und die hintersten Hintergründe kennen zu lernen. Der Autor glaubt fest an den friedlich Ausgleich zwischen Juden und Araber.

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Er gibt sympathische Witze wider, die die Bewohner des Heiligen Landes sich über ihre eigenen Landsleute erzählen, ob sie nun Juden oder Araber sind.

Wie viele Araber braucht man, um eine Glühbirne zu wechseln?

Keinen! Die Araber bleiben im Dunkeln, um die Juden zu beschuldigen.

Stromausfall in der Westbank!
Abbas bleibt im Fahrstuhle stecken, Arafat auf der Rolltreppe.

Die Jüdischen Witze sind deutsches Kulturgut und bedürfen keiner gesonderten Erwähnung.

In Wittlich gibt es eine große muslimische Gemeinde, Ahmadiyya Muslim Jamaat, die Teil der islamischen Reformbewegung aus Indien ist. Diese moderaten Muslime bemühen sich um gute Beziehungen zum Judenstaat Israel, weshalb sie von den übrigen, meist sunnitischen Muslimen in der Westbank und vor allem im Gazastreifen bedroht werden. In Deutschland und in Wittlich werden die indischen Muslime von den Mehrheitsmuslimen wohl aus theologischen Gründen gemieden, zusätzliche politische Gründe sollen nicht ausgeschlossen werden. Während in der Halle die meist zahlenden Zuhörer friedlich Schätzings und Ofrins Worten und Klängen lauschen, streiten sich im gebührenden Abstand vor der Halle Polizei mit mehreren Dutzend Jugendlicher der Ahmadiyya beinahe friedlich über einen Zugang zum Eventum.

Der Nahe Osten ist überall. Auch in Wittlich in der Eifel.

Veröffentlicht unter

https://www.freitag.de/autoren/anti3anti/breaking-news

http://www.huffingtonpost.de/../../nathan-warszawski-/naher-osten-eifel-wittlich_b_6057274.html

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Der Friedensnobelpreisträger 2014 Kailash Satyarthi

Kailash Satyarthi, der sich gegen Kinderarbeit in Indien einsetzt, erhält als erster Inder den Friedensnobelpreis FNP. Der Kinderrechtler ist zusätzlich Träger des Aachener Friedenspreises AFP 1994. Die Mitglieder des AFP freuen sich riesig.

Nun ist der AFP nicht die einzige regelmäßig in Aachen verliehene wertvolle Auszeichnung. Neben dem Ehrenpreis der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Aachen e.V. DIG, der an Freunden des Judenstaates vergeben wird, vegetiert der politische Aachener Karlspreis – aut vice versa. Nun gibt es auch Karlspreisträger, die mit einem Nobelpreis beehrt wurden. So erhielt Sir Winston Churchill
 den Karlspreis zwei Jahre nach dem Literaturnobelpreis, der gegenüber dem politische FNP einen nachprüfbaren Wert darstellt. Bisher ist es keinem Ehrenpreisträger der DIG gelungen, einen Nobelpreis zu ergattern.

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Bevor wir uns Gedanken machen, warum DIG-Ehrenpreisträger keine Nobelpreise erhalten, wenden wir uns dem indischen FNP-Träger zu. Die US-konservative NBCNEWS hat unter

http://www.nbcnews.com/news/asian-america/not-all-indians-are-celebrating-kailash-satyarthis-nobel-prize-n227676

ihre Verdächtigungen veröffentlicht, warum einem Inder 2014 der FNP nachgeschmissen wird. Zunächst ist der FNP alleinig der jungen Malala Yousafzai aus Pakistan zugedacht gewesen. Sie wird mit dem FNP ausgezeichnet, da sie das Verbot orthodoxer Muslime zum Schulbesuch von Mädchen missachtet hat und deswegen aus nächster Nähe von einem pakistanischen Taliban durch Schüsse in Kopf und Hals schwer verletzt wird.

Dem Norwegischen FNP-Komitee reicht das missachtete Verbot zum Schulbesuch von Mädchen in islamischen Ländern durch fromme Muslime nicht aus. Ansonsten hätten Millionen von Mädchen jährlich einen Anspruch auf einen FNP. Dass Malala von einem Taliban lebensgefährlich angeschossen worden ist, ist für das Norwegische FNP-Komitee weltpolitisch akkurat ein Grund, keinen FNP zu vergeben. Mann könnte nämlich daraus schließen, dass der FNP deshalb vergeben wird, weil ein gottesfürchtiger Salafist sein Ziel verfehlt hat. Der Grund zur Vergabe des FNP ist der Kombination aus verbotenem Schulbesuch für Mädchen und dem missglückten Anschlag geschuldet. Trotzdem ist sich das Norwegische FNP-Komitee bewusst, dass die Vergabe des FNP in Zeiten der weltweiten Islamophobie politisch nicht korrekt ist. Deshalb ist ein weiterer Kinderrechtler gesucht worden, um die Bedeutung des FNP abzumindern. Ein lückenbüßender indischer Hindu, der erklärte Feind muslimischer Pakistanis und Liebling westlicher NGOs ist, wird gefunden, um den FNP gerecht zu teilen. Dass der Hindu nicht gläubig ist, ist lediglich der Beweis dafür, dass nichts auf Erden perfekt ist. Dass Kinderarbeit in Indien (und Pakistan) Bestandteil des wirtschaftlichen Lebens ist, ist ein weiterer Grund, den FNP auszuloben, im sicheren Wissen, dass sich dadurch für die betroffenen Kinder Indiens und Pakistans in absehbarer Zeit nichts ändern wird.

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Haben DIG-Ehrenpreis bepreiste Israelfreunde überhaupt eine Chance auf den Erhalt des FNP? Ist ein Nobelpreis, gar der FNP, ein wünschenswertes und ethisches Ziel für DIG-Ehrenpreisträger, unabhängig davon, dass sich die DIG bei einer FNP-Verleihung an einem DIG-Ehrenpreisträger riesig freuen würde.

Die DIG steckt also in einem Dilemma. Was ist zu tun? Entsprechend Churchills Karlspreis könnte sich die DIG bemühen, (F)NP-Träger als DIG-Ehrenpreisträger zu gewinnen. Auch sollte man von den beiden anderen bedeutenden Aachenern Preisverleihern lernen und deren Vorgehensweise zur Preisermittlung kopieren. Ist deren Preisermittlung transparent und nachvollziehbar? Ist sie ethisch oder politisch? Wer hat das Vorschlagsrecht? Wird es berücksichtigt? Entscheiden alle Mitglieder oder nur wenige Vorstände? Wird der Beschluss nach langer Diskussion von einer großen Mehrheit getragen? Wird der Laudator nach Proporz (des Vorstandes, der Mitglieder, der Preisträger) ausgewählt?

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Die Ruhe Gottes

Noch nie haben in Deutschland so viele Menschen über soviel freie Zeit verfügt. Es ist nicht lange her, dass nur Reiche und Mächtige den Luxus der Muße genossen haben und Tagelöhner und Knechte nicht einmal sonntags die Kirche besuchen gedurft haben, da ihre Arbeitskraft ständig benötigt worden ist. Heute ist die Arbeit geregelt. Jeder hat ein verbrieftes Recht auf Freizeit.

Mehr als 1.500 Menschen kommen am 16. Oktober 2014 in Wittlich in der Südeifel zusammen, um die Worte des Benediktinermönchs Pater Amseln Grün zu hören. Er spricht auf Einladung des 11. Eifel-Literatur-Festivals, der vom Gymnasiallehrer Dr. Josef Zierden aus Prüm und seiner Gattin ehrenamtlich, aufopferungsvoll und gekonnt geleitet wird. Jeder Schriftsteller, der in der deutschsprachigen Literatur zu Recht Rang und Namen trägt, tritt im Eifel-Literatur-Festival auf. Pater Amseln Grün hat die Gelegenheit 2014 im 11. Eifel-Literatur-Festival zweimal erhalten und angenommen.

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Die größte Versammlungshalle der Südeifel reicht kaum aus, um alle Zuhörer zu fassen. Der freundliche und scheue Pater Amseln Grün tritt in glänzend schwarzer Kutte auf. Seit einem halben Jahrhundert lebt, wirkt und arbeitet er in der Benediktinerabtei Münsterschwarzach bei Würzburg. Nach den Studien der Philosophie, der Theologie und der Betriebswirtschaft ist er von 1977 bis 2013 Cellerar – wirtschaftliche Leiter – der Abtei Münsterschwarzach und trägt für 300 Mitarbeiter in über 20 Betrieben die Verantwortung. Er hat unzählige Bestseller geschrieben und ist ständig unterwegs, um seine Mission zu erfüllen.

Der kleine Priester mit dem gepflegten Vollbart steht mit beiden Beinen fest auf dem Boden dieser Erde.

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Nach kurzen Einführungen durch Bürgermeister Rodenkirch und Herrn Zierden beginnt der Mönch seinen Vortrag. Er spricht über die Ruhezeit, die uns allen fehlt. Trotz geregelter Freizeit sind wir Getriebene unserer Süchte, die nicht zur Ruhe kommen. Nicht erst seit der digitalen Revolution erfinden wir Geräte, die uns Arbeit abnehmen und Zeit schenken. Doch die gewonnene Freizeit setzen wir nicht zur Entschleunigung oder Muße ein, sondern stopfen sie voll mit Aufgaben, die wir multitasking erledigen. Muss man im Kloster leben, um sich Ruhe zu gönnen? Ist nicht der Pater über 36 Jahre wirtschaftlicher Leiter der Abtei gewesen? Der Zuhörer merkt, dass die Worte des Paters dem echten Leben entsprungen sind. Er verkauft keine fiktiven Heilsbotschaften, die unerreichbar sind.

Pater Amseln Grün kommt nach Wittlich als Missionar seines Glaubens. Er drängt dem Zuhörer seinen Glauben nicht auf. Er erwartet und setzt voraus, dass der Zuhörer die Existenz Gottes annimmt, um seine Mission zu verstehen.

Wir werden getrieben, weil wir nie genug haben, nie zufrieden sind. Wir vergleichen uns ununterbrochen mit anderen Menschen, die mehr besitzen. Wir überlegen andauernd, was der Nachbar von uns denkt. Wir akzeptieren unsere Schwächen und Fehler nicht. Unsere Ruhelosigkeit entspringt der Angst, etwas zu verpassen. Ständig sorgen wir uns, statt dem Segen Gottes zu vertrauen. „Otium“, die Muße, wird zu „negotium“, zur Arbeit negiert. Wir können nicht abschalten, obwohl die Ruhe oder Gott in uns wohnen will. Wir leiden unter Schlafstörungen. Um die Ruhe zu erlangen, sollen wir behagliche, heilige Rituale pflegen. Nur so können wir erfolgreich otium von negotium trennen.

Der Vortrag wird mit einem jüdischen Witz aufgelockert. Der New Yorker Manager beklagt sich bei seinem jüdischen Psychiater über Durchschlafstörungen. Er wache immer um 2 Uhr nachts auf und könne nicht mehr einschlafen. Der Arzt verschreibt dem gestressten Manager Zitate aus der Bibel. Nach einiger Behandlungszeit wird der Manager gefragt, ob er durchschlafen könne. „Das nicht“, antwortet er, „aber es stört mich nicht mehr.“

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Pater Amseln Grün beendet seinen Vortrag mit einem Gebet. Die Zuhörer stehen auf und kreuzen ihre Arme vor der Brust, um die innere Ruhe wirken zu lassen. Pater Amseln Grün spricht sein Gebet mit klarer Stimme. Er verbreitet eine Ruhe, die einem angenehm durchdringt. Während der Fürbitte um die Ruhe Gottes verstummen sogar die Hustenanfälle der Zuhörer.

Anselm Grün
Trau deiner Kraft – Mutig durch Krisen gehen
Vier-Türme-Verlag
Ab 2.90 €
Auch als Hörbuch-CD erhältlich

Erschienen unter

http://www.tabularasa-jena.de/artikel/artikel_5991/

http://www.huffingtonpost.de/../../nathan-warszawski-/wie-gott-uns-zu-mehr-ruhe-verhilft_b_6011546.html

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Balkan Blues

„Der Mensch trägt Adler in dem Haupte
und steckt mit seinen Füssen in dem Kote.“
Christian Dietrich Grabbe

Es war einmal…

…ein kleines, von sattgrünen Wäldern und heimeligen Hügelchen friedlich umfangenes, wunderschönes Land. Mitten im Herzen Europas gelegen, lag dennoch niemandem daran, dort einmal Einkehr zu halten…

So ähnlich fangen Märchen an. Aber in unserem Fall besteht die berechtigte Befürchtung, dass einmal mehr der Alptraum lauert. Wer interessierte sich in den letzten Jahren schon für Bosnien-Herzegowina? In diesem Flecken Südosteuropas, dessen pseudostaatlicher Fassade ein namhafter Journalist einst das wenig schmeichelhafte Etikett ´Absurdistan´ verlieh, finden heute, da ich diese Zeilen niederschreibe, Wahlen statt. Der Bürger wird zur Urne gebeten. Im Grunde sind das alles Graburnen. Man könnte sie auch mit Asche füllen und auf einem der vielen Massenfriedhöfe versenken, die das ausgelaugte Vielvölkergebilde seit Mitte der Neunziger im traurigen Dutzend birgt. Die meisten Menschen, denen man jetzt zumutet, den korrupten Klüngel in ihrem Land neu zu bestimmen, ist wohl herzlich gleich, wer demnächst in den Scheinparlamenten und Puppenpräsidien, in den heruntergekommen Regionalvertretungen und noch lausiger verwalteten Lokalbehörden sitzt und an den faulen Fäden raffiniert geknüpfter Seilschaften weiterzieht. Über diesen praktizierten Stimmzettelfetischismus wird heute, da alle Welt auch weiterhin gebannt und aus sicherer Entfernung auf das Städtchen Kobane blickt, wenig berichtet. Natürlich ist das, was an der syrisch-türkischen Grenze geschieht, ein Skandal. Aber in den Städten und Dörfern BH´s vollzieht sich auch einer. Vor den Wahllokalen winken im günstigsten Falle Geldscheine, im Zweifel Rasierklingen oder Messer. So läuft auch diese Posse wahrlich wie ´geschmiert´. Enthält man sich womöglich auch deswegen eines deutlichen Urteils, weil im Falle BH immer noch, wiewohl durch derlei ´demokratische Willensbildungen´ oberflächlich kaschiert, ein Protektorat der EU und der UNO leidig am Leben gehalten wird? Da kann dann unmöglich sein, was nicht sein darf. Ich las heute, dass für den Wiederaufbau in Gaza Milliardenzusagen gemacht wurden. BH ist auch so ein Milliardengrab. Die Verantwortlichen wissen es. Und keiner sagt was.

Wenn es überhaupt eine zivile Konstante in dieser auch weiterhin völlig undurchsichtigen, zwielichtigen Region gibt, dann ist das wohl die der totalen Perspektivlosigkeit. Darum existiert auch nur ein einziger Wachstumsmarkt, der landesweit nahezu ungebrochen prosperiert und auf traurige, wiewohl typische Weise einen weiteren nach sich zieht: wo Kriminalität sämtliche Bereiche öffentlichen und auch privaten Lebens bestimmt, korrespondiert dieselbe nahezu zwangsweise mit einer sagenhaften, alle europäischen Maßstäbe sprengenden Erwerbslosigkeit. Über 50 Prozent Arbeitslose wurden allein in der 12.000 Einwohner zählenden Stadt Tuzla errechnet. Hier haben sich die zu Jahresbeginn ausgebrochenen Massenproteste am heftigsten ausgetobt, hier begannen sie auch; freilich ohne nennenswerten Ertrag. Mehrere Tausend Arbeiter, die in insgesamt vier privatisierten und dann für bankrott erklärten Fabriken gearbeitet hatten, rafften sich auf und demonstrierten öffentlich und ohne jede Scham für die Auszahlung ihrer seit Jahren nicht mehr erhaltenen Löhne und Sozialbeiträge. Den zunächst noch friedlichen Kundgebungen schlossen sich weitere Arbeitslose, Studenten und Rentner an. Als einige der Verzweifelten endlich dazu übergingen, die Kantonsverwaltung abzufackeln, breitete sich die kurze, aber heftige Protestwelle von Tuzla wie ein Flächenbrand vor allem im Teilstaat der muslimisch-kroatischen Föderation aus. Der Protest geriet aus dem Ruder, die Empörung kannte auf einmal keine Grenzen mehr.

In den westlichen Medien ist das ´Ereignis´ seinerzeit nahezu totgeschwiegen worden. Die meisten Menschen beobachteten gespannt die Auflösungstendenzen innerhalb der islamischen Staatenwelt. Wer begriff schon, dass nicht einzig in der Levante oder im Norden Afrikas solche Staaten existieren. Auch mitten in Europa war ja in den neunziger Jahren innerhalb eines (von außen aufgezwungenen) föderativen Zusammenschlusses eine muslimische Nation entstanden: so unsinnig wie umständlich mit einem weiteren inner-staatlichen Teilstaat verwoben, der seinerseits einem mit zusätzlichen Statuten versehenen Quasi-Staat (Distrikt Brcko) verbunden bleibt, den trotz interner Rivalitäten beide sog. Entitäten mittels Kondominium ´teilverwalten´ (so absurd ist dieses Idiotistan gestrickt).

Allein: wen kratzte das denn. Wenn es heute bei irgendeiner Demo zwischen PKK-Sympathisanten und Islamo-Tschetschenen so richtig knallt, klemmt sich die Journaille sofort dahinter, so wie sie´s auch tut, wenn in Kobane Rauchwolken zum Himmel steigen. Ich will mich dem Leid der in dieser Grenzstadt ausharrenden Zivilbevölkerung nicht verschließen. Ohne massive Hilfe von außen werden sie wohl früher oder später, einschließlich ihrer an Zahl und Bewaffnung hoffnungslos unterlegenen Verteidiger, auf grausame Weise von der IS-SS umgebracht werden. Das kann keinen kalt lassen. Aber wenn es, zum Beispiel, um Afrika geht, da fragt neuerdings auch keiner mehr nach Al Shabaab oder den Abbala-Milizen im Sudan (Boko Haram macht gerade Pause), vom Kongo ist sowieso nie die Rede, und wenn dieselbe wie im Fieber um Ebola kreist, dann interessiert uns nur noch, ob und wann wir an die Reihe kommen. Mit dieser Einstellung sichten wohl auch die Meinungsmacher das weite Feld. Als im Februar in Tuzla und anderen Metropolen Bosniens ein verzweifelter Mob tobte und mit Gewalt den Aufstand probte, da war das unseren Leitmedien keinen müden Furz wert. Die Verzweiflung der Menschen war echt, und sie kontrastierte, immerhin, zur Lethargie, die sich der Massen wieder verlässlich bemächtigte, als alles ausgestanden (und nichts gelöst) war. Aber keiner bekam es mit, denn anderswo ging es noch etwas deutlicher, viel härter zur Sache. Womöglich finden bei der Entscheidung darüber, welche Kracher es auf Seite Eins schaffen, knallharte Auslesen in den entsprechenden Redaktionsstuben der großen Blätter statt: je mehr Tote und Verletzte, umso besser, und wenn ganze Panzerkolonnen anrollen, halbe Ortschaften in Trümmer sinken und statt der Sprechchöre und Protestplakate die Kalaschnikows knattern, endlich noch ganz fiese Detonationen den Mördern ein kehliges ´Allahu Akbar´ abnötigen, dann ist ganz klar, welche News es bringen, weil sie auf Anhieb einfach besser ziehen. So ähnlich lief es einst auch in Bosnien selbst, denn gerade hier tobte ja ein fürchterlicher Krieg, und wenn in Tuzla dieser Tage eingeschlagene Scheiben und angebrannte Fassadenwände die abgeebbten Krawalle nachträglich wie einen immerhin kleinen, ein wenig verschämt abgerittenen Krieg erscheinen lassen, dann war das wohl insgesamt zu wenig gewesen, um mit Bengasi, Sirte oder Gaza wetteifern zu können. Pech gehabt. Vielleicht beim nächsten Mal, mit etwas mehr Schmackes bitte.

Womöglich gibt es schon bald ein nächstes Mal. Eines, bei dem uns allen Hören und Sehen vergehen wird. Es grenzt ja ohnehin an ein Wunder, das auf dem Balkan nicht wieder scharf geschossen wird. Die gespannte Ruhe hält und wird nur selten durchbrochen. Dahinter verbirgt sich wohl eine Form kollektiver Erschöpfung, die der vorangegangenen, blutigen Asymmetrie beinahe verlässlich folgt und solcherart an die Zustände in Algerien oder Ruanda erinnert. Die Bürger BH´s dumpfen und sumpfen unter bleierner Schwere, matter Reglosigkeit; einer Apathie, die im Anschluss an blutrünstige Auseinandersetzungen wohl noch am verlässlichsten den Furor bannt, der dennoch unruhig unter den Trümmern glimmt. Trümmer vor allem auch in den Herzen. Und nur gelegentlich, wie zu Jahresbeginn, kommt es einmal zum kurzen, kollektiven Koller. Ein paar Tage ging das so. Darob beruhigten sich die geschundenen Seelen noch einmal. Der Protest ähnelte ein wenig der Randale sturztrunkener Wehrmutbrüder, die ihren Frust verlässlich im Hochprozentigen ´ersäufen´, bevor der späte Heimweg zum kurzen ´Dampfablassen´ einlädt. Das kriegen von denen, die fest schlafen, nur die wenigsten mit. Die andern plagt am Mittag dann der Kater.

Ich beabsichtige nicht, die verwirrend widersprüchlichen, nahezu surreal, ja fast dadaistisch anmutenden zivil-staatlichen Strukturen zu analysieren, die das artifizielle BH in einen Zustand dauerhafter Lähmung versetzen und somit zwangsweise der Schattenwirtschaft zuarbeiten, die in den einem Außenstehenden verworrenen scheinenden Parallelwelten ganz von allein Fakten schafft und von einer korrupten Elite nicht einzig geduldet wird: die verdient immer kräftig dran mit. So läuft das doch in allen diesen Staaten, man blicke nur einmal in den Orient oder nach Schwarzafrika. BH ist ein im Grunde unfertiges, unausgegorenes Gebilde geblieben, ähnlich der Ukraine in ihrem jetzigen Zustand, nur das im ´Land der tausend Berge´ die instabile Gesamtverfassung von Anfang an im Blick auf eine mögliche Befriedung unterschiedlicher Konfessionen (katholisch, orthodox und sunnitisch) fest konzipiert wurde, wobei im Ergebnis statt einer Aussöhnung nur die Zementierung der gegenseitigen Ausgrenzung erreicht wurde. Den Worten hätten Taten, den Verträgen echtes, ehrliches Engagement folgen müssen. Es ist aber bis heute nichts geregelt, nichts geklärt in der Region, und in den unterschiedlichen Distrikten und Landesteilen kocht jeder sein eigenes, eiliges Süppchen. Dabei hängen die Bezirke auf vergleichsweise engem Raum miteinander zusammen. Die ethnisch-religiöse ´Verhakung´ erinnert ein wenig an den Flickenteppich in der Westbank. Bosniaken und Kroaten auf der einen (nicht immer einmütigen) Seite, die Serben mit dem einer Zeitbombe ähnelnden Distrikt von Brcko auf der anderen: da bohrt sich, schaut man sich das auf entsprechenden Karten an, die muslimisch-katholische Föderation in jene Republika Srpska wie ein spitzer Keil hinein. Und ist dies noch eine vereinfachte, der Anschaulichkeit halber ´geraffte´ Version bestehender Verhältnisse. Wen´s interessiert: heute regieren den ´Staat´ mit seinen etwa vier Millionen Einwohnern nicht nur drei (sic) Präsidenten, sondern auch elf Premierminister und elf Regierungen mit zusammen weit mehr als 100 Ministern. Wer schon schmunzelt oder bereits kräftig lachen möchte, mag das tun; er hat Recht. An der Spitze dieser verqueren, multiethnisch weniger durchmengten, mehr wüst vermurksten Monstranz steht eine schwache, kaum ernst zu nehmende Zentralregierung, der die Quadratur des Kreises zukommt, die Serbenrepublik Srpska und das bosnische Föderationsgebiet als Konstrukt irgendwie zusammen zu halten. Das funktioniert auch halbwegs, in getrennten Lagen sozusagen, und das erklärt, jenseits der Korruption, auch die notorische Handlungsunfähig sämtlicher Apparate. Aber ich war ja noch nicht fertig. Der muslimisch-katholische Teil dieser architektonischen Verirrung besteht noch einmal aus zehn Kantonen. Mehr ging wohl nicht. Das sind im Übrigen weniger Verwaltungszentren wie wir sie kennen, mehr zwielichte, recht zweifelhaft (weil willkürlich) voneinander abgegrenzte ´Distrikte´, und die vor Ort akkreditierten Regenten schaffen in ihren jeweiligen Niederlassungen eigene Fakten. Die jeweilige ´Firma´ funktioniert wie eine echte Mafia. Die darf man sogar wählen. Die Paten stehen in Unzahl zur Verfügung. Dieser, jener oder ein anderer – wie gesagt: das spielt im Grunde gar keine Rolle. Das wissen die Menschen in BH. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Beteiligung an dieser Witzveranstaltung sonderlich hoch sein wird.

Die so heillosen wie haltlosen innerstaatlichen Strukturen sollten eigentlich der ethnischen und religiösen Vielfalt aus orthodoxen Serben, bosnischen Muslimen und katholischen Kroaten Rechnung tragen und begünstigen bzw. befördern doch im Ergebnis nur wieder die Macht der Clans und Konzerne, der Sattelträger und Steigbügelhalter. Eine Hand wäscht die andere, und der Rest – das Volk – schaut dumm aus der Wäsche. Das bürokratische und unbezahlbare Monster, dem die heute zu wählenden Figuren demnächst einmal mehr vorstehen werden, um für die Dauer einer Amtszeit kräftig abzukassieren, schafft kaum echte Teilhabe und eröffnet auch keinerlei egalitären Ausgleich. Es fördert stattdessen den Nationalismus, der in BH auch weiterhin konfessionell motiviert bleibt. Wenn Armut und Perspektivlosigkeit überhand nehmen, dann suchen die Opfer dieser Entwicklung einmal mehr ihr Heil in den vermeintlich verlässlichen Allgemeinplätzen, die als Gewissheiten gelten.

In BH, könnte man spöttisch bemerken, läuft gar nichts: außer dem internationalen Tropf, an dem das Land noch immer wie im Koma hängt. Die meisten Zuwendungen versickern natürlich am Patienten vorbei in den Taschen der korrupten Elite. Und der ist herzlich egal, was aus BH wird. Seit 2010 herrschen hinsichtlich der immer wieder gescheiterten Regierungsbildungen Weimarer Verhältnisse – vorsichtig formuliert. Die Situation ist zum zerreißen gespannt. Wann, so möchte man fragen, platzt hier endgültig der kollektive Geduldsfaden?

Die jüngste Vergangenheit lehrte unlängst, was die Gegenwart schon bis zum Überdruss bestätigt hat: ziviler Protest, ob aus Verzweiflung oder Verlegenheit, ob fremd gesteuert oder halbwegs selbstbestimmt, schlägt früher oder später, ist die Zeit reif, in nackte Gewalt um. Die Bürgerkriegsähnlichen Zustände fegen dann letzte Reste staatlicher Ordnung im Nu um oder beiseite, und die ´Richtigen´ liegen nicht länger auf der Lauer. Sie kommen endlich aus der Reserve. Die älteren Angehörigen involvierter Bekenntnisse können sich noch schmerzlich an das blutige ´Damals´ erinnern, aber die jungen, nachwachsenden Generationen wird das im ´Hier und Jetzt´ immer weniger abschrecken, und wenn es darum geht, neues Blut zu vergießen, dann stehen auch in dieser Region die Abkömmlinge des Youth Bulge Gewehr bei Fuß. Die Demografie lügt nicht. Der Aufruhr zu Jahresbeginn ging noch einmal glimpflich aus. Das könnte beim nächsten Mal schon ganz anders aussehen.

Entsteht jenseits instabiler Strukturen ein echtes Vakuum, bricht eben der letzte Rest rechtstaatlicher Kulisse, die in BH ethnisch-religiöse Antagonismen weniger band, mehr umständlich zusammen hielt, völlig weg, dann schlägt erneut die Stunde der Freischärler, der mafiösen Mordbanden, und einmal mehr die der ´Rechtgläubigen´, deren etliche längst im unübersichtlichen, für Partisanenkämpfe bestens geeigneten Terrain ´üben´ – ihren Aufstand, ihre Version der Unterwerfung unter den Willen des Alleinigen. Der wird´s dann schon richten. Das Phänomen ist bekannt, aber darüber spricht man nicht. Bis die nächsten Köpfe rollen. Es sind Verbände vom Schlage der sog. grünen Legion, die einer scheiternden Nation den verlässlichen Todesstoß versetzen. Davon konnten und können wir uns im Orient überzeugen.

Die ungelösten interkulturellen und interkonfessionellen Divergenzen werden ganz von selbst zur Bildung oder Neubelebung Kampftauglicher Fraktionen führen. In BH gibt es deren etliche schon. Und die werden sich, sollte dieser ´Staat´ weiterhin auf besagte Weise vor sich hinsiechen, mächtig Bahn brechen. Das Protektoratsbeamtentum, dessen Untätigkeit und Komplizenschaft zum Himmel schreit und einmal mehr den zweifelhaften Status von Besatzungsmächten entlarvt, wird einmal mehr sein Feld räumen. Die Kontingente bewaffneter ´Friedenstruppen´ dürften in der frühen Phase militärischer Auseinandersetzungen, die dann zunehmend unversöhnlicher zum Austrag kommen, zwischen alle Fronten geraten. Die ´Zwischenfälle´ werden sich häufen. Und dann zieht man seine ´starke Truppe´, die bis dato qua Mandat untätig zuschaute, schnell wieder ab. Dazu sah sich die ´Weltgemeinschaft´ schon in den Neunzigern genötigt, als die Henker vom Schlage eines Mladic oder Karadzic zur Schaffung ethnisch gesäuberter Gebiete übergingen. Erinnern sie sich nur an Srebrenica. Das ist einer dieser Schandflecken auf der europäischen Weste, an den zur Stunde kaum einer erinnert werden möchte. Auch Kobane wird schon bald den sattsam bekannten Gedenkminuten vorbehalten sein, mittels derer die Restauration überkommener Allgemeinplätze abgesegnet werden kann.

Die gegenwärtigen Konflikte zeigen, das man innerstaatliche, womöglich einmal mehr von außen angeheizte Konflikte unmöglich isoliert von den angrenzen Staaten betrachten kann, deren Ableger gerade in diesem Teil Europas alles andere als stabil sind. Auch das will einmal mehr keiner wahrhaben. Der Kosovo, Mazedonien oder das schroffe Montenegro, Serbien und Kroatien: diese Länder haben sich allesamt noch längst nicht von den Kriegen der Neunziger erholt. Albanien bleibt auch weiterhin traumatisiert vom Joch Enver Hoxhas, dessen pathologischer Wahn das Land in ein riesiges Konzentrationslager verwandelte. Über die alles beherrschende Mafia bleibt dieser Staat mit dem ethnisch eng verwandten Kosovo verbunden. Mehr muss man dazu fast nicht sagen, den Rest kann sich jeder selbst ausmalen. In Kriegszeiten wird sich diese Achse automatisch verstärken. Mazedonien bleibt, wie ich bereits an anderer Stelle angedeutet habe, hochproblematisch, wiewohl es an den Balkankriegen der Neunziger Jahre keinen direkten Anteil hatte. Montenegro konnte sich zwar mittlerweile vom übermächtigen serbischen ´Bruder´ lösen, böte aber im Falle kriegerischer Auseinandersetzungen aufgrund topografischer Besonderheiten das ideale Terrain für Rückzugsgebiete nebst entsprechender Ausbildungslager. Davon profitierte schon der Marschall Tito. Endlich Serbien und Kroatien: ersteres fühlt sich durch den Verlust des Amselfeldes im Kosovo (als der Wiege seiner Nation) zutiefst gedemütigt, an Leib und Seele ´amputiert´. Käme es im benachbarten BH zum Schlagabtausch, bräche auch die alte Feindschaft mit den Skipetaren im Mafiastaat Kosovo von neuem aus. Für die regierende UCK böte sich darob wohl die passende Gelegenheit, endlich die serbisch dominierte Enklave Mitrovica im Norden des Landes zu ´befrieden´, bevor deren Bewohner sich mit heiligen Schwüren dem ´Mutterland´ anschlössen. Um es zu betonen: das sind nur Beispiele. Es könnten deren etliche Szenarien mehr skizziert werden. Die an BH angrenzende kroatische Peripherie würde sich dieweil in ein erweitertes Aufmarschgebiet einer Koalition der Willigen umwandeln.

Über psychische Wandlungen, denen einzelne Menschen oder ganze Bevölkerungsteile unterworfen sind, kann nur vorsichtig spekuliert werden, wiewohl Psychologen dazu neigen, ihre Mutmaßungen in echte Befunde umzudeuten, denen sie, je nach Schule und Ismus, ein wissenschaftliches Gewand anhängen. Wie auch immer: in BH haben sich nicht nur die Verhältnissen sondern auch die in ihrem Schlepptau agierenden Individuen gründlich verändert. Diese agieren immer im Verbund, als Sippe oder Verein, vereint im Glauben und, am Ende, im Kampf. Das gilt für sämtliche der beteiligten Konfessionen. Die Bosniaken Ex-Jugoslawiens waren zum Schluss, als der Vielvölkerstaat unwiderruflich auseinanderbrach, weit davon entfernt gewesen, ihren Glauben über Gebühr zu praktizieren, das späte sakrale Erbe überhaupt ernst zu nehmen. In der letzten Phase der Tito-Ära, etwa seit Beginn der Siebziger bis zum Ableben des Staatengründers im darauffolgenden Jahrzehnt, zeichnete sich eine gründliche Säkularisierung breiter Bevölkerungsschichten an. Als Nachfahren slawischer Siedler, die unter der Herrschaft der Osmanen (im Gegensatz zu Serben und Kroaten) zum sunnitischen Islam konvertierten und so der Zwangssteuer des Millet-Systems entgingen, billigte ihnen der Marschall gewisse Privilegien zu, so auch den Status einer eigenen, selbstständigen Volksgruppe. Das muss insofern als bemerkenswert gelten, als das es sich in ihrem Falle auch weiterhin um authentische Slawen handelte, deren Durchmischung mit den osmanischen Besatzern seinerzeit nur oberflächlich erfolgte. Im Vergleich dazu leugnete etwa die Türkei Jahrzehntelang die Existenz der in Millionenstärke auf ihrem Staatsgebiet siedelnden Ethnie der Kurden, deren Angehörige kurzerhand in ´Berg-Türken´ umgelogen wurden, wiewohl diese nachweislich nicht der turanischen Völkerfamilie angehören. Ethnografen streiten bis auf den heutigen Tag darüber, inwieweit das indoeuropäische Erbe auf skythische, medische, gutäische oder kassistische Wurzeln weist. Jedenfalls ähnelt der türkisch-kurdische Gegensatz dem serbisch-bosniakischen Pendant insofern, als das auf beiden Seiten heftige militärische Auseinandersetzungen stattgefunden haben, die keinen nennenswerten Status Quo erwirkten; wenn man im Falle BH das unsinnige Verwaltungsgebilde abzieht, das diesen längst in eine Karikatur verwandelt hat. Die Erinnerung an das Massaker von Srebrenica oder den Kessel von Sarajewo, an Tuzla und etliche weitere, auf schreckliche Weise heimgesuchte Ballungszentren ist bis heute nicht verblasst. Jene endlosen, von Ferne wie die Muster eines großen Teppichs anmutenden Grabreihen, die den Hügeln jenseits Blutgetränkter Täler ihr eigentümliches Gepräge verleihen, erinnern an unvorstellbares Grauen, dessen Folgen als stumme Mahnung dem kollektiven Gedächtnis vorbehalten bleiben. Die Bosniaken haben nicht vergessen, dass man sie seinerzeit schmählich im Stich ließ. Der untätige (aber wortselig lamentierende) Westen hat ihnen darob ein abstraktes, völlig abstruses Verwaltungsungeheuer vermacht, und mit dem kamen Korruption und Vetternwirtschaft, unter denen die Bevölkerung nun leidet. Zum Vergleich: aus Saudi Arabien kamen und kommen, jenseits caritativer Zuwendungen, Millionenbeträge zwecks Errichtung zahlreicher Moscheen, die ihrerseits den Anspruch strenggläubiger Observanz zementieren und solcherart zu Hunderten aus der Erde gesprossen sind. An welche Strohhalme klammert man sich, sind alle Stricke einmal gerissen, auch und gerade jene, die mit der jüngeren Vergangenheit verknüpft waren? Welches Erbe zählt dann noch? Das der jüngeren Vergangenheit hat einen auf Anhieb gescheiterten Staat nach sich gezogen, der einem gewaltigen Mühlstein gleicht. Das koranische Erbe wirft ungleich weitere, düstere Schatten voraus.

Fakt: in den von Muslimen dominierten Ortschaften hat die Zahl verschleierter Frauen stark zugenommen, die jungen Leute gehen wieder regelmäßig zum Freitagsgebet und dubiose Heilskünder aus aller Herren Umma predigen den Darbenden das ABC ihrer plumpen Wahnvorstellungen. So schnell geht das. In den Achtzigern gab es nichts dergleichen in BH. Jedenfalls werden sich die Menschen kein zweites Mal dem serbischen ´Herrenvolk´ ausliefern. Irgendeine dumme Sache auf dem Balkan, so meinte einst Otto v. Bismarck, werde den nächsten europäischen Krieg verursachen. Er sollte Recht behalten. Es waren friedliche, zumeist muslimische Demonstranten, die 1992 für den Erhalt ihrer multiethnischen Teilrepublik demonstrierten und sogleich von serbischen Heckenschützen ins Visier genommen wurden. Der anschließende, verzweifelte Anwehrkampf, in dessen weiterer Folge auch bosnische Kroaten zur Waffe griffen, forderte annähernd 300.000 Todesopfer. Die Muslime des Balkans werden sich kein zweites Mal wehrlos und unvorbereitet abschlachten lassen. Wenn im serbischen Block Absurdistans einmal mehr die Tschetniks zur Hatz rüsten, dann werden ihnen, außer den Gotteskriegern der grünen Legion, auch die weniger verblendeten Nachkommen jener Menschen entschlossen gegenüber stehen, deren Angehörige in relativ kurzer Spanne von den Fanatikern der Gegenseite gemeuchelt wurden. Der Journalist Wolf v. Lijewski sprach seinerzeit von einem ´Durcheinander von einem Krieg´. Er war ehrlich. Und wir sollten es, blicken wir heute nach Assyrien, auch sein.

Wer mögliche Konfliktlinien immerhin andeutet, sollte auch auf Schwierigkeiten aufmerksam machen, die sich in der ´Diaspora´ nahezu zwangsweise eröffnen; so etwa in Deutschland oder der Türkei. Gerieten die Verhältnisse in BH außer Kontrolle, müsste auch bei uns mit Demonstrationen und Krawallen gerechnet werden, wie wir sie ohnehin immer öfter erleben; zuletzt zwischen Kurden und IS-Sympathisanten. Die Türkei bleibt davon gleichsam nicht verschont. Und sie wird auch in der südöstlichen Ecke des Balkans dezent aktiv bleiben. Strategische Interessen und historische Reminiszenzen können nicht von der Hand gewiesen werden. Davon durfte man sich schon in den Neunzigern überzeugen, als der Kosovo unter internationale Aufsicht gestellt wurde und Kontingente türkischer Truppen mit betont imperialer Gebärde ´heim in´s Reich´ kamen – gemeint ist das osmanische.

Ganz gleich, welche Ungleichgewichte in welchen Zusammenhängen in BH in Zukunft entstünden, bräche einmal ein neuer Krieg aus: die Nachbarstaaten und gewisse Regionalmächte wären automatisch involviert, engagiert – verwickelt. Und egal, wie man (der Westen, genauer: Europa und USA) von außen reingrätscht, es wird eine Bauch, – oder Bruchlandung werden, den Ärger nur noch weiter anheizen. Täte man nichts oder quatschte man nur, schüfen die fechtenden Fraktionen auch weiterhin eigene Fakten. Die Fetzen flögen auf jeden Fall. Käme der Waffengang einmal so richtig in Fahrt, wird ihn keine Macht der Welt dauerhaft stoppen können. Seit Ende des zweiten Weltkrieges häufen sich derlei zähe, lang anhaltende Kriege. Bis heute ist kein einziger von ihnen rasch und verlässlich eingehegt worden.

Man mag einwenden, dass die von mir angestellten Überlegungen vernachlässigt werden können, da derzeit keinerlei sichtbare Anzeichen auf Schlimmeres hindeuten. Solcherlei ´Blickwinkel´ passt. Er kann als symptomatisch gelten. Weder im Blick auf die Levante noch hinsichtlich sonstiger, immer zahlreicher in Erscheinung tretender Kriegsherde wollte und will man es unnötig kompliziert haben, das nervt nur und der Sehnsucht nach einfachen Antworten auf einfache Fragen kommt man gerade damit nicht entgegen. Also: Deckel drauf und abwarten. Merke: dampft das Pulverfass, schert es keinen. Fliegt es auseinander, tun alle ganz überrascht.

Es spricht manches dafür, das einmal mehr, auf kurz oder lang, ein schmutziger Krieg in Europa statt finden wird. Dann wird auch einmal mehr keiner gemerkt haben wollen, wie das schon wieder möglich sein konnte. Die ´Experten´ werden posthum alles verstehen und entsprechend erklären und sich auch schon in Spekulationen über die Zukunft ergehen; eine, die sie vorher noch nicht kannten und später dann umso kenntnisreicher ´nacherzählen´. Je nachdem, für welches Institut sie tätig sind, werden sie ihr (Wunsch)Bild malen und bis zum Erbrechen beteuern, das es für alles eine Lösung gibt und geben wird. Geben muss. Dayton war der Versuch, auch um den Preis praktizierten Irrwitzes, eine zu erzwingen. Man wird schon sehen, was am Ende dabei heraus kommt.

Deute ich die Zeichen des Verfalls richtig, dann stehen auf dem Balkan einmal mehr sämtliche dieser Zeichen auf Sturm – auf Krieg. Das Ende staatlicher Ordnung nebst ziviler Einhegung gesellschaftlicher Divergenzen ist seit Ende der Blöcke ein immer wieder kehrendes, nie enden wollendes Thema. In Zeiten kalten Krieges kamen uns die vielen heißen, die dreckigen kleinen Kriege wie lausiges, fernes Geplänkel vor. Das waren sie wohl auch. Wir wurden kaum davon berührt. Womöglich wird man in Europa erst im Angesicht der bosnischen Tragödie begreifen, dass die eigenen Friedensdividenden endgültig aufgebraucht sind. Bis dahin tönt dort der wehmütige, Unheilschwangere Gesang des Blues, die schwermütige Weise vom ewigen Scheitern, vom Leben als einem Tal der Tränen.

Shanto Trdic, 12.10.14

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Pazifismus contra Bellizismus?

Zur Problematik verdächtiger Antagonismen

eine Betrachtung

„Viele Gedenkminuten hätten durch Denkminuten verhindert werden können.“

Hoimar v. Ditfurth

 

Einleitung

 

Um das obige Zitat gleich an der Aktualität zu messen: es wurde kürzlich wieder sehr, sehr viel gedacht. Die entsprechenden Kontingente verfügbar gemachter Minuten brächten es, fasste man sie alle zusammen, auf zahlreiche Stunden und wurden einer breiten Öffentlichkeit mit tüchtig Aufwand so richtig feste vorgeführt: ganz groß im Kino sozusagen. Jenseits einer auf sämtlichen Kanälen bis zum Erbrechen durchgehechelten ´Erinnerungskultur´, die ein gewisser Guido Knoop schon vor Jahren auch für das Bildungsbürgertum entsprechend massenkompatibel heruntergemurkst hat, traten in den großen Sälen und Hallen der Metropolen die üblichen Verdächtigen in gefälliger, also: betont selbstgerechter Manier vor den Redner-Tresen und mahnten, den ewigen Mühlstein des Gewesenen beschwörend, im elenden Akkord ihre halbgaren Litaneien herunter. Tagtäglich luden sie und ihre Hofschranzen so zur Besinnung ein: den Frieden feiernd und die Kriege, hauptsächlich die Gewesenen, verurteilend (erklären musste man sie nicht mehr), dabei Vernunft und Augenmerk und derlei Nützlichkeiten mehr ´predigend´, so unermüdlich wie selbstverständlich, und was an Floskeln sonst noch dazu gehört, das kam prall mit rein in die werktäglichen Sonntagsreden. Die Macher unserer großen Nachrichtensendungen fischten sich für das gebotene halbe oder viertel Minütchen den wiederum passenden Zipfel heraus. Der bestand aus jedermann verständlichen, immer austauschbaren, schnell ermüdenden Allgemeinplätzen. Die passten natürlich nicht mehr zum Aufwand, der allerorten getrieben wurde, aber dass merkt keiner, wenn der Rummel auf bewährte Weise abrollt. Um beim Vergleich mit dem ganz großen Kino zu bleiben: die Leinwand konnte am Ende gar nicht mehr breit genug sein, das Foyer selbst bot kaum noch Platz. Grausam genug: Gedenktagen eignet, dass ihrer leider schon Tage vorher dauernd gedacht wird. In allen Blättern und auf jedem Bildschirm. Solcherlei ´Betrieb´ bläst den umständlich aufgefächerten Weihrauch im Nu in alle Winde fort. Das gesülzte Wort tropft wie flüssiges Wachs von der Wunderkerze und der Rattenschwanz an Schwadronage schleppt sich solcherart gleich einer Rentner-Polonaise immer holpriger fort. Der inflationäre Reigen altert vor der Zeit, bekommt erste Falten und graue Strähnchen, die immer trickreicher kaschiert werden müssen. Bis der Tag X – da fallen Anlass und ´Jubiläum´ endlich zusammen – davon wieder erlöst. Dann ist das Thema durch und alle machen so weiter wie gehabt. Bis zur nächsten feierlichen Einlassung aufgrund allzu frühzeitiger Veranlassung. Dahinter lauert ein Quoten geiles und Auflagen streckendes Kalkül. So werden auch die Bach´s und Beethoven´s, die weiland Hendrix oder Presley erledigt: der Ausverkauf lässt grüßen, das Anbieterkartell sahnt fett ab und die Damen und Herren Festredner profilieren sich und ihresgleichen im Schatten der gefeierten Giganten, deren Silhouetten sich wiederum unsäglich blähen, bis die Torsen aus dem letzten Leim platzen. Jeder profitiert davon, in Maßen oder in Resten, ganz feste oder auf halber Flamme, je nach dem. Gedenkwochen ähneln so den Schlussverkäufen im Einzelhandel: passend zum Fest oder zur Jahreszeit geht frühzeitig raus, was schnelle Piepen verspricht. Achten sie mal drauf: die Lebkuchen und Schoko-Nikoläuse lauern schon jetzt in der Hochglanzvitrine. Kauf mich – friss mich! Der Anbieter kennt keine Scham.

In dieser Sache qua Amt allen stets um Nasenlängen voraus, sozusagen ein Discount-Experte von Rang: der Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland. Der gehört nun ganz sicher zu denen, die es mit dem Denken in Minuten nicht mehr so leicht haben, aber wenn er, gewohnt behäbig und pastoral, im Anschluss an das Erinnern endlich auch mehr Verantwortung einfordert, einschließlich des nötigen ´Engagements´, das nun angeblich ´die Welt´ von ´uns Deutschen´ verlange, dann wollen die so plump wie bräsig zweckentfremdeten Gedenkminuten gar nicht mehr enden und jede der darob verlässlich verpassten Denkminuten gerät zur unsichtbaren, arg lastenden Hypothek: sie wird, wie immer, erst deutlich später fällig. Darob mögen die Epigonen vom Schlage eines Gauck den Fluch des Gewesenen einmal mehr in Erinnerung zurückrufen. Merke: seinesgleichen gab und gibt es viele in den Rängen gehobener Repräsentanz. Die weit ´aus-radierten´, umständlich gezogenen Kreise, deren Enden sich stets verlässlich schließen, dienen Ihnen zwecks Positionierung: immer in der goldenen Mitte, wo auch die entsprechenden Kälber geschlachtet werden. Wir begreifen die Ironie nicht auf Anhieb, den kreisrunden Affentanz, denn dazu leben wir einfach zu kurz. Wir hecheln sozusagen immer mit tränenden Augen hinterher und sind überdies zu sehr auf News, weniger auf weitreichende Zusammenhänge fixiert. Man könnte fast sagen: konditioniert. Die Nachrichtenflut spült fast immer dieselbe Schlacke heran, da kommt nie Flaute auf, und nach einer Weile badet man förmlich im geklonten Meldungsbrei. Das globale Dauerinfotainment hat zu einem betrüblichen Provinzialismus geführt, wie denn der Massentourismus nur mehr ahnungslose Pauschalreisende zeitigt, die so wenig von Land und Leuten begreifen wie der Medienkonsument vom Ereignis, das man ihm mit Saus und Braus um Augen und Ohren rotzt.

Augenschmerz und Ohren-Aua kennen auch im Falle Gauck und Co. keine Grenzen. Wer noch nicht an Geschmacksverirrung leidet, muss ständig mitleiden. Der pensionierte Seelentröster aus den neuen Ländern sprach und spricht sein Urteil über die Geschichte im Brustton bräsiger Befangenheit, und die laufende welche dient ihm innerhalb des oben skizzierten Bannkreises als fingierte Zeugenaussage. Die vielzitierte, vielgeschmähte ´Gnade der späten Geburt´ gleicht einem ständig nachgebesserten, mit neuem Plädoyer verfassten Freispruch: der verlässlichen Generalamnestie. Der Profi-Mahner kann bei dieser Gelegenheit die ´Bürde des Gewesenen´ aufschnappen wie einen abgegriffenen Staffelstab. Um beim ´runden´ Vergleich zu bleiben: keiner kriegt mit, dass die Läufer immerzu im Kreis rennen. Der Zieleinlauf täuscht. In Wahrheit endet das unselige ´Schaulaufen´ gar nicht. Und das jenseits der abgetretenen Bahnen schon wieder neue Holz, – und Irrwege platt gerannt werden, will von den ´Fackelläufern´ keiner sehen: sie ´zündeln´ lieber auf ihre Weise.

Ich will das Spiel mit den Metaphern nicht übertreiben, wiewohl es den Anlässen vorzüglich eignet. Die Profis kommen ihrerseits nicht ohne aus und gehen recht geschickt mit ihnen um. Sie wandeln auf diese Weise die hehren Worte selbst in Plattitüden, in leere Axiome um, aber das fällt umso weniger auf, je berauschender auch weiterhin das Ambiente ausfällt, dessen Abnutzung seinerseits neuen Pomp entfacht. Diese Leute beherrschen die schnöde Inszenierung, deren fester Bestandteil sie sind. Gauck mengt dem derzeit wieder sehr gefragten Bellizismus jeweils passende, weil mildernde, wohlmeinende Wendungen bei. Sie lösen sich bei ihm nahezu beiläufig von der Zunge und lassen irgendeine ´Kriegsstimmung´ gar nicht erst aufkommen. Die Verführung verfängt bei jenen, die sich der gegnerischen Reize noch nicht sicher sind. Seine Reden sind höflich und nett, durchgehend salbungsvoll in Ton, Form und Gebärde: so bedächtig, ruhig und unaufgeregt, als rühre jemand den Zuckerwürfel in einem Tässchen Salbei-Tee herum. Auf ähnliche Weise plaudert der Land-Vikar mittleren Alters im evangelischen Lesekreis. bei Kerzenschein und Eine-Welt-Musik. Wellness pur, ohne Scham und Reue. Dennoch macht sich unser vor ungleich größerem Publikum parlierender ´Andachten-Experte´ zunehmend verdächtig, denn reißt man den koketten Avancen die seidene Tarnjacke vom Leibe, stehen sie umso nackter vor dem Betrachter: bis auf die blanken, schaurig abgewetzten Knochen. Wenn aber das in dieser Sache übliche Aufgebot an alimentierten Tugendwächtern – hauptsächlich von der LINKS-Partei – so verfährt, hat Gauck schon gewonnen, denn denen kann man´s umso verlässlicher um die eigenen Ohren hauen. Die, so viel steht fest, haben es gerade nötig.

Im Grunde hat sich der ´Volkspräsident´ längst selbst verraten. Er vertraut aber verlässlich auf den sichersten aller Trümpfe: die allgemeine Vergesslichkeit. Als Gauck zu Beginn dieses Jahres vor einer ausgewählten Waffenlobby die Eröffnung der 50. Münchener Sicherheitskonferenz mit einer entsprechenden Rede ´krönte´, wusste er ganz genau, was er tat. Genauer: was er sagte und wo er es sagte. Er wiederholte das auch im Wesentlichen später, als endlich die ´Gedenkfeiern´ (dieses Unwort stammt nicht von mir) zum Ausbruch des ersten und zweiten Weltkrieges triefsauer und Tugendsatt in Szene gesetzt wurden. Wer sich der Widrigkeit unterziehen möchte, der vergleiche das Skript vom Januar mit denen der letzten Tage. Er wird dann feststellen: hier wurden nur die Anlässe ausgetauscht, der Schrieb für die Vorträge blieb sich im Ganzen gleich.

Zugegeben: das alles klingt auf Anhieb nach einer vollen Ladung Gauck-Bashing, erteilt von einem dieser Putin-Versteher, die als Zweckpazifisten das Recht automatisch auf ihrer Seite haben. Merke: Krieg ist immer doof. Wer wollte widersprechen. Mein Ansatz ist dennoch ein anderer. Das deutet bereits die Überschrift an. In diesem Zusammenhang lohnt noch ein weiteres Zitat vom alten Ditfurth: Der Platz zwischen allen Stühlen, so meinte der Wissenschaftsjournalist einmal in einem Interview, sei noch der honorigste, den man heute einnehmen könne. Honorig gewiss. Aber auch nicht unproblematisch, wie wir noch mehrmals sehen werden.

Im Folgenden soll auf ein erkennbar notorisches, fast unlösbar scheinendes Dilemma, auf einen echten Zwiespalt aufmerksam gemacht werden. Im Grunde ist mir daran gelegen, den gefassten Leser für diesen überhaupt erst zu ´sensibilisieren´. Es sind einige Zweifel angebracht, ob wir ihn dieser Tage auch nur ahnen. Denn wir alle ´hyperventilieren´ abrupt, geht es um das Thema Krieg und Frieden. Das war wohl schon immer so. Rückblickend gibt man sich in dieser Sache immer erhaben; überzeugt davon, alles nunmehr besser zu wissen. Und damit auch für alle Zukunft. Womöglich wissen wie wirklich besser Bescheid, aber was haben wir da schon verstanden, geschweige denn: begriffen? Zudem lassen die zeitgeschichtlichen Bezüge deutlich genug erkennen, dass man gerade in ´Echt-Zeit´ weder erhaben noch allwissend sein kann und das bei der Gelegenheit gerade die Erfahrungen der Vergangenheit seltsam verblassen, an Kontur verlieren – als Bezüge fragmentieren. Wiewohl sie bei entsprechenden Anlässen ständig groß im Munde geführt werden. Es findet kein Transfer statt. Statt seiner dominiert ein Wust aus Assoziationen, Vorurteilen und Zweckentfremdungen – wie wir noch sehen werden.

Dieser Tage geht man solcherart einmal mehr an dieser simplen Tatsache vorbei: das (Auf)Rüstung und Abschreckung, vor allem die zurzeit so heiß propagierten (und immer weniger diskutierten) ´Einmischungen´ in kriegerische Konflikte von außen in Form bewaffneter Interventionen fast immer zu einer Verschlimmerung bestehender Krisen beitragen – langfristig gerechnet. Kurzfristig wollen sie nahezu akut, ja: auf wirklich drängende Art und Weise notwendig scheinen. Wer wagte im Blick auf das Schicksal der Jesiden in Nahost ernsthaft Einspruch zu erheben? Das ist eben der Zwiespalt, das Dilemma – der ganz große Scheiß.

Es wird zu zeigen sein, warum die ´Reaktionen´ immer zu spät kommen, selten etwas wirklich Gutes verheißen und dennoch am Ende einer falsch gefügten Kette aus Gründen der Humanitas bemüht werden, obschon gerade dieser Aspekt zuvor sträflich vernachlässigt wurde, denn er spielte, als es um die ´Interessen´ ging, gar keine Rolle. Es geht nur um Interessen, um gar nichts anderes; so viel vorweg. Und die vermeintlichen Sachzwänge sind bloß das nachträglich bemühte Feigenblatt, mittels dessen man die Aktion in schlichte Scham hüllt. Wenn uns irgendein Politiker versichert, diese oder jene Maßnahme sei nunmehr ´alternativlos´, will er damit immer von den eigentlichen Gründen ablenken: die Hintergründe werden also verschleiert. Achten sie mal drauf: die Versicherung kommt fast immer ohne Erklärung aus; statt ihrer wird auf der Klaviatur der Emotionen geklimpert. Dieser Tage braucht einem niemand mehr ausmalen, was eine Ausweitung des Machtbereichs der IS in der Levante bedeuten muss. Mit den Jahren aber, die dem Schlamassel voraus gingen, will man sich so wenig befassen wie mit jenen, die noch folgen werden.

Die weiteren Ausführungen kann man getrost als Anregungen zum Nachdenken betrachten. Mehr maße ich mir, trotz etlicher ´Spitzen´, ohne die ich nach wie vor nicht möchte (und die der geneigte Leser von mir mittlerweile wohl auch erwartet), kaum an. Wie man Kriege beendet, im Vorfeld verhindert oder am Ende gar unmöglich macht: ich weiß es auch nicht. Wer nachträglich auf jäh auffällige Besonderheiten kriegerischer Auseinandersetzungen, auf weitreichende Verwicklungen und noch weiter zurück liegende Versäumnisse aufmerksam macht, die ohnehin von Fall zu Fall differieren, der ist von einer Lösung so meilenweit entfernt wie jene, die fest vorgeben, es schon wieder zu wissen. Er mag etwas ehrlicher sein. Ratlos bleibt er trotzdem. Das zeigt ja überhaupt die Quadratur des Kreises an: wenn wir nachhaken, dann hinken wir den Ereignissen längst hinterher. Wir kommen immer zu spät und beeilen uns dabei. Das, was vorher außer Acht gelassen wurde, was überhaupt ´in die Hose ging´ – geht keinen mehr was an. Achten sie dieser Tage mal drauf und rechnen sie nach: wie wenig nämlich von der ellenlangen Vorgeschichte dieser oder jener Misere auch nur erwähnt wird, während die ´Experten´ von einem Atemzug zum nächsten die Aktualität bemühen: das tagtägliche Hauen und Stechen und die begleitende, sich selbst rechtfertigende Maulpropaganda. Wie wenig schaut man da noch weiter als bis gestern zurück, wie gierig konzentrieren sich die Meinungsmacher stattdessen auf die noch frischen Kadaver vor Ort, einschließlich der Geier, die sie ihrerseits gierig umkreisen. Das kommt dem weit verbreiteten Voyeurismus sehr entgegen und erspart allzu Mühe in punkto Aufarbeitung und Analyse. Vergangenes, Ursächliches, ´Vorlaufendes´ usw.: wird nicht mehr chronologisch, nur mehr taktisch bemüht: selektiv und ´Lagerkonform´.

Das sind so ´Fallen´, in die auch ich gelegentlich noch tappen werde. Ich will mich aber immerhin bemühen, anhand ausgewählter, halbwegs geläufiger Fallbeispiele die skizzierte Problematik ein wenig transparenter zu gestalten. Lösungen habe ich nicht zu bieten. Aus Neigung werde ich eher gegen den Strich bürsten. Dabei sollen der Umgang mit und die Wahrnehmung von Konflikten, ohne Anspruch auf irgendeine Vollständigkeit, etwas trennschärfer als üblich beleuchtet werden. Mögliche Hintergründe (sic) werden, über die Tagespolitik hinaus, immerhin angedeutet, auch die weitreichenden Folgen aktueller Verwerfungen. Dabei wird endlich auch deutlich werden: selbst der zwischen allen Stühlen Stehende kann sich nicht dauerhaft auf solche Weise raus halten. Diese Haltung gewährt in Wahrheit einen Luxus der irgendwann verlässlich ins Leere läuft. Jene, die so auf ihre Weise den Abgrund beschwören, werden, wollen sie weiter mitreden, früher oder später auch Partei ergreifen müssen. Denn die beklagten Probleme bleiben in allen erkennbaren Fällen sehr konkret: sie bleiben eben nicht auf bequeme Weise abstrakt. Wer die Parteinahme dennoch scheut und seine Meinung für ´neutral´ erklärt, befasst sich in Wahrheit gar nicht mehr mit der ´Sache´ selbst sondern nur noch mit ´Theorie´. Die aber löst entweder gar nichts oder brockt uns den Mist noch weiter oder erst so richtig ein – das hat das blutigste aller Jahrhunderte, das vergangene, hinlänglich bewiesen. Das ist im Übrigen auch die Tragik, der keiner der Verantwortlichen je entrinnt. So altbacken es klingt: es lässt sich – auch und gerade – im 21. Jahrhundert nicht in Unschuld regieren. Um ein Beispiel nochmals vorweg zu nehmen: der sogenannte islamische Staat, errichtet auf den Trümmern und Leichenresten des zerfallenen Irak, ist das Ergebnis zahlreicher Fehler der jüngsten und nicht mehr gar so jungen Vergangenheit, und jedes weitere Eingreifen in der Region, ob durch Waffenlieferungen oder mittels eigener militärischer Potenz, wird das Unheil auf lange Sicht nur weiter potenzieren. Der friedliche Umweg scheint verbaut, mal wieder. Das Dilemma: die in der Levante aktive Muslim-Mafia, deren Verbrecherhorden heute noch in den ´failed states´ Irak und Syrien wüten, morgen dann schon im Rest der Region (bis Israel sie stoppt), demnächst wohl auch auf dem Balkan und vorher bereits in den Metropolen der ´alten Welt´, die kann und darf man nicht achselzuckend weiter morden lassen. Ganz gleich aber, wie man ´dazwischen haut´ – man haut doch daneben. Das lässt sich leider, Geduld voraus gesetzt, in allen aufgeführten Fällen beweisen. Wer davon nichts wissen möchte, der möge ´vorüber gehen´.

Der geneigte Leser wird im Folgenden überhaupt einiges an Geduld aufbringen müssen. Womöglich haben die meisten sie längst verloren. Ich habe Verständnis dafür. Der Wunsch nach eindeutigen Antworten auf eindeutige Fragen wird auch im Weiteren nicht bedient werden. Es wird an entsprechenden Stellungnahmen fehlen, die man mir vielleicht noch besser um die Ohren hauen könnte als das ´Sowohl-als-auch´, dem ich mich im Zuge der folgenden Auflistung schuldig machen werde. Die jeweiligen Beispiele könnten locker durch jeweils andere ersetzt oder in Frage gestellt werden. Das Pro und Contra entbehrt jeder Vollständigkeit. Es dient, wie gesagt, der Sammlung, die vielleicht sogar eine Abweichung vom gewohnten Denkschema erwirkt. Je nach gängiger Meinungslage tendiere ich wohl eher dazu, eine Art ´Minderheitenvotum´ abzugeben; eine gehörige Portion Zeitkritik inklusive. Allzu honorig geriere auch ich mich nicht.

 

I.

 

Eröffnen möchte ich den essayistischen Exkurs mit einem wiederum passenden Zitat; vom Frank Walter Steinmeier.

Vorab: Die Äußerung hat längst Staub angesetzt. Drei Wochen ist das jetzt schon wieder her. Keiner erinnert sich noch daran. Heute kratzt es niemanden mehr. In einer Epoche, die der Schnelllebigkeit huldigt und deren Meinungsmachende Informationsstellen entsprechend zügig die passenden Kracher und Aufhänger ausspucken, um sie noch unbekümmerter wieder zu entsorgen, gilt weder das geschriebene noch das gesprochene Wort viel, wiewohl bei entsprechenden Anlässen immer mächtig Aufhebens darum gemacht wird (siehe oben). Steinmeiers Aussagen sind dazu noch gewohnt langweilig, ausdauernd nichtssagend, inhaltlich allenfalls belanglos. Dennoch eignet sich die gleich folgende vorzüglich zwecks Verdeutlichung einer allseits praktizierten Heuchelei, deren Träger ihresgleichen stets im Recht wähnen, während sie in Wahrheit nur ein Zeugnis mangelnder Bereitschaft abgeben. Die Aktualität bietet beinahe täglich Beispiele. Unsere derzeit amtierende Verteidigungsministerin zum Beispiel möchte ihre starke Truppe in einen Kita-tauglichen Familienbetrieb umwandeln und redet gleichzeitig dem globalen Interventionismus das Wort, den sie mit dem angesammelten Resteschrott aus kalten Kriegstagen bestreiten lässt: der Konkursmasse für den Recyclinghaufen. Eine rot-grüne Landesregierung, deren Alpha-Weibchen für ein Umdenken in der Asylpolitik plädieren, überlässt die Obhut traumatisierter Flüchtlinge profitorientierten Privatunternehmen und schämt sich hinterher dafür – nicht für sich selbst. Merke: hinter markigen Worten verbirgt so mancher die allseits übliche, unverbindliche Haltung, die sich ganz locker aussitzen lässt. Das öde Geseiere vom Steinmeier aber täuscht ein solides Staatsbeamtentum vor, hinter welchem sich der verlässliche Steigbügelhalter der Lobby verbirgt.

Also endlich zum erwähnten Zitat. Unser ´Außen-Mann´ sprach über das Spannungsverhältnis zwischen Handeln und Nicht-Handeln in der Politik und meinte im Blick auf die Situation im nördlichen Irak:“ Waffenlieferungen an die Kurden ist besser als Nicht-Handeln.“ Ganz abgesehen davon, das die Aussage schon stilistisch so arm ist, das es einen schüttelt, wäre aus meiner Sicht dringend Folgendes nachzutragen. Der Westen, von dem immer die Rede ist, wenn wir ´uns´ meinen ohne das ´wir´ näher bestimmen zu müssen, hat in beidem Erfahrung: im Handeln wie im Nicht-Handeln. Beides erscheint jeweils ´alternativlos´ (das unsägliche Modewort tut längst weh, ich weiß) und in beiden Fällen kommt es dauernd zu spät, dafür aber wird es immer flankiert von den jeweils besten Vorsätzen und die kommen so selbstgerecht und moralinsauer daher, dass jeder Einspruch an Verrat grenzt. Was hat dieses Handeln/Nicht-Handeln im Blick auf besagten Krisenherd, von dem nun alle Welt redet (während die Neger im Kongo ruhig weiter zu Millionen verrecken dürfen) zu bedeuten?

Wenn der Herr Steinmeier plötzlich den Klartextredner, gar den baldigen Entscheider spielte, weil er über Waffenlieferungen an die Kurden immerhin öffentlich nachdenken wollte (mehr erlaubte er sich zunächst, mit Rücksicht auf seine Klientel, nicht; jetzt ist die Sache gerade gelaufen), dann verrät uns derselbe Steinmeier nicht, warum in all den Jahren, die der plötzlichen, hektisch beteuerten Alternativlosigkeit voran gingen, nichts, aber auch gar nichts in Sachen Irak los war. Ist denn das Kalifat der IS wirklich wie ein irrlichternder, von keiner Sternenwarte bemerkter Komet aus den Weiten des Alls auf die nackte Wüstenerde der Levante herunter geplumpst? Gleichen wir tatsächlich den ahnungslosen Dinos der Vorzeit (viel Panzer, wenig Hirn), die von der Katastrophe auf nahezu unheimliche, zwangsweise unverstandene Weise heimgesucht worden sind? Hat in Sachen IS-Crash womöglich der Allmächtige selbst etwas nachgeholfen? Das behauptet, rückblickend, noch nicht einmal deren oberster Massenmord-Vollstrecker selbst, ein gewisser Abu Bakr al-Baghdadi, selbsternannter Kalif des ultrarechtgläubigen Staates in besagter Region. Als er Ende 2011 die Führung der damals noch recht unauffällig agierenden, vergleichsweise unbedeutenden radikalislamischen Terrorgruppe übernahm, war ihm klar: der Weg nach Bagdad führt über das Tollhaus Syrien. Mittlerweile bestätigen es selbst ranghohe amerikanische Führungsoffiziere und auch Verteidigungsminister Chuck Hagel wies in einem jüngst gewährten Interview darauf hin: in Syrien hatte man einmal mehr auf´s falsche Pferd gesetzt. Zwar wurden ausschließlich die Aufständischen der sogenannten Freien Syrischen Armee massiv mit Waffen und anderer Ausrüstung unterstützt, die ´good guys´ also, doch schon bald liefen viele der vorzüglich ausgebildeten Kämpfer zu den Totschlägern al-Baghdadis über, denen schon damals die Al Qaida zu lau geworden war. Das mit dem Westen verbündete Saudi Arabien mischte im syrischen Stammeskrieg schon aus strategischem Kalkül kräftig mit und stockte die Arsenale der radikal-barbarischen ´Glaubensbrüder´ beharrlich auf. Und was an Waffen der Unterlegenen zusätzlich erbeutet werden konnte wurde bald ´drüben´, im Irak, zum Einsatz gebracht. Die ISIS expandierte. Daher der Name. Diese Entwicklung muss aber sowohl den Geheimdiensten als auch der akkreditierten Beamtenelite vor Ort bekannt gewesen sein. Im benachbarten Jordanien tummeln sich die unterschiedlichsten Fraktionen verdeckt oder offensiv agierender ´good fellas´. Das mit USA verbündete Land ist eine echte Drehscheibe, nicht unähnlich dem Kosovo, von wo aus demnächst auch der an Europa angrenzende Südosten mit Überraschungen ähnlicher Art konfrontiert werden dürfte. Dazu unten mehr. Wie auch immer: es erzähle uns keiner, das die verantwortlichen Stellen die Entwicklung in sunnitischen Dreieck oder im benachbarten Syrien ´verschlafen´ oder gar übersehen hätten; das sie, wie Obama jüngst beteuerte, das Phänomen unterschätzt hätten. Aus einer zunächst noch lausig kleinen, üblen Räuberbande wurde nicht über Nacht eine omnipotente Großarmee, die mittlerweile Millionenbeträge umsetzt und diese wohl auch weiter mehren wird, da die Geschäfte mit erbeuteten Ölfeldern nebst dazugehöriger Infrastruktur florieren. Es wäre ein fataler Irrtum anzunehmen, ein paar Einsätze aus der Luft reichten schon aus, diesen Quell im Nu still zu legen.

Nein: nicht über Nacht, nicht erst seit gestern oder heute brach das Unheil über diese Region herein. Und nichts ist berauschender als der Erfolg: wer kämpft schon gern auf verlorenem Posten weiter, wenn die Ölmillionäre der IS mit fetter Beute locken? Daher die vielen Überläufe.

Im Grunde wiederholt sich jetzt im Irak, was in Afghanistan (um nur dieses Land zu nennen) bereits Geschichte ist. Und die reicht eben weiter, als man gern denken möchte. Es waren US-amerikanischer Stäbe, die bei der diskreten Unterstützung Ortsansässiger ´Widerstandsgruppen´, in Zusammenarbeit mit dem pakistanischen Geheimdienst, bereits in den Achtziger Jahren dem damaligen Counterpart, der Sowjetunion, in die Quere kamen. Deren Einmarsch in das Land war natürlich völkerrechtswidrig gewesen. Widerstand gegen die Besatzer wurde als legitim ´gedacht´. Und Widerstand gegen eine Weltmacht konnte natürlich ohne Waffen nicht ´gemacht´ werden. Also wurden sie ohne Ende reingepumpt. Jeder x-beliebige Stellvertreterkrieg funktioniert so und nicht anders. Davon hat sich dieses Land, etlichen gleich, bis heute nicht mehr erholt. Es herrscht im Grunde Chaos, seit weit über dreißig Jahren. Denn es sind immer die falschen, die von falschen Entscheidungen profitieren; jene, die sich dann so richtig austoben und die Misere verewigen. Clans und Stämme, Gotteskrieger und ´Unfehlbar-Gläubige´ profitierten von den Zuwendungen derer, die sich und ihresgleichen wohlweislich aus dem Gemetzel heraus halten. Also muss man, wird´s besonders schlimm, schon wieder etwas tun. Soll heißen: die Dosis muss jetzt noch weiter erhöht werden. Wie bei einem Junkie. Das verzögert den Exitus und zerrüttet den waidwunden Körper umso verlässlicher. Ich bin mir sehr wohl im Klaren darüber, wie zynisch das alles klingt. Auch der Hinweis darauf, dass die Wunden schon brannten, bevor man mit dem Gegengift drohte. Wollte man Entwicklungen dieser Art zwecks Verdeutlichung weiter verdichten, ohne sich näher mit den Ursachen auseinander zu setzen, könnte man sie mit dem Verlauf einer üblen Krankheit vergleichen. Mir fiele etwa die in unseren Breiten längst verdrängte Syphilis ein. Ich bin fair und parke den medizinischen Befund in einen neuen Absatz: wer nicht möchte, der kann gleich zum nächsten überspringen.

Der Freier steckt sich an und bekommt aus irgendeinem Grund erst ganz zum Schluss, als alles schon zu spät ist, die passende Behandlung verabreicht. Vorher laboriert man mit zahlreichen Medikamenten an ihm herum. Die sind allesamt bestens erprobt worden, ihre vielen Nebenwirkungen mit ein gerechnet. Letztere machen also alles nur noch schlimmer, aber irgendwas muss man ja schließlich machen. Es passiert indes auch ohne Zufuhr schon eine ganze Menge. Zunächst entsteht ein lokales Geschwür, genau dort, wo die Bakterien in die Haut eindrangen. Acht Wochen nach der Ansteckung kommt es zu grippeartigen Beschwerden wie Fieber, Abgeschlagenheit oder Kopf- und Gliederschmerzen. Die Lymphknoten sind jetzt stark geschwollen; am ganzen unruhig zitternden Körper. Die Erkrankung ist bereits in ein generalisiertes Verlaufsmuster übergegangen. Nach zehn Wochen erscheint ein übler Hautausschlag. Erst Monate später zeichnet sich das nächst-schlimmere Stadium der Erkrankung ab; eines, das besagte Symptome noch verstärkt. Dem in Fachkreisen als Tertiastadium benannten Krankheitsbild folgt endlich die berüchtigte Neurolues: die reicht nun bis an´s Hirn ran. Folgen über Folgen also. Will diese Folgen, um beim Vergleich zu bleiben, im Irak und in Syrien keiner bemerkt haben? Musste erst die ganze Region von dieser Geisteskrankheit befallen werden, bis man auf einmal zur ´alternativlosen´ Behandlung über zu gehen sich anschickte? So viel zum jahrelangen weggucken, zum verordneten Blindsein, oder wie man das post mortem nennen möchte.

Das im Steinmeier´schen Wortgebrauch als Nicht-Handeln bezeichnete Tun wird, wie das Beispiel Syrien lehrt, von einem tatsächlichen Handeln immer schon vorab konterkariert. Die Irren von der IS prosperierten, weil der Westen die freie syrische Armee massiv mit Waffen aufrüstete und seine Verbündeten vor Ort einer der dort ´tätigen´ Fraktionen auf gleiche Weise kräftig unter die Arme griffen. In Syrien, nicht im Irak, fassten die Horden Baghdadis erstmals Fuß. Wenn die sunnitischen Herrscherhäuser und reichen Privatiers von der arabischen Halbinsel (dieselben, denen der deutsche Staat Panzer verscherbelt; dieselben, denen wir die Finanzierung global agierender Islamisten danken) auf ihre Weise in einen Krieg eingreifen, den der Westen seinerseits zu manipulieren versucht, dann kommt es, wie es immer kommt – wie´s kommen muss.

Alles andere als unschuldig an der Misere ist ferner ein weiterer Partner – die Türkei. Auch ihre ´Granden´ unterstützten nach Kräften den Aufstand wider das Assad-Regime, gewährten den aus aller Herren Winde nachrekrutierten Gotteskriegern freien Durchgang; sozusagen: freies Geleit. Heute ist bekannt, dass auch Waffenlieferungen größeren Kalibers mit Billigung Ankaras über eigene Staatsgrenzen hinweg geduldet, womöglich sogar gefördert wurden. Erdogan und seine AKP hegten wohl, gewisse alt-osmanische Reminiszenzen mit eingerechnet, ähnliche strategische Hintergedanken wie die ultrakonservativen Emirate. Die Verhinderung eines schiitisch dominierten Machtblocks von Persien bis an´s östliche Mittelmeer hat aber im Ergebnis eine rechtsfreie IS-Zone ermöglicht, deren Entfernung nun tatsächlich alternativlos scheint. Auch dies also wiederum eine Art Handeln. Der Wahnwitz ist kaum noch zu überbieten, wenn wir jetzt hören, dass der Westen den bösen Assad in sein Bündnis wider IS diskret mit ein bezieht, nachdem er dieselben gegen diesen erst so richtig frisch machte. Freilich über Umwege, die freie syrische Armee eben, deren Befehlshaber ihn und seinen Herrscherclan auch weiterhin als ´enemy number one´ auf ihrer Abschussliste führen. Und der Prediger im weißen Haus strich jetzt noch einmal so unbekümmert wie Sendungsbewusst die aktive Beteiligung wichtiger muslimischer Länder im Kampf gegen den Terror heraus, als da wären: Bahrain, Katar, Vereinigte Arabische Emirate (die mit einer Pilotin ihre rechtgläubigen Ablenkungsmanöver kaschieren), Saudi Arabien und, na klar: Jordanien. Also weiterhin Gut gegen Böse, aber vorher sind die richtig Bösen dran und die noch richtiger Bösen helfen mit. Gut und Böse hängen überhaupt sehr eng miteinander zusammen, das ist auch so eine ´Weisheit´, die uns erst jetzt, also wiederum ziemlich spät, zu Bewusstsein kommt.

Man kann solch ein Handeln/Nicht-Handeln bequem als bloßen Irrtum, als Missverständnis abtun. Das gilt für manche, aber nicht für die meisten der in dieser Sache involvierten, oder sollte ich sagen: engagierten Akteure? Die Denkminuten solcher Strippenzieher zielen auf Eigennutz und nicht auf Verantwortung oder gar Vernunft. Und viele derer, die sich vor den Karren spannen lassen, tun jetzt schon wieder so, als wüssten sie alles besser, und sie drängen zur Eile, bevor es sich einer von vielen vielleicht doch wieder anders überlegt.

Jetzt geht es also darum, den einzig ernst zu nehmenden Widerstand im Nordosten des Zweistromlandes zu bewaffnen, um das Gespenst des Steinzeitislam vor den Toren Kleinasiens zu bannen. Um beim Vergleich zu bleiben: es ist nun wieder an der Zeit, die Dosis zu erhöhen. Aber so richtig. Alternative Behandlungsarten greifen nicht mehr. Irgendwie ist diese Krankheit einmal mehr verschleppt worden.

Um mich keinem falschen Verdacht auszusetzen: es verbietet sich, das Schicksal der Kurden und Christen im nahen Osten strategischem Kalkül oder nachträglicher Aufrechnung unterzuordnen. Jede humanitäre Katastrophe verlangt, wird man ihrer einmal so recht und deutlich gewahr, nach zügiger Hilfe, nach dementsprechend schnellen Entscheidungen. Doch die mittlerweile auch vom deutschen Parlament abgesegnete und auf den (umständlichen) Weg gebrachte militärische Aufrüstung wird jenseits des dauernd beschworenen humanitären Aspekts nicht zur Befriedung der Region beitragen, dieselbe vielmehr verlässlich in einen Super-Libanon verwandeln. Das mag auf Anhieb übergeschnappt klingen. Aber wer hätte in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts auch nur im Ernst damit gerechnet, dass die ´Schweiz des Mittelmeeres´ einmal in einem mörderischen Bürgerkrieg versinken würde, der Hunderttausende das Leben kostete? Im Umkreis der heute heiß umkämpften Grenzstadt Kohane lauert, jenseits der rabiat vorpreschenden IS, ein undurchschaubares, wirres Sammelsurium unterschiedlicher, meistenteils mafiös agierender Milizen. Das wird am Rande sogar in unseren Leitmedien erwähnt: „Früher begann dort (…) ein Staat namens Syrien. Heute existiert dort aber nur noch ein unübersichtliches Puzzle aus den Herrschaftsgebieten der verschiedenen Kriegsparteien im Nahen Osten. (FAZ; 28.09.14). Die will man nun also massiv mit Waffen ausrüsten, um so die IS in die Knie zu zwingen. Aber egal, wer am Ende die Nase vorn hat: der Kampf wird danach umso intensiver fortgeführt werden, denn die erwähnten Herrschaftsgebiete sind ja schon zuvor nicht auf zivilem Wege erweitert worden und in anomalen Zeiten erscheinen denen, die vor Ort das sagen haben, die Gelegenheiten umso günstiger, jenseits ziviler Absprachen Fakten zu schaffen. Es wäre nicht das erste Mal. Die Türkei versucht derzeit nahezu verzweifelt, sowohl den Zustrom an Flüchtlingen als auch den ´Abfluss´ von (zumeist kurdischen) Kämpfern zu unterbinden. Die Eskalation ist vorprogrammiert.

Mittlerweile hat es sich ja herumgesprochen: der bewaffnete kurdische Widerstand in den umkämpften Regionen beschränkt sich nicht einzig auf die von den Vereinigten Staaten favorisierten, noch halbwegs berechenbaren Peschmerga-Milizen im irakisch-türkischen Nordosten. Im Umkreis syrischer Siedlungsgebiete mühte sich ein Ableger der PKK (die YPG) lange ohne nennenswerte Unterstützung des Westens ab, das konnte mit Rücksicht auf den NATO-Partner Türkei bislang auch gar nicht anders sein; immerhin wird neuerdings wieder aus der Luft gebombt (so geht das immer los, fällt den Verantwortlichen auf Anhieb nichts anderes mehr ein). Die Kerntruppen und Stammeinheiten dieser schillernden Separatisten verharren auch weiterhin in den süd-östlichen Grenzgebieten der Republik. Ganz in der Nähe, schon auf irakischem Territorium, hat sich mittlerweile eine von Ankara mit Argwohn beäugte Autonome Region Kurdistans (KRG) konsolidiert, und die kann durchaus schon heute als möglicher Präzedenzfall gedeutet werden. Das Hoffen und Sehnen der insgesamt mehr als dreißig Millionen Kurden auf ein eigenes, durchgehendes ´Groß-Kurdistan´ wird durch den Erfolg der Peschmerga genährt, im Blick auf das Schicksal der in Syrien Verfolgten aber immer mehr angestachelt. Die Perschmergi haben gezeigt, dass es geht. Nach Beendigung des ersten US-amerikanischen Golfkrieges empfahl sich dieser mächtige Arm des kurdischen Widerstandes als strategische Vorhut der USA; eine, die in der Region einen verlässlichen Puffer schuf. Das Aufbegehren der Kurden, dessen sichtbare Kennzeichen über die allenthalben geforderten, bloß emanzipatorischen Ansätze längst hinaus greifen, alarmiert schon heute sämtliche der angrenzenden Staaten in diesem Teil der Levante. Die dem Selbstbestimmungsrecht der Völker entsprechende Forderung nach nationaler Eigenständigkeit, von der im Falle Israel/Palästina dauernd die Rede ist, würde im Norden des Zweistromlandes zwangsweise, gäbe man ihr nach, den weiteren oder zusätzlichen Zerfall betroffener Staaten befördern. Dies gilt ganz gewiss nicht für den Iran, der eine eigene kurdische Minderheit beheimatet. Teheran ließe einen Eingriff in die eigene territoriale Integrität gar nicht zu. Erinnert: im Jahre 1946 wurde im äußersten Nordenwesten des Iran eine kurdische Volksrepublik proklamiert, die natürlich umgehend und gründlich von der regulären iranischen Armee und den ersten Pasdaran-Einheiten niedergekämpft wurde. Und die Türken? Allah bewahre. Fällt es denn wirklich so schwer einzusehen, das eine massive militärische Aufrüstung auch nur einer der in Frage kommenden kurdischen Milizen früher oder später ein sengendes Fass zum Überlaufen bringen wird? Die überwiegende Mehrzahl des kurdischen Volkes siedelt in Ostanatolien (schätzungsweise 15 Millionen). Von der benachbarten, dank lukrativer Ölgeschäfte prosperierenden autonomen Kurdenrepublik könnte eine Sogwirkung ausgehen, und der entsprechende nationale Überschwang träte eine wahre Lawine los. Dem stünde am Ende wohl nur die fast schon traditionelle Rivalität der kurdischen Stämme untereinander im Wege. Auch das brächte, rüstete man sie weiter konsequent auf, Unheil. Der Gegensatz zwischen dem Führer der autonomen Region Kurdistans, Mazud Barzani, und dem ehemaligen Staatspräsidenten des Irak (der auch Vorsitzender der demokratischen Partei Kurdistans ist), Dschalal Talabani, verschärfte sich im Laufe der Jahre eher, als das ihm versöhnlichere Klänge gefolgt wären. Letzterer hat während seiner aktiven Amtszeit in der irakischen Hauptstadt die Besetzung der Öl-Stadt Kirkuk (das ´Jerusalem der Kurden´) durch den Rivalen mit Argwohn zur Kenntnis genommen. Nunmehr fordert diese ´Statthalterschaft´ umso schärfer die nachgerückte Zentralregierung im nur 200 Kilometer entfernten Bagdad heraus.

Wie auch immer: käme es, jenseits der üblichen Ränke, zum Konflikt zwischen den unterschiedlichen kurdischen Fraktionen, geriete die ohnehin angespannte Situation völlig außer Kontrolle. Anbei: schon der Prophet Mohammed vermerkte in einem Hadith, das selbst Allah die Kurden nicht zusammen schließen könne. Warum soll das heute anders sein? Während die Mainstream-Medien hauptsächlich an das humanitäre Gewissen der ´freien Welt´ appellieren, wissen Angehörige der Betroffenen selbst schon viel besser darüber Bescheid, wohin die weitere Reise gehen könnte. In einem Beitrag für die Deutsch Türkischen Nachrichten vom 11.09 (Titel: Tauben und Falken: die PKK zerfällt in zwei Lager und bedroht die Einheit der Türkei) wird das Dilemma angedeutet:“ Durch die in der Türkei operierende PKK und ihre nordirakischen Verbündeten verläuft ein Riss. Er ist sinnbildlich für die innere Zerstrittenheit der Kurden. Diese wird nicht zuletzt auch durch die Türkei vorangetrieben, die zunehmende Nähe zu den nordirakischen Kurden sucht.“ Wie das? Türken und Kurden ziehen mal an einem Strang? Das hängt aber mit den eigenen, vitalen Interessen zusammen:“ Von einem Aufbegehren der Kurden gegenüber Bagdad zieht die Türkei ihre Vorteile. Im fortschreitenden Öl-Handel zwischen der KRG (Kurdische Regionalregierung, Anm. d. Verf.) und der Türkei fühlt sich Bagdad ausgeschlossen und behauptet, dieser Handel sei illegal. Die irakische Regierung verliert allmählich die Kontrolle über das Öl im Norden des Landes. Gegen diesen Handel zog die irakische Regierung vor ein internationales Gericht und drohte den Abnehmern des Öls mit Konsequenzen.“ Andererseits die PKK:“ Waffenlieferungen könnten die Türkei in ihrer Position gefährden. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die in die Region gelieferten Waffen in die Hände der PKK geraten.“ Die Flügelkämpfe zwischen den Peschmerga und der PKK, deren Kämpfer sich nicht zu Unrecht benachteiligt, ja verraten fühlen, gipfeln in gegenseitigen Beschuldigungen und offenbaren bei der Gelegenheit auch die eigene, innere Zerrissenheit dieser vielgeschmähten Untergrundorganisation. Tauben gegen Falken eben. Die Situation würde eines Tages ganz von selbst eskalieren, wider die Konkurrenz in den eigenen Reihen und darüber hinaus. Dann wird keine Macht der Welt mehr das blutige Durcheinander entwirren können, dass ´Bruderkämpfen´ dieser Art nun einmal eignet. Man stelle sich das vor: zusätzlich zum tödlichen Schlagabtausch zwischen Sunniten und Schiiten, der sich in der Region bereits verewigt hat und derzeit lieber totgeschwiegen, allenfalls kleinlaut behandelt wird, ein kurdischer ´Bürgerkrieg´, dessen Ausmaße die großen Anrainer dann nicht mehr ungerührt hinnehmen werden. Allen voran wird die Türkei aufmarschieren. Sie tut es, gut getarnt, ja schon jetzt; im Falle Syrien. Sie wird aber nicht mehr auf bewährte Art und Weise mittels begrenzter Strafaktionen zur schnellen Beendigung der Konflikte beitragen können. Die Dimensionen wären fortan ganz andere. Es sind ja zahlreiche Clans und Stämme, Milizen und Mafiosi involviert. Vor allem brächte die innerkurdische Eskalation beteiligte Staaten selbst einmal mehr gegeneinander in Stellung. Der Streit zwischen Türken und Kurden nähme dieweil an Unerbittlichkeit zu und er würde natürlich auch bei uns, in Deutschland, entsprechende Folgen zeitigen. Ich merke das doch schon heute, wenn ich den Jungs und Mädels in meiner Schule zuhöre; die kriegen ja zuhause jede Menge mit. So tönen etwa unsere jungen Türken immer öfter mit gespielter Männlichkeit:“ Wir machen die alle platt, die werden schon sehen.“ Offenbar wird die autonome Region im Norden des Irak längst als Handfeste Bedrohung empfunden. Man merkt: die Verbindung in die Heimat reißt nicht ab. Der Draht läuft; fast heiß. Unsere Kurden wiederum fragen dauernd, ob ich für oder gegen Kurdistan sei. Zurück gefragt, wann es denn eins gäbe, entgegnen sie, so erstaunt wie gereizt, dass es doch längst da sei. Eben im Irak. Den es so allerdings auch nicht mehr gibt. Die alten Kolonialgebilde brechen ja unentwegt und nahezu irreparabel auseinander. Chaos und Anarchie bestimmen die Erbfolge. Und beschleunigen eine Völkerwanderung, die immer noch bestritten wird, wiewohl ihre Ausmaße die geschichtlichen Vorläufer schon jetzt erblassen lassen.

Fakt: die Kurden des Nordirak haben im Laufe der letzten Jahre mächtig Auftrieb erhalten und werden nie mehr freiwillig die verhasste arabische Fremdherrschaft akzeptieren, es möge in Bagdad gerade eine Dynastie der Schia oder der Sunna unter dem Deckmäntelchen der Demokratie am Ruder sein. Es kann und es wird zwischen Sunniten und Schiiten, Sunniten und Alawiten, Kurden und Semiten, Türken und Kurden und, bitte schön: westlichen Besatzern und heimischen Orientalen keinen Frieden geben. Mehr noch: sie alle werden jenseits der angestammten, gegenseitigen Rivalitäten durch das bloße Ineinandergreifen der übrigen, sich längst abzeichnenden Konflikte zusätzlich in das ganz große Hauen und Stechen involviert werden. Durch massive militärische Aufrüstung von außen wird, das haben sämtliche Konflikte nach Ende des zweiten Weltkrieges mehr oder weniger bewiesen, das vorgefundene Ungleichgewicht nur verlagert und infolge dauerhafter ethnisch-religiöser Divergenzen weiter entfacht. In einer Region, deren Staaten nur mehr auf dem Papier bestehen, werden diese Antagonismen zusätzlich zu den bestehenden Konfliktlinien deren weitere schaffen.

Einmal mehr bezeichnend bleibt, dass derzeit kaum noch von Afghanistan die Rede ist. Wo dieser artifizielle Staat noch vorgestern – statt des Irak – in aller Munde war. Aber genau dort bahnt sich ja schon die nächste Katastrophe an. Frische Anwärter der ´grünen Legion´, deren Horden als Al Nusra, Al Qaida oder IS derzeit vor allem in der Levante und in Nordafrika wüten, liegen längst vor den Toren der meisten ehemaligen GUS-Staaten ungeduldig, man könnte auch sagen: Mordgeil auf der Lauer. Die usbekischen Ausbildungslager der pakistanischen Taliban werden wohl schon dezent von den örtlichen Geheimdiensten observiert, aber wenn sich das Gros kampfbereiter Dschihadisten erst einmal über das Ferganatal bis nach Tadschikistan oder Kirgisien ausbreitet, um auch dort dem Irrwitz eines heiligen Krieges auf Blutlüsterne Art und Weise zu genügen, wird es einmal mehr zu spät sein. Das benachbarte Pakistan, in dessen westlichen Grenzregionen trotz massiver Drohneneinsätze die Taliban herrschen, ist ein gefährlicher Rumpfstaat geblieben, auf ähnliche Weise ethnisch-konfessionell gespalten wie die Ukraine, dazu aber Atommacht und, da die Bevölkerung fast durchgehend der orthodoxen, strenggläubig sunnitischen Konfession angehört, kaum mehr zivil zu befrieden. Käme es auch hier zum sakral motivierten Schlagabtausch, käme auch keine Macht der Welt mehr von außen ordnend dazwischen. Wenn in der unmittelbaren Nachbarschaft eines solchen Staates, dessen fragile Gesamtverfassung notorisch ist, anarchische Zustände herrschen, dann droht infolge dieser ´irakischen Verhältnisse´ tatsächlich die so oft beschworene atomare Apokalypse. Aber wer erinnert die Öffentlichkeit schon an das große Kräftemessen der alten und neuen Weltmächte in diesem Teil der Welt, an deren massive Einmischungen, auch und gerade mittels robuster militärischer Versorgung? Schon die übereilte Staatsgründung (Pakistan) kurz nach dem Weltkrieg kostete annähernd einer Million Menschen das Leben. In Afghanistan hat, wie oben erwähnt, der Einmarsch der Sowjetmacht einen beispiellosen konfessionellen Bürgerkrieg entfacht und das ständige Auf, – und Zurüsten beider Weltmächte potenzierte den Eifer beteiligter Mörderbanden und Milizen (beides deckt sich oft). Und auch das Ringen zwischen Irak und Iran zu Beginn der Achtziger Jahre ging über einen blutigen Regionalkonflikt weit hinaus, da von außen einmal mehr ständig Waffen nachgeliefert wurden. Ich erspare es mir und dem Leser, in dieser Sache auf Afrika, Mittel, – und Südamerika zu sprechen zu kommen. Vor allem der schwarze Kontinent ist durch das Engagement der Weltmächte zusätzlich – nicht ausschließlich – zerrüttet worden; eines, das sich der Komplizenschaft einer hautsächlich tribal verfügten Elite immer sicher sein durfte.

Von den oben skizzierten Zuspitzungen im Dar al Islam ist in den Medien immer nur partiell die Rede. Im vorderen Orient dominiert ab sofort das Schreckgespenst IS. Was also tun? Immer das übliche – ständig dasselbe. Das vermeintlich Bewährte. US-Außenminister John Kerry ließ sich früh entsprechend vernehmen.“ Die Dschihadistenorganisation soll im Irak und Syrien zerstört werden, ohne Bodentruppen einzusetzen. Frankreich erklärt sich bereit, sich am Kampf gegen die IS zu beteiligen.“ (AFP; 06.09) Frage: wie kurzsichtig sind die Federführenden Akteure? Solche immerhin, denen das Schicksal ganzer Landstriche einmal mehr in die tatternden Hände fällt. Da werfen sie ihre Eier ein paar Tage und Nächte lang im Irak ab, die IS zieht für Momente ihre Köpfe ein und verlagert ihr Schwergewicht gen Westen, und dann, oh Wunder, wiederholt sich der Schlamassel in Syrien. Jetzt gehen dort die nächsten Kracher runter, und im Irak läuft schon wieder die nächste Vertreibung auf Hochtouren, weshalb nun auch die regulären irakischen Streitkräfte dort erste Erfolge melden. Wer soll das glauben? Das klingt aber auf Anhieb gut. Aktionismus tut überhaupt immer gut. Im ersten Moment. Die IS hat Zeit. Und weicht, wie gewohnt, geschmeidig aus. Eine solche Strategie müsste den Chefplanern im Pentagon eigentlich sattsam bekannt sein. Ihre Macher wissen denn auch: ohne massiven Bodeneinsatz bleibt der vordere Orient auch weiterhin die blutige Spielwiese der IS. Der weitere ´Fraktionen´ folgen werden – schon gefolgt sind. Die jüngste Stellungnahme des US-amerikanischen Generalstabschefs Martin Dempseys dürfte die derzeit federführende Terrorbande gleichsam wenig beeindruckt haben. Wenn dieser Stratege anmerkt, man müsse bis zu 15000 ´moderate syrische Rebellen´ ausbilden und entsprechend mit Waffen ausrüsten, dann wird sich im Grunde einmal mehr wiederholen, was schon seit Jahren (schief) läuft. Wir hatten es oben schon kurz angedeutet: die ´Befreiungsfront´ ist alles andere als ein homogener, straff durchorganisierter Block. Die hauptsächlich auf Clanstrukturen und örtliche Kommandanturen angewiesenen, zudem versprengt agierenden Gruppen konnten der wie eine gewaltige Waffen-SS verschweißten grünen Legion nichts entgegen setzen, denn auch diese verfügt weiterhin über modernstes Material und – noch wichtiger – endlosen Nachschub aus allen Teilen der Welt. Genau das scheint mir der springende Punkt zu sein: unsere ´Partner´ fragmentieren, der gemeinsame Gegner aber kumuliert in geschlossener Formation. Das Gros der nachgelieferten Bestände wird dann entweder ihm oder jenen unsicheren Kantonisten die Hände fallen, die das heillose Durcheinander nutzen, um ihren schmutzigen Geschäften nachzugehen. Noch etwas deutlicher gesprochen: ehrbare, lautere Kräfte, Freiheitskämpfer also in unserem Sinne, die kann es in einem solchen schmutzigen Krieg gar nicht geben. Auch hier findet eine strenge, unnachgiebige Auslese statt. Wie in der unscheinbaren ´Steinwüste´ Afghanistans. Erinnern sie sich noch? Als eine wie üblich unter dem Kommando der USA stehende Militär-Allianz schon im Oktober 2001 als Reaktion auf den elften September Stellungen der Taliban bombardierte und, von einer massiv aufgerüsteten sogenannten ´Nordallianz´ unterstützt, binnen kurzem Kabul besetzte, sprach man, völlig zu recht, von einem brillanten, sagenhaften ´Blitzsieg´. Heute toben sich die Taliban heftiger denn je in dem Land aus und das vollmundig angekündigte ´Nation Building´ muss endgültig als gescheitert bezeichnet werden. Clans und Stämme beherrschen, jenseits einer allenfalls als artifiziell zu bezeichnenden ´Regierung´ in Kabul, das umliegende Terrain. Das ´Puppenparlament´ verfügte, ohne Schützenhilfe von außen, noch nicht einmal in der Mulde der Hauptstadt über ausreichend Einfluss und Kontrolle.

Auch der Einsatz in Libyen ähnelte dem mittlerweile stündlich vollzogenen Waffengang im Zweistromland und näherer Umgebung auf verdächtige Weise; und dort wie im schwarzafrikanischen Mali waren wiederum französische Einheiten mit von der Partie gewesen. Erinnert: vor allem in der Cyrenaika hatte man den ´Verbündeten´ ganz unten von noch weiter oben den Weg frei gebombt. Und die machen ´da unten´ jetzt so munter wie ungehemmt, so brutal wie bald bestialischer weiter. So sicher, wie dieser artifizielle Flächenstaat längst nur noch auf dem Papier existiert. Das hat sich mit einiger Verspätung herum gesprochen. Der Westen hat auch hier die ersten Standbeine ermöglicht. Massive Aufrüstung der Aufständischen beschleunigten den Sturz des alten Machthabers; vorab zu den unvermeidlichen Luftschlägen. Gerade in Libyen war ja lange Zeit noch alles offen. Dem Oberst Gaddafi und seiner Stammeselite wurde der endgültige Garaus erst bereitet, als durch gezielte Bombardements aus der Luft den Milizen im Osten des Landes der Zugang zu den noch verbliebenen Metropolen ermöglicht wurde. Jene hauptsächlich dem eigenen Stamm verpflichtete Soldateska, die das Land jetzt so richtig in der Mangel hat, wären ohne uns – es bleibt wichtig, das noch einmal zu betonen – nie in die Lage gekommen, den alten Herrscherapparat zu usurpieren. Gleichzeitig sind die bezahlten (und massiv bewaffneten) Söldnerheere des ´großen Führers´ außer Landes geflohen und bringen nun die Sahelzone komplett durcheinander. Im Ergebnis driftet so eine gewaltige, quasi-kontinentale Landmasse auf Jahrzehnte in totale Anarchie ab. Eigenartig genug, das die ´Achsenmächte´ – Europa und die ´neue Welt´ – deren schamlose militärische Einmischung dem derzeitigen Hauen und Stechen so verlässlich vorgearbeitet hat, nun ihrerseits die aktuellen Einmischungen der viel direkter betroffenen Regionalmächte beklagen. Unter der Überschrift “ Neuer Bürgerkrieg – USA warnen Verbündete vor Einmischung in Libyen“ weiß der SPIEGEL um die Sorgen und Nöte westlicher Schutzmächte:“ Hinter den Luftangriffen auf islamistische Milizen in Libyen stecken laut einem Bericht der “New York Times” Ägypten und die Vereinigten Arabischen Emirate. Die USA und ihre wichtigsten europäischen Partner verurteilen die “Einmischung von außen.“

Fazit: Sie durften bomben. Die andern sollen nicht. Sie mischten kräftig mit – die Hottentotten von der Muslim-Front rühren mit der falschen Kelle. Im Ergebnis läuft und lief beides aber auf ein selbes hinaus.

Im Grunde bleibt die libysche Katastrophe noch überschaubar. Sie bietet keinen Vergleich zur Misere, die sich zwangsweise eröffnet, sollten die auf insgesamt fünf Staaten verteilten kurdischen Stämme eines Tages ernsthaft die Durchsetzung des ersten Artikels der Charta der Vereinten Nationen einfordern: dieser verbrieft eben ohne lästige Klauseln, ohne jedes wenn und aber das Selbstbestimmungsrecht der Völker, von dem immer dann in endloser Folge geredet wird, wenn die bösen Juden neue Siedlungen in den besetzten Gebieten absegnen. Wer erinnert die in dieser Sache ständig in die ersten Reihen drängenden, also: die üblichen Verdächtigen daran, das ein solches ´Völkerrecht´ in der real existierenden, in der tatsächlich umgesetzten Variante im Süden des Sudan einen failed state ermöglichte, der im Ergebnis nur weiteres Chaos mit der üblichen Ladung Mord und Totschlag zeitigte? Und schon auf die gleichsam fragilen Nachbarstaaten übergreift. Nein, solche Zusammenhänge passen nicht ins Bild. Jetzt weckt man bei den Kurden Hoffnungen, die erst ein territorial ausufernder Regionalkrieg langsam und verlässlich im Blut ersticken wird. Das aktuelle Flüchtlingselend an der Südgrenze zur Türkei zeigt, das Waffenlieferungen an ausgewählte Fraktionen kurdischen Selbstbehauptungswillens das Problem insgesamt nicht mehr lösen können. Wenn Hunderttausende in letzter Verzweiflung Einlass begehren, weil man – wer ist man? – es nicht schaffen konnte, diesen Menschen vorher, also: rechtzeitig zu helfen, dann kommt jede Hilfe zu spät – viel zu spät. Nochmals: den kurdischen Kämpfern in Syrien mit Waffen unter die Arme zu greifen hieße, den Verbündeten Türkei zu brüskieren, der an einer erstarkten PKK kein Interesse hat und zudem die ´Rücklieferung´ seiner IS-Geiseln mit ziemlicher Sicherheit schnöde ´erkauft´ hat. Soll heißen: die Kurden in Syrien lieferte man dem ´Partner´ bisher per Absprache an´s Messer. Eine heimliche Komplizenschaft zwischen IS und Ankara kann mittlerweile als sicher gelten, das pfeifen in der Türkei längst sämtliche Spatzen von den Dächern. Allein: wen kratzt das schon? Da hat weder der Herrn Steinmeier noch sonst einer von den ´Kollegen´ auch nur leise nachgehakt beim ´Bündnispartner´. Einer bundesdeutschen Elite machte man umgehend die Hölle heiß, schwiege sie sich über einen Austausch-Deal wie diesen so vehement aus. Die Türken haben längst bemerkt, dass sie in Sachen IS mit dem Feuer spielten. Eine vorübergehende Schwächung der Kurden ist ihnen damit gelungen. Aber allen jetzigen Luftschlägen zum Trotz, womöglich durch dieselben noch verstärkt, gestaltet sich die Südgrenze der Republik zum Chaotistan. Merke: Interessenpolitik ist auf Anhieb immer nützlich, auf lange Sicht meist ärgerlich. Inzwischen sah sich der Groß-Osmane Erdogan, dessen Hofschranze Davotoglu stets nur nachplappert, was dieser zu verkünden sich erlaubt, zum neuerlichen Handeln genötigt. Das militärische Engagement auf Seiten der Allianz in Syrien und Irak ist nunmehr beschlossene Sache. Was bleibt der regierenden AKP auch übrig? Ihr geht es längst wie Goethes Zauberlehrling. Ähnlich erging es auch den USA, die den Irak Saddam Husseins wieder Iran massiv hochgerüsteten, bevor man ihn in zwei Kriegen endlich niederrang. Alternativlos; jeweils.

Im Ergebnis ist es also die Türkei, der das Kurdenproblem jetzt so richtig über den Kopf wächst. Die Flüchtlingsmassen in den angrenzenden Regionen (insgesamt schon 1,5 Millionen) geraten immer öfter in Konflikt mit der einheimischen Bevölkerung, der die ´Überfremdung´ durch ´Niedriglohn-Konkurrenten´ ein Dorn im Auge ist. Wann wird es zu den ersten Ausschreitungen kommen, zu Pogromen gar? In diesem Zusammenhang las ich übrigens, dies am Rande, in meiner Tageszeitung: “Die Unterbringung der Flüchtlinge führt auch in Deutschland zu Problemen. Zum Beispiel in Herford.“(Neue Westfälische, 22.09.) Es geht tatsächlich, sie können es online nachlesen, um die aktuelle Situation an der syrisch-türkischen Grenze, die schon jetzt beteiligte Kommunen verzweifeln lässt. Das mag angesichts des Grauens in der Levante wie ein kleineres Übel scheinen, dem mit den richtigen Mitteln schon beigekommen wird. Stellt sich nur die Frage, wann es zu ähnlichen ´Gefühlslagen´ kommt wie an der mit Flüchtlingen förmlich überschwemmten türkischen Peripherie. Die Mehrzahl gestrandeter Heimatloser wird wohl wie üblich ganz diskret auf diesen oder jenen Staat Mitteleuropas verteilt werden: über Schleuser oder, endlich, Ämter; unter der Hand oder offiziell – je nachdem. Mit den auf Schlepperkähnen auf´s italienische Festland vorgedrungenen Flüchtlingen verfährt man gleichsam ´pragmatisch´. Wer schon einmal im marokkanischen Nador geurlaubt hat, kann noch vom Flughafen in Melilla aus beobachten, wie so etwas in der ersten Phase abläuft. Insider wissen übrigens auch so, das allein aus der Türkei jährlich eine halbe Million Migranten auf diese Weise in´s ´gelobte Land´ gelangen – ein vermeintlich gelobtes, wohlgemerkt. Die Türkei zeigt derzeit aber auch, wie man Migration erfolgreich unterbindet: diejenigen männlichen Kurden, denen an der Verteidigung ihrer ´Landsleute´ im nord-östlichen Syrien gelegen ist, werden an der Grenze resolut zurück gehalten.

In diesem Zusammenhang noch interessant, weil auffallend divergierend: der unlängst vergessene Krieg im zerfallenen Jugoslawien. Der Autor dieser Zeilen drückte damals, als es langsam losging, noch die Schulbank. Umso besser kann ich mich daran erinnern, wie verzweifelt die armselig bewaffneten kroatischen Heimwehren dem ´Hunnensturm´ der seinerzeit als ´stärkste Streitkraft´ Europas eingeschätzten jugoslawischen Bundesarmee stand hielten. Aber ohne Hilfe von außen. Wer redet heute noch von Vukovar? Die ganze ´Auseinandersetzung´ wurde bequem in einen Bürgerkrieg umgelogen und obwohl hier längst ein echter Völkermord statt fand, fiel keinem der in dieser ´Sache´ beauftragten Polit-Beamten ein, alternativlos zu handeln. Salopp gesprochen: Kroaten und Bosniaken (und da vor allem die Muslime) ließ man schmählich verrecken. Als die NATO später im Kosovo endlich doch noch bombte, ging ein Sturm der Entrüstung durch alle zivilisierten Lande. Erinnert: das Unternehmen wurde lange vorher umständlich genug angekündigt, die Friedensvögel konnten also in aller Ruhe ihre Schwingen spreizen und dann knallte es gewaltig. Davon abgesehen beweisen diese zu den Akten gelegten Fälle einmal mehr, wie unterschiedlich die Öffentlichkeit Konflikte bewertet (nimmt sie dieselben überhaupt wahr oder zur Kenntnis), während das verantwortliche Personal seinerseits zu ganz unterschiedlichen Maßnahmen greift oder auch nicht, obwohl der humanitäre Aspekt angeblich keine Alternativen zulässt. Er erspart übrigens auch jede Analyse bestehender Konflikte, die ein Minimum an Verständnis zutage förderte, aber das nervt nur, macht alles viel zu kompliziert und bedient weder das begleitende Sensationsfieber noch die Bereitschaft zu spenden. Das Gewissen möchte schließlich zur Ruhe kommen, nachdem das Gemüt sich endlich satt gesehen hat. Der Krieg der Bilder läuft dennoch passend weiter, parallel zum tatsächlichen, und wirft so immer wieder die entsprechenden ´Highlights´ ab; wird folglich zum Pfund, mit dem sich wuchern lässt. Und besagte Spendenaktionen sorgen dafür, dass sich nichts wirklich ändern muss, weil man das Schlimmste vor Ort damit immerhin mildert. Auch eine Art Arbeitsteilung. Ich werde später noch erläutern, warum der Kriegseinsatz im Kosovo dennoch auf lange Sicht nur Schaden angerichtet hat; einen, den heute noch keiner sehen möchte. Einer, der uns Europäer viel direkter, viel intensiver (be)treffen wird.

Natürlich fragt sich spätestens jetzt der eine oder andere so mürrisch wie verdrossen: was soll man denn tun? Oder: irgendwas muss man doch machen. Stimmt. Aber wer sagt uns, was richtig oder falsch ist? Wissen Sie es?

Halten wir bis hierhin fest: der unaufhaltsam voran schreitende Zerfall der islamischen Staatenwelt wird durch militärische Einmischung von außen weiter beschleunigt werden. Dieser Prozess weitet sich rasend schnell aus. In östlicher ´Stoßrichtung´ würde er, am Iran vorbei, früher oder später das hochfragile Pakistan erfassen und die unvermeidliche nukleare Katastrophe heraufbeschwören. Eine Zuspitzung konfessioneller Konfrontationen in diesem Teil Asiens wird unweigerlich die weiter nördlich gelegenen, wiederum mehrheitlich von Muslimen bewohnten ´Nationen´ der ehemaligen GUS in Unruhe versetzen; zusammen genommen ist das eine immense, ohnehin im Zustand gärender Ungewissheit befindliche Landmasse.

Eine nüchterne geostrategische Gesamtbetrachtung offenbart schon auf den ersten, flüchtigen Blick: um Europa spannt sich die immense, breit ausufernde Sichel muselmanischer Selbstzerfleischung, der beteiligte ´Nationen´ stündlich erlegen. Sie lösen sich rasend schnell in ihre natürlichen, also: ethnischen Bestandteile auf, und die betroffene Bevölkerung stiebt in immer größeren Kolonnen nordwärts auf und davon. Der blutige Halbmond wirft im Eingang zum 21. Jahrhundert weite, zunehmend dunkle Schatten voraus. Die scharfe Kante gräbt sich vom Maghreb über das Nildelta entlang der nördlichen Levante bis in den südslawischen Balkan hinein. Heute existiert kein einziger der hier betroffenen Staaten in der verlässlichen zivilen Variante. Das ist vorbei.

Die hemmungslos nach Osten ausufernde europäische Union stößt in gefährliche Nähe zur unruhig brodelnden Konkursmasse der ehemaligen Sowjetunion, die fast durchweg koranisch geprägt ist. Die ´Sichel des Todes´ reicht so, in der Totale, vom arabisch geprägten Nordafrika bis weit in die äquatoriale Sahelzone, sie umfasst natürlich den gesamten nahen und mittleren Osten und drängt in dieser Richtung bis vor die Tore Indiens und Chinas. ´Die Verdammten dieser Erde´ (Frantz Fanon) werden nicht in die endlosen asiatischen Steppen ausweichen. Nicht in die ´Milliardengräber´ China oder Indien. Ihr Weg wird sie auch nicht in das tribal verzettelte Zentralafrika führen. Sie haben, das ist ganz klar, nur eine Wahl.

Ein weiteres Beispiel, das hier abschließend für sich sprechen sollte. Den aufeinander folgenden drei Präsidenten des größte Flächenstaates der Erde (Russland) wollte es in insgesamt zwanzig Jahren nicht gelingen, der Abspaltung einer winzigen Teilrepublik (Tschetschenien) auf zivile, also: gewaltfreie Art zu begegnen. Der Status konnte bis heute nicht wirklich konsolidiert werden. Er bleibt auch weiterhin unklar. Die im Jahre 1999 eingeführte Scharia wird in diesem ´Flecken´ wohl unter der Hand auch weiterhin praktiziert, während eine Art Verwaltungsmafia von Putins Gnaden immerhin verhindert, dass es zu neuen, schlimmen Scharmützeln kommt. Das Beispiel lehrt: nach Ende der Blockkonfrontation wird selbst die Befriedung kleinster staatlicher Gebilde zur Herkulesaufgabe. Von Nordafrika aus haben die Folge-Beben der Arabellion längst die südlich gelegene Mitte des Kontinents erreicht. So befindet sich etwa die Terrormiliz Boko Haram, laut einer Meldung vom 13.09, weiterhin unaufhaltsam auf dem Vormarsch. Weder robuste Waffenlieferungen an die ´Richtigen´ noch eine wie auch immer geschmeidige, womöglich aber von den unvermeidlichen Sanktionen begleitete Diplomatie vermag die derzeit wild um sich greifenden Konflikte einzudämmen, deren sichtbarstes Zeichen früher später die immensen, durch keine Macht der Welt mehr aufzuhaltenden Flüchtlingsströme sein werden (ich wiederhole mich, ich weiß). Laut einer Umfrage meint neuerdings jeder zweite Deutsche, das man mehr Verfolgten als bisher die Aufnahme ermöglichen solle. Fragen sie mal einen einzigen von denen, ob er auch bereit wäre, bei sich selbst damit anzufangen. -

 

II.

 

Kommen wir zu den derzeit infolge vertraglicher Vereinbarungen ein wenig zur Ruhe gekommenen Unruhen in der Ukraine. Im Schatten des IS-Terrors verlor der Konflikt an Aufmerksamkeit, aber neuerdings wird wieder heftig geschossen. Diese Krise gleicht insgesamt einer Art Nonstop-Lehrvideo, das wir in Echtzeit auf dem Bildschirm verfolgen können. Und wie bei einer echten Werbeunterbrechung im Fernsehen darf man davon ausgehen, das dieses halb geklonte, halb authentische Reality-Desaster demnächst umso schmissiger wieder an Fahrt aufnehmen wird. Klingt wieder zynisch, abgehoben – unangemessen. Ich weiß.

Frage: was konnte man bis jetzt schon aus dem ´Movie-Special´ lernen? So manches. Auf das ich hier infolge thematischer Beschränkung nicht detaillierter eingehen will. Das Meiste lässt sich aber immerhin in groben Zügen andeuten. Dazu zählt zunächst, wie üblich und wie immer, die Interessengeleitete, völlig einseitige Darstellung des Konflikts (sowohl im ´freien Westen´ als auch drüben, in der ´russischen ´Zone´). Eine, die weniger an Propaganda, mehr an gezielte Gehirnwäsche grenzt. Solches erkennt man vor allem daran, dass es kaum einer wirklich merken möchte, ausgenommen solche, die so sehr von gegenteiligen Allgemeinplätzen ´befallen´ sind, dass sie dem wiederum anderen Extrem notorischer Einäugigkeit verfallen. Oder schielen wir alle nur? Fehlt uns die richtige Brille? Vielleicht hängt der ´Sehfehler´ damit zusammen, dass bei uns im Zuge emotionaler Verstrickung nebst unausrottbarer Voreingenommenheit und Beschränkung statt der Vernunft mehr die Drüsen in Aktion treten. Das schlägt dann allerdings auch auf´s Auge. Wir sind im Übrigen auch denkfaul geworden. Die totale Vernachlässigung nur der jüngeren, die Misere überhaupt erst möglich machenden ´Stationen´, die im Ergebnis einmal mehr einen Nationalstaat zu Fall brachten und nunmehr schleichend (aber verlässlich) der Selbstauflösung anheim stellen, wird von den Meinungshoheiten willentlich in Kauf genommen. Einer sorgfältigen Analyse der Misere folgte zwangsweise die Aufgabe, zumindest die Infragestellung überkommener Vorurteile; als einem Eingeständnis eigener Beschränktheit. Man sähe sich dann vielleicht auch mit der Komplexität und Verwobenheit der ohnehin verworrenen Vorgänge konfrontiert, aber davon will keiner was wissen, das hemmt den Geifer und verkauft sich schlecht auf allen Kanälen. Wir wollen gern eindeutig Stellung beziehen, auf der richtigen Seite stehen, aber so einfach lassen sich innerstaatliche Anomalien (die von außen nicht nur verstärkt, oft auch verursacht werden) eben nicht deuten. Wer wollte schon, angesichts der täglichen Bilderflut, die uns so schamlos wie gewöhnlich überschwemmt, den Gang zurück schalten (das heißt auch: abschalten, inne halten) um auf eher umständliche Art die Ursachen und ihre Folgen gegeneinander abzuwägen?

Interessant nun im Falle Ukraine die hierzulande einander nicht einzig feindselig, nein: ungebrochen kompromisslos gegenüber liegenden Lager und ihre jeweiligen Exponenten. Eine seltsame ´Sympathiesantenschaft´ ist da zustande gekommen. Hier haben unmerklich Menschen zueinander gefunden, die einander üblicherweise eher nicht begegnen. Unter den sogenannten Putin-Verstehern befinden sich einerseits, wie kaum anders zu erwarten, vor allem Angehörige und ´Anwälte´ des linken Spektrums, dazu aber gesellen sich zahlreiche eher konservativ gestimmte Polit-Elders, etwa aus der Kohl-Ära (so zum Beispiel der spröde Horst Teltschik), wortmächtig unterstützt von den noch viel älteren, höchst ehrbaren ´Dinosauriern´ (dazu zählen der jüngst verstorbene Peter Scholl-Latour, Helmut Schmidt oder Richard Nixon), und auch diejenigen in die Jahre gekommenen ´Mahner´, die mit Politik nur peripher zu tun haben (Promi´s vom Schlage eines Justus Franz, der sich das Meiste sicher vom alten Schmidt abgehört hat), melden sich auf Seiten der Versteher umständlich und ehrbar zu Wort. Das andere Lager wird nahezu vollständig von Schwarz-Grün besetzt gehalten: die Mutti vorne weg, die Erb-Mutti´s (nicht einzig Claudia Roth) und die Gevattern-Fraktion hinten dran. Die SPD, wie anders, wurschtelt sich so anämisch wie unentschieden durch den Schlamassel. Seit bald zwanzig Jahren geht das so mit meiner alten Partei: irgendwie die Mitte halten (nachdem man den Finger angefeuchtet und in die Luft gestreckt hat) dann aber auch wieder so´n bisschen man selbst sein, irgendwie voll für den Frieden eben. Der honorige Platz wird auf einem einzigen wackeligen Beinchen gehalten, mit Krücken im Anschlag. Die Meinungsführenden Tugendwächtlinge der Agenda-Partei stimmen dennoch brav in´s ´Putin-Bashing´ ein. Bloß nicht zu den Schmuddelkindern von LINKS gehören, das verbietet schon die arretierte Wahlkampfstrategie, und wohl wissend, das ihr Lamentieren nichts als Mache ist, wähnen sich Gabriel und Co. trotz mühsam gehaltener Mittellage auf der richtigen Seite; einmal mehr jene, die der Zeitgeist vorgibt. Überhaupt all jene, die es für opportun halten, kräftig in den geblähten Meinungs-Chor mit einzustimmen, wissen doch: weder Sanktionen gegen Russland noch zukünftige Waffenlieferungen an die Guten werden es richten. Die skizzierte Lagerbildung hat viel mit Taktik und begleitender Psychologie zu tun, und einmal mehr mit den verwobenen Interessen nebst opportuner Vorteilsnahme, aber davon ist gottlob nie die Rede, wenn vom Menschen, – Völker, – und Selbstbestimmungsrecht schwadroniert wird. Damit retten sich alle über den Durst, das zieht immer und erspart alles Weitere.

Folgendes kann man zusammenfassend schon jetzt fest halten. Auf der einen Seite wird der Bruch des Völkerrechts durch die Einverleibung der Krim beklagt (wobei die ´Abtretung´ derselben, seinerzeit durch einen angeheiterten Chruschtschow erwirkt, gleichsam völkerrechtwidrig war, aber immerhin ohne Blutvergießen vollzogen wurde). Die anhaltende militärische Einmischung Russlands im Osten der Ukraine wird natürlich zu Recht angeprangert. Es stimmt schon: ohne die unentbehrliche Schützenhilfe vom ´großen Bruder´ wären die sogenannten Separatisten noch schneller abgeschmiert als die Aufständischen im fernen Libyen. Die unverhohlen großrussischen Ambitionen Putins in diesem Teil der einstigen GUS-Zone sind offenkundig. Das taktische und propagandistische Kalkül des Neo-Zaren zielt ganz klar in diese Richtung. Aber die Nato, in diesem Teil der Welt eher ´fremdens´, expandiert gleichsam ganz unverhohlen. Und in einem solchen Zusammenhang muss man einmal mehr die einseitige Fixierung der gängigen Berichterstattung beklagen: besagte Tendenz wird neuerdings nur noch der ´Putin-Mafia´ nachgesagt.

Die Medien spielen halt, hüben wie drüben, ihr eigenes Spiel. Von den Machenschaften westukrainischer Paramilitärs hören, lesen, sehen wir nichts im Fernsehen, wiewohl man argumentieren könnte, dass die immerhin ihr Land verteidigen. Wie dem auch sei: schon das aggressive Verhalten ukrainischer Nationalisten auf dem Maidan (deren meiste übrigens ganz unverhohlen antisemitisch agitierten) wurde gekonnt unterschlagen: erst sickerte ein wenig, dann nur noch tröpfchenweise durch, das es diese (auch Waffenstarrenden) Schlägertrupps überhaupt gab. Und wenn der Gottseibeiuns Putin mittels Waffenlieferungen im Osten kräftig mitmischt, dann tun es die Ultrafaschisten von der Swoboda (deren drei in Kiew mit wichtigen Ministerämtern vertreten sind) nicht minder. Ganz nebenbei: eine Kollegin von mir, deren Angehörige im Donezk leben, konfrontiert uns tagtäglich mit ´Berichten´, die in keinem der zahlreichen ´Brennpunkte´ auch nur angedeutet wurden.

Niemand von den Meinungsmachern erinnert noch an den ungeheuren Vorlauf dieser Krise, die ja im Grunde schon vor zehn Jahren ihren ´Anlauf´ nahm. Die ´Putin-Versteher´ weisen unermüdlich darauf hin (und vergessen dabei, zugegeben, ganz dezent die ´Anläufe´ des Herrn Putin), während die Putin-Basher auf Einwände dieser Art gar nicht erst eingehen. Das heißt nicht, das die Verantwortlichen ganz darauf verzichten würden, nach frühen ´Beweisen´ zwecks später Unterstellung zu fahnden. Jeder findet was. Womit wir, oh Wunder, wieder bei den Gedenkminuten angelangt wären. Putin erinnert an den großen vaterländischen Krieg und nimmt die Swoboda zum Anlass, überall nur noch Faschisten gegen seine ´Ostmark´ anrennen zu sehen. Das westeuropäische ´Interessenkartell´ hat den Weltkrieg Zwo gleichsam zwecks düsterer Mahnung für sich entdeckt: Putin als der ´zweite Hitler´. Merke: wenn ich feste draufschlagen will, dann brauche ich schon den Hexenhammer. Alles andere ´zieh(l)t´ nicht. Das ich damit der Eskalation das Wort rede, nehme ich wohl willentlich in Kauf. Auf beiden Seiten läuft das so. Und beide Seiten reagieren wie der Junkie, dem die nächste Dröhnung fehlt: mit dauernden Entzugserscheinungen. Wenn etwa der böse Putin auf die jüngsten Sanktionen mit Naserümpfen reagiert und seinerseits über Drosselungen der Gaslieferungen nachdenkt, tun bei uns alle ganz erstaunt: so ´fies´ hat man sich den Russen-Adolf dann doch nicht vorgestellt. Wenn einer Politikerin vom Schlage der Rebecca Harms die Einreise nach Russland verwehrt wird, schlägt der Protest in tobsüchtige Verzückung um. Wer´s nicht mitbekam: Frau Harms dachte öffentlich über Möglichkeiten der Destabilisierung Russlands nach, das Einfrieren von Konten und Reisebeschränkungen. Letzteres trifft nun sie selbst. Frage: wie reagierte das auswärtige Amt wohl auf russische Politiker, die Strategien zur Destabilisierung Deutschlands nebst passender Sanktionen aushecken, wenn diese nach Deutschland einreisen wollen?

Auch Geschichte wird selektiv behandelt. Beiderseits. Daran herrscht kein Mangel. Und beide haben, irgendwie, immer Recht. Der Platz zwischen den Stühlen ist nicht mehr besetzt: er steht leer.

Weitere fiese Vergleiche verstärken den unschönen öffentlichen Schlagabtausch. Sicher: die US-Administration fände es gar nicht nett, wenn auch nur im Dunstkreis einer ihrer ´Hinterhöfe´ etwas Vergleichbares geschähe wie derzeit auf ehemaligem GUS-Gelände. Auch klar: das gab dem Putin nicht das Recht die Krim zu klauben. Das eine kann man nicht mit dem anderen entschuldigen und umgekehrt. Aber genau das geschieht ja andauernd: da werden keine Vergleiche aufgestellt oder Versäumnisse einander gegenüber gestellt (wie ich es immerhin versuche), da wird eben das eine ganz forsch gegen das andere aufgerechnet, ausgespielt – im günstigsten Falle (mit falschen Gewichten) gegeneinander abgewogen. Das ist im Grunde wie mit kleinen Kindern, die sich streiten: der hat aber zuerst…der aber vorher…wenn der das macht, dann muss der sich nicht wundern… und so weiter. Kennt jeder. Ich kenn´s auch. Aus der Schule. Jeden Tag, das; grad letzte Woche wieder am laufenden Meter. Der eine oder andere kennt es auch aus der Nachbarschaft und der nächste wieder aus der Familie. Und so weiter. Die ´erwachsenen´ Akteure verhalten sich im Grunde wie die nicht minder volljährigen Vollpfosten aus dem Prekariat, die im Reality-Sumpf des Privatfernsehens dauernd für Quote sorgen, weil man sie geschickt gegeneinander aufhetzt: in den halb inszenierten, halb spontan bestrittenen Sequenzen wird immer ganz feste drauflos gehobelt, immer für´s blöde Publikum und immer an einer echten Lösung vorbei – immer auf die Fresse des Gegners sozusagen, damit der Streit bloß Folge um Folge weiter gehen kann. Zynisch aber wahr: das Treten und Hauen auf der Weltbühne gleicht den Doku-Soaps von der Stange, und wir zappen uns durch beides wie im Rausch durch. Auch uns scheint das zu gefallen. Die Quote stimmt.

Auch wenn der Leser es längst nicht mehr hören mag: es geht in sämtlichen Fällen um Interessen. Es gab und gibt keine Sachzwänge, die nachträglich den angeblich alternativlosen Entscheidungen immer wieder als Rechtfertigung dienen. Es gibt keine Guten oder Bösen, eher Starke und Schwache, die einen Konflikt in ihrem Sinne bestimmen: Zweckoptimierend – Zweckentfremdend. Das schließt sich nicht aus. Im Gegenteil. Wer so etwas ausspricht, empfindet allerdings, ist er nicht vollends zum Zyniker ´gereift´, den damit gewonnen Platz zwischen den Stühlen endgültig nicht mehr als honorig. Er möchte aber auch nicht mit einem alten Klassenkämpfer verwechselt werden, der überkommene Imperialismustheorien aufwärmt. Er stellt nur fest: vor diesem Hintergrund nimmt sich beides, Pazifismus und Bellizismus, als unzulänglich heraus – beides bringt nichts. Ändert nichts. Nicht mehr.

Die ´Unruhestifter´ haben es natürlich viel leichter als jene, die abseits der Ränke und Intrigen um echte Lösungen ringen. Sie haben ihr eigenes ´Personal´, sind frei von Skrupel und kennen keine Scham. Sie scheren sich nicht um gewachsene Strukturen, historische Details, diplomatische Vernunft oder derlei langweiliges Zeug mehr – sie kennen aber ihre Ziele, die sie fest im Auge behalten und umso konsequenter verfolgen und denen sie alles Übrige entweder unterordnen oder dienstbar machen. Vom Publikum zupft sich wieder jeder die ihm opportun scheinenden Zipfelchen heraus; jene, die in den Kram passen – das läuft auf allen Seiten so. Pazifismus contra Bellizismus: gerade die Ukraine-Krise macht deutlich, das beide Ansätze, sowohl in der pervertierten als auch ´honorigen´ Form zum scheitern verurteilt sind. Die ´Vorläufe´ haben nämlich immer schon Fakten geschaffen. In jeder Beziehung. Die Fronten sind dann verhärtet, und der ´Grabenkrieg´ gleicht dem aus Urgroßvaters Zeiten: mit lausigen Geländegewinnen, teuer erkauft, ist nichts wirklich ´entschieden´ worden. Im Hinterland werden weiter die Fäden gezogen. Dieses ´Sein´ bestimmt auch das Bewusstsein derer, die gar nicht direkt involviert sind – unseres nämlich. Wir sehen, aus sicherer Warte, ein wenig vom Getümmel, und der begleitende Schlachtenlärm dröhnt umso unerbittlicher herüber. Wir blicken so immer nach vorn, den Rauchschwaden hinterher, die das meiste gnädig verdecken, aber wer blickt, solcherart gebannt, auch nur einmal zurück?

Noch einmal: wer erinnert sich heute an die angeblich so friedlichen, in Wahrheit von Anfang an fremd gesteuerten Proteste zu Beginn der Ukraine-Krise? Jene nunmehr zehn Jahre zurück liegende, glorreiche ´orangene Revolution´ lief ja nach bewährtem Strickmuster ab. Es hat nichts mit USA-Bashing zu tun, wenn man daran erinnert, das es vornehmlich NGO´s aus Übersee waren, die, von den Diensten zusätzlich unterstützt, das ´Aufstandsaufgebot´ nicht nur stellten sondern, so es sich um nationale Gruppen handelte, mit allen erdenklichen Mitteln unterstützten und so das Unheil verlässlich in die Wege leiteten. Das hat man schon damals ganz geschickt als ´Volksaufstand´ verkauft. Es stimmte weder 2004 noch 2014. Kommt aber immer gut. Und geht fast immer schief. Die Ukraine ist doch das beste Beispiel dafür, was am Ende dabei heraus kommt, wenn man nur lange und ausdauernd genug von außen in einem solchen Rumpfstaat herum pfuscht. Die EU war nie Vermittler, immer schon Partei. Mit eigenen Interessen natürlich.

Ein Blick in die Geschichte hätte rechtzeitig darüber Auskunft gegeben, dass der kulturell eher europäisch orientierte Westen der Ukraine nur mittels kluger, umsichtiger Annäherungspolitik dem traditionell pro-russischen Großraum zwischen Donezk und Krim assoziiert werden konnte. Und umgekehrt. Stattdessen wurde ein mit immerhin über dreißig Prozent der Stimmen in´s höchste Amt gewählter Marionetten-Präsident durch einen Schokoladenmilliardär ersetzt; ein Oligarch löste den anderen ab. Dem ersten hat man´s bei passender Gelegenheit (um ihn endgültig los zu werden) täglich um die Ohren gehauen, dem zweiten (der nicht der letzte gewesen sein wird) sieht man gerade dies (noch) gnädig nach. Anbei: glaubt irgendwer, dass dieser Typ seine Milliarden nur mit Konfekt ergaunert hat? Aber wer fragt derzeit, was die Malikis oder Karzais dieser Welt am Stecken hatten oder nicht. Uns kümmert nicht nur das Geschwätz von gestern wenig; auch die ausrangierten Wasserträger und Bonzen-Büttel werden derzeit wieder dezent und gründlich unter den Teppich der Geschichte gekehrt. Die Mohren haben ihre Schuldigkeit getan: sie dürfen abtreten.

Die Ukraine-Krise wäre gar nicht nötig gewesen. Aber der Staat Ukraine wurde schon im Vorfeld von den Strippenzieher als lockere Konkursmasse, als Einflusssphäre behandelt (genauer wohl: gehandelt) wie zuzeiten des Imperialismus die Kolonialstaaten der dritten Welt, und die Bevölkerung hat am Ende nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Der ´Otto-Normal-Ukrainer´ darf, ob nunmehr zum kranken Nationalisten bekehrt oder einfach nur fassungslos sein Elend beklagend, den Meinungsschürenden Medien als Statist dienen und vor den Trümmern seiner Existenz das Elend beklagen, mittels dessen beide Seiten ihren Standpunkt weiter rechtfertigen. Was verspricht Putin den seinen und was lügt der Westen den andern vor? Eine Mitgliedschaft in der EU, irgendwann? Um ein zwanzigstes oder dreißigstes Griechenland zu ermöglichen? Übrigens: alles, was man dem Schurken Putin vorwirft (wie gesagt: es stimmt schon) darf man – der Westen – sich selbst gleich wieder zurück werfen. Denn das, was dieser im Osten der Ukraine anzettelt, hat im Westen der ´freien Welt´ allerspätestens seit der Entfernung Salvatore Allendes aus Amt, Würden und Leben gleichsam traurige Tradition; um nur dieses Beispiel einmal zu erinnern. Ersparen wir uns die andern. Auch diejenigen, die auf´s Konto der Sowjetmacht gingen. Halten wir bis zum Ende dieses Absatzes den honorigen Platz bzw. nehmen wir ihn wieder ein. Kein weiteres Wort zu irgendwelchen Raketenabwehrschirmen in Polen zwecks Abschreckung des Iran – zum Beispiel.

Sie haben es natürlich längst bemerkt. Genau. Wenn man – ich in diesem Fall – zwischen den Stühlen unruhig hin und her pendelt, weil man eben mit Tatsachen (statt Theorien) hantiert, dann stößt man einmal mehr (und manchmal weniger) an diesen oder jenen Stuhl auf dieser oder jener Seite; und gern, das gebe ich zu, auf der einen Seite mehr als auf der anderen… – man ist so weder honorig noch souverän. Keiner von uns ist das. Aber das macht doch immerhin deutlich, wie verfahren die Situation ist und wie meilenweit man von einer Lösung entfernt bleibt, ist man solcherart emotional verstrickt. Und das gilt eben für alle Konflikte, in deren Verlauf wir immer wieder verzweifelt versuchen, einen festen Standpunkt zu ergattern.

Passend noch ein weiterer ´Fall´. Dass der allen übrigen Formen der Auseinandersetzung überlegene, friedliche Protest in Form ´spontaner Volksaufstände´ seine eigenen Tücken hat und nicht selten im Blut erstickt, lehrt nicht einzig das Beispiel Ukraine. Ein anderes zeigt immerhin, wie der im Anschluss an die Revolte fast unweigerlich ausbrechende Furor des Bürgerkrieges durch nicht minder fragwürdigen Einsatz dennoch verhindert werden kann – und damit letzthin auch nichts löst.

Das lehrt nun wiederum das Beispiel Thailand. Nach der Machtübernahme durch das Militär ist dieser Konflikt nahezu vollständig aus dem öffentlichen Interesse verschwunden (neuerdings ist viel von Hongkong die Rede). Ähnlich wie in der Ukraine kam es auch hier vor gut zehn Jahren zu den ersten ´Bürgerprotesten´, die so wenig spontan, geschweige denn egalitär ausgerichtet waren wie jene. Das Aufgebot marschierender Empörer richtete sich gegen eine vom Volk mit überwältigender Mehrheit gewählte Regierung, deren Arbeit vor allem für die armen Bevölkerungsansteile ein Segen gewesen ist. Diese Tatsache fand in der gängigen Berichterstattung allerdings kaum, allenthalben am Rande Erwähnung. Stattdessen wurde immer wieder auf die Korruptionsvorwürfe der Protestierenden verwiesen, deren Vertreter hauptsächlich Angehörige einer ehedem mit zahlreichen Pfründen ´verwöhnten´ bürgerlichen Oberschicht angehörten: elitär und monarchistisch ausgerichtet. Sie warfen der gewählten Regierung mangelnde Sachkenntnis vor und verwahrten sich strikt gegen Neuwahlen (die sie verloren hätten) und forderten stattdessen die Einsetzung einer ´Expertenregierung´ von Ihren Gnaden. Im Grunde spielte sich in Thailand eine Art Klassenkampf ab, wobei die stärkste der Klassen den Machenschaften und Intrigen lange Zeit seltsam teilnahmslos zusah. Hier kann schon aus Platzgründen nicht en detail die verwickelte, am Ende völlig verfahrene Situation auseinander geflochten werden, die das allmächtige Militär schließlich dazu bewog, zu putschen, um damit der sämtliche Bereiche des öffentlichen Lebens lähmenden Situation ein ´gnädiges´ Ende zu bereiten. Der friedliche Protest hätte, auf kurz oder lang, das Land in´s Chaos gestürzt, einen Bürgerkrieg entfacht, und er war, so viel steht fest, einmal mehr von außen diskret austariert worden, mit richtig viel Geld, um so eine rechtmäßig gewählte Regierung mürbe zu machen. Es ist doch einfach nur scheinheilig, wenn im Westen immer auf die Vorteile zivilen Widerstandes aufmerksam gemacht wird, ohne die Unterwanderung der publikumsträchtigen Schauveranstaltungen zu erwähnen, die ganzen schamlos gesetzten Manipulationen, die das Theater erst so richtig anheizen. Das Interesse tritt oft in Verkleidung auf, hübsch getarnt, mit Maskerade, und der lange Atem derer, die eine solche Posse veranstalten, kommt nie von ungefähr. Hat man – das Volk – nur die Wahl zwischen einer robusten, halbwegs für Ordnung sorgenden Diktatur oder einer Demokratie, die, am ganzen Leib zitternd, gleich wieder in ihr Gegenteil umzuschlagen droht? Es ist überhaupt an der Zeit, darüber nachzudenken, ob diese dauernd beschworene, allein seligmachende Demokratie nicht auch schon bei uns, im angeblich so fortschrittlichen Europa, ihren unrühmlichen Schwanengesang erlebt.

 

III.

 

Handeln wir den Rest dieses essayistischen Parcours ein wenig zügiger ab. Wer bis jetzt durchgehalten hat, wird zu den Wenigsten gehören. Es müsste ohnehin längst klar geworden sein, worauf ich hinaus will. Die restlichen Beispiele dokumentieren noch einmal auf eigene Weise das Dilemma; eines, dessen Hartnäckigkeit zäh bleibt und auf die Jahrtausende verteilt an den berühmten gordischen Knoten erinnert, den zu durchhauen uns wohl weiterhin jegliche Befähigung abgeht.

Wer erinnert sich heute, gut fünfzehn Jahre danach, noch an den bereits flüchtig erwähnten Kosovo-Krieg? Er wurde gern (betont verächtlich) unter der Rubrik ´Balkan-Kriege´ abgebucht; wohl weil das dort versammelte ´Untermenschentum´ auch weiterhin „nicht die Knochen eines einzigen pommerschen Grenadiers wert ist“ (Otto v. Bismarck). Das waren die Opfer wohl wirklich nie, auch zum Schluss nicht mehr: weder in der Krajina noch in Ostslawonien, nicht in Sarajewo, Srebrenica oder Mostar; und so weiter. Der Umstand, das die vielbeschworene Humanitas gerade hier nur Geschwafel und Gezeter, kaum geeignete Maßnahmen von außen erzwang, kam dem großserbischen Chauvinismus sehr entgegen, verfügten seine ´Parteigänger´ doch über die immensen, unentbehrlichen Bestände der willfährigen, gleichsam serbisch dominierten Bundesarmee, die erst in Slowenien, dann in Kroatien und darob im konfessionell verzettelten Bosnien so richtig ´aufräumte´. Jahre später raffte sich dann doch noch eine unter dem Kommando der Vereinigten Staaten stehende Allianz williger Nato-Staaten zur ´Operation Allied Force´ auf: der Aggressor wurde nun großflächig auf eigenem Territorium bombardiert und die Flüchtenden (in diesem Falle die Angehörigen einer winzigen Teilrepublik namens Kosovo) durften endlich doch noch zurück nach Hause. De facto wurde so zwar dem Völkerrecht (wiewohl verspätet) genüge getan. Im Ergebnis ermöglichte der Einsatz aber einen echten Mafiastaat (oder wie es ein namhafter Korrespondent ausdrückte: hier hat nicht der Staat eine Mafia, hier hat die Mafia ihren Staat bekommen), geführt von der UCK, ursprünglich eine paramilitärische Untergrundorganisation, von der im Kosovo jedes Kind weiß, das sie in der organisierten Kriminalität weit über die Grenzen des Balkan hinaus Federführend ist und bleibt. Überflüssig zu erwähnen, das sie als ´Trupp der Willigen´ von den USA binnen kurzem zu einer Waffenstarrenden Armee hochgerüstet wurde. Sie steht heute fest und unangefochten an der Spitze des merkwürdigen Zwergstaates. Ein gewisser Frank Walter Steinmeier meinte übrigens seinerzeit, er sei zuversichtlich, dass die Anerkennung des Kosovo „zur Demokratisierung der ganzen Region beitragen werde.“

Der Kosovo wird seither in den täglichen Nachrichtenblöcken allenfalls am Rande erwähnt. Es vergehen oft Jahre, bis der Mainstream sich einmal dazu durchringt, die Region überhaupt in irgendeiner Weise zu ´behandeln´. Meist peripher. Seltsam kleinlaut. Verschämt. Aber in diesem Winkel Europas entscheidet sich schon heute das Schicksal des Kontinents, denn die Nahtstelle, die er geostrategisch bildet, ist längst bis zum zerreißen gespannt. Das Land ist seit Jahren Hauptumschlagplatz für Menschen, – und Waffenhandel größten Stils. Im benachbarten Bosnien, wo dank saudischer Finanzspritzen ständig neue Moscheen aus dem Boden schießen, hat sich, von der Öffentlichkeit nahezu unbemerkt, ein schleichender Fundamentalismus ausgebreitet. Im Camp Bondsteel, einer gigantisch anmutenden Militärbasis der Unites States Army in Ferizaj im Kosovo, ist man vermutlich bestens darüber informiert, das die diversen islamistischen Fraktionen passendes ´Personal´ in den Orient schleusen. In den Bergen Bosniens werden längst eigene Milizen aufgestellt und professionell ausgebildet. Schauen sie mal bei You Tube rein, sie werden sich wundern. Die Situation ähnelt im Grunde schon jetzt der, die für das pakistanisch-afghanische Grenzgebiet notorisch geworden ist. Irgendwann wird auch dieser artifizielle, in zahlreiche kaum zu verwaltende Rumpfregionen aufgesplitterte Flächenstaat seine IS bekommen. Noch sorgt die gewaltige Präsenz internationaler Schutztruppen für trügerische Ruhe im unübersichtlichen Protektorat. Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis auch hier die Fetzen fliegen werden. Automatisch würden die ohnehin instabilen Anrainerstaaten – allen voran Serbien, Albanien und Mazedonien – in die Misere mit hinein gezogen. Die ethnische Zusammensetzung ist alles andere als homogen. Es kam in den letzten Jahren schon vereinzelt zu Übergriffen, aber die sind in den Medien wie aus dem Ruder gelaufene Demos behandelt worden, so nach dem Motto: die Fans vom FC St. Pauli kloppen sich mit denen vom HSV. Schwamm drüber. Über Mazedonien ist zwangsweise auch das ´Sorgenkind´ Griechenland involviert. Ungelöste Gebietsansprüche und konfessionelle Streitigkeiten wurden bisher mit verhaltenem Groll behandelt. Und einmal mehr totgeschwiegen. Mazedonien stand schon einmal ganz nahe am Abgrund. Im Jahre 2001 ist das Land haarscharf an einem echten Bürgerkrieg vorbei geschrammt. Die Nachrichtensender sprachen von ´Unruhen´.

Wo wir gerade bei den handelsüblichen medialen ´Unterschlagungen´ sind: auffallend ist auch das Desinteresse, genauer: die schändliche, alle ´Moralbeteuerungen´ ad absurdum führende Ignoranz, mittels derer man nach Ende der Ost-West-Konfrontation den blutigen Auseinandersetzungen auf dem schwarzen Kontinent begegnet – indem man einfach wegschaut. Hier wird schlicht ignoriert, was förmlich zum Himmel schreit. In Afrika werden die Kriege auch weniger ausgetragen – sie wüten nahezu. Man muss sich nur das Beispiel Ruandas in Erinnerung rufen um einmal mehr auf Heuchelei und selektive Wahrnehmung aufmerksam zu machen. Das vor zwanzig Jahren in diesem wiederum vergleichsweise winzigen Flächenstaat in unglaublich kurzer Zeit verübte Massenmorden hat zunächst, nach einer gehörigen Schrecksekunde, Beklommenheit und Entsetzen ausgelöst. Das war´s dann aber auch. Für später und bis heute. Der einer Kollektivpsychose ähnelnde Akt rasender, unvorstellbar grausamer, ja perverser Blutrunst ging eindeutig auf Kosten autochtoner Afrikaner, aber da es sich um ´Schwarze´ handelte, wollte man keine Schuldigen finden, nur Opfer (schätzungsweise eine Million Tote). Die sind dann anschließend umso inniger öffentlich ´ausgeweidet´ worden und anstelle der Täter hat man rasch die üblichen Verdächtigen ausgemacht: den Westen und die UNO, vor allem natürlich die USA. Sie alle haben nämlich, war sofort klar, versagt und daher haben sie auch die Schuld, und so kann sich jeder im Westen das eigene Mütchen kühlen, denn er selbst ist nicht gemeint, nur wieder ´die da oben´. Da war auch kein Protest auf den Straßen, da wurden keine ´Free Ruanda´ Konvois losgeschickt und einmal mehr entsprach die achselzuckende Enthaltung der zivilisierten Welt dem Selbstverständnis seiner Mehrheit, die beim fressen und saufen, feiern und vögeln solange nicht gestört werden möchte, bis wieder einmal – Paradebeispiel – die Zionisten aus der Rolle fallen, indem sie die eigene (die des ewigen Buhmanns) verlässlich spielen. (Ich kann mich übrigens auch nicht daran erinnern, dass seinerzeit irgendein Gutmensch für Kroaten oder Bosniaken auf die Straße ging).

Noch mal zu den vermeintlich und verlässlich bösen Buben: stimmt es wirklich, dass der amerikanischer Geheimdienst El Qaida und die Taleban so richtig stark gemacht hat? Ich weiß es auch nicht. Ob der Mossad tatsächlich die aus der Muslimbruderschaft hervorgegangene Hamas zwecks Schwächung der ´Konkurrenz´ im Westjordanland (Fatah) unterstützte, sei ferner dahin gestellt. Das diese beiden sich lange bis auf´s Messer bekämpften und ein innerpalästinensischer ´Bruderkrieg´ vor Abzug aus Gaza insgesamt in´s strategische Kalkül des von Feinden umzingelten Judenstaates gepasst hätte, scheint mir immerhin plausibel. Israel und USA: nennt man beide im selben Atemzug, hat man die ´Gutmenschen´ schon auf seiner Seite. Der honorige Platz wird dann umso schwerer zu behaupten sein. Aber wird nicht gerade hier das Problem noch einmal so recht deutlich? Wir schimpfen immer so bequem auf den Interventionismus der USA, aber wäre dieses Land seinem in den 30er Jahren mit viel Nachdruck vertretenen Isolationismus treu geblieben, hätte es die Landung in der Normandie nie gegeben. Den Rest male man sich mit eigenen Händen vor eigener Ohnmachts Augen aus. Andererseits spricht manches dafür, dass der verhinderte Kunstmaler Hitler ohne den vorangegangenen Weltkrieg, ohne Versailles und die verhasste erste Republik eine ephemere Existenz geblieben wäre. Was vorher schief lief, das verblasste eben auch hier im Schatten späterer Ereignisse. Die Landung in der Normandie war alternativlos. Erst, als Großdeutschland in Schutt und Asche lag, war der Furor gebannt. Ob ich jetzt vielleicht noch mit Groß-Japan fortfahre? Besser nicht. Ich weiß: es reicht.

 

Epilog

 

Bedarf es überhaupt noch einer Zusammenfassung, eines Fazits – einer begrifflichen Ballung besagter (unterstellter) Divergenzen?

Es war der im Eingang zitierte Hoimar von Ditfurth, welcher als einer der ersten den aus der evolutionären Erkenntnistheorie abgeleiteten Begriff des anthropozentrischen Mittelpunktwahns heraus strich und dessen Bedeutung nicht nur klar erkannte sondern auch auf entsprechende, ganz alltägliche Beispiele überzeugend übertrug. Unser Unvermögen, mit dieser Stammesgeschichtlichen Erblast fertig zu werden (und sie ist nicht die einzige), zeigt sich eben auch im Umgang mit Konflikten; und es erklärt die meisten überhaupt erst im Rückgriff auf das vielzitierte ´Erbe der Neandertaler´ (die, wie wir heute wissen, dem authentischen Homo Sapiens, mit dessen Horden sie sich geringfügig mischten, in punkto Gewalt sicher unterlegen waren). Der menschliche Erkenntnisapparat ist untrennbar mit den tragisch trächtigen Affekte verbunden, die ihn weniger konstituieren, mehr konditionieren. Mit beidem haben wir in der Vergangenheit immer viel Unheil gestiftet. Und beides schlägt uns auch allzu oft mit einer die Phänomene sträflich missdeutenden Blindheit, die nur das ihre – das allzu nächste, allzu greifbare – sehen will. Wir zeigen uns nahezu unfähig (und wohl auch unwillig), gewisse Rückkoppelungen in den je erlebten oder bloß beobachteten Vorgängen und Abläufen zu durchschauen, das gilt auch und gerade und fast bis zum verzweifeln hinsichtlich der von mir dauernd beklagten medialen Beeinflussung. Unsere Art, ´angemessen´ zu reagieren, bleibt im Grunde dem Muster arretierter, also: überkommener Schemata verpflichtet. Den begleitenden Instinkten eignet ein ´Programm´, dessen Gültigkeit in freier Wildbahn dem Überleben diente, jetzt aber, da wir als Gattung soeben an der 7-Milliarden-Grenze kratzen, dem kollektiven Selbstmord nahe zu kommen droht.

Was hilft denn dann, der dauernden Verstrickung in unumgänglich scheinende kriegerische Auseinandersetzungen irgendwie zu entgehen? Oben war von einer Geschlechtskrankheit die Rede. Zwecks Verdeutlichung. Aber im Grunde funktioniert jede bloße Abfolge gewalttätiger Auseinandersetzungen gleich dem Stoffwechsel in einem x-beliebigen organischen Gebilde; als solcher ein immerhin hochkomplexer, in Jahrmilliarden gewachsener Prozess, dem man für gewöhnlich die zahlreichen wechselseitig ineinander greifenden Bezüge, die vielfältig miteinander verschränkten Wirkungszusammenhänge gar nicht ansieht. Nach außen oft primitiv, im Innern aber unendlich vertrackt und folgerichtig. So funktioniert der Mensch. Es spielt sich eben immer noch das Allermeiste, allen sporadischen Fortentwicklungen zum Trotz, im Verborgen ab. Rasend schnell. Man reagiert mit bloßem Auge immer zu spät. Und mit dem bloßen Auge sieht man ohne unterstützendes Instrumentarium auch gar nichts davon. Krankheiten aber, deren Symptome nur zögerlich sichtbar werden und als solche zunächst eher unmerklich nach außen strahlen, bleiben ohne sicheren Zugriff tückisch. Und wenn man ihnen, allzu spät, zwecks Heilung mit starken Medikamenten zu Leibe rückt, rufen diese allzu oft böse Nebenwirkungen hervor, und nicht bloß das befallene Organ streikt, auch andere sind dann betroffen; eben: wie bei der S. -

Kriege ziehen sich hartnäckig durch die gesamte überlieferte Menschheitsgeschichte. Egal wohin ´der´ Mensch läuft: dieser Furor lief bislang immer mit, wie eine unsichtbare Kette. Wäre die Vernunft tatsächlich mehr als nur das ´hauchdünne Apfelhäutchen über dem Chaos´ (Nietzsche) hätte sich das Thema Krieg wohl schon längst erledigt. Oft trägt die Unvernunft kalte, berechnende, ungemein listenreiche Züge; solche etwa, die dem mittlerweile fast anarchisch um sich greifenden globalen Finanzkapitalismus eignen. Der in diesem Zusammenhang womöglich ein wenig zu kurz kam. Oft tobt sich der Furor heiss und blindwütig aus (ISIS u.ä), er kann ganze Völker packen oder Einzelne, die dann ihrerseits ganze Völker das Grausen lehren (Hitler, immer wieder). Oft vollzieht sich das Fatum schleichend. Aber das Problem Umweltschutz, nunmehr global ausgreifend, lehrt auch, das viele Schäden irreparabel sind und der Schnitt dann unwiderruflich ist. Kriege richten horrende Verheerungen an, aber ihre Wunden heilen und je ärger die Katastrophe gewütet hat, umso verlässlicher fällt – oft jedenfalls – die darauf folgende Periode relativer Ruhe aus. Wir Europäer haben da so unsere Erfahrungen. Womöglich haben wie einmal mehr unser Konto überzeugen. Kredite werden nicht länger gewährt. Die Hypotheken lasten schwer.

Mit dem Krieg, so scheint es, ist der Mensch nie richtig fertig geworden, nie wirklich an ein Ende gekommen – niemals daraus klug geworden. Muss das nun immer und ewig so bleiben? Sind und bleiben wir nur die ´hoffnungslosen Idioten der Geschichte´ (Rudi Dutschke) oder könnte ´eine Welt, die sich auszeichnet, keine Kriege mehr zu kennen´ (ders.) irgendwann auch nur möglich scheinen? So töricht letzteres dieser Tage auch klingen mag, so wenig kann und darf einem daran gelegen sein, das ersteres die dauernde Regel bleibt. Wie denkt man sich Möglichkeiten, die aus der Sackgasse heraus führen? Vielleicht kommt einmal eine entsprechende Minute; eine, die dem Gedenken doch etwas Entscheidendes voraus hat…

 

Shanto Trdic, 05.10.14

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Islamismus hat nichts mit Islam zu tun! – Teil II

US-Präsident Barack Obama sagt es, der britische Premierminister David Cameron sagt es, der amtierende Papst sagt es, die deutsche Bundesregierung sagt es. Semantisch ist der Satz – Islamismus hat nichts mit Islam zu tun! – falsch, wenn er als Beschreibung des Faktischen aufgefasst wird. Der Satz gewinnt an Bedeutung, wenn er als Aufforderung verstanden wird.

Beschränken wir uns auf Deutschland. Deutschland nimmt mit einer steigenden Zahl von Kämpfern auf Seiten des Islamischen Staates IS teil. Laut dem Präsident des Verfassungsschutzes Hans-Georg Maaßen sind folgende Voraussetzungen notwendig, um IS-Kämpfer zu werden:

  • junge Männer, 13 – 30 Jahre (meist)
  • minderjährige Frauen (selten)
  • sind bei der Koran-Verteil-Aktion „Lies“ angesprochen worden (oft)
  • scheitern in der Schule (oft)
  • fühlten sich in ihrer Familie nicht wohl (oft)
  • fehlende Anerkennung (immer)
  • Muslime (immer), darunter im Vergleich zur Bevölkerung übermäßig häufig Konvertiten

Das bedeutet nicht, dass alle jungen frustrierten Muslime anfällig für den Djihad sind.

Das bedeutet, dass nur junge frustrierte Muslime anfällig für den Djihad sind.

An wen richtet sich nun die Aufforderung, dass der Islamismus nichts mit Islam zu tun haben darf?

Nicht an den IS. Die Aufforderung richtet sich sekundär an die nicht-muslimische Mehrheit Deutschlands, um den „Volkszorn“ zu besänftigen, damit antimuslimische Ausschreitungen nicht zunehmen. Die Zahl der Angriffe auf Moscheen steigt, was wohl mit dem terroristischen IS-Verhalten zusammenhängt, jedoch auch mit der gefühlten oder echten Zunahme von Straftaten jugendlicher Muslime, wie sie als Beispiel zunehmend nachts im Zentrum von Aachen von der Polizei registriert werden.

Parallel steigt ja auch der Hass auf Juden, wenn Israel in einem Krieg verwickelt wird. Hierbei ist es irrelevant, ob der Judenhass in Deutschland von Muslimen, fundamentalistischen Christen, Neonazis oder Altlinken angefacht wird, selbst wenn die genannten Gruppierungen Hand in Hand zusammenarbeiten.

Primär richtet sich die Aufforderung „Islamismus hat nichts mit Islam zu tun!“ an muslimische Organisationen, die am gesellschaftlichen Leben der BRD finanziell partizipieren. Die Bundesregierung erwartet von diesen muslimische Organisationen, dass sie auf die jungen Muslime einwirken, vom Terror zu lassen. Es genügt der deutschen Regierung nicht, wenn muslimische Organisationen halbherzig den Islamismus verdammen mit dem einschränkenden Hinweis, dass meistens Muslime unter dem IS-Terror leiden und dass der IS-Terror der Reputation der Muslime schade. Die deutschen Behörden erwarten von den in Deutschland registrierten islamischen Verbände, dass sie aktiv zuarbeiten, sei es durch gelungene Beeinflussung gefährdeter junger Muslime, sei es, dass die Namen der potentiellen Kämpfer von den islamischen Verbänden übermittelt werden.

Diese Art der Zusammenarbeit wird von vielen, vor allem jungen Muslimen als Schwäche interpretiert, was letztendlich auch zutrifft. Die Schwäche besteht nicht darin, dass Muslimverbände ihre Mitglieder dem Staat ausliefern, sondern darin, dass die Muslimverbände nicht ausreichend im Stande sind, ihren Nachwuchs vom Terrorismus zu bewahren.

Nebenbei überprüft der Staat, ob islamische Verbände den IS-Terror unterstützen.

Erschienen unter

https://www.freitag.de/autoren/anti3anti/islamismus-hat-nichts-mit-islam-zu-tun-ii

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“Islamismus hat nichts mit Islam zu tun”

US-Präsident Barack Obama sagt es, der britische Premierminister David Cameron sagt es, der amtierende Papst sagt es und deutsche Behörden schreiben es vor. Dieser Satz mag eine Beleidigung für den Gebildeten sein, doch wollen wir ihn vorläufig akzeptieren und uns fragen, warum er ausgesprochen wird und warum deutsche Behörden verlangen, dass jeder Bürger sich danach richten soll, wenn er Sanktionen umgehen will.

Beschränken wir uns auf Deutschland. Deutschland nimmt mit derzeit 400 Kämpfern auf Seiten des Islamischen Staates IS teil, der sich einwandfrei als islamistische Organisation zu erkennen gibt. Die Werbung für den Kampf der IS betreiben gewaltfreie Salafisten, die nicht von den deutschen Behörden in ihrem Tun gestört werden. Salafisten sind Islamisten, die für den Terror werben, was in Deutschland augenscheinlich – zumindest derzeit – nicht verboten ist oder geahndet wird. Auch gewaltbereite Islamisten, die den islamistischen Terror verherrlichen, jedoch nicht selber zupacken, werden von den Behörden geschont. Lediglich gewalttätige Islamisten, denen Terror nachgewiesen wird, werden belangt, jedoch nur, wenn der Terror in Deutschland oder Europa stattfindet. Terroristische Aktionen, wie Kopfabhacken in Assyrien, den ehemaligen Syrien und Irak, werden nicht verfolgt, da die Behörden schon dankbar sind, wenn der rückkehrende Islamo-Terrorist sich reumütig zeigt und auf Terrorakte in Deutschland verzichtet. Die Werbung der Rückkehrer für Islamisten und Islamismus wird unter dem hohen Gut der Meinungsfreiheit toleriert, sogar wenn sie ausschließlich zur Tötung von Juden aufruft.

Nun schwappt der Islamismus auch über Deutschlands Grenzen bis nach Wuppertal und Düsseldorf, so dass die indigene und immigrierte Bevölkerung erwartet, dass die Regierenden handeln. Deshalb hat sich die Bundesregierung entschlossen, Waffen in das Krisengebiet zu entsenden. Bundeswehr-Soldaten könnten folgen, wenn die Kriegslage es erfordert. Sieben Bundeswehr-Soldaten sind schon in der Nähe des IS.

Und genau hier liegt das Problem. Wenn der Islam und der Islamismus große Überschneidungen aufweisen würde, dann könnte sich der Unmut, gar der Hass, der Indigenen gegen die muslimischen Neubürger richten. Nur allzu gut ist der Regierung in Erinnerung der Aufruf zur Befreiung des Heiligen Landes von den Ungläubigen, der sich zunächst in der physischen Vernichtung der Juden durch Kreuzritter manifestiert hat. Gewöhnlich sind die Juden in der Synagoge, ihrem Gebetshaus, eingesperrt worden, die dann abgebrannt ist. Würden Soldaten heute auf dem Weg nach Assyrien Muslime in die Moscheen treiben, um sie anzuzünden, dann würde die öffentliche Ordnung in Deutschland zusammenbrechen. Deshalb lautet die Devise, dass der Islamismus nichts mit Islam zu tun hat.

Wenn wir die Befürchtungen der Verantwortlichen teilen, werden wir auch die Logik dieser Aussage akzeptieren und den Satz  – Islamismus hat nichts mit Islam zu tun –  mit aller Kraft verbreiten. Selbst in Anwesenheit von zuverlässigen Freunden, deren Gesinnung wir teilen, werden wir verantwortungsvoll handeln und unser wahres Wissen verstecken, da der Ernst der Lage den guten Freund zwingt, mich zu verraten, falls ich es nicht vorher getan habe. Redliche Menschen mit einem Hang zur Wahrheit werden leiden. Immer mehr Teile der Demokratie werden aufgehoben, um die neue Wahrheit abzusichern, was in einer Entdemokratisierung der ganzen EU münden wird.

Nun gibt es dennoch Intellektuelle und einfache Menschen, die belegen, dass der Islamismus eine anerkannte Strömung im Islam ist. Eines ihrer Kritikpunkte lautet, dass nur hervorragende Islamgelehrte darüber entscheiden dürfen, was Islamismus ist. Der amtierende Papst kennt sich im Islam nicht ganz so gut wie aus sein lebender Vorgänger, er ist auch kein Muslim. Obama ist nach islamischen Verständnis ein Muslim, da der Islam die Apostasie nicht kennt, der US-Präsident ist jedoch kein Gelehrter, schon gar kein Islamgelehrter. David Cameron ist weder Gelehrter, noch Muslim. Die Mehrheit der institutionalisierten Muslime in Deutschland behauptet zwar, dass der Islamismus nichts mit Islam zu tun hat, doch gibt es in ganz Deutschland keinen einzigen in der islamischen Welt anerkannten und hervorragenden Islamgelehrten. Den institutionalisierten deutschen Muslimen darf guten Gewissens Opportunität und Opportunismus unterstellt werden. Ihre Argumentation basiert nicht auf Fakten, sondern auf Furcht, dass wenn Islamismus und Islam über genügend Schnittmengen verfügen, ihnen und ihren Anhängern vor allem ein materieller Schaden entstehen würde.

In arabischen und islamischen Ländern gibt es viele hervorragende Islamgelehrte. Im Bezug auf Islamismus sind sie nicht einer Meinung.

Das Verharren auf die vermeintlichen Wahrheit, dass der Islamismus nichts mit Islam zu tun hat, führt zu irreparablen Schäden. Doch die Konsequenzen der Lüge treten spät, erst nach erfolgtem Krieg gegen den IS in Erscheinung. Wer als Sieger aus dem Kampf hervortritt, kann heute nicht bestimmt werden. Im Lager der USA, den Kämpfern für das Gute und Wahre, tummeln sich allzu viele Freunde und Unterstützer des IS. Betroffene Staaten wie Israel, die sich eindeutig gegen jeglichen islamistischen Terror stellen, werden von der Gemeinschaft der Kämpfer für das Gute und Wahre ausgeschlossen, um die Judenfeinde im Lager der USA nicht zu verprellen. Sollte das Abendland den Krieg gewinnen, so werden die Opportunisten schon einen Weg finden, um als Sieger dazustehen. So behauptet selbst die Hamas, den Gazakrieg gegen Israel gewonnen zu haben, was die meisten judenkritischen Deutschen für bare Münze nehmen.

Sollte der Westen den Krieg gegen den Islamischen Staat verlieren, dann gilt die neue Wahrheit:

Der Islamismus ist der wahre Islam!

 IS-02

 

Erschienen unter

https://www.freitag.de/autoren/anti3anti/islamismus-hat-nichts-mit-islam-zu-tun

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